Montag, 28. Oktober 2013

Studium in Bonn


In der Frühe eines Oktobermorgens des Jahres 1840 stand der älteste Sohn der Familie Althaus im Wohnzimmer mit Ranzen und Wanderstock, umgeben von Vater, Mutter, Schwestern und Brüdern, bereit zum Abschied aus dem Elternhaus. Knapp achtzehnjährig hatte er am Detmolder Gymnasium einen ausgezeichneten Abiturabschluss erreicht und somit beste Voraussetzungen für ein Studium. Voller Neugier auf die Welt stiefelte er zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Freund Rudolf Cruel aus dem lippischen Schöttmar los in Richtung Paderborn, von wo aus ihn eine Postkutsche an den Rhein brachte. An der Bonner Universität wollte er Theologie studieren.
Warum wählte ein Abiturient aus dem Fürstentum Lippe ausgerechnet Bonn als Studienort? Nun, es hatte sich wohl bis in alle Regionen des Deutschen Bundes herumgesprochen, dass gerade dort in jenem Herbst ein besonders frischer politischer Wind wehte. Das hatte mit dem Beginn der Amtszeit von König Friedrich Wilhelm IV. in Preußen zu tun. Eine seiner ersten Regierungshandlungen war eine teilweise Aufhebung der Karlbader Beschlüsse, was als Initialzeichen zum nationalen Aufbruch gesehen wurde. Für die Universitätsstadt am Rhein bedeutete das die Rückkehr von Professor Ernst Moritz Arndt, der nun nach zwanzig Jahren Berufsverbot wegen demagogischer Umtriebe rehabilitiert und sogar Rektor der Bonner Friedrich-Wilhelms-Universität wurde.
Ein weiterer Impuls für die Hoffnung auf ein einheitliches Deutschland war der Rücktritt des kriegswilligen französischen Außenministers Adolphe Thiers, der ein Ende der Auseinandersetzungen mit Frankreich um den freien deutschen Rhein bedeutete. Nein, sie sollten ihn nicht haben. Zu dem Zeitpunkt war Theodor Althaus bereits in Bonn angekommen und es war etwas ganz Besonderes, eine so wichtige politische Neuigkeit eher zu erfahren als die Eltern und Geschwister zu Hause. Da konnte er doch gleich am 26. Oktober 1840, seinem achtzehnten Geburtstag, die brandaktuelle Nachricht nach Detmold senden. Und es war auch etwas Besonderes, bei der Einschreibung vom gerade rehabilitierten Rektor der Universität persönlich begrüßt zu werden.
Am 4. November 1840 berichtete er seinem Vater über die Immatrikulation und seine ersten Eindrücke von den Lehrveranstaltungen. Nicht alle entsprachen den hohen Erwartungen des Studienanfängers. So beschwerte er sich über die beiden Vertreter der theologischen Fakultät:
Die ganze Zeit, seit ich hier gewesen bin, habe ich nur von Mittwoch bis jetzt die Synopse und die Psalmen bei Bleek hören können (fünf Stunden jede), und leider hat er keinen günstigen Eindruck auf mich gemacht. Einestheils ist sein Vortrag unter aller Kritik eintönig und unverständlich, sodann hat er die Kunst erfunden, jedes Mal in der folgenden Stunde noch langweiliger als in der vorhergehenden zu sein.
[…]

Zu  N i t z s c h  bin ich vier- oder fünfmal in die Dogmatik und praktische Theologie hospitiren gegangen. Er ist eben so klein, aber nicht ganz so dick als Bleek; sein Gesicht ist auch nicht so dumm, wie jenes, sein Vortrag nicht so eintönig; dennoch hat er mir nicht gefallen. Man sieht ihm an und hört ihm an, daß er ein tiefer Denker ist; aber er hat in seinem Vortrage etwas Affectirtes (z.B. beginnt er in einem großen Auditorium so leise, daß ich, nur sechs Fuß von ihm, ihn bei völliger Stille nie verstehen kann) und in seinem ganzen Wesen etwas Anmaßendes und Absprechendes; und – so tief er denken mag, er kann es nicht klar machen. Er hüllt sich, um seine Meinung nicht gerade heraus sagen zu müssen, in einen Mantel von philosophischen und gelehrten Kunstausdrücken ein und scheint, wenn er von ‚dem Unsinn einer populären Dogmatik’ spricht, nicht an den Unterschied zwischen populärer und klarer Darstellung zu denken […]



Freitag, 25. Oktober 2013

Pfarrerssohn in Detmold



Im alten Pfarrhaus Bruchstraße 2 in der lippischen Residenzstadt Detmold kam Theodor Althaus am 26. Oktober des Jahres 1822 zur Welt. Sein Vater war der zweite Prediger der Stadt Georg Friedrich Althaus und seine Mutter Julie Althaus die älteste Tochter des Bischofs Bernhard Dräseke, bekannt geworden als mutiger Kämpfer gegen napoleonische Unterdrückung. Auch ein Vorfahre des Vaters hatte als kritischer Geist von sich reden gemacht, der berühmte Rechtsgelehrte Johannes Althusius, Verfasser einer immer noch aktuellen Publikation von 1603 über die Lehre vom Staatsvertrag und von der Volkssouveränität. Nach Johanna war Theodor zweites Kind und erster Sohn der Familie Althaus. Er entwickelte sich zu einem aufgeweckten Lockenkopf und war der Stolz der Eltern. Als Fünfjähriger erkrankte er jedoch schwer an Scharlachfieber und anschließender Wassersucht, von der er sich erst nach vielen Monaten erholte. 

Gymnasium Leopoldinum in Detmold
In der Schule fiel er auf durch eine außergewöhnliche Begabung in allen Bereichen, gepaart mit einem ausgeprägten Wissensdrang, gutem Gedächtnis, Fleiß und Ausdauer. Der Mathematiklehrer nannte ihn einen feinen Kopf und Gymnasialdirektor Christian Friedrich Falkmann prophezeite, er werde sicher ein großer Mann werden, entweder im Guten oder im Bösen. Offensichtlich war dem Didaktiker Theodors besondere Sprachgewandtheit aufgefallen. Spielend erlernte der Gymnasiast Latein, Englisch, Französisch, Griechisch und zudem in seiner Freizeit Sanskrit beim Detmolder Kanzleidirektor Ballhorn-Rosen, der ihn zusammen mit seinen Söhnen Friedrich und Georg Rosen, dem späteren Orientalisten, unterrichtete.

Pfarrhaus "Unter der Wehme" in Detmold
Nach dem Tod von Ferdinand Weerth im Jahre 1836 wurde Georg Friedrich Althaus zu dessen Nachfolger als Generalsuperintendent des Fürstentums Lippe ernannt. Die Familie zog um in das Pfarrhaus Unter der Wehme in unmittelbarer Nähe des Marktplatzes mit der Hauptkirche. Mit großzügiger Innenaufteilung und weitläufigem Obst-, Blumen- und Gemüsegarten bedeutete das für die Familie eine angenehme Verbesserung der Wohnbedingungen. Von den Fenstern im oberen Stockwerk hatte man einen schönen Blick auf die Hänge des Teutoburger Waldes mit der Grotenburg, auf der später das Hermannsdenkmal errichtet wurde. In dieser Umgebung lebte Theodor Althaus seit dem vierzehnten Lebensjahr mit seinen Eltern, der älteren Schwester Johanna und den jüngeren Geschwistern Elisabeth, Friedrich, Bernhard und Julius.

Dienstag, 15. Oktober 2013

Denkmal auf dem Monarchenhügel bei Leipzig

Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin

Eine weitere Verbindung knüpfte er zu dem drei Jahre älteren Historiker Heinrich Wuttke, der an der Leipziger Universität Vorlesungen hielt. Am 19. Oktober 1847 wanderte er früh am Morgen zusammen mit ihm in südöstlicher Richtung aus der Stadt hinaus über Feldwege, vorbei an Gebüsch, durch stille Dörfer, dann durch eine lange Pappelallee hinauf zur höchsten Erhebung dieser Gegend. Auf diesem Hügel hatten vierunddreißig Jahre zuvor die verbündeten Monarchen Kaiser Franz I. von Österreich, Kaiser Alexander I. von Russland und König Wilhelm III. von Preußen gestanden, die Kampfhandlungen der Völkerschlacht verfolgt und am Abend des 19. Oktober 1813 die Nachricht vom Rückzug der Truppen Napoleons entgegen genommen. Zur Erinnerung an diesen wichtigen Sieg hatte man auf dem Monarchenhügel ein pyramidenförmiges Denkmal aus Sandstein errichtet, das an jenem Tage eingeweiht wurde.

Über das Ereignis verfasste Theodor Althaus einen Artikel für die Bremer Weser-Zeitung, in dem er die Organisation und vor allem die Rede von Superintendent Großmann heftig kritisierte. Die Feier sei nicht dazu angetan gewesen, die tausend Anwesenden anzusprechen und auf das Wichtigste zu lenken, nämlich dass es ein Sieg der Kämpfer auf dem Schlachtfeld war und nicht das Verdienst von drei Monarchen im Glauben an Gott, wie der Redner weismachen wollte. Mit Wuttke war Althaus einig, dass eine Rede von Robert Blum die richtigen Akzente gesetzt hätte. Ja, es hätte sogar schon seine Anwesenheit gereicht. Eine Feier für das Volk sei diese Einweihungsfeier nicht gewesen. Sein Fazit: Aber wenn an einem solchen Siegestage des Volks, das Volk nur wie das Publikum zum allerhöchsten Fest, nur wie Staffage um den Thron, den es doch allein wieder aufgerichtet hat, erscheint: dann wird es doch selbst im Herbste zu dumpf und schwül in der deutschen Luft. Fort, fort von hier!

Als der Artikel Das Denkmal auf dem Monarchenhügel in Leipzig am 24. Oktober 1847 im Sonntagsblatt zur Weser-Zeitung erschien, war Theodor die Aufmerksamkeit in der Stadt Leipzig gewiss. Die Empörung bei den Verantwortlichen war so groß, dass er schon fürchten musste, ausgewiesen zu werden. Seine Freunde im Museum und Café dagegen beglückwünschten ihn zu diesem klaren politischen Statement. Ignaz Kuranda war so begeistert, dass er auf ihn zukam mit der Bitte, unbedingt für die Grenzboten zu schreiben.


Leseprobe aus:

Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland (Kindle)






Artikel von Theodor Althaus im Sonntagsblatt zur Weser-Zeitung 
Nr. 193 
Bremen, den 24. October. 1847:


Das Denkmal auf dem Monarchenhügel bei Leipzig. *)

* Aus Norddeutschland, 21. Oct. Kaum zurückgekehrt von einer längeren Reise, schreib’ ich Euch einen Bericht über die Eindrücke des letzten Tages, frisch, wie sie mich fast noch beherrschen, wie sie mir noch ganz nah sind und nicht erst mit Tagebüchern und Erinnerung lebendig gemacht zu werden brauchen. Wozu sollen wir auch Alles erst alt werden lassen, eh’ wir ihm den Schritt an das offene Licht gönnen? warum erst nach allen Richtungen hin die Sache durchspüren, alle Ecken und Spitzen abbrechen, alles Harte mildern, alles Hässliche verschönern, so daß zuletzt kein Mensch mehr weiß, was denn eigentlich die Hauptsache gewesen ist und wie es in den Momenten, die geschildert werden, durch die Nerven gezuckt hat ! Deutsches trauriges Vorurtheil, als ob das Fischblut am besten zum Beobachter befähigte! Ja, wenn dies Vorurtheil – und dies Fischblut – nicht wäre, wenn Alles was existirt und geschieht, in seiner vollen Bedeutung erfasst, durchgelebt, in die Tiefen der Seele gesenkt würde, unvergeßlich: dann müssten wir schon einen guten Schritt weiter sein, dann würden manche Worte, an die man sich längst ruhig gewöhnt hat, ein lastendes Gewicht in der Wagschale werden, und manches Ereigniß, das jetzt wie ein bloßer Nachklang vergangener Zeit unbeachtet bleibt, würde wie ein scharfer, erschütternder Ton uns in’s Herz schneiden. Setzt das Leben ein, riskirt es in Emotion zu kommen, eine Thräne im Auge zu erdrücken, mit dem Fuß zu stampfen vor Entrüstung, - denn setzt ihr nicht Euer Leben ein, nie wird Euch das Leben gewonnen sein!

Ich war dazu in der rechten Stimmung, bewegt von den verschiedensten Eindrücken und empfänglich für Alles, als ich am achtzehnten das alte Leipzig wieder begrüßte und mit Verwunderung sah, wie es sich fortwährend verjüngt und geputzt hatte in den letzten Jahren. In dem „grünen“ Böhmen, dessen Wälder aber schon in den herbstlichen Farben prangten, war ich an der Elbe und im Gebirg wochenlang gewandert, um den Staub der Arbeit ein wenig abzuschütteln, und von den hussitischen Schlachten hin durch die Jahre des dreißigjährigen Kriegs, von Prag bis Eger, bis zu Seume’s Hügel und dann bis zu den waldigen Höhen von Culm, waren deutsche Erinnerungen mir lebendig entgegengetreten. Dresden mit seinen Palästen, mit der Terrasse des allmächtigen Ministers, mit seinen schön-verwitterten Monumenten – dem Zwinger, dem Museum, den Kirchen in der fremdländischen Bauart -, war mir wie ein Bild aus dem Jahrhundert der Höfe und Fürsten erschienen, und wieder war ich in ein paar Stunden nach dem neuen glänzenden Leipzig, in das Jahrhundert des Bürgerthums und des Handels versetzt; die letzten Bretter und Budengerüste auf den weiten Plätzen sahen mich an wie Trümmer am Strand nach der großen Fluth der wogenden Messe, deren Wellen sich erst vor wenig Tagen gelegt hatten.

Mit einem lieben Freunde, der mich schon am Bahnhof empfangen hatte, wollte ich auch den anderen Morgen, der mir noch bleib, ungestört zubringen; aber seine Correspondentenpflicht erlaubte ihm nicht, das Fest des neunzehnten Octobers, die Einweihung des Denkmals auf dem Monarchenhügel zu versäumen. Mich reizte diese Feier doch auch; monatelang war ich früher in Leipzig gewesen, ohne daß mir im Drang von Arbeiten und Geschäften auch nur der Gedanke gekommen wäre, das Schlachtfeld zu besuchen, ich kannte nur zufällig Poniatowsky’s Grabmal im Garten an der Elster; - jene Zeit liegt uns ja so weit, so überwunden fern, und was sollte man auch suchen auf den weiten ebnen Feldern, wenn man sich in den schattigen Gängen des Rosenthals erholen kann? Die Feuer auf den Bergen, von deren ewiger Glut einst die jungen und verjüngten Herzen in Begeisterung redeten, sind längst erloschen, sind schon zwei Jahre nach der Völkerschlacht, am Rhein und an der Mosel polizeilich verboten, aus zarter Rücksicht für die französischen Gefühle, die vielleicht gereizt und gedemüthigt wären, wenn am Abende jener Schlachttage rings von den Bergen der Grenze die erneute Siegsfreude in das besiegte Land herübergeleuchtet hätte.

Den Patrioten verdüsterte sich schon damals der vertrauensvolle Blick in die Zukunft bei diesem Verbot, sie glaubten schon nicht recht, daß die Humanität gegen die Franzosen der wahre Grund davon sei. Dann kamen die mageren officiellen Festlichkeiten, die Vereine der Veteranen, die verklingenden Lieder der letzten Freiwilligen, das wehmüthige „Frisch auf zum fröhlichen Jagen!“ – die Melodie, nach der doch Jeder leise für sich sang: „Wenn Alle untreu werden“; und endlich, es sind jetzt wohl gerade vier Jahre her, da wurde auch im Lande der Landwehr und der Freiwilligen erklärt und befohlen: es sei jetzt genug gefeiert, ein Menschenalter sei vorüber und man könne den achtzehnten October zu Grabe tragen. Wie viele unausgesprochene Gedanken lagen in diesem Befehl. Wie wunderlich traf in ihm das halbeingestandne Bewußtsein der Treulosigkeit gegen jene Jugendträume und das halberwachende Kraftgefühl einer neuen Zeit, die nicht mehr auf Erinnerungen sich stützen und von der Vergangenheit Leben zu borgen braucht, zusammen! Das melancholische Gefühl bei jener Todesanzeige war die letzte Sympathie, die ich für jene Erinnerungen empfand – dann vergaß ich sie.

Aber sie waren aufgelebt in jenen einsamen Reisetagen; die alten Namen, die ich in den Jahren, wo uns nichts über die ausführliche Beschreibung einer Schlacht geht, so unendlich oft im „Heldenbuch“ gelesen hatte, weckten mit ihrer Begegnung das Gedächtniß und malten Wendungen und das Schwanken des Kampfes, wie es sich einst meiner Phantasie eingeprägt hatte, wieder vor die Augen. Wir waren ziemlich früh am Morgen ausgegangen, denn wir wollten einen Umweg machen, um dem Staub der Landstraße, dem Gerassel der Omnibus und Droschken zu entgehn. Uns wurde die Zeit nicht lang, und ein seltsames Gefühl bewegte mich, wie wir so im eifrigen Gespräch oder manchmal jeder seinen Gedanken allein nachhängend, durch die stillen Dörfer und auf den Feldwegen hingingen, an den Gebüschen vorbei, aus denen einst die Büchsen geknallt, an den Wellungen des Bodens – kaum kann man es Hügel nennen – wo die Kanonen gedonnert hatten, daß die Erde zitterte; auf den Wegen, wo so mancher den Häusern des verschanzten Dorfs entgegen, dem Sturmmarsch der Trommel gefolgt war, im Pulverdampf, im Gesang, im Schlachtenlärm die pochenden Todesgedanken übertäubend. Dort P r o b s t h a i d e, die Spitze des napoleonischen Dreiecks, genommen, verloren, wiedererobert und wieder verloren im wüthenden Kampf zwischen der alten Garde und der preußischen Jugend. Rechtshin die Thurmspitze der W a c h a u schaut über die Stoppelfelder, deren Erde einst in Wolken aufflog, als die gedrängte Schwadronenmasse, von Mürat hingerissen und beflügelt, mit verhängtem Zügel durch brach, die Quarrés niederritt, vorwärts, die eroberten Kanonen zurückgelassen, immer vorwärts in wüthender Carrière dem Centrum zu, es zu brechen, und die zersprengten flüchtigen Schaaren in die Sümpfe von Gossa zu werfen! Sie sind oben, dem Hügel nah, da ist ihre Kraft erschöpft, ihre Ordnung aufgelöst, die Pferde keuchen, und ein einziger Choc wirft die Spitze zurück, während schon der Adjutant Napoleons zum König von Sachsen mit der Siegesbotschaft geeilt ist, und in Leipzig alle Glocken läuten. Napoleons Sieg, es war der Sieg der sächsischen Waffen, Sachsens Heil, Leipzigs Rettung – und die Aufrichtigen wissen noch davon zu erzählen, daß nicht bloß die officiellen Glocken sich freuten. Denkt an jenen Einzug in Berlin – an jenen in Paris! überall, wo ein Sieger einzieht, fehlen die weißen Tücher und die Kränze nicht, so ängstlich beschämt die Herzen sich auch nachher bemühen, diese Erinnerung zu begraben, wenn der l e t z t e Sieger das Feld behauptet hat und jeder immer so gewesen sein möchte, wie er nun loyalerweise sein m u ß.

Die Gegend hob sich, die Pappeln in langer Allee tauchten auf, und nach wenig Minuten lag der Monarchenhügel vor uns. Die Landstraße, welche ziemlich nah an ihm vorüberführt, war belebt von Wagen und Fußgängern. Der Hügel ist eigentlich nur die eine Spitze einer Steigung des ganzen Terrains, man übersieht aber die ebne Landschaft weit genug, bis nach Leipzig hin. Seitwärts waren mehrere Buden, wo Cigarren, Obst, Naschereien, Kuchen und Liqueure verkauft wurden; etwa an tausend Menschen trieben sich hier herum; ich sah wenig Bauern, die meisten Anwesenden schienen aus Leipzig zu sein, eine ziemlich lange Reihe Droschken hielt auf der Landstraße, und weiter hinauf am Hügel auch einige sehr elegante Equipagen. Kein Militär, denn in den wenigen Uniformen die sich zeigten, steckten hochgestellte Jäger und Lakaien; wahrscheinlich war ein Minister von Dresden herübergekommen.

Kein Volksfest, kein militärisch nationales Fest, was war es denn? In Leipzig existirt ein Verein zur Feier des 19. Octobers, als des Tages, der für Leipzigs Schicksal günstig entscheidend gewesen ist. Dieser Verein sammelt, wie ich hörte, schon seit längerer Zeit alle Berichte von Augenzeugen jener Tage, und er hat auch das Denkmal auf dem Monarchenhügel errichtet. Programme mit den Festliedern wurden ausgetheilt, einzelne Töne von Musik schallten herauf und Alles drängte sich nach dem Denkmal zu. Um dasselbe war mit Pfählen und stricken ein ganz geräumiges Viereck abgesteckt, in welches Niemand hereingelassen wurde, es war reservirt für den Zug, welcher aus der Schuljugend einiger nahen Dörfer, aus den Vereinsmitgliedern und den etwa durch Karten eingeladenen Honoratioren Leipzigs bestand.

Wir standen mit am Rande der Einzäunung. Der Himmel war etwas bedeckt, doch hatte die Sonne freien Raum und schien so warm, wie sie es im October noch kann, herab. Man schwatzte, rauchte Cigarren und wartete; endlich wurde die Musik wieder vernehmlich, der Zug bewegte sich singend den Berg herauf. Sie sangen einen Choral im schleppendsten Kirchentone, die Begleitung war grausam schlecht, ein halbes Dutzend Blasinstrumente spielten die Melodie vor, es war mehr einem Leichenbegängniß ähnlich als einem Siegesfest. Geputzte Mädchen mit Kränzen, Schuljugend unter der Anführung ihres Lehrers zog vorauf, dann vier oder fünf Geistliche im Talar mit dem weißen Tellerkragen, ein Herr im Frack, mit einem großen rothen Buch, wahrscheinlich der Festordner des Vereins, und dann paarweise die Mitglieder des Vereins. Sie zogen um das Denkmal herum, schlossen einen Kreis und blieben stehn; der Choral, der eine unendliche Reihe von Versen enthielt, wurde wieder intonirt. Als die Musik aber nach dem letzten Verse sich bemühte zu schließen, begann eine Bewegung unter den Zuschauern. Einige Kinder krochen zuerst unter den Stricken her, andre folgten ihnen, und in einem Nu wurde überall die Einzäunung durchbrochen oder übertreten und der reservirte Platz ausgefüllt, so daß kaum die Geistlichkeit dicht am Denkmal ein paar Schritte Raum behielt. Alle Bemühungen waren vergebens, das Publikum trat nur so weit zurück, daß der nöthigste freie Kreis für den Redner hergestellt wurde. Ich sah meinen Freund an, wir verstanden uns und konnten ein Lächeln nicht zurückhalten. Soweit sind wir gekommen, daß wir Unordnung machen können, besonders wenn kein Militär da ist. Aber wie sollte es anders sein? Freiwillige Ordnung hält nur ein Volk, das an Oeffentlichkeit und Selbstanordnung gewöhnt ist.

Aber auf Redner zu hören, haben die Sachsen doch schon gelernt. Es wurde vollkommen ruhig und Still; der Comthur G r o ß m a n n stellte sich auf eine Stufe des Denkmals und begann mit einem kirchlichen Segensspruch. Man konnte jedes Wort vernehmen, und während der ganzen Rede herrschte auch in den weiteren Kreisen Aufmerksamkeit oder doch Stille.

Diese Rede! Wie soll ich die Bewegung in mir schildern, die sie gewaltsam hervorrief? Wie anders ist das Blatt bedrucktes Papier, das wir überfliegen und hinwerfen, als das W o r t, welches vor den Menschen, an dem Tage, auf der Stelle der Erinnerung ausgesprochen wird! Diese Rede hatte keinen Text und war keine Predigt über ein Bibelwort. Aber ihr Thema, das sie ausführte, auf das sie zurückkam, das sie wiederholte und als Spitze herandrängte, ihr I n h a l t war einzig: Niemandem habt ihr zu danken, an Niemand euch zu erinnern, an Niemand zu denken heute – als an Gott; was übrig bleibt, ist für die Monarchen!

Ich rede nicht bitter und gehässig, ich sage nur, was ich gehört und was ich empfunden habe. Ich gehöre nicht zu denen, die in Feindschaft mit dem alten Gottleben, ich kann das Gefühl verstehn und ehren, welches nach unerhörten Leiden, nach Noth, Angst, Furcht und Bangen endlich im Moment des Sieges ausruft: Mit unserer Macht ist nichts gethan, dem Herrn allein die Ehre! Aber nach diesem Moment kehrt jedes gesunde Bewußtsein auf die Erde zurück, jedes aufrichtige Auge erkennt, was menschlicher Geist um Ziel ersonnen, berechnet, gearbeitet und gekämpft hat, und jeder Fanatismus, der die menschliche Thätigkeit und Freiheit leugnet, mag er das Fatum oder den christlichen Gott anbeten, straft sich selbst lügen, indem er vorher und nachher dennoch so handelt, als wenn alles auf dem Menschen beruhe. Ich hatte geglaubt, wir hätten die Zeiten jenes Fanatismus hinter uns; Ich hatte zwar nicht erwartet, daß ein Priester seinem Gott nicht den ersten und schönsten Platz im Pantheon des Ruhmes geben würde: aber ich hatte doch gehofft, daß die Religion hier wenigstens im Geiste jener gefeierten Zeiten auftreten würde, wo sie in Liedern und Reden mit der Begeisterung für Helden und Freiheit in eine schöne Flamme aufloderte; wo man zu Gott betete, aber für die Freiheit, wo man von Gott Kraft und Hülfe erbat, aber in derselben Zeit Worte der Erweckung, des Zorns, der Sympathie an die menschlichen Herzen richtete, und Menschenhände und Arme in Bewegung setzte, und alle irdischen Kräfte aufbot, um durch irdische Mittel zu siegen, und die Freiheit nicht im Himmel, sondern auf dieser deutschen Erde zu erlangen. Als S c h l e i e r m a c h e r i n B e r l i n vor den Freiwilligen redete, da waren ihm die Wunderkräfte des Menschensohns nur ein Symbol für die heilige menschliche Kraft, zu der er alle Seelen und Arme stählen wollte; als D r ä s e k e i n B r e m e n von der Wiedergeburt Deutschlands predigte, da ließ er die Donner des göttlichen Zorns auch über den höchsten Häuptern rollen, und schwellte die Brust des Geringsten aus dem Volk mit dem männlichen Stolz, der einem Volke nach großen Thaten ziemte; wenn K ö r n e r im Schlachtgebet zum Allmächtigen rief, dann war es der Gott der Freiheit und Gerechtigkeit, der Gott, dessen Stimme in den Gerichten der V o l k s k r a f t sprach, vor der Napoleon erlag; da waren die religiösen Töne nur der Ausdruck des gewaltig erschütterten Herzens, das über dem schwankenden Schlachtgetöse, über dem Wanken, dem fürchterlich Ungewissen der Zukunft, ein Ewiges, Festes suchte, und der letzte endliche Dank gegen Gott war nicht der Hohn gegen die Menschenkraft, sondern die aufathmende Freude, daß das mächtige unzuberechnende Schicksal den Schritt um Sieg des Volks gewandt hatte.

Hier war es todte Doktrin; und wo es lebendig wurde, Parteifanatismus. Der Moment, wo „die Auserwählten Gottes, die hohen Monarchen“, auf ihre Knie fielen, und gnädig auch dem Heere Feierabend erlaubten, dieser Moment der Aunerkennung der menschlichen Ohnmacht sei die „Weihe“ des ganzen Kampfes gewesen, habe ihn erst „geheiligt“. Der Redner wies auf das Kreuz an dem Denkmal: dies Zeichen habe gesiegt, menschliche Kraft und Berechnung seien ganz ohnmächtig gewesen, erst als das Volk und die hohen Monarchen sich zu Gott gewandt hätten, habe der den sieg gegeben. – Wirklich? Und wir Thoren haben bisher geglaubt, daß von d e m Moment an der Sieg vorbereitet und gegründet gewesen sei, wo die Menschen auf der Erde sich rührten, mit ihren Händen die Waffen ergriffen, Mittel und Wege ur Freiheit überlegten und berechneten, und nicht mit dem unsichtbaren Glaubensschwert, sondert mit „d e u t s c h e n H i e b e n“ den Tyrannen aus den Lande jagten! Sagt doch, der alte Blücher, dessen Vorwärts es denn doch durchgesetzt hat – hat er gebetet vor den Schlachten an der Katzbach, bei Möckern und wie sie weiter heißen? Einen Fluch und allenfalls eine derbe Zote hat er für sich und seine „Jungens“, gehabt, und die haben geholfen, denn der Krieg ist ein rauhes Handwerk, bei dem höchstens der Poet Zeit zu einem Lied, zu einem dichterischen Gebet findet! Bei Lützen kniete Gustav Adolf an der Spitze seines protestantischen Heeres vor der Schlacht zum Gebet nieder und ließ einen Choral blasen; die Veteranen wissen es aber alle, daß vor den Schlachttagen von Leipzig das Heer nicht niedergekniet ist, sondern erst die Monarchen nachher, als die Arbeit gethan war.

Und dies Gebet hat die Freiheitskriege geheiligt! Das war der Refrain der ganzen Rede. Kein Wort von der Begeisterung der Knaben, von der Aufopferung der Frauen, von den Thränen der Mütter, von der jubelnden Todeslust der Edlen und Guten – nein, die Gebet der drei hohen Monarchen. Ihnen zu Ehren das Denkmal auf dem Leipziger Schlachtfelde, „zur Erinnerung an die glorreichen Monarchen“, zu einem Denkzeichen für die Nachwelt, zu einer Mahnung, daß nur mit dem Kreuz etwas auszurichten sei. Die Völker wurden nur erwähnt, um ihnen zu sagen, daß sie mit den Fürsten zusammenhalten müssten, und ohne die Fürsten Nichts seien; ein langer Segen wurde gesprochen über den Thron und seine künftigen Besitzer, aber kein Segen für das Volk, für das Recht, die Freiheit! Ich bin kein Königsfeind, ich ärgere mich nicht, wenn ich aus einem frommen, einfachen Herzen das Gebet höre: Segen dem König! Aber wenn an einem solchen Siegestage des Volks, das Volk nur wie das Publikum zum allerhöchsten Fest, nur wie Staffage um den Thron, den es doch allein wieder aufgerichtet hat, erscheint: dann wird es doch selbst im Herbste zu dumpf und schwül in der deutschen Luft.. Fort, fort von hier! Nach R o m laßt uns gehn, nach dem pfäffischen, päpstlichen, tyrannischen Rom, da wollen wir knien und uns den Segen geben lassen von Pius, da wollen wir dem abergläubischen Pater Ventura lauschen, der das Kreuz als Freiheitsfahne schwingt, als Symbol des Lichts und der Liebe, die die Welt, die das Volk befreien und erlösen soll! –

Von Leipzigs „patriotischen Thränen“ wurde gesprochen – ich verstand das erst nicht, bis mein Freund es mir erklärte: Sachsen wurde ja durch Napoleons Sturz so sehr verkleinert! deutscher, sächsischer Patriotismus. Aber nun sei Leipzig doch sehr groß geworden, habe viele Verbindungen und Betriebsamkeit. „Du hast die Heimsuchung des Herrn erkannt!“ rief der Redner dann der Stadt zu. Das verstand weder ich noch mein Freund. Daß die Moralität in Leipzig so sehr zugenommen habe in Folge dieser Erkenntniß, oder daß der Reichthum ein göttliches Geschenk für die Angst um die Stadt sei – beides schien uns unbegreiflich. Es war wohl nur so eine stereotype Phrase, bei der man sich schon gewöhnt hat nichts zu denken. –

Die lange Rede war aus, aber die Feier noch nicht. Eine Motette wurde noch aufgeführt, zwei Choräle gesungen und eine Schlussrede von einem andren Pfarrer gehalten. Dieser war ein unbefangener Nationalist der alten Schule, sprach von der erhabenen Bestimmung des Menschen, und daß jede Freude durch den Gedanken an Gott geheiligt werde. Von der Freude selbst wurde zwar nichts gesagt, aber in dieser Rede war doch nicht jener fanatische Parteigeist, und keine Ausfälle auf die liberale Partei in Leipzig, wie in der ersten.

Zum Schluß kamen die Kinder und bekränzten die Stufen des Denkmals der hohen Monarchen. - - Das ist unsere Jugenderziehung! Kein Kranz für die Gefallenen, kein Kranz für den Dichter, kein Kranz für die edlen Frauen jener Zeit! Die deutschen Kinder binden Kränze am Abend der Völkerschlacht, des Freiheitskampfs – und legen sie verehrend an das Denkmal des russischen, österreichischen und preußischen Monarchen!

Die Leute schienen das Alles ganz natürlich zu finden; Speculationen auf die Gedankenlosigkeit, die unbestimmte Rührung und allgemeine Religiosität schlagen selten bei den Deutschen fehl. Die Meisten sahen indifferent zu, einige lobten die Rede; nur wenige spöttische Mienen und verächtliche Blicke waren in ein paar jugendlichen Gesichtern nah bei uns zu sehn. Wir erkannten sie an ihren farbigen Mützen als Studenten, und mein Freund redete sie an. „Es ist entrüstend, empörend, dem Volke so etwas zu bieten: könnten wir nicht eine Gegendemonstration machen! „- Es geht nicht, antwortete einer, wir sind zu wenige hier und die Leute verlaufen sich schon.“ „Ist Blum denn nicht hier?“

Aber Blum war nicht da, zum großen Leidwesen meines Freundes, der nicht daran zweifelte, daß dieser der ganzen Sache eine andre Wendung hätte geben können. Daß Blum gut und populär redet, ist ziemlich bekannt; man muß aber auch wissen, daß das bloße Wort: Blum will sprechen! Alles wieder versammelt haben würde.

Wir gingen zurück in trüber und zorniger Stimmung. Wir hatten uns noch manches fragen, manches mitteilen wollen, aber wir konnten nicht so rasch das überwältigen, was wir eben miterlebt hatten. Was soll aus einem Volke werden, das so nichts von seiner Geschichte weiß, das zum Vergessen seiner Helden gebracht werden kann. O, wenn unsre großen nationalen Erinnerungen so entleert werden zum Vortheil der Orthodoxie und der blinden dynastischen Sympathien, entleert von aller Poesie, aller Aufopferung, allem Adel der Freiheit und menschlichen Begeisterung und Kraft, wenn aus dem Gott des „freien Morgenroths“ nur die alte dunkle Macht wird, die unbegreiflich despotisch Glück und Knechtschaft zutheilt, dann müssen wir uns am Ende glücklich preisen, daß das Reden von Gott und Nationalität dumm, unfruchtbar und schädlich ist!

Und alles Hässliche aus jener Zeit trat uns lebendig ins Gedächtniß zurück; die Thorheiten und Sentimentalitäten, die Brutalität, mit der die „Streiter für Gott“ in Deutschland und Frankreich plünderten und schändeten; der Rheinbund, die altdeutschen Narrheiten, die servile Schmeichelei, die politische Unfähigkeit…

Nein, Nein! Wenn alle untreu werden, wir bleiben ewig treu! Wir vergessen sie nicht, jene Zeit, wir lassen uns die Erinnerung des edlen freien Strebens und Sterbens nicht verkümmern und verderben! – Und leide zwischen den Zähnen summten wir das alte Lützower Lied, das herrliche blitzende Lied:

Was braust dort im Thale die laute Schlacht?

und weiter:

Es zuckt der Tod auf dem Angesicht.

Doch die wackeren Herzen erzittern nicht,

Denn das Vaterland ist ja gerettet!

Das ist ein Moment, der jede Kriege heiligt, d a s soll von Enkeln zu Enkeln sein nachgesagt, das Lied von „er wilden Jagd und der deutschen Jagd auf Henkersblut und Tyrannen“! Thoren, die für die Octobertage andre Lieder und Gebete haben wollen, als Körner’s Lieder, als Körner’s Gebete. Wir sangen sie für uns hin, so viel wir ihrer kannten aus der alten Studentenzeit; nur schwiegen wir, als wir an eins dachten, das zu stürmisch und vergeblich alle Leidenschaft erregt. Ich brauche es nicht zu nennen, Ihr errathet es an seinem gewaltigen Anfang.

Ich hatte die Absicht, den ganzen Tag zu erzählen, doch muß ich hier abbrechen, denn ich würde nicht so rasch das Ende finden. Ich fuhr mit meinem Freunde noch denselben Nachmittag nach Magdeburg, wo ich U h l i c h kennen lernte und schöne, nur zu kurze Augenblicke mit ihm verlebte. Davon hoffe ich Euch noch Einiges mitzutheilen; für jetzt lasset mich schließen mit dem Eindruck, den ich von neuem lebendig empfing, und der manchen Haß versöhnte. Nämlich der Eindruck, die Ueberzeugung: daß die als unpolitisch verschriene religiöse Bewegung ein Segen und eine Nothwendigkeit für Deutschland ist; denn wir brauchen noch sehr, sehr nothwendig die Männer, welche dem Volke den christlichen Gott als einen Gott der F r e i h e i t verkünden und das Evangelium im Sinne eines Ulrich von Hutten, aber nicht im Sinne der kirchlichen Diplomaten predigen.

(Die zeittypische Rechtschreibung im Artikel von Theodor Althaus wurde beibehalten.)



Foto: © Renate Hupfeld (Information zur Ausstellung im Innenhof des Deutschen Historischen Museums Berlin am 19. September 2013)




Dienstag, 1. Oktober 2013

Bluttaufe der deutschen Freiheit





Am 20. März 1848 erreichte er gegen Mittag Berlin. Es war ein seltsames Szenario in der Stadt. Männer, Frauen und Kinder liefen zwischen Barrikaden und herausgerissenen Pflastersteinen. Die meisten feierten einen Sieg. Doch andere suchten verzweifelt nach vermissten Angehörigen.
Theodor ging von Kirche zu Kirche, schaute in die jungen Gesichter der dort aufgebahrten Toten, die schrecklichen Wunden, die stille Siegesgewissheit in den bleichen Zügen. Auf der Straße sprach er die Menschen an, hörte ihre Berichte über die Ereignisse der Nacht von Samstag auf Sonntag und setzte das Puzzle zusammen über die friedliche Versammlung vor dem Schloss, die Proklamation des Königs, laute Rufe aus der Menge, die Forderung nach Abzug der Soldaten, zunehmende Unruhe, plötzlich ein Schuss von irgendwoher, noch ein Schuss und dann der fürchterliche Sturm. Unaufhaltsam tobte der in Straßen und auf Plätzen. Alle machten mit beim Bau der Barrikaden, vom einfachen Tagelöhner und Handwerker bis zum Beamten, Studenten, Arzt und Advokaten. Frauen, Kinder und Greise waren dabei. Mit allen Mitteln kämpften sie, beschafften Material für den Barrikadenbau, besorgten Waffen, gossen Kugeln, steckten deutsche Fahnen auf, Frauen versorgten die Kämpfenden mit Speisen und Getränken. Unaufhörlich tönten die Sturmglocken in der Stadt. Die ganze Nacht. Bis zum nächsten Morgen. Bis kein einziger Soldat mehr zu sehen war.
In einer Kirche fand er ein stilles Plätzchen, wo er ungestört verweilen konnte. Nachdem er sich ein wenig gefangen hatte, zog er Papier und Feder aus der Tasche und schrieb einen Artikel für die Weser-Zeitung. Das war er den Toten schuldig. Ihr mutiger Kampf durfte nicht umsonst gewesen sein.
Es war schon dunkel, als er am Abend vor dem Haus des Großvaters in Potsdam stand. Obwohl das Fenster des Balkonzimmers hell erleuchtet war, musste er lange auf Einlass warten. Später erfuhr er den Grund. Dräseke war vor Übergriffen von Aufständischen gewarnt worden und die im Hause Anwesenden, des Großvaters jüngere Tochter, Enkelin Elisabeth aus Detmold und ein Diener, fürchteten den dunklen Mann an der Tür und waren heilfroh, als es dann der älteste Enkel war. Der berichtete von den Spuren der Berliner Horrornacht, bevor er sich völlig erschöpft zurückzog. Elisabeth machte sich Sorgen und folgte dem Bruder in sein Zimmer. Der hatte sich schon ins Bett gelegt. Sie erinnerte sich: Ich setzte mich zu ihm und sah nun erst, wie verändert, wie von Erregung und Schmerz durchwühlt seine Züge waren.
Am nächsten Tag war Theodor dabei, als König Friedrich Wilhelm IV. mit schwarz-rot-goldener Armbinde durch die Straßen von Berlin ritt und vor Studenten der Berliner Universität eine Rede hielt, wobei er sich zu der verheißungsvollen Formulierung hinreißen ließ: Preußen geht fortan in Deutschland auf. Und er nahm am 22. März auf dem Gendarmenmarkt an der Trauerfeier für die 183 Toten teil, folgte dem unbeschreiblich langen Leichenzug mit den bekränzten Särgen, zunächst bis zum Schloss, wo sich der preußische König Friedrich Wilhelm IV. auf Verlangen des Volkes mit gezogenem Hut vor den toten Revolutionären verbeugen musste, dann vor die Tore der Stadt zur Beisetzung auf dem eigens eingerichteten Friedhof der Märzgefallenen auf einem Hügel in Friedrichhain. Der Leichenzug. Die seidenen, schwarzrothgoldenen Trauerfahnen […] nach den Thränen stumpfte sich alles ab. Zu lang. Die anarchische Schwüle über Berlin, notierte er im Tagebuch.
Er sei ein Mann geworden, meinte Großvater Dräseke und da hatte er recht. Die harte Konfrontation mit den menschlichen Tragödien, die rohe Gewalt gegen die eigenen Brüder, Söhne eines Volkes, hatten ihn in tiefster Seele getroffen. Der Weg würde ein harter und steiniger werden. Die faulen Früchte der Geschichte waren mächtiger, als er es sich in seinen idealen Vorstellungen ausgemalt hatte. So einfach fielen die nicht in sich zusammen. Wie sonst wäre es möglich, dass Soldaten als Spielzeug eines konzeptlosen Monarchen mit vorgeblicher Gottes-Gnaden-Legitimation ein so schreckliches Blutbad anrichteten?
Althaus' Artikel  erschien unter der Überschrift Die Berliner Revolution am 22. März 1848 auf der Titelseite der Weser-Zeitung. Er hatte den historischen Stellenwert des Geschehens als Bluttaufe der deutschen Freiheit erkannt und eine überaus sensible Würdigung des leidenschaftlich entschlossenen Kampfes gegen die starre Willkürherrschaft des schwachen preußischen Königs verfasst: Die giftige Saat, die Untergrabung alles Vertrauens, das schwankende Spielen zwischen der persönlichen Willkür und den gerechtesten Forderungen des Volkes, die Demoralisation der höchsten Staatsgewalten, welche sich durch den Schein und die Heuchelei eine erträumte Macht zu sichern wähnten, ist nun so blutig aufgegangen. Deutschland wird den achtzehnten März dieses Jahres nie vergessen.

Platz des 18. März
Grundstein der Demokratie
Ausstellung auf dem Friedhof der Märzgefallenen
Grabstätten auf dem Friedhof der Märzgefallenen
im Volkspark Berlin Friedrichshain


 Leseprobe aus:

Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland (Kindle)

Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland (Beam)


Fotos: © Renate Hupfeld (19. September 2013)