Samstag, 14. November 2015

Theodors letztes Weihnachtsfest



Kurz vor Weihnachten fühlte er sich immerhin so kräftig, dass er seiner Schwester nach Berlin einen langen Brief schreiben konnte. Er bedankte sich für die Köstlichkeiten und die warme Decke, die sie ihm in einem großen Paket geschickt hatte und beschrieb, wie er im Sofa saß und es sich mit schönen warmen Füßen unter der Decke und Elisabeths Leckereien gemütlich machte. Er berichtete von der lieben Frau Seebach, der Krankenwärterin, die abends beim Zubettgehen auch immer darauf achtete, dass er schöne warme Füße habe. Mit Wehmut dachte er an das bevorstehende Weihnachtsfest und schrieb von einer schlank gewachsenen dunklen Tanne vor seinem Fenster gerade so hoch, daß sie mit ihrer schönen Krone wohl Platz hätte zum Fest in einem hohen weiten Saale, wo ganze Scharen von Kindern in ihrem Lichterkranz tanzen könnten.
Obwohl Verwandte und Freunde ihn zu Weihnachten wieder mit Geschenken und Aufmerksamkeiten erfreuten, vermisste er seine Lieben weit mehr als im Vorjahr im Gefängnis. Er fühlte sich sehr einsam, war aber getröstet durch einen stillen jungen Mann, mit dem Frau Seebach ihn zusammengebracht hatte und der am zweiten Feiertag bei Tee und Kuchen ein paar Stunden mit ihm verbrachte, wobei Theodor ihm eingehend von vergangenen Zeiten erzählen musste, als er noch mit Arnold Ruge, Moritz Hartmann und Eduard Meißner in Leipzig gemeinsame Träume hatte.
Nach Weihnachten besuchte ihn Malwida von Meysenbug. In ihren Memoiren berichtete sie darüber: „Ich fand ihn auf dem Sofa liegend, er schien tief gerührt, mich zu sehen. Ich war bis in das Innerste erschüttert von seinem Anblick und dachte, dass das nicht die einzigen Helden sind, die auf dem Schlachtfeld für die Freiheit sterben. Er starb ja auch, ein Kämpfer, an den Folgen des Kampfes. Sein Zimmer war gross und luftig, aber es war doch das Zimmer eines Hospitals, und er war allein da, fern von allen, die er liebte. Er war noch nicht dreissig Jahr, aber er schien mindestens vierzig; ein langer schwarzer Bart hob seine Blässe und Magerkeit noch mehr hervor, und wenn ein Lächeln auf seine Lippen kam, so war es traurig zum Weinen.“
Die Freundin hatte sich in einem Gasthof eingemietet und blieb eine Woche in Gotha. Täglich besuchte sie Theodor und blieb so lange, bis er sich ausruhen musste. Auch den Silvesterabend verbrachten sie mit Erinnerungen an ihre Zeit in Detmold, ihre gemeinsamen Ideale von Liebe und Freiheit und an seine Mutter. Bevor Malwida Gotha verließ, besorgte sie ihm einen bequemen Lehnstuhl, weil ihr aufgefallen war, wie schwer das Sofasitzen ihm fiel. Malwida erinnert sich:  „Er war sehr gerührt, und als er mir die Hand zum Abschied reichte, sagte er mit bewegter Stimme: 'Man hat behaupten wollen, dass die demokratischen Frauen kein Herz hätten; es ist an mir, dem zu widersprechen.’“


Auszug aus:

Freitag, 6. November 2015

Schwere Tage in Bremen




Indes waren in Bremen die Kämpfe gegen die Bremer Zeitung vollends ausgebrochen. Der leitende Redakteur [Theodor Althaus] wurde offen angefeindet, darauf angesprochen, wie ein Enkel von Dräseke so heillose Sachen schreiben könne und provokativ gefragt, wie er sich denn die Einheit und Republik eigentlich denke. Und es kam noch schlimmer. Mit Flugschriften und offenen Briefen agitierte man gegen die Zeitung und speziell gegen die Artikel von Theodor Althaus. Im Tagebuch notierte er: Das Complott brach endlich an der entscheidenden Erklärung los. Haufenweis kamen die Absagebriefe im echten Bourgeoisstil. Die Principale bleich, niedergeschlagen, sahen voraus, dass die ‚Bremer Zeitung’ für Bremen verloren sei […]. Da half es auch nicht, dass zwei mitgliederstarke Bremer Vereine sich vehement für die freisinnige Tendenz der Leitartikel von Althaus einsetzten und in offenen Briefen diese Art von Pressezensur anprangerten. Der Bürgerverein äußerte sich empört über die Angriffe und Demonstrationen von Aristokraten und Reaktionären, die vor den unparteiischen Richterstuhl der öffentlichen Meinung gehörten. Noch schärfer formulierte der demokratische Verein. Die längst beseitigte Staatszensur werde von jenen Finsterlingen als Privatzensur wieder eingeführt und die Menschen somit um die glücklich errungene Pressefreiheit gebracht. Die Solidaritätserklärungen der beiden Bremer Vereine wurden von der Redaktion wunschgemäß publiziert und am 4. Oktober 1848 in der zweiten Ausgabe der Bremer Zeitung gedruckt.
Als Agitation und Boykott über die Zeitung hinaus sogar gegen die traditionelle Heyse’sche Verlagsbuchhandlung ausgedehnt wurden, entschied der Verleger, einen Schlussstrich zu ziehen und sich von der Zeitung zu trennen. Die Bremer Zeitung wurde an die Gebrüder Jänecke in Hannover verkauft, im Einvernehmen mit Theodor Althaus, der sie dort unter dem Namen Zeitung für Norddeutschland weiter redigieren würde. Schwere Tage, notierte er, durch die unsittliche Finesse und die ganze Perfidie mich indirect als Rothen zu schildern, fühlte ich die letzten Fäden reißen. Dem bevorstehenden Ortswechsel konnte er durchaus positive Aspekte abgewinnen. Hannover war besser an das Eisenbahnnetz angebunden als Bremen und somit erreichten die neuesten Nachrichten die Redaktion schneller als bisher.
Doch so richtig wollte der Blick nach vorne und das Entwickeln von Perspektiven noch nicht gelingen. Zu tief saß der verletzende Stachel. Die bittere Enttäuschung brachte sein inneres Gleichgewicht ins Wanken. Theodor bekam Husten und wurde krank. Konnte nicht schreiben, fühlte mich mit kurzen Unterbrechungen wie todt, wie vernichtet, sah mit Grauen dem Winter und mit Ekel dem Leben entgegen. Trost fand er in der Korrespondenz mit seiner Cousine Minna Schmitson in Frankfurt, die er auch seinerseits trösten musste, weil ihr Vater als Angestellter bei der Bundesmilitärkommission während des Straßenkampfes am 18. September eine Verwundung davongetragen hatte: Aber es gilt auszuharren und treu zu bleiben. Ein Frühling kommt, in Menschenwelt und in Natur wird er uns wiederkehren!
De Traurigkeit war stärker als die Hoffnung auf Frühlingserwachen. Als an seinem Geburtstag Schwester Elisabeth ihn an sich drückte, wusste er nicht, ob er sich freuen oder heulen sollte. Die treue Seele war extra nach Bremen gekommen. Sechsundzwanzig Jahre alt wurde er und kam sich vor, als hätte er das ganze Leben schon hinter sich. Ihr gegenüber gab er zwar sich optimistisch, wusste er doch, sie würde alles der Mutter erzählen und die sollte sich nicht beunruhigen, doch wie er sich wirklich fühlte, vertraute er seinem Tagebuch an: Ich habe verloren, ich weiß nicht mehr zu sprechen wie sonst, seit ich so viel lese und schreibe. Ich kenne die Herzen nicht mehr so, seit ich mir selbst so wenig, so fast niemals angehöre.

Donnerstag, 17. September 2015

Frankfurt 18. September 1848



Hier ein Auszug aus der Lebensgeschichte von Theodor Althaus, der als leitender Redakteur der "Bremer Zeitung" das Frankfurter Desaster von Bremen aus beobachtet und sich mit seinen Leitartikeln aus dem Fenster gehängt hatte. Damit hatte er sich bei den Abonnenten mächtig in die Nesseln gesetzt, denn vielen Bremer Bürgern waren ihre Geschäfte wichtiger als demokratische Strukturen. Angesichts fieser Stimmungsmache gegen seine Person kostete es unglaubliche Mühe, jeden Tag zwei Ausgaben herauszubringen:

"Zu diesen enormen Belastungen durch Aufrechterhaltung und Organisation des Betriebes der Bremer Zeitung beschäftigten ihn [Theodor Althaus] weiterhin und zuvörderst die Angelegenheiten, die auf der großen politischen Bühne gespielt wurden, derentwegen er ein Zeitungsmann geworden war. Aktuell war es die auf Drängen von Frankreich, Großbritannien und Russland unmittelbar bevorstehende Ratifizierung des Waffenstillstandsvertrages zwischen Preußen und Dänemark. Im Leitartikel Die schleswig-holsteinische Angelegenheit, der am 21. August 1848 mit dem Untertitel Rückblick und Resultate erschien, beklagte Althaus, wie schon einige Wochen zuvor, dass dieses ohne Einbeziehung des vom Volk gewählten Parlamentes und den von diesem gewählten Vertretern der deutschen Nation, also dem Reichsverweser im Einvernehmen mit der Nationalversammlung, verhandelt wurde. Gegenüber England, Frankreich und Russland, die sogar im Falle des Nichtzustandekommens des Waffenstillstandes mit militärischen Maßnahmen drohten, nahm Deutschland nicht die Stellung ein, die seiner wirklichen Macht entspräche. Blum hatte recht gehabt mit seinen Bedenken und der Forderung nach einem Vollziehungsausschuss. Um politische Ziele durchzusetzen, fehlten der provisorischen Zentralregierung jegliche Mittel. Die Ohnmacht nach innen und außen war offensichtlich. Wo stand Heinrich von Gagern, wo der Reichsverweser Johann von Österreich, wo der provisorische Ministerpräsident Karl zu Leiningen und sein Ministerium? Wo stand die deutsche Nation? Was nützten Gebietsgewinne, war doch in Althaus Formulierung erst einmal wichtig: "… unsere Ehre ist der Respekt, den wir vor der Berechtigung  j e d e r  Nationaleinheit und Nationalunabhängigkeit beweisen; sei’s auch um den Preis, daß Deutschland nicht bis zur Königsau geht, und einige Abgeordnete der dänischen Bezirke die Paulskirche verlassen müssen."
Nach der erfolgten Ratifizierung des Vertrages am 26. August 1848 unter Vermittlung von Schweden in Malmö wurde das eigenmächtige Verhalten der preußischen Regierung sowohl in der deutschen Öffentlichkeit als auch in der Presse, den verschiedenen politischen Gruppen und der Nationalversammlung so heftig und kontrovers diskutiert, dass es am 5. September 1848 in der Paulskirche zur Abstimmung kam, bei der 238 Parlamentarier mit 221 Gegenstimmen den Waffenstillstand von Malmö in dieser Form ablehnten, was bedeutete, dass alle Maßnahmen zur Umsetzung gestoppt wurden. Daraufhin trat das Ministerium Leiningen zurück und Friedrich Christoph Dahlmann, der besonders leidenschaftlich für die Ablehnung plädiert hatte, wurde vom Reichsverweser Erzherzog Johann mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftragt. Preußen hat im Namen des Bundes  u n d  in seinem eignen den Waffenstillstand abgeschlossen, die Nationalversammlung hat seine Ausführung sistirt, und so muß  P r e u ß e n  b i e g e n  oder die  C e n t r a l g e w a l t  muß  b r e c h e n, resümierte Althaus am 8. September 1848 im Leitartikel Die Entscheidung. Im Namen des Bundes! Was hatte Blum prophezeit? Rückschritt in die Metternichära. Und Preußen als Vorreiter. Ja, Preußen müsste sich fügen und die parlamentarische Abstimmung gegen den Vertrag, für Einheit und Freiheit, akzeptieren. Sie war ein Sieg der Demokratie.

In den darauffolgenden Tagen erfuhr der leitende Redakteur der auflagenstarken Bremer Zeitung schmerzlich, wie wenig im Moment die Demokratie und die während der Märzrevolution erlangte Pressefreiheit wert waren. Nachdem er sich am 11. September 1848 von der Haltung Waffenstillstand [von Malmö] zugunsten des Handels um jeden Preis deutlich distanzierte und sich klar hinter das Votum der Nationalversammlung stellte, gab es eine Vielzahl von Kündigungen der Abonnements. Für viele Bremer Bürger waren Handel und Gewerbe Größen, denen sich die Politik unterzuordnen hatte. Für Althaus hingegen hatten Einheit, Ehre und Freiheit des Vaterlandes oberste Priorität, auch um den Preis der Aufgabe von territorialen Zugewinnen an der Grenze zu Dänemark und Verzögerungen des Küsten- und Seehandels. Besonders das Letztere, Beeinträchtigungen des Seehandels, dürfte in Bremen für großen Unmut gesorgt haben.

Der Rückgang der Abonnenten brachte Althaus eine Menge Ärger mit dem Verleger, der sich in dem Zusammenhang auch um das Anzeigengeschäft sorgen musste. Er wollte diese bitteren Realitäten nicht so recht an sich heranlassen, wenn er am 13. September 1848 im Tagebuch notierte: "Diese Gesichter des Himmelseinsturzes, wenn ein Abonnent gekündigt hat! " Doch die Misstöne drückten schwer auf seine Stimmung: "So in’s Blaue hineinzuschreiben, wenn Dein Leben von nirgendher Dir wieder entgegenkommt – so gar keine Frucht zu sehen, gar keine Genugthuung als die innere, zu der man keine Zeit hat, und die sich endlich auf das leere Gefühl der vollbrachten Arbeit beschränkt!" Das ging vorbei. Hart werden und Ausharren, sagte er sich. Er würde daraus lernen.
Es vergingen nur ein paar Tage bis zur nächsten Härteprüfung. Im Frankfurter Parlament war mit dem Ablehnungsvotum keine Ruhe eingekehrt. Wie sollte es weitergehen? Wie konnte man die preußische Vorherrschaft stoppen? Wie sollte man den demokratischen Karren aus dem Sand bekommen? Hektisches Agieren bestimmte das politische Geschehen. Dahlmanns Bemühen um ein neues Reichsministerium schlug fehl und er gab den Auftrag zur Regierungsbildung an den Reichsverweser zurück. Weitere Diskussionen und Parlamentsdebatten führten zu Verschiebungen von Mehrheiten, sodass die Nationalversammlung in einer erneuten Abstimmung am 16. September 1848 den Waffenstillstandsvertrag schließlich doch akzeptierte und mit 257 gegen 236 Stimmen für die Ratifizierung zwischen Preußen und Dänemark votierte. Damit hatte das erste frei gewählte deutsche Parlament das Vertrauen seiner Wähler und das potentieller Verhandlungspartner verspielt. Außerdem hatte es sich selbst als politische Kraft matt gesetzt, indem es den Beschluss über die Errichtung der Zentralgewalt nicht umsetzte, obwohl Im Erlass vom 28. Juni 1848 der vierte Absatz lautete: "Ueber Krieg und Frieden und über Verträge mit auswärtigen Mächten beschließt die Zentralgewalt im Einverständnisse mit der Nationalversammlung."

Theodor Althaus konnte es nicht fassen. Über das leere Blatt auf seinem Stehpult hinweg blickte er auf die grünen stacheligen Kugeln der Kastanien vor seinem Fenster. Wie sollte er beginnen? Sie würden darauf schauen, was da nun morgen geschrieben stand in seinem Leitartikel. Viel hatte er noch nicht erfahren, zwei Tage nach dem parlamentarischen Donnerschlag. Die Informationen aus Frankfurt flossen spärlich. Die Entscheidung war knapp gewesen und das ließ hoffen. Es war noch nicht aller Tage Abend. Tumultartige Szenen vor der Paulskirche, hieß es. Kein Wunder, dass die Menschen sich Luft machten in ihrer patriotischen Leidenschaft. Wenigstens das Volk wusste, was es seinem Vaterland schuldig war, im Gegensatz zur Frankfurter Majorität. "Der Beschluß der Nationalversammlung über den Waffenstillstand", schrieb er in die Kopfzeile. Das klang sachlich und würde niemanden provozieren. Und doch. Nur schreiben, was sie lesen wollten? Um den Verleger nicht zu verärgern? Dass er überhaupt darüber nachdachte. Nein, ungeschönt und in voller Klarheit würde er das Dilemma in der Paulskirche aufzeigen. Zum ersten Mal hätte die Nation als Einheit agieren können und hatte es nicht getan. Dänemark hätte die Zentralgewalt anerkennen müssen und hatte es nicht getan. Stattdessen diffuses Gerede von Verständigung und Modifikationen. Wer? Wo? Wie? Nichts als diplomatisches Geschwätz. Wer sollte eine Regierung denn auch ernst nehmen, die sich selbst nicht ernst nahm, seine selbst gegebenen Gesetze feige verleugnete? Wer sollte so einem Land völkerrechtliche Anerkennung gewähren? Und was war mit der Ehre Deutschlands und der Ehre der Zentralgewalt? Wer hatte daran gedacht? All das schrieb er und machte zum Schluss noch eine Bemerkung zur wichtigen materiellen Frage. Zumindest die könnte ja jetzt in der bremischen Kaufmannsstadt in Ruhe und gedeihlich gelöst werden.

Die Kritik an seinem Artikel in der Bremer Bürgerschaft, weitere Kündigungen von Abonnenten und die neuesten Nachrichten aus Frankfurt bereiteten ihm dann doch heftiges Kopf- und Bauchweh. Er wurde krank, arbeitete aber weiter bis nach Mitternacht, um die nächste Ausgabe einschließlich seiner Kommentare vorzubereiten, deren Inhalte er sich trotz allem nicht vorschreiben ließ. Die tumultartigen Ausbrüche vor der Paulskirche hatten sich an diesem 18. September 1848 in den Frankfurter Straßen und Gassen ausgeweitet. Abgeordnete der Nationalversammlung wurden angefeindet und als Verräter beschimpft. Der nach dem Rücktritt von Leiningens neu ernannte dreiundvierzigjährige Reichsminister Anton Ritter von Schmerling aus Österreich hatte, angeblich auf Bitten des Frankfurter Senats, preußische Truppen aus Mainz angefordert, was zur Eskalierung der Unruhen und zum Barrikadenbau führte, der allerdings ziemlich halbherzig und chaotisch angelegt war. Mit dem Eintreffen weiterer Truppen, auch österreichischen, war der Aufstand am selben Abend niedergeschlagen.

Außer schweren Schäden an Straßen und Gebäuden hatten die Kämpfe viele Verletzte und mehr als vierzig Todesopfer gefordert, darunter Aufständische, Zivilisten, Soldaten und Offiziere. Die preußischen Abgeordneten Hans von Auerswald und Felix Fürst von Lichnowsky wurden von einer Gruppe äußerst gewaltbereiter Fanatiker verfolgt, gejagt und mit unvorstellbarer Brutalität ermordet. Das war eine Bilanz, die in jedem Falle innehalten ließ. Vor allem die brutalen Morde an Auerswald und Lichnowsky beherrschten die öffentliche Diskussion und die Medien. Auch Theodor Althaus zeigte sich in der Ausgabe vom 22. September 1848 schockiert von diesen empörenden Grausamkeiten, die jenen Tag als einen Schandfleck unsrer Geschichte hinstellen, wollte jedoch das Geschehen nicht weiter kommentieren, bevor gerichtliche Untersuchungen die wahren Tatbestände aufgeklärt hätten. Auch wollte er den Septembertag nicht nur als fluchbeladenen sehen. Bei aller Schrecklichkeit des Geschehens wollte er sich nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass an den revolutionären Aktivitäten die Diskrepanz zwischen dem deutschen Volk und der Nationalversammlung deutlich wurde, das sich von dem im Mai gewählten Parlament nicht mehr vertreten fühlte."

Montag, 10. August 2015

200. Geburtstag von Gottfried Kinkel





Theodor Althaus war 18 Jahre alt, als er an einem Oktobertag des Jahres 1840 die Wohnstube des Pfarrhauses Unter der Wehme in Detmold verließ, zu Fuß nach Paderborn ging und von dort mit der Postkutsche an den Rhein fuhr. Der älteste Sohn des lippischen Generalsuperintendenten hatte ein glänzendes Abiturexamen abgelegt und wollte an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Theologie zu studieren. Und es war schon etwas Besonderes, von einer der ersten Amtshandlungen des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. zu profitieren und bei der Einschreibung vom gerade rehabilitierten Rektor Ernst Moritz Arndt persönlich begrüßt zu werden. Berechtigte Hoffnung auf ein einheitliches, freies und demokratisches Deutschland lag in der Luft. Doch in den beiden Vertretern der theologischen Fakultät, den Professoren Nitzsch und Bleek, sah der junge Stürmer aus dem Fürstentum Lippe diese Hoffnungen nicht erfüllt. Das sah er lediglich in den überzeugenden Vorträgen des fünfundzwanzigjährigen Dozenten Gottfried Kinkel.  Bei ihm hörte er Kirchengeschichte und das mit Begeisterung und großem Respekt. Später gehörte er zum studentischen Kreis der wöchentlichen Kränzchen, zu denen Kinkel eine kleine Anzahl seiner Schüler in das Poppelsdorfer Schloss einlud. Die Verehrung des Theologiestudenten aus Detmold ging so weit, dass er seinem Dozenten bei bestimmten Themen seines Unterrichtsfaches inhaltlich zuarbeitete. So entwickelte sich über die Kränzchenabende hinaus eine Freundschaft, die auch nach Beendigung des Studiums anhielt.
Im Sommer des Jahres 1846 trafen sie wieder zusammen. Drei Jahre nach Beendigung des Theologiestudiums hatte sich für den Kandidaten Theodor Althaus keine berufliche Perspektive ergeben. Als Schriftsteller und Journalist  lebte er im Detmolder Elternhaus und hatte gerade eine längere Schrift über die Zukunft des Christenthums verfasst. Während einer Wanderreise an den Rhein besuchte er seinen ehemaligen Dozenten Gottfried Kinkel in Bonn. Der war nach seiner Heirat mit der geschiedenen Johanna Mockel umhabilitiert worden und unterrichtete inzwischen das Fach Kunstgeschichte. Im vertrauten Gespräch stellten die beiden fest, wie wenig sich die Hoffnungen auf ein einheitliches demokratisches Deutschland erfüllt hatten. Deutschland war nach wie vor zersplittert in 36 Einzelstaaten, in denen der jeweilige König, Fürst  oder Großherzog auf dem Hintergrund der Karlsbader Beschlüsse mehr oder weniger despotisch gegen seine Untertanen regierte.  Wenige besaßen viel und weite Teile der Bevölkerung litten Not und hungerte.
In ihren jeweiligen Zusammenhängen kämpften Kinkel und Althaus gegen diese Ungerechtigkeiten. Unabhängig voneinander wurden sie im Strom des Revolutionsjahres 1848 mitgerissen und gehörten zu denjenigen, deren Laufbahn im Zusammenhang mit den Reichsverfassungskämpfen im Mai 1849 schicksalhaft endete. Kinkel landete nach der Teilnahme am Sturm auf das Siegburger Zeughaus sowie am badischen Aufstand im pommerschen Zuchthaus Naugard und Althaus als Redakteur der Zeitung für Norddeutschland wegen eines Artikels mit Aufruf zur Bildung eines Ausschusses zur Durchführung der in Frankfurt vollendeten Reichsverfassung im Staatsgefängnis St. Godehard in Hildesheim. Hier schrieb er im Jahre 1850 seine persönlichen Erinnerungen Aus dem Gefängniß, in denen er neben Robert Blum, Heinrich von Gagern und Julius Fröbel seinem Freund Gottfried Kinkel ein Kapitel widmete.

Als E-Book verfügbar: 



Kurzbiografie von Gottfried Kinkel:

1815 am 11. August wird Gottfried Kinkel in Oberkassel als Sohn eines evangelischen Theologen geboren

1831 Studium der Theologie an der Universität Bonn

1834 Studium der Theologie an der Universität Berlin

1837 Dozent für Kirchengeschichte an der Universität Bonn

1843 Heirat mit Johanna Mockel, katholisch und geschieden, somit kann Kinkel in der theologischen Fakultät nicht mehr lehren

1845 Professor für Kunst- und Literaturgeschichte in Bonn

1848 Redakteur der Bonner Zeitung

1848 gründet den demokratischen Verein Bonn

1849 nimmt im Mai am Siegburger Zeughaussturm und im Juni am badisch-pfälzischen Aufstand teil (Reichsverfassungskämpfe)

1849 am 4. August wird er zu lebenslanger Festungshaft verurteilt und inhaftiert, zunächst in Bruchsal, dann im pommerschen Naugard

1850 im Mai wird er in das Zuchthaus Spandau überwiesen

1850 am 6. November wird er in einer spektakulären Aktion von Carl Schurz befreit, flüchtet über Rostock und Warnemünde nach England und lässt sich in London nieder

1851 folgt Johanna Kinkel mit den vier Kindern nach

1852 Professor für Literaturgeschichte am Hyde-Park- und am Bedford-College

1858 Johanna Kinkel stirbt in London

1860 heiratet Minna Werner aus Königsberg

1861 Vorträge zur Kunstgeschichte im South-Kensington-Museum

1863 Examinator an der Universität London

1866 Professor für Kunstgeschichte am Polytechnikum Zürich

1882 am 13. November stirbt Gottfried Kinkel nach einem Schlaganfall, ohne vorherige Amnestie



Freitag, 31. Juli 2015

Rheinfahrt im August

Der August des Jahres 1846 bescherte wunderbare Sommertage. Der fast vierundzwanzigjährige Theodor Althaus hatte sein Studium in Bonn, Jena und Berlin beendet, hatte jedoch auf Grund seiner politischen und religiösen Überzeugungen keine Chance auf eine Anstellung. Ihm blieb die Sprache in Predigten, Vorträgen und dem geschriebenen Wort. Für seine längere Schrift „Die Zukunft des Christenthums“, in der er seine progressiven religiösen Vorstellungen ausführlich darstellte, hatte er einen Verleger gefunden. Und nach Wanderungen im Harz und an der Weser zog es ihn an den Rhein, seinerzeit wichtiges Symbol der deutschen Freiheitsbewegung.  Gerne erinnerte sich Althaus an seine Studienzeit an der Bonner Friedrich Wilhelms Universität, an Weinfelder, das Siebengebirge, Burg Rheinstein hoch über der Flusswindung, den schroffen Loreleyfelsen, die glitzernden Wellen am Ufer und an den Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten, die dasselbe Ziel verfolgten wie er: ein einheitliches demokratisches Deutschland, in dem es allen Menschen gut ging, nicht nur den Königen und Fürsten.
In Köln traf er Levin Schücking und Karl-Heinrich Brüggemann von der „Kölnischen Zeitung“ und ein paar Kilometer rheinaufwärts seinen Bonner Dozenten Gottfried Kinkel,  mit dem ihn inzwischen eine enge Freundschaft verband.
Mit dem Dampfboot fuhr er weiter flussaufwärts bis nach Bingen, unternahm eine mehrtägige Wanderung entlang der Nahe bis  nach Kreuznach, wo er bei seinen Beobachtungen den Eindruck hatte, er stoße mit jedem Schritt an eine „faule Frucht der Geschichte“. Die krassen Gegensätze zwischen bestens ausgestatteten Kurgästen auf der Kreuznacher Promenade und den schwitzenden Arbeitern mit zerschundenen Händen in den Weinfeldern waren ihm unerträglich.
Hinter Bad Münster am Stein ging es bergauf zur Ebernburg, wo er sich beim Gang zwischen den Ruinen um einige Jahrhunderte zurück versetzt fühlte in die Reformationszeit, als der Burgbesitzer Franz von Sickingen, Freund des Volkes und Martin Luthers, hier gewohnt und entgegen allen Anfeindungen seiner Fürstenkollegen, verfolgten Reformatoren Asyl gewährt hatte. Auch Sickingens gleichgesinnter Freund, der Dichter Ulrich Hutten, war für lange Zeit dort oben untergekommen. Diese besondere Bedeutung verschaffte der Burg den Beinamen „Herberge der Gerechtigkeit“.
Eine weitere Unternehmung führte den Wanderer in das wildromantische, zerklüftete Wispertal. Stundenlang ging er allein, umgeben nur von der großartigen Natur, die doch klüger war als die Menschen, die es nicht fertig brachten, diese Großartigkeit auch denen zugänglich zu machen, die in Hütten hausten. Welch ein Widerspruch!
In dieser „Profeteneinsamkeit“ fochten die Gedanken in seinem Kopf einen fürchterlichen Kampf, der dann in leidenschaftlicher Empörung mit Feder und Tinte zum Ausbruch kam. In den sechsundneunzig Strophen von „Eine Rheinfahrt im August“ erinnerte der Autor an die hochfliegenden Hoffnungen auf Freiheit und Gerechtigkeit, zeigte das schwache Elend der vielen, die sich abquälten, damit wenige alle Reichtümer besäßen und stellte fest, das „fluchbeladene Metall“ richte nur Unheil und Blutvergießen an. Geld solle man besser im Rhein versenken wie den Nibelungenschatz. Gleichzeitig war dieses Gedicht eine Hymne an den mächtigen Fluss, der ruhig und unbeirrt seinen Weg nahm. An alle dem hatte der Rhein ja keine Schuld. Er war der ungekrönte König und auf ihm ruhten seine Hoffungen auf bessere Zeiten.
Die Zukunftsvision von Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit beherrschte Theodors gesamtes Denken, Fühlen und Handeln. Für die Verwirklichung dieses Ideals würde er alles geben. Als wollte er diesen Vorsatz besiegeln, taufte er sich eines Abends an einer Uferstelle selbst mit klarem Rheinwasser.

Außer in den gereimten Zeilen  „Eine Rheinfahrt im August“ bearbeitete Theodor Althaus seine Erlebnisse während dieser Wanderungen in den zwei Erzählungen „Herberge zur Gerechtigkeit“ und „Eine Nacht der Gegenwart“, die er in der Anthologie „Mährchen aus der Gegenwart“ publizierte. Der letzte Text in dieser kleinen Sammlung, überschrieben „Vom Rhein“, ist ein Auszug aus Theodor Althaus längerer Schrift „Aus dem Gefängniß“ die er während seiner Haftzeit im Staatsgefängnis in Hildesheim verfasste. 




Dienstag, 28. April 2015

Rezension im Jahrbuch Vormärz Forschung 2014


Dieses Buch vom Aisthesis Verlag hatte ich gerade in der Post. Warum? Es beinhaltet eine wunderbare Rezension der von mir herausgebrachten "Zeitbilder 1840 - 1850" mit ausgewählten Texten von Theodor Althaus. Frank Stückemann aus Soest-Meiningsen hat sie geschrieben. Er kommt zu dem Fazit:

"Renate Hupfeld bietet in mancherlei Hinsicht einen für alle Geisteswissenschaftler unbedingt lesenswerten Querschnitt aus dem Schaffen von Theodor Althaus: chronologisch, thematisch und hinsichtlich der unterschiedlichen literarischen Genres. Eine umfassende Textedition mit den Werken Althaus' dürfte der Literaturkommission für Westfalen eine lohnende Aufgabe sein. Es bleibt die offene Frage, warum es gerade in Lippe-Detmold mit Grabbe, Weerth, Freiligrath und eben auch Althaus soviel Geist gegeben hat. Neben der Überschaubarkeit der Verhältnisse dürfte deren Freisinnigkeit eine entscheidende Rolle gespielt haben, jedenfalls bis zum Revolutionsjahr 1848"

aus: "Religion - Religionskritik - Religiöse Transformation im Vormärz" im Jahrbuch 2014 "Forum Vormärz Forschung", erschienen im Aisthesis Verlag Bielefeld.

Das besprochene Buch (mit Inhaltsangabe) im Aisthesis Verlag : Theodor Althaus: Zeitbilder 1840 - 1850

Und hier gibt es einen Blick in das besprochene Buch: Theodor Althaus: Zeitbilder 1840 - 1850

Montag, 30. März 2015

31. März 1848: Vorparlament in der Frankfurter Paulskirche



Auf der Rückfahrt nach Leipzig war von anarchischer Schwüle [in Berlin nach der Blutnacht vom 18. zum 19. März 1848] nichts mehr zu spüren. Deutsche Fahnen wehten auf den Bahnhöfen und viele Menschen trugen Bänder in Schwarz-Rot-Gold. Nach den Aufständen in Palermo, Paris, Wien, Baden und Berlin gingen die Menschen auf die Straße, wo sich die Empörung über die Knechtschaft der vergangenen Jahrzehnte entlud. Der Anbruch einer neuen Zeit wurde gefeiert, ein deutscher Frühling. Aus Furcht vor weiteren Unruhen erteilten die Könige und Fürsten in den Ländern eiligst Lockerungsregelungen von den Karlsbader Beschlüssen, wie Friedrich Wilhelm IV. in Preußen, Friedrich August in Sachsen und Ernst August in Hannover mit beschwichtigenden Proklamationen, Aufhebung von Pressezensur und Versammlungsverbot, Ministerien wurden eiligst ausgewechselt und Versprechungen gemacht hinsichtlich Bürgerwehren anstelle von gehorsamem Militär.
Althaus' Freunde in Leipzig hatten unterdessen nicht geschlafen. Robert Blum hatte auf dem Marktplatz vor Hunderten Zuhörern vom Balkon des Rathauses eine bejubelte Rede gehalten, in der er den Rücktritt der sächsischen Regierung forderte und dafür plädierte, das derzeitige Soldatentum abzuschaffen und alle Bürger zu bewaffnen, damit man mit den jungen Brüdern Hand in Hand gehen könne. Arnold Ruge hatte Die Reform gegründet, ein Organ für eine breite Leserschaft mit dem Ziel, bei allem Enthusiasmus über die errungenen Erfolge Klarheit in das Chaos der verschiedenen Meinungen, Begriffe und Sprachregelungen zu bringen.
Auf der großen politischen Bühne hieß es jetzt zügig handeln, damit das durch die revolutionären Erhebungen gewonnene Potential nicht verpuffte. Einundfünfzig Männer hatten bereits Vorarbeit geleistet. Auf Einladung von Johann Adam Itzstein aus Hallgarten waren sie zusammen gekommen und hatten am 5. März 1848 die sogenannte Erklärung der Heidelberger Versammlung formuliert, in der sie auf Vorschlag von Theodor Welcker sieben Mitglieder benannten, die für alle Länder des Deutschen Bundes eine Nationalvertretung vorbereiten sollten. Dieser Siebenerausschuss tagte am 12. März 1848 und brachte eine Einladung an die Ständemitglieder und eine Auswahl von Vertrauensmännern aus allen Ländern zu einem Vorparlament auf den Weg. Das berufene Gremium sollte die Grundlagen zur Wahl der Mitglieder einer gesamtdeutschen Nationalversammlung schaffen und am 31. März 1848 in Frankfurt  zusammen kommen.
Im Wohnzimmer von Robert Blum tagte wieder ein kleiner Kreis, um vor seiner Abreise nach Frankfurt zur Teilnahme am Vorparlament die dort zu vertretende politische Richtung zu besprechen. Man diskutierte wild durcheinander und kam stundenlang nicht auf den Punkt, bis schließlich der Hausherr das Wort ergriff und kurz erklärte, wo es lang gehen sollte. Wer konnte das besser einschätzen als Blum? Er hatte als jahrlanges Mitglied des Hallgartenkreises sowie des Leipziger Stadtparlaments den Überblick, genoss das Vertrauen der Bevölkerung und war ein Meister der Rede, der Organisation und der Beschaffung von Mehrheiten nach demokratischen Prinzipien. Seine Überzeugungskraft suchte ihresgleichen. Wenn er sprach, hörte jeder zu. Das stellte auch Althaus an jenem Abend in Blums Wohnung bewundernd fest.

Das Vorparlament mit 574 Teilnehmern tagte vom 31. März bis zum 3. April 1848 in der Frankfurter Paulskirche. Es sah seine Aufgabe darin, die Art und Weise der Bildung einer parlamentarischen Nationalversammlung mit dem Ziel der Erarbeitung einer Verfassung für ganz Deutschland festzulegen und wählte aus seinen Reihen einen Fünfzigerausschuss, der in Absprache mit der Bundesversammlung den Wahlmodus für die Mitglieder der Nationalversammlung festlegen sollte. Robert Blum gehörte diesem Fünfzigerausschuss an. Die Leipziger Angelegenheiten regelte er während seiner Abwesenheit zusammen mit Vertrauten aus der Entfernung. Auch Theodor gehörte dazu. Blum wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte. Seinem Schwager und engem Mitarbeiter Georg Günther schrieb er am 13. April 1848: Wenn Althaus etwas schreibt, dann ist das gewiss gut, und ich bin im voraus damit einverstanden.

Samstag, 14. März 2015

"Es ist wieder März geworden ..." Wohnzimmerlesung


„Es ist wieder März geworden …“

Ein Wohnzimmer-Abend mit Geschichten und Liedern aus Vormärz und Revolution

Das Folk-Duo "Lauscher" und die Autorin Renate Hupfeld gestalteten einen Abend mit Musik und Lesung.

Renate Hupfeld las Auszüge aus ihrem Buch "Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland", spannende Episoden aus seinem kurzen bewegten Leben, wie in Berlin, wo er das revolutionäre Geschehen um den 18. März 1848 miterlebte oder das Drama um seinen Freund Robert Blum, am 9. November 1848 ohne Prozess hingerichtet. Mit ihren umfangreich recherchierten Hintergrundinformationen spannte sie den Bogen von den Karlsbader Beschlüssen über das erste vom deutschen Volk gewählte Parlament in der Frankfurter Paulskirche bis zum Jahre 1849, in dem die Realisierung der Reichsverfassung an monarchischen Betonmauern scheiterte.

Die Volkslieder aus der Vormärzzeit, wie das "Bürgerlied", "Ein schwerer Traum" und "Trotz alledem", unterstrichen stimmungsvoll die Leseanteile und ließen das Kämpfen und Fühlen der Menschen der 1848er Zeit lebendig werden. Mit Waldzither, singender Säge und zweistimmigem Gesang interpretierten die Musiker Christine Walterscheid und Dominique M.Täger die Aufbruchstimmung des Vormärz, die Wirren des Kampfes um Freiheit, Einheit und Demokratie und ließen diese spannende Phase der deutschen Geschichte lebendig werden.

Die anschließende Diskussion zeigte, wie sehr die Zuhörer berührt waren vom Schicksal des Protagonisten und von den Schwierigkeiten, mit denen die Menschen im zersplitterten Auswanderungsland Deutschland zur Mitte des 19. Jahrhunderts zu kämpfen hatten, im Ringen nach demokratischen Strukturen, die für uns heute selbstverständlich sind. 


Zum Abschluss gab es auf Wunsch noch ein kleines Konzert mit Eigenkompositionen von „Lauscher“.






Freitag, den 13. März 2015 in Hupfelds Wohnzimmer in Hamm

Freitag, 20. Februar 2015

Sturmglocken von Notre Dame


Der germanische Winterschlaf war die berühmte Ruhe vor dem großen Sturm. Als Theodor Althaus am 27. Januar 1848 im Leipziger Theater einer Vorstellung von Glucks Iphigenie in Aulis beiwohnte, war es ihm unmöglich, seine Aufmerksamkeit auf die Opernbühne zu lenken, denn unmittelbar zuvor hatte er die Nachricht vom erfolgreichen Aufstand der Bevölkerung in Palermo gegen den bourbonischen König Ferdinand II. am 12. Januar 1848 erhalten. Das war die größte Freude, die er seit langem erlebt hatte. Die Lichter von Palermo, nachts um drei angezündet, sah er während der gesamten Vorstellung vor sich. Ich hoffe, du hast unseren ersten Sieg in diesem Jahr gehörig genossen und den 12. Januar roth angestrichen, schrieb er seiner Schwester nach Detmold.
Ein paar Tage später stand er im gedrängt vollen Konversationssaal des Museums, eine gerade eingetroffene Zeitung in den Händen, die Indépendance Belge, aus der er fast atemlos einen Artikel über Sturmglocken von Notre Dame, dem Sturz von König Louis Philippe am 24. Februar 1848, vorlas. Das war weit mehr als Sizilien, das konnte umwerfende Auswirkungen auf die Länder des Deutschen Bundes haben. Wie sah die neue Regierung in Frankreich aus? Gab es eine Republik? Ungeduldig fiebernd wartete man auf weitere Nachrichten, auf Journale oder Reisende mit dem Zug aus Brüssel oder aus Köln.
Am 5. März 1848 konnte er endlich die befreienden Informationen in seinem Tagebuch notieren. Einen Tag nach dem Sturz des Monarchen war in Paris die Republik ausgerufen und eine provisorische Regierung gebildet worden: Ich habe Angst gehabt, wie eine Mutter um ihr Kind, bis endlich, allendlich das Ja und Amen kam - keine Regentschaft, sondern Republik, keine Freude, sondern Enthusiasmus, kein neues Ministerium - eine neue Welt! Ich habe kaum Zeit zu denken […]. Ich kann mich nicht satt lesen an den Verordnungen der provisorischen Regierung. Als ich zum erstenmal die Ueberschrift las, hab ich geweint vor Freude:
Republique Francaise,
Liberté, Egalité, Fraternité

Als die Freudentränen versiegt waren, stellte sich für den jungen Heißsporn die Frage: Und jetzt? Da war einer schon längst aktiv. Robert Blum versammelte Gleichgesinnte um sich und hatte auch konkrete Pläne. Zuerst wollte er in Leipzig und Sachsen Einfluss nehmen, im Stadtparlament und im Redeübungsverein. Es hieß Forderungen und in Broschüren publizieren: Geschworenengerichte, Presse- und Versammlungsfreiheit, Rücktritt der sächsischen Regierung, Wahlreform, Volksbewaffnung anstelle von Soldaten. Blum war in seinem Element. Sonst immer mit Reden vorneweg, saß Althaus jetzt nur still dabei. Er musste die neuen Entwicklungen erst einmal begreifen. Wie sollte ein freies einheitliches Deutschland aussehen? Noch ehe er sich über seinen Anteil an Blums Aktivitäten klar werden konnte, bekam er ein Angebot von der Weser-Zeitung. Jetzt wollte man ihn als Leitartikler in Bremen sehen.
Am 9. März war er unterwegs nach Norddeutschland. Doch er hatte kaum Zeit, sich in Bremen zu etablieren, als der nächste Donnerschlag durch das Land hallte. Der kam aus Wien. Nach einem Sturm auf das Ständehaus war der vierundsiebzigjährige Staatskanzler Fürst Metternich am Abend des 13. März 1848 ins Exil geflohen. In der Bremer Redaktion wurde die neue Situation in den Ländern des deutschen Bundes erörtert und die politische Richtung der Weser-Zeitung festgelegt. Sollte Deutschland eine parlamentarische Monarchie oder eine Republik werden? Letzteres würde die Abschaffung der Königs-, Fürsten- und Herzogtümer bedeuten. Als glühender Verfechter der Republik konnte Althaus sich nichts anderes vorstellen. Die Redakteure der Weser-Zeitung hingegen wollten einen gemäßigten Kurs fahren. Somit kam eine enge Mitarbeit in der Bremer Redaktion für beide Seiten nicht mehr in Betracht. An seinen Artikeln war man jedoch nach wie vor interessiert.

So fuhr Althaus zurück nach Leipzig, um weitere Nachrichten zu den Ereignissen in Wien einzuholen und von dort nach Bremen zu berichten. Als er am 19. März im Leipziger Museumssaal ankam, schlug bereits die nächste Bombe ein. Die Extraausgaben der Zeitungen brachten erste Berichte von heftigsten Straßenkämpfen in Berlin. Mit dem Abendzug machte er sich auf den Weg in die preußische Hauptstadt, kam aber nur bis Magdeburg und übernachtete im Hotel Stadt London.

Leseprobe aus: 



Dienstag, 10. Februar 2015

Warum Theodor Althaus?



Fragen zur Lebensgeschichte von Theodor Althaus, die die Autorin gerne beantwortet:

Wie kommt man dazu, ein Buch über Theodor Althaus zu schreiben? 
Bei der Konfrontation mit der Frage ‚Wie sah es im Deutschland zur Mitte des 19. Jahrhunderts aus, wenn so viele Menschen ihr Heimatland verließen und nach England, Amerika oder sogar Australien auswanderten?’ entdeckte ich vor einigen Jahren im „Museum für Westfälische Literatur“ in Oelde-Stromberg die Schriftstellerin Malwida von Meysenbug. In deren „Memoiren einer Idealistin“ faszinierte mich besonders ihr Detmolder Freund Theodor Althaus. Bei einer Tagung zum Thema „Vormärz“ in Wolfenbüttel ergab sich ein Kontakt mit dem Aisthesis Verlag Bielefeld, bei dem ich im Januar 2010 eine Auswahl seiner Texte mit dem Titel „Zeitbilder 1840 – 1850“ herausgeben konnte. Aus den Recherchen zu dieser Anthologie entwickelte sich das Projekt Biografie. Ich wollte die schicksalhafte Lebensgeschichte des Theologen, Schriftstellers und Journalisten Theodor Althaus, der nicht einmal dreißig Jahre alt geworden war, aufschreiben und einem möglichst breiten Leserkreis zugänglich machen.

Was ist faszinierend an ihm? 
Die Geradlinigkeit, mit der er seine Ideen und Ziele verfolgte. Er kämpfte für ein freies, einheitliches Deutschland mit demokratischen Strukturen. Als Meister des gesprochenen und geschriebenen Wortes nutzte er jede Gelegenheit, um den Menschen seine Botschaft nahe zu bringen. Zeit seines Lebens vertrat er beharrlich seinen Standpunkt, selbst wenn es ihm Nachteile und ihn ja auch letztendlich ins Gefängnis brachte.

Für wen ist das Buch geschrieben? 
Es ist kein wissenschaftliches Werk, sondern im weitesten Sinne eine dokumentarische Erzählung. Dokumentarisch deshalb, weil die Begegnungen, Zeiten und Orte der Handlung, Umstände wie das Wetter und natürlich Zitate entsprechend recherchiert sind und ich jede Einzelheit nachweisen kann. Ich erzähle die Lebensgeschichte von Theodor Althaus und beim Schreiben kam es mir auf den Erzählfluss an, das heißt ich bleibe nahe am Protagonisten in seinen jeweiligen Lebenszusammenhängen, einschließlich der politischen, die zum Teil ziemlich kompliziert und für uns heute schwer nachvollziehbar sind. Geschehnisse im Revolutionsjahr 1848, wie die Eröffnung des ersten deutschen Parlamentes in der Paulskirche, die blutigen Aufstände in Berlin, Wien und Frankfurt oder das äußerst zähe Ringen der demokratisch gesinnten Untertanen des Königs Ernst August in Hannover, versuche ich den Lesern nahezubringen, und zwar immer eingebunden im Erleben meines Protagonisten.

Gibt es einen Aktualitätsbezug? 
Theodor Althaus lebte in einer Zeit, als Einheit, Freiheit und Demokratie in Deutschland laufen lernen wollten. Leidenschaftlich kämpfte er um eine gerechtere Welt. Alle Menschen sollten in den Stand versetzt werden, mitzureden und an den irdischen Gütern teilzuhaben. Davon war man weit entfernt. Wenige besaßen viel, die meisten waren arm und wussten nicht, wie sie den nächsten Tag überleben sollten. Althaus Kampf um Demokratie und gerechte Verteilung der irdischen Güter kann man heute noch immer nachvollziehen. Seine Visionen und Botschaften haben somit nichts an Aktualität eingebüßt.

Das Buch wurde ohne Beteiligung eines Verlages herausgegeben. 
Stimmt. Nach Fertigstellung habe ich es verlagsunabhängig als E-Book in der Kindle Edition und als Taschenbuch veröffentlicht, weil ich zunächst die vollen Rechte am Manuskript behalten wollte. Das hat den Vorteil, dass zum Beispiel die Preisgestaltung in meinen Händen liegt. Mir war es wichtig, leserfreundlich zu kalkulieren. Viele von Verlagen herausgebrachte Bücher finde ich zu teuer, vor allem die E-Books. Zugegeben, die Vermarktung ist kein Selbstläufer. Dazu nutze ich die Möglichkeiten des Internets, zum Beispiel mit Informationen auf meinen Homepages, in entsprechenden Foren und natürlich von Lesungen und Pressenotizen. Allerdings will ich auch betonen, dass ich die Zusammenarbeit mit einem Verlag, in dessen Programm der Stoff passt, grundsätzlich nicht ablehne.

Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland


Donnerstag, 15. Januar 2015

1846 Geld sollte man besser im Rhein versenken



Rheinfahrt im August

Der August des Jahres 1846 geizte nicht mit wunderbaren Sommertagen. Theodor stand am Fenster seiner Studierstube und betrachtete den Sonnenuntergang über der Grotenburg. Mit der leichten Bewegung der zart angehauchten Wölkchen träumte er sich über den Horizont hinaus bis an den Rhein. Märchenhafte Bilder und Farben kamen ihm ins Gedächtnis. Erinnerungen an sanft ansteigende Weinfelder, Burg Rheinstein hoch über der Flusswindung, der schroffe Loreleyfelsen im Abendlicht, glitzernde Wellen im Ufersand und der Gedankenaustausch mit Menschen, die genauso dachten und fühlten wie er und die gleichen Hoffnungen hegten.
Einige Tage später machte er seinen Traum wahr und fuhr an den Rhein, wo er jetzt, sechs Jahre nach dem hoffnungsvollen Studienbeginn, eine Zeit der heftigen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten seines Vaterlandes erlebte. In Köln traf er sich mit zwei Redakteuren der Kölnischen Zeitung, und zwar mit Levin Schücking und Karl-Heinrich Brüggemann, dem er zwei Jahre zuvor in Waßmanns Lokal in Berlin nach seiner ersten politischen Rede begegnet war. Mit seinem Freund Gottfried Kinkel saß er hoch über dem Fluss mit Blick auf das Siebengebirge, um festzustellen, dass die Rheingegend noch genauso schön war wie drei Jahre zuvor und dass dennoch so vieles verändert war. Nachdem Gottfried Kinkel die geschiedene Künstlerin Johanna Mockel geheiratet hatte, war er für eine Lehrtätigkeit in der theologischen Fakultät war untragbar geworden und lehrte nur noch im Fach Kunstgeschichte.
Mit dem Dampfboot fuhr Theodor in Etappen flussaufwärts nach Bingen. Von dort aus unternahm er eine Wanderung entlang der Nahe bis nach Kreuznach, wo er bei den Begegnungen mit Menschen den Eindruck hatte, er stoße mit jedem Schritt an eine faule Frucht der Geschichte. Die krassen Gegensätze zwischen bestens ausgestatteten Kurgästen auf der Kreuznacher Promenade und den schwitzenden Arbeitern mit zerschundenen Händen in den Weinfeldern waren ihm unerträglich. Von Kreuznach aus wanderte er weiter und hinter Bad Münster am Stein bergauf zur Ebernburg. Beim Gang zwischen den Ruinen fühlte er sich um einige Jahrhunderte zurückversetzt in die Reformationszeit, als der Burgbesitzer Franz von Sickingen, Freund des Volkes und von Martin Luther, hier gewohnt und entgegen allen Anfeindungen seiner Fürstenkollegen verfolgten Reformatoren Asyl gewährt hatte. Auch Sickingens gleichgesinnter Freund, der Dichter Ulrich Hutten, war für lange Zeit dort oben untergekommen. Diese besondere Bedeutung verschaffte der Burg den Beinamen Herberge der Gerechtigkeit.
Eine weitere Unternehmung führte den vierundzwanzigjährigen Wanderer in das wildromantische, zerklüftete Wispertal. Stundenlang ging er allein, umgeben nur von der großartigen Natur, die doch klüger war als die Menschen, die es nicht fertig brachten, diese Großartigkeit auch denen zugänglich zu machen, die in Hütten hausten. Welch ein Widerspruch! In dieser Profeteneinsamkeit  fochten die Gedanken in seinem Kopf einen fürchterlichen Kampf, der dann in leidenschaftlicher Empörung mit Feder und Tinte zum Ausbruch kam. In den sechsundneunzig Strophen von Eine Rheinfahrt im August erinnerte der Autor an die hochfliegenden Hoffnungen auf Freiheit und Gerechtigkeit, zeigte das schwache Elend der vielen, die sich abquälten, damit wenige alle Reichtümer besäßen, und stellte fest, das fluchbeladene Metall  richte nur Unheil und Blutvergießen an. Geld solle man besser im Rhein versenken wie den Nibelungenschatz. Gleichzeitig war dieses Gedicht eine Hymne an den mächtigen Fluss, der ruhig und unbeirrt seinen Weg nahm. An alle dem hatte der Rhein ja keine Schuld. Er war der ungekrönte König und auf ihm ruhten seine Hoffungen auf bessere Zeiten. Die Zukunftsvision von Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit beherrschte Theodors gesamtes Denken, Fühlen und Handeln. Für die Verwirklichung dieses Ideals würde er alles geben. Als wollte er diesen Vorsatz besiegeln, taufte er sich eines Abends an einer Uferstelle selbst mit klarem Rheinwasser.
Ende September 1846 wurde Eine Rheinfahrt im August mit dem Untertitel Den Kölnern, den Schleswigholsteinern, Allen die den Rhein lieben gewidmet gedruckt, auch diesmal wieder beim Schünemann Verlag in Bremen. In dem Zusammenhang erfolgte eine Einladung von den Redakteuren der Weser-Zeitung, deren Verleger ja auch Schünemann war. Man wollte den jungen Literaten, der seit zwei Jahren regelmäßig brillante Texte für ihr Blatt lieferte, persönlich kennenlernen und mit ihm über eine ständige Mitarbeit in der Redaktion reden. Das waren attraktive Aussichten und eine Übersiedlung nach Bremen hatte zudem wegen der Erinnerung an die jahrelange Tätigkeit von Großvater Dräseke an der dortigen Gemeinde St. Ansgarii einen ganz besonderen Stellenwert. Drei Tage brauchte die Miethskutsche durch Sand- und Heidewege. Das Gespräch fand statt, doch die Redakteure der Weser-Zeitung  waren keinesfalls in allen Punkten mit Theodor einig. Seine politischen Ziele gingen weit über das hinaus, was eine Tageszeitung in Bremen sich leisten konnte. Man einigte sich auf eine befristete Mitarbeit, zunächst für ein halbes Jahr. Der Vertrag sollte sofort in Kraft treten.

Doch dann traf Theodor Althaus das Missgeschick gleich in zweierlei Weise. Er wurde ernsthaft krank und war monatelang nicht arbeits- und noch weniger reisefähig. Und noch schlimmer war, dass die Rheinfahrt vom Oberzensurgericht Preußen verboten wurde. Schünemann wurde aufgefordert, die Vertreibung der Schrift sofort zu stoppen, andernfalls würden gegen das Verlagshaus Sanktionen erfolgen. Eine schriftliche Eingabe des Verfassers an den preußischen Innenminister blieb trotz glänzender Argumentation ohne Erfolg. Schünemann distanzierte sich von Althaus, um weiteren Schwierigkeiten mit den preußischen Behörden aus dem Weg zu gehen. Man verschob das Inkrafttreten des Vertrages bis auf Weiteres. Die Zusammenarbeit in der bisherigen Art und Weise wurde jedoch beibehalten und es erschienen weiterhin Artikel von Althaus in der Weser-Zeitung, unter anderem einer über seine Gedanken bei der Wanderung auf die Ebernburg.

"Rheinfahrt im August", Kapitel aus:

Sonntag, 11. Januar 2015

1849 "Pressefreiheit" in Hannover



Gefängniß vor dem Cleverthor

Zwar empfand Althaus die politische Situation als persönliches Dilemma, doch es ging nicht nur ihm so. Weite Teile der Bevölkerung standen uneingeschränkt hinter der Reichsverfassung. Die Enttäuschung und Verbitterung angesichts der unerträglichen Missachtung des Volkswillens machte die tiefe Kluft zwischen Fürsten und Volk allzu deutlich sichtbar. Das absolute monarchische Prinzip stand dem so hart erkämpften demokratischen Prinzip gegenüber. Die starre Haltung der Herrschenden, die vor brutaler Härte nicht Halt machten, schürte das Gefühl der Ohnmacht gegen selbstgefällige Machtausübung. So war es kein Wunder, dass die Menschen wieder unruhig wurden. In allen Ländern gab es friedliche Demonstrationen und Aktionen zur Anerkennung und Umsetzung des Frankfurter Gesetzeswerkes in Form von Kundgebungen und Petitionen, so in Bayern, Franken und in der linksrheinischen Pfalz. Im pfälzischen Kaiserslautern wurde ein Landesausschuss gebildet zur Verteidigung der Reichsverfassung, die man gegen rechtsbrüchige Regierungen durchsetzen müsse.Ge
Als die Machthaber angesichts dieser Willensäußerungen aus dem Volke auf ihrem hohen Ross sitzen blieben und noch immer nicht einsahen, dass das absolute monarchische System dem Prinzip der Volkssouveränität weichen musste, passierte das Unausweichliche. Am 3. Mai 1849 fiel in Dresden der erste Schuss für die Durchsetzung der Reichsverfassung. Nachdem das Zeughaus gestürmt und die Aufständischen bewaffnet waren, flüchtete der sächsische König Friedrich August II. am folgenden Tage mit Familie und Ministern auf die Festung Königstein und die Rebellen proklamierten eine provisorische Regierung für Sachsen auf der Grundlage der Reichsverfassung.
Neue Hoffnung keimte auf. War das der Weg? War der Krieg zwischen Fürsten und Volk offen ausgebrochen? Dann müsste die deutsche Einheit mit Blut erkauft werden. Auch in Bayern, im Rheinland, in Westfalen, Württemberg, Baden, der Pfalz und in vielen anderen Gegenden Deutschlands kam es zu blutigen Volkserhebungen. Theodor Althaus fühlte sich wie erlöst vom Gefühl der Ohnmacht gegen die brutale monarchische Militärmaschinerie. Und er hatte Mitstreiter, die weitaus deutlichere Worte sprachen, als er es sich in Hannover herausgenommen hatte. Die Verfassung, welche die Vertreter des Volkes beschlossen und endgültig verkündet haben, soll durch die Gewalt rebellischer Regierungen umgestürzt, vernichtet werden, hieß es im Aufruf an das Deutsche Volk vom Kongress der Märzvereine Deutschlands am 6. Mai 1849 in Frankfurt, an der Spitze Julius Fröbel und Franz Raveaux. Alle Männer wurden aufgefordert, der Verfassung Treue zu schwören, sich zu bewaffnen und gemeinsam die Durchführung zu erkämpfen.
Vergleichsweise harmlos las sich dagegen der leitende Artikel Der zehnte Mai in Frankfurt am 13. Mai 1849 in der Zeitung für Norddeutschland. Inzwischen war der Dresdner Aufstand mit Hilfe von preußischen Truppen blutig niedergeschlagen worden. Die Nationalversammlung hatte daraufhin den Vertreter der Zentralgewalt aufgefordert, dem preußischen Reichsfriedensbruch entgegenzutreten und die Reichsverfassung gegen jeden Zwang und Unterdrückung in Schutz zu nehmen. Als der Reichsverweser Erzherzog Johann, als Vertreter der Zentralgewalt, sich weigerte, diesen mehrheitlich beschlossenen Auftrag des deutschen Parlamentes auszuführen, sah sich das Ministerium Gagern mit seiner Arbeit am Ende und bot seinen Rücktritt an, den der Reichsverweser auch annahm. Althaus folgerte, dass das Verfassungsprojekt in Frankfurt gescheitert war und er forderte, dass sich nun Gremien, Vereine und Bevölkerung in den Ländern verstärkt um die Durchsetzung des Frankfurter Verfassungswerkes bemühen sollten. Da das hannoversche Ministerium mit Preußen, Bayern und Sachsen zu denen gehörte, die die Verfassung nicht anerkannten, rief er am 13. Mai 1848 im Leitartikel Der zehnte Mai in Frankfurt auf, es müsse jetzt ein Landesausschuss für Vertheidigung und Durchführung der deutschen Reichsverfassung in Hannover eingesetzt werden.
Konnte er ahnen, dass sich Innenminister Stüve, in jenen Tagen als Mitglied des vom preußischen König einberufenen Kongresses zwecks Oktroyierung einer zu erstellenden gesamtdeutschen Verfassung in Berlin eingebunden, nun ausgerechnet am Tage des Erscheinens jenes Artikels in Nr. 132 der Zeitung für Norddeutschland in Hannover aufhielt? Das jedenfalls hatte für den aufmüpfigen Redakteur fatale Folgen. War es die Furcht vor Unruhen im Königreich Hannover oder das Verlangen, es dem unbequemen Kritiker heimzuzahlen? Vorstellbar, dass Stüve schon lange auf eine Gelegenheit gewartet hatte, Althaus auszuschalten. Nach dem Vorspiel mit Beleidigungsklage schlug er nun einen Tag nach Erscheinen des Artikels gnadenlos zu. Theodor Althaus wurde am Montag, dem 14. Mai 1849, nach Denunzierung von Innenminister Stüve, verhaftet und vom Stadtgericht Hannover in das Gefängnis vor dem Clevertor eingewiesen.
Wie sollte er das begreifen? Sechs Schritte hin, sechs Schritte zurück. Von Wand zu Wand. Stunde um Stunde. Wer hatte eigentlich das Recht, ihn einzusperren? Welchen Staat sollte er verraten haben? Lächerlich! Mit dem Artikel hatte er nichts anderes getan als sein Vaterland zu verteidigen. Und diejenigen, die das Dilemma von Deutschland zu verantworten hatten, die wahren Staatsverräter, sollten sich nicht zu früh freuen. Ja, sie hatten es geschafft, ihn hinter Schloss und Riegel zu bringen. Doch den Triumph hatten sie nicht verdient, seine Widersacher hier in der Stadt. Das war nicht das Ende. Die Arbeit von Monaten konnte nicht umsonst gewesen sein. Jede Formulierung hart erkämpft und endlich fertig gestellt das Werk. Eine Verfassung für ganz Deutschland. Er blieb stehen, Männerstimmen da draußen, rannte zum Fenster und machte sich an dem eisernen Hebel zu schaffen, bis der Flügel offenstand. Maispitzen vor blauem Himmel, gleichmäßig aufgeteilt im Kreuzgitter. Jedes kleine Quadrat ein Frühlingsbild in grün. Unten im Hof ein Meer von Blüten. Weiß, zartrosa angehaucht. Jemand rief einem anderen etwas zu, der rief zurück, von Gitter zu Gitter. Niemand hinderte sie. Häftlinge im Gefängnis vor dem Clevertor. Wie er. Doch vielleicht war für ihn morgen schon der Spuk vorbei. Er griff eine Zigarre aus der Schachtel, zündete sie an und schaute zu, wie der Rauch in Wölkchen hinauszog in Richtung Westen, dorthin, wo ein paar Eisenbahnstunden von Hannover entfernt sein Elternhaus stand. Noch wussten sie nichts in Detmold. Was würde sie tun, wenn sie es erführen? Und die Mutter noch kein Jahr in ihrem kalten Grab. Bei allem Schmerz ein kleiner Trost, dass sie dieses Unglück nicht mehr erleben musste. Würde sie verstehen, warum er den Artikel genauso schreiben musste? Für das Vaterland? Bedingungslos würde sie zu ihm halten, ebenso wie der Vater und seine kleine Schwester.
Noch am selben Nachmittag verfasste er in seiner Zelle den letzten Artikel als leitender Redakteur, versehen mit seinem Zeichen, dem Sternchen:


* Hannover, 14. Mai. Heute Mittag wurde ich als verantwortlicher Redakteur der Zeitung für Norddeutschland und Verfasser des leitenden Artikels in der Sonntagsnummer dieses Blattes vom Ministerium des Innern beim Stadtgericht ‚als  S t a a t s v e r r ä t h e r’ denuncirt und verhaftet. In dem erwähnten Artikel wurde aufgefordert: in Gemäßheit des Beschlusses der Nationalversammlung vom 10. Mai einen Landesausschuß in Hannover zu bilden mit denselben Befugnissen, welche die Centralgewalt durch ihren Commissar dem pfälzischen Landesausschuß übertragen hatte, d.h. wie ausdrücklich hinzugefügt war, ohne Eingreifen in die Befugnisse der bestehenden Behörden. Der Untersuchungsrichter äußerte unter Anderem auf einen ihm gemachten Einwand: „Die Centralgewalt sei keineswegs als oberste Instanz in allgemeindeutschen Angelegenheiten von Hannover anerkannt. Th. Althaus.



Dienstag, 6. Januar 2015

1. Januar 1849: Am Jahreswechsel





*Der Rückblick und das Vorwärtschauen zu dem uns beim Uebergange vom alten in das neue Jahr die  S i t t e  auffordert, erscheint uns heute als  eine selten so sehr empfundene  N o t h w e n d i g k e i t. Die Weltbewegung des großen Jahres löste in den Geistern die alte Ordnung der Gedanken, und wechselnd gewann einer nach dem andern von ihnen die ungemessene Herrschaft; die Arbeit an dem allgemeinen Werke der Erneuung forderte einen so rastlosen Dienst, daß die Parteien oft ohne viel Besinnen die Werkzeuge wählten und die wahren Mittel und Kräfte wiederholt verkannten. Diese Rastlosigkeit, dieses Ueberstürzen von ungeahnten Entwicklungen und Ereignissen Schlag auf Schlag, ließ mehr als einmal das Ziel aus den Augen verlieren, wenn von den erschütternden Stimmen der Revolution Herzen und Geister überwältigend bewegt wurden.
Für diesen Blick auf das große Ganze der nächsten Vergangenheit und Zukunft unsers Vaterlandes ist es jetzt, wo die letzten Entscheidungen auf eine Weile vertagt und die Gemühter zu einer Art von Erbebung in die Macht der Verhältnisse zurückgekehrt sind, ein günstiger Zeitpunkt. Die Ruhe fördert die gute Sache nicht weniger als die Leidenschaft, die Klarheit arbeitet für sie nicht schlechter, als die aufgeregte Begeisterung. Die Schüler und Meister der alten Diplomatie haben nur dadurch den alten Bau wieder zusammenfügen und die kühnen Pläne zum neuen zerstören können, weil sie, niemals von eignem Herzensdrang beirrt, und stets ungläubig an eine nachhaltige Macht der Geistesbewegungen, ruhig die bestehenden Verhältnisse berechneten und mit den organisirten, disciplinirten Kräften wirkten. Und darum, weil diese Umschau und ein  R e s u l t a t  bringen soll zur Kräftigung und Sammlung unserer Politik, versagen wir es uns, die Stimmen aus allen Höhen und Tiefen, die Schlachtrufe, die Triumphlieder und Grabgesänge aus der deutschen und europäischen Geschichte dieses Jahres in einen ergreifenden Chor zu sammeln. Wir glauben zu der  E r k e n n t n i ß  mitwirken zu müssen, welche jetzt mächtiger ist, als Schmerz und Hoffen. –
Eine neue Welt ging uns Deutschen auf; es war natürlich, daß wir zu viel auf das Allgemeine, auf alle höchsten Güter der Menschheit blickten; aber das Viele, was wir erfassen wollten, konnten wir nicht zugleich festhalten. Die edle menschliche Theilnahme an den verwandten Völkerschicksalen ließ uns die ganze Bewegung zu sehr als eine überall gleiche und dieselbe erscheinen. Wir vergaßen darüber das  E i g e n t h ü m l i c h e  und  U n t e r s c h e i d e n d e  der  d e u t s c h e n  Bewegung stets im Auge zu behalten, aber gerade  d i e s  müssen wir jetzt erkennen, weil nur aus diesem  e i g e n s t e n  Charakter die neuen Kräfte zu entwickeln sind, deren wir nach so bittern Niederlagen bedürfen.
Uns erschien nach der Schmach unserer politischen Zustände die  F r e i h e i t  als das wesentliche Ziel und der eigentliche Charakter der deutschen Revolution. Sie war und ist uns freilich so nothwendig wie die Lebenslust, und immer bleibt die Ausbildung der Demokratie ein wesentliches Ziel. Aber – in einem demokratischen Blatte dürfen wir es ohne Furcht vor Missverständnissen sagen: - es war ein theilweiser Irrthum, wenn man in der Freiheit das  E i g e n t h ü m l i c h e  dieser Bewegung vorherrschend erkennen wollte. Sie war es vielmehr, die Deutschland mit allen Völkern  g e m e i n s a m  hatte; nicht die deutsche, sondern die französische Revolution des vorigen Jahrhunderts hat die Printzipien der Freiheit und Gleichheit, und diese allein, den Mächten der alten Welt blutig abgerungen. Wir kannten sie, wir hatten sie allen liberalen Glaubensbekenntnissen; und ohne große Kämpfe, ohne kräftigen Widerstand haben wir diese Fahnen zum Siege getragen. Die demokratischen Institutionen , in den Grundrechten der conservativen Reichsversammlung festgestellt, in die meisten Einzelverfassungen schon übergegangen, ja selbst von der monarchischen Gewalt in Preußen octroyirt,  s i n d  e r r u n g e n  für Deutschland. Wir haben in ihnen die Mittel, diesen Geist im ganzen Umfang der politischen  F o r m e n  von einer Stufe zur andern, und vom Mittelpunkt bis in alle Spitzen des Lebens durchzubilden, und wer mit freiem Blick an der Schwelle des neuen Jahres die großen Züge des Ganzen erfasst, wird diese Kräfte zu stolz empfinden, als daß er dem Fastnachtsspiel des Belagerungszustandes, den Chicanen der Processe, und allen widerwärtigen Kämpfen, in denen die alten Gewlaten einen Scheinconstitutionalismus zurückzuerobern suchen, noch die Ehre anthäte, ihre Besiegung für das wesentliche und hauptsächliche Ziel unsers Strebens zu halten. Diesen Unwürdigkeiten werden die ersten Worte in den preußischen Kammern ein Ende machen. Was an jenen Grundmauern der Demokratie noch fehlt, wird bald vollendet sein; und dahin blickt kein banges und zweifelndes Auge.
Noch im alten Jahre sind diese Grundrechte als Reichsgesetz verkündet, und wo sie Widerstand finden, richtet er sich nicht gegen die Bestimmungen, in denen freie Völker die genügende Gewähr der Freiheit erkennen. Aber lasst sie eingeführt sein, lasst in ihrem Sinne die gesetzgebende Arbeit in den Einzelstaaten beginnen: damit ist unsere Aufgabe nicht geschlossen und unser Ziel nicht erreicht. Mit diesen Freiheiten sind die Schranken noch nicht gefallen, die uns gehemmt und eingeengt haben; mit ihnen hat Deutschland noch keine Macht, in die große Arbeit der Völkerbefreiung, der internationalen Verbrüderung und Gerechtigkeit ebenbürtig einzutreten; mit ihnen mag der Preuße wie der Baier frei sein, - aber  D e u t s c h l a n d  ist noch keine  N a t i o n. Das volle Gefühl unserer Selbstständigkeit, das hohe Ziel unseres eigensten Berufs, und endlich die von Geist zu Geist entzündete, von Hand zu Hand verbundene Kraft zum öffentlichen Leben und großen Schaffen -  f e h l t  uns, so lange uns die  E i n h e i t  fehlt!
Die Einheit Deutschlands! Sie war es, gegen die der Haß am tiefsten wurzelte, für die die Liebe am nachhaltigsten gedauert hat. Sie ist das Wort unserer Zukunft, das wir nicht ererbt noch gelernt haben und deren Gesetze wir aus keiner Constitution herübernehmen können wie die andern, --- weil ihre Erscheinung die  n e u e  Gestalt des Jahrhunderts, eine neue Form im Völkerleben sein wird, wie weder Amerika noch Frankreich sie gebildet haben. Was Deutschlands  e i n i g e r  G e i s t  für Europas Bildung geleistet hat, das hat bis heute Deutschlands  p o l i t i s c h e  U n e i n i g k e i t  an der  F r e i h e i t  gesündigt; und wie ein getheiltes Deutschland das Ziel und Mittel des europäischen Despotismus war, so wird nur ein einiges Deutschland das Schwerdt und Schild der europäischen Freiheit und Gerechtigkeit sein.
Wir werden daran zu Schanden werden, wenn wir noch länger kurzsichtig, wie oft die Besten, diesen Kern unserer Revolution und unserer Zukunft zerrütten lassen durch den Kampf um  F o r m e n  der Freiheit, die sich doch unfehlbar in ihrer Entwickelung gleichmäßig demokratisch ausbilden werden. Diese Gleichmäßigkeit der inneren Verfassung hat höchstens in freier Uebereinstimmung ihren Werth, aber sie ist keine Nothwendigkeit. Lassen wir der Zeit, was langsam wächst und für den Moment zu entbehren [ist?] aber  s c h a f f e n  wir um  j e d e n  P r e i s, was nur durch die unbeugsame Energie gegen die noch widerstrebenden Kräfte geschaffen oder  g e z w u n g e n  werden muß, weil es  n i c h t  zu entbehren ist. Das ist der  B u n d e s s t a a t, in welchem es nur  e i n  Ministerium des Kriegs und nur  e i n  Ministerium des Auswärtigen giebt, und in dem nur  e i n e  Gewalt,  e i n  Wille an der Spitze steht. Einzig, geschlossen, fest, daß keine fremde Macht an den Interessen von Staaten oder Dynastien  i n n e r h a l b  Deutschlands Handhaben finde, um Deutschland  s e l b s t  zu zerreichßen zum Vortheil des Egoismus oder des Wehrgeizes andrer Nationen.
Wer soll dieß Deutschlandschaffen? Die souveraine Nationalversammlung hat noch heute wie damals die Vollmacht dazu durch die Schwierigkeit oder Unmöglichkeit, daß es  a n d e r s  zu Stande komme. Ist das so, dann müssten wir demnach mit Verzagen die Umkehr der Verhältnisse sich vollenden sehn, durch welche alle Einzelstaaten erstarkt sind und Frankfurt geschwächt ist?
Nein, wir schließen nicht mit dieser Furcht. Was dem Reichstage nicht glücken könnte, das würden die Landtage wieder aufnehmen, und wenn er Hülfe braucht, so werden diese organisirten öffentlichen Kräfte, in edlem Wetteifer verbündet, das zu Ende führen, was aus den kleinen Zusammenkünften von Hallgarten und Heidelberg in wenig Monaten zu einer Macht gewachsen ist, mit der zu brechen doch selbst den Uebermüthigen der Muth fehlt. –
So mögen denn die, deren letzte Ziele noch weit über die Resultate dieses Jahres hinausliegen, sich jetzt mit uns zu denen stellen, die eine solche Einheit gründen wollen. Wir verlangen diese Entsagung und Selbstbeherrschung von unsren Freunden, wie wir sie selbst auch ferner üben werden. Und wie man am Menschen nicht das stets bewegliche Herz achtet, sondern den Charakter: so wird die einzig  d a u e r n d e  Empfehlung für eine Zeitung darin liegen, wenn sie durch ihre Vergangenheit bewährt hat, daß das Vaterland ihr höher al die Parteien, und die Ueberzeugungstreue mehr als Freundschaft und Feindschaft gilt. Zu einem jubelnden „Glückauf“! ist es nicht die Zeit, aber einen Gruß und Handschlag bringen wir Allen entgegen, die uns in der ernsten Arbeit begleiten und fördern wollen!