Montag, 31. Dezember 2012

"Zeitung für Norddeutschland" am 1. Januar 1849





Am 1. Januar 1849 erschien in Hannover die erste Ausgabe der  „Zeitung für Norddeutschland". Ihren Lesern stellte sie sich als überregionales demokratisches Blatt vor. Hier der Leitartikel von Theodor Althaus: 

Am Jahreswechsel

*Der Rückblick und das Vorwärtschauen zu dem uns beim Uebergange vom alten in das neue Jahr die  S i t t e  auffordert, erscheint uns heute als  eine selten so sehr empfundene  N o t h w e n d i g k e i t. Die Weltbewegung des großen Jahres löste in den Geistern die alte Ordnung der Gedanken, und wechselnd gewann einer nach dem andern von ihnen die ungemessene Herrschaft; die Arbeit an dem allgemeinen Werke der Erneuung forderte einen so rastlosen Dienst, daß die Parteien oft ohne viel Besinnen die Werkzeuge wählten und die wahren Mittel und Kräfte wiederholt verkannten. Diese Rastlosigkeit, dieses Ueberstürzen von ungeahnten Entwicklungen und Ereignissen Schlag auf Schlag, ließ mehr als einmal das Ziel aus den Augen verlieren, wenn von den erschütternden Stimmen der Revolution Herzen und Geister überwältigend bewegt wurden.
Für diesen Blick auf das große Ganze der nächsten Vergangenheit und Zukunft unsers Vaterlandes ist es jetzt, wo die letzten Entscheidungen auf eine Weile vertagt und die Gemühter zu einer Art von Erbebung in die Macht der Verhältnisse zurückgekehrt sind, ein günstiger Zeitpunkt. Die Ruhe fördert die gute Sache nicht weniger als die Leidenschaft, die Klarheit arbeitet für sie nicht schlechter, als die aufgeregte Begeisterung. Die Schüler und Meister der alten Diplomatie haben nur dadurch den alten Bau wieder zusammenfügen und die kühnen Pläne zum neuen zerstören können, weil sie, niemals von eignem Herzensdrang beirrt, und stets ungläubig an eine nachhaltige Macht der Geistesbewegungen, ruhig die bestehenden Verhältnisse berechneten und mit den organisirten, disciplinirten Kräften wirkten. Und darum, weil diese Umschau und ein  R e s u l t a t  bringen soll zur Kräftigung und Sammlung unserer Politik, versagen wir es uns, die Stimmen aus allen Höhen und Tiefen, die Schlachtrufe, die Triumphlieder und Grabgesänge aus der deutschen und europäischen Geschichte dieses Jahres in einen ergreifenden Chor zu sammeln. Wir glauben zu der  E r k e n n t n i ß  mitwirken zu müssen, welche jetzt mächtiger ist, als Schmerz und Hoffen. –
Eine neue Welt ging uns Deutschen auf; es war natürlich, daß wir zu viel auf das Allgemeine, auf alle höchsten Güter der Menschheit blickten; aber das Viele, was wir erfassen wollten, konnten wir nicht zugleich festhalten. Die edle menschliche Theilnahme an den verwandten Völkerschicksalen ließ uns die ganze Bewegung zu sehr als eine überall gleiche und dieselbe erscheinen. Wir vergaßen darüber das  E i g e n t h ü m l i c h e  und  U n t e r s c h e i d e n d e  der  d e u t s c h e n  Bewegung stets im Auge zu behalten, aber gerade  d i e s  müssen wir jetzt erkennen, weil nur aus diesem  e i g e n s t e n  Charakter die neuen Kräfte zu entwickeln sind, deren wir nach so bittern Niederlagen bedürfen.
Uns erschien nach der Schmach unserer politischen Zustände die  F r e i h e i t  als das wesentliche Ziel und der eigentliche Charakter der deutschen Revolution. Sie war und ist uns freilich so nothwendig wie die Lebenslust, und immer bleibt die Ausbildung der Demokratie ein wesentliches Ziel. Aber – in einem demokratischen Blatte dürfen wir es ohne Furcht vor Missverständnissen sagen: - es war ein theilweiser Irrthum, wenn man in der Freiheit das  E i g e n t h ü m l i c h e  dieser Bewegung vorherrschend erkennen wollte. Sie war es vielmehr, die Deutschland mit allen Völkern  g e m e i n s a m  hatte; nicht die deutsche, sondern die französische Revolution des vorigen Jahrhunderts hat die Printzipien der Freiheit und Gleichheit, und diese allein, den Mächten der alten Welt blutig abgerungen. Wir kannten sie, wir hatten sie allen liberalen Glaubensbekenntnissen; und ohne große Kämpfe, ohne kräftigen Widerstand haben wir diese Fahnen zum Siege getragen. Die demokratischen Institutionen , in den Grundrechten der conservativen Reichsversammlung festgestellt, in die meisten Einzelverfassungen schon übergegangen, ja selbst von der monarchischen Gewalt in Preußen octroyirt,  s i n d  e r r u n g e n  für Deutschland. Wir haben in ihnen die Mittel, diesen Geist im ganzen Umfang der politischen  F o r m e n  von einer Stufe zur andern, und vom Mittelpunkt bis in alle Spitzen des Lebens durchzubilden, und wer mit freiem Blick an der Schwelle des neuen Jahres die großen Züge des Ganzen erfasst, wird diese Kräfte zu stolz empfinden, als daß er dem Fastnachtsspiel des Belagerungszustandes, den Chicanen der Processe, und allen widerwärtigen Kämpfen, in denen die alten Gewlaten einen Scheinconstitutionalismus zurückzuerobern suchen, noch die Ehre anthäte, ihre Besiegung für das wesentliche und hauptsächliche Ziel unsers Strebens zu halten. Diesen Unwürdigkeiten werden die ersten Worte in den preußischen Kammern ein Ende machen. Was an jenen Grundmauern der Demokratie noch fehlt, wird bald vollendet sein; und dahin blickt kein banges und zweifelndes Auge.
Noch im alten Jahre sind diese Grundrechte als Reichsgesetz verkündet, und wo sie Widerstand finden, richtet er sich nicht gegen die Bestimmungen, in denen freie Völker die genügende Gewähr der Freiheit erkennen. Aber lasst sie eingeführt sein, lasst in ihrem Sinne die gesetzgebende Arbeit in den Einzelstaaten beginnen: damit ist unsere Aufgabe nicht geschlossen und unser Ziel nicht erreicht. Mit diesen Freiheiten sind die Schranken noch nicht gefallen, die uns gehemmt und eingeengt haben; mit ihnen hat Deutschland noch keine Macht, in die große Arbeit der Völkerbefreiung, der internationalen Verbrüderung und Gerechtigkeit ebenbürtig einzutreten; mit ihnen mag der Preuße wie der Baier frei sein, - aber  D e u t s c h l a n d  ist noch keine  N a t i o n. Das volle Gefühl unserer Selbstständigkeit, das hohe Ziel unseres eigensten Berufs, und endlich die von Geist zu Geist entzündete, von Hand zu Hand verbundene Kraft zum öffentlichen Leben und großen Schaffen -  f e h l t  uns, so lange uns die  E i n h e i t  fehlt!
Die Einheit Deutschlands! Sie war es, gegen die der Haß am tiefsten wurzelte, für die die Liebe am nachhaltigsten gedauert hat. Sie ist das Wort unserer Zukunft, das wir nicht ererbt noch gelernt haben und deren Gesetze wir aus keiner Constitution herübernehmen können wie die andern, --- weil ihre Erscheinung die  n e u e  Gestalt des Jahrhunderts, eine neue Form im Völkerleben sein wird, wie weder Amerika noch Frankreich sie gebildet haben. Was Deutschlands  e i n i g e r  G e i s t  für Europas Bildung geleistet hat, das hat bis heute Deutschlands  p o l i t i s c h e  U n e i n i g k e i t  an der  F r e i h e i t  gesündigt; und wie ein getheiltes Deutschland das Ziel und Mittel des europäischen Despotismus war, so wird nur ein einiges Deutschland das Schwerdt und Schild der europäischen Freiheit und Gerechtigkeit sein.
Wir werden daran zu Schanden werden, wenn wir noch länger kurzsichtig, wie oft die Besten, diesen Kern unserer Revolution und unserer Zukunft zerrütten lassen durch den Kampf um  F o r m e n  der Freiheit, die sich doch unfehlbar in ihrer Entwickelung gleichmäßig demokratisch ausbilden werden. Diese Gleichmäßigkeit der inneren Verfassung hat höchstens in freier Uebereinstimmung ihren Werth, aber sie ist keine Nothwendigkeit. Lassen wir der Zeit, was langsam wächst und für den Moment zu entbehren [ist?] aber  s c h a f f e n  wir um  j e d e n  P r e i s, was nur durch die unbeugsame Energie gegen die noch widerstrebenden Kräfte geschaffen oder  g e z w u n g e n  werden muß, weil es  n i c h t  zu entbehren ist. Das ist der  B u n d e s s t a a t, in welchem es nur  e i n  Ministerium des Kriegs und nur  e i n  Ministerium des Auswärtigen giebt, und in dem nur  e i n e  Gewalt,  e i n  Wille an der Spitze steht. Einzig, geschlossen, fest, daß keine fremde Macht an den Interessen von Staaten oder Dynastien  i n n e r h a l b  Deutschlands Handhaben finde, um Deutschland  s e l b s t  zu zerreichßen zum Vortheil des Egoismus oder des Wehrgeizes andrer Nationen.
Wer soll dieß Deutschlandschaffen? Die souveraine Nationalversammlung hat noch heute wie damals die Vollmacht dazu durch die Schwierigkeit oder Unmöglichkeit, daß es  a n d e r s  zu Stande komme. Ist das so, dann müssten wir demnach mit Verzagen die Umkehr der Verhältnisse sich vollenden sehn, durch welche alle Einzelstaaten erstarkt sind und Frankfurt geschwächt ist?
Nein, wir schließen nicht mit dieser Furcht. Was dem Reichstage nicht glücken könnte, das würden die Landtage wieder aufnehmen, und wenn er Hülfe braucht, so werden diese organisirten öffentlichen Kräfte, in edlem Wetteifer verbündet, das zu Ende führen, was aus den kleinen Zusammenkünften von Hallgarten und Heidelberg in wenig Monaten zu einer Macht gewachsen ist, mit der zu brechen doch selbst den Uebermüthigen der Muth fehlt. –
So mögen denn die, deren letzte Ziele noch weit über die Resultate dieses Jahres hinausliegen, sich jetzt mit uns zu denen stellen, die eine solche Einheit gründen wollen. Wir verlangen diese Entsagung und Selbstbeherrschung von unsren Freunden, wie wir sie selbst auch ferner üben werden. Und wie man am Menschen nicht das stets bewegliche Herz achtet, sondern den Charakter: so wird die einzig  d a u e r n d e  Empfehlung für eine Zeitung darin liegen, wenn sie durch ihre Vergangenheit bewährt hat, daß das Vaterland ihr höher al die Parteien, und die Ueberzeugungstreue mehr als Freundschaft und Feindschaft gilt. Zu einem jubelnden „Glückauf“! ist es nicht die Zeit, aber einen Gruß und Handschlag bringen wir Allen entgegen, die uns in der ernsten Arbeit begleiten und fördern wollen!



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Freitag, 28. Dezember 2012

Detmold im Dezember 1848 - Tod der Mutter



Vor dem blumengeschmückten Sarg im Flur des Pfarrhauses unter der Wehme stand der Vater im schwarzen Talar, umgeben von seinen Töchtern und Söhnen, Julian erst fünfzehn. Theodor sah ihm die Erleichterung an, als er seinen Ältesten erblickte. Er stellte sich zwischen seine Brüder und sie nahmen den Vater in die Mitte. Nach einem Choral des Männerchors begleiteten sie ihn hinter dem Sarg der Mutter auf dem wohl schwersten Weg seines Lebens. Über den Marktplatz und die Lange Straße zog die große Trauergemeinde hinauf zum Friedhof an der Weinbergstraße.
Als sie zurückkamen, hielten sich die Schwestern zusammen mit Verwandten in der Wohnstube auf. Neben Elisabeth auf dem Sofa saß Malwida von Meysenbug. Er wusste selbst nicht, ob er sich über das Wiedersehen freuen sollte. Seit seinem letzten Brief war eine lange Zeit vergangen. Auch sie hatte irgendwann aufgehört ihm zu schreiben. War da nicht wieder dieser stille Vorwurf in ihrem Blick, als er sie mit Handschlag begrüßte? Würde sie ihn verstehen? Doch ja, sie wusste, was der Verlust dieses lieben Menschen für ihn bedeutete.
Theodor begleitete Malwida zur Tür, als sie sich verabschiedete, und erinnerte sich an die Zeit, als er sie bei derartigen Gelegenheiten in den Arm genommen hatte, als noch in schlaflosen Nächten seine Wolkenträume durch das Fenster zu seiner geliebten Hyazinthe gezogen waren und als sie noch glaubten, gemeinsam könnten sie die Welt verändern. Die Zeiten hatten sich geändert, doch in eine andere Richtung, als sie gemeinsam gehofft hatten. Nicht im Entferntesten hätten sie geahnt, dass der Weg so steinig werden würde. Und so verlustreich. Er nahm sich vor, ihr zu schreiben, wollte jedoch nichts versprechen. Eine Weile schaute er ihr nach, wie sie die Treppe hinunter und den Weg zum Marktplatz ging, wieder tiefschwarz eingehüllt, wie beim letzten Treffen nach dem Tod ihres Vaters.

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Donnerstag, 20. Dezember 2012

Neubeginn in Hannover



Er war zuversichtlich, als er am Freitag, dem 22. Dezember 1848 das großzügig angelegte Bahnhofsgebäude von Hannover verließ und ein Zimmer im nahe gelegenen Hotel Royal bezog. So wenige Abschiedsbesuche wie in Bremen hatte er in keiner Stadt vorher gemacht. Er hoffte sehr, die Menschen in dieser Stadt weniger zugeknöpft vorzufinden.
Weil er wusste, dass sich seine Mutter nach den Bremer Rückschlägen um ihn sorgte, schrieb er ihr gleich einen Brief, in dem er sich einerseits optimistisch gab, ihr andererseits jedoch ankündigte, dass er weiterhin in seinen Leitartikeln schreiben müsse, was er denke, schon allein angesichts der reaktionären Entwicklungen in Österreich und Preußen, die er sarkastisch „sanfte preußisch-österreichische Sonnenwärme“ nannte und die eine Rückkehr monarchischer Strukturen befürchten ließen.
Nach einem winterlichen Rundgang vorbei an Bauernhäusern in den Randbereichen, Militärgebäuden am Waterloo Platz, Fabrikanlagen und durch Bereiche mit aristokratischen Prachtbauten fand er den Weg zum Druck- und Verlagshaus der Gebrüder Jänecke in der Osterstraße. Dort sollte seine Zeitung verlegt und gedruckt werden. In dem einundzwanzigjährigen Georg, dem Sohn von Christian Jänecke, hatte er einen Ansprechpartner, der die Revolution in Wien erlebt hatte und politisch in die gleiche Richtung dachte wie er.
Im Übrigen waren die Jäneckes überaus innovationsfreudige und grundsolide Unternehmer, die mit gutem Geschäftssinn für Verbesserungen und Erweiterungen in die Zukunft planten. Um das Verlegen einer Tageszeitung hatten sie sich bei den hannoverschen Ämtern seit Jahren vergeblich bemüht. Nach Erlangen der Pressefreiheit im März 1848 konnten sie das Projekt nun endlich angehen. So kamen ihnen die geschäftlichen Probleme des Heyse’schen Verlages sogar gelegen. In ihrem Hause sollte die „Bremer Zeitung“ weitergeführt werden und ab 1. Januar 1849 als „Zeitung für Norddeutschland“ erscheinen. Theodor Althaus wurde als leitender Redakteur mit seinen Mitarbeitern übernommen.

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200 Jahre Brüder Grimm




Am 10. Februar 1844 veranstaltete der studentische Leseverein in Berlin einen Fackelzug für die Brüder Grimm: 

[...]
Doch Theodor hatte nicht lange Zeit darüber nachzudenken, als schon wieder eine Herausforderung auf ihn zukam. Ein Fackelzug für die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm in der Lennéstraße sollte veranstaltet werden. Die Brüder gehörten, wie Dahlmann, zu den sieben Göttinger Professoren, die 1837 gegen die willkürliche Aufhebung der Verfassung protestiert hatten und vom Hannoverschen König entlassen wurden. Im Zuge des vielversprechenden Amtsantritts von König Friedrich Wilhelm IV. waren sie im Jahre1840 rehabilitiert worden und hielten Vorlesungen an der Berliner Universität.
Als Cheforganisator der Veranstaltung hatte Althaus alle Hände voll zu tun, die vielen Meinungen unter einen Hut zu bringen und die Vorbereitungen zu koordinieren. Um jenaischen Verbindungsglanz nach Berlin zu holen, lieh man Kostüme bei  Ausstatter Noack. Die polizeiliche Erlaubnis wurde unter der Bedingung erteilt, dass einige wegen oppositionellen Verhaltens aufgefallene Studenten nicht teilnahmen, was natürlich im Vorfeld großen Unmut und erneute Diskussionen verursachte.
Als dann nach einer Menge Arbeit und vielen Schwierigkeiten am 10. Februar 1844 der Tag des Fackelzuges gekommen war, gab es einen fürchterlichen Schneesturm, sodass die Teilnehmer in Burschenschaftsoutfit abends auf dem Hof der Universität bis zu den Knien im Schnee standen. Als wäre das nicht genug, musste der Organisator noch beim Umlegen der Schärpen, Umschnallen der Schläger und beim Anzünden der Fackeln helfen. „…ein heilloser Gesammteindruck. […) denn überall war fürchterliches Pöbelgedränge und dabei ein entsetzlicher Mangel nicht nur an studentischem Tact, sondern an allgemeiner Anstelligkeit. Sie begriffen nichts als wozu man sie stieß und schob“, notierte er im Tagebuch.
Immerhin erreichte der Zug ohne Schneegestöber das Haus der Grimms in der Lennéstraße. Theodor und einige andere gingen hinauf in die Wohnung und huldigten den Brüdern Grimm mit einem dreifachen Hoch für ihr „echt deutsches Wesen und Wirken“. Da Jacob sich nicht gut fühlte, redete nur Wilhelm vom Balkon aus zu den Studenten, sinngemäß dahingehend, man solle die Wissenschaft nicht als etwas Totes, sondern als Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart sehen. Es folgten Hochrufe auf die Brüder, die Göttinger Sieben und Hoffmann von Fallersleben, der sich in der Grimm’schen Wohnung aufhielt und eigentlich nicht entdeckt werden wollte, weil er sich in Berlin gar nicht aufhalten durfte. Als dann auch noch Georg Herwegh in Abwesenheit gefeiert wurde, war es den Polizisten  zu bunt. Sie ritten in die Versammlung und trieben die Teilnehmer auseinander. Theodor ging noch einmal hoch zu den Grimms, wo er sich mit Hoffmann unterhalten konnte und ihn dabei an seinen Auftritt vor jenaischen Studenten zwei Jahre zuvor erinnerte.

Auszug aus: 

Renate Hupfeld, Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland


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Sonntag, 16. Dezember 2012

Freiheitstanz und Zensur



Theodor Althaus hat  die "Geschichte einer schönen Tänzerin“ ein Jahr vor den Märzereignissen des Jahres 1848 geschrieben. Er hatte sein Studium der Theologie und Philologie in Bonn, Jena und Berlin erfolgreich absolviert und auf Wanderungen an Weser und Rhein festgestellt, dass es für einen wie ihn, der die „faulen Früchte“ in seinem Lande nicht nur entdeckte, sondern auch offen benannte, keine berufliche Perspektive gab. Ihm blieb das Wort in Rede und Schrift. Das beherrschte er allerdings glänzend und so wurden seine Essays und Erzählungen in zahlreichen Büchern und Magazinen publiziert. Zeitgleich mit dem Scheitern der  deutschen Revolution im Mai 1849 landete Althaus im Gefängnis vor dem Clevertor in Hannover. Drei Jahre später starb er in Gotha, nicht einmal dreißig Jahre alt.
Am Beispiel der seinerzeit Aufsehen erregenden Affäre des bayrischen Königs Ludwig I. mit der spanischen Tänzerin Lola Montez gibt Theodor Althaus ein Bild der Situation in Deutschland zur Zeit des Vormärz. In dieser Satire wird eine Bandbreite der Ungereimtheiten in den monarchischen Strukturen der Metternichära vorgeführt, wie das Mätressenwesen, verantwortungsloser Umgang mit der Macht und philisterhaftes Untertanendenken. Die schöne Lola liegt vor den faszinierten Blicken des alternden Königs auf dem Diwan und „klätschelt“ mit ihrer kleinen Reitpeitsche ihr rechtes Bein. Die realen Namen der Protagonisten sowie des Schauplatzes mussten nach Beanstandungen des Leipziger Zensors geändert werden. So wurde aus Lola Carambola, aus König Ludwig der alte Herr, aus Minister Abel Herr von Kain und aus der Stadt München der Ort Klostersingen.


Friedrich Althaus (Theodors jüngerer Bruder) über „Märchen aus der Gegenwart“ und Zensur
speziell im Zusammenhang mit  „Ein Freiheitstanz“ in seiner Biografie
Theodor Althaus, Ein Lebensbild, Bonn, Verlag von Emil Strauß, 1888  (S. 244 – 246)

Das bedeutendste literarische Resultat dieser Leipziger Zeit [seines Bruders Theodor] waren ohne Frage die  „M ä r c h e n   a u s  d e r  G e g e n w a r t“ […]. In Deutschland blühte damals noch die Zensur, und eines Tages erlebte es Theodor, daß er mit seinem Verleger zum Zensor gehen musste, um das Urtheil dieser Autorität über sein Buch zu vernehmen. Unterwegs wurde ihm als nicht uninteressante Tatsache mitgeteilt, dass der Zensor nach der Zahl der censirten Bogen bezahlt werde und auf diese Weise etwa 1800 Taler jährlich verdiene, dafür aber auch „arbeiten müsse wie ein Pferd“. Übrigens fand er in dem gefürchteten Tyrannen der Presse „ein ganz traktables kleines Männchen“. Der Zensor bestand nur darauf, dass in einem der „Märchen“ die Namen geändert würden, „damit nichts direkt auf gewisse hohe Personen bezogen werden könne“, und erteilte für den Rest sein Placet.
Der Titel „Märchen aus der Gegenwart“ mochte Erwartungen wecken, die im gewöhnlichen Sinne des Worts nicht erfüllt wurden, aber in Wahrheit deutete er aufs Treffendste den eigentümlichen Inhalt des Buches an. Es waren Zeitbilder, teils in autobiographisch erzählender, teils in novellistischer Form – vorrevolutionäre Zeitbilder, an denen das Märchenhafte der überall hervorbrechende Gegensatz war, worin sie zu den Idealen einer ersehnten besseren Welt der Zukunft erscheinen. Dass es dies war, was der Verfasser selbst im Sinne hatte, bestätigte der Schlusssatz seines Buches: „Mögen wir hoffen oder fürchten – wenn wir es nur verstehen, dass alles Edle in seinem Jugenddrang der Welt eine Torheit und ‚den Leuten ein Märchen’ gewesen ist.“ Das Edle in seinem Jugenddrang, die schmerzliche Erkenntnis der Mängel der in den Wehen der Wiedergeburt gärenden gegenwärtigen Welt, das hochfliegende Streben und die begeisterte Hoffnung auf die Verwirklichung einer ihrem Ideal entsprechenderen menschlichen Gemeinschaft – das ist der wesentliche Inhalt der „Märchen“, wie es in anderer Form der wesentliche Inhalt der „Gedichte“ und der „Zukunft des Christentums“ gewesen war. Phantasie und Geist, leidenschaftliche Empfindung und scharfe psychologische Analyse, Erfahrung und Denken und künstlerische Gestaltungskraft wirken zu diesem Resultat zusammen.
Nur eins der „Märchen“ zeigt eine vorwiegend objektiv-humoristische Haltung, dasselbe, in welchem der Zensor die Namen geändert wünschte. Unter dem Titel „Ein Freiheitstanz“ stellte diese Novelle mit übersprudelndem Witz und Geist jenes seltsame Vorspiel der deutschen Revolution dar, in dem König Ludwig von Bayern, Lola Montez, Herr von Abel u. A. die Hauptrollen spielen. München erscheint in der Verkleidung von Klostersingen, König Ludwig als „der alte Herr“, Herr von Abel als Herr von Kain, Görres als Jürgen, Lola als Carambola. Dem größeren Publikum, dem es besonders darauf ankam, sich zeitgemäß zu unterhalten, musste diese lustige politische Komödie vor allem andern gefallen. In Bezug auf den Verfasser ist sie von Interesse als Spiegelbild einer humoristisch heitern Laune, die ihm keineswegs fehlte, wenn sie auch nur verhältnismäßig selten aus der vorwiegend ernsten Grundstimmung seines Geistes aufquoll. Nicht dass die übrigen „Märchen“ jener Laune absolut entbehrtem, aber ohne Frage heben sie sich in höherem Grade ab von dem idealen Hintergrunde der Sehnsucht und der Resignation.


Biografisches:

1822 – 26. Oktober 1822 - Theodor Althaus wird in Detmold geboren.
1840 - Abitur am Detmolder Gymnasium
1840 / 1844 - Studium der Theologie in Bonn und Jena, Philologie in Berlin
1844 - Ohne berufliche Perspektive zurück im Elternhaus.
1845 - Vorträge in Detmold und Artikel für die Bremer „Weser-Zeitung“
1846 -  „Zukunft des Christenthums“
1846 -  „Eine Rheinfahrt im August“
1847 - Schriftsteller, Journalist und Übersetzer in Leipzig               
1848 - Korrespondent und leitender Redakteur der „Bremer Zeitung“
1849 - Leitender Redakteur der „Zeitung für Norddeutschland“ in Hannover
1849 - 14. Mai 1849 Gefängnis vor dem Clevertor wegen Staatsverrat
1850 - Entlassung aus dem Staatsgefängnis St. Godehard in Hildesheim
1850 - „Aus dem Gefängniß“
1851 - Lehrerstelle an der Hamburger Hochschule für Frauen
1851 - Ausweisung aus Hamburg
1852 – 2. April 1852 - Theodor Althaus stirbt in Gotha.




Renate Hupfeld, Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland


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Dienstag, 11. Dezember 2012

Vier Dichter aus Detmold


Wenn man sich in Detmold auf die Spuren von Theodor Althaus begibt, findet man um den Marktplatz herum all die stummen Zeugen seines Lebens und Schaffens. Da ist sein Geburtshaus in der Bruchstraße 2, ein paar Schritte entfernt das Pfarrhaus unter der Wehme, in dem Georg Weerth geboren wurde und in dem der Superintendent Georg Friedrich Althaus später mit seiner Familie wohnte. Das ist in Sichtweite der Stadtkirche und direkt nebenan des Detmolder Rathauses, in dem zu Althaus Zeiten der wichtigste gesellschaftliche Treffpunkt der Stadt untergebracht war, die "Ressource". Und wieder ein paar Schritte weiter findet man das Geburtshaus von Ferdinand Freiligrath und das Sterbehaus des Dramatikers Christian Dietrich Grabbe. 


Geburtshaus von Ferdinand Freiligrath (1810 - 1876)
Sterbehaus von Christian Dietrich Grabbe (1801 - 1836)

Geburtshaus von Weerth (1822 - 1856)

Geburtshaus von Theodor Althaus (1822 - 1852)







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Mittwoch, 28. November 2012

Nordischer Wintergarten


Wie ein „Nordischer Wintergarten“ musste Theodor Althaus die kleine Welt in Detmold vorgekommen sein, als seine Freundin Malwida von Meysenbug im Herbst 1844 für einige Monate in die Provence reiste. Ohne berufliche Perspektive nach dem Abschluss seines Studiums waren die Gespräche mit ihr mehr als nur Lichtblicke gewesen. Er hatte sich verliebt in die Frau, die seit seiner ersten Predigt in ihm einen jungen Apostel sah. Poetische Abschiedsgrüße gab er ihr mit auf die Reise und schrieb weitere Gedichte in seiner einsamen Dichterstube. 

Widmung

Wie diese Lieder sind entsprungen.
Zu sagen weiß ich selbst es kaum;
In dunkler Zeit ward ich umschlungen
Von einem fesselnd holden Traum.

Mir waren weit in kranken Stunden
Die zarten Geister all’ entflohn;
Da fühlte sich das Herz gesunden
An deiner Stimme süßem Ton.

Als ich dich sah, da fühlt’ ich wieder,
Daß jung und reich noch ist mein Herz,
Daß ich noch Blüthen hab’ und Lieder,
Nicht bloß des Geistes schweres Erz.

Und wie die Frühlingsblüthen danken
Der Sonne, die sie rief zum Licht:
So gönn’ auch diesen frischen Ranken,
Daß um dein Haupt ihr Kranz sich flicht.


Sehnsucht

Ich fühle mich vom Kampf ermüden,
Von all dem Grübeln bleich und matt;
Mein Herz, du sehnst dich wohl nach Frieden,
Nach einer holden Ruhestatt?

Du wärst wohl gern in Südens Fernen
Von sanften Lüften eingewiegt?
Doch ach, du musstest oft schon lernen,
Daß nur der Wunsch hinüberfliegt.

Es fröstelt dich in deinem Norden
Mit seinem bleichen Schneegewand;
Sein Himmel ist so grau geworden,
So schwer, wie ich es nie empfand.

Mein armes Herz, was nun beginnen?
Natur ist bis zum Frühling todt,
Und  S e h n s u c h t  nur hast du von innen
Nach einem warmen Lebensroth.

Ja, wenn dir das erschiene, trieben
Die Blumenknospen vor der Zeit,
Du würd’st dich in den Schnee verlieben,
Und sängst des Winters Herrlichkeit!


Hyazinthe.

O herrlicher Frost, o Winterpracht,
Wie könnt ihr die Brust so schwellen!
Der ganze Himmel ist blau und lacht,
Und mir sprudeln die frischesten Quellen.

Eine Frühlingsblume hab’ ich gesehn,
Trotz Eis und rauhen Lüften,
Eine Hyazinthe roth und schön:
Ich bin wie berauscht von Düften!

Es ist alles vergessen, ist alles gut,
Und das Leben geht auf im Norden!
Mir ist als würde hellroth mein Blut,
Das so schwarz und trübe geworden.

Es strömt ins Herz und in die Wangen mir,
So oft ich sie nur sehe;
Ich hab’ keine Ruh, bin ich fern von ihr –
Und noch minder in ihrer Nähe!

Da umflimmern mich rothe Phantasien,
Und keine Stunden zähl’ ich;
Im Herzen spür’ ich ein Wachsen und Blühn
Und ein Singen so heimlich und selig. –

Ach,  e i n e n  Aerger hab’ ich nur!
Misanthropisch könnte ich werden,
Wenn ich sehe, wie sie mir sind auf der Spur,
Die Philisterinnengeberden;

Wenn es überall schon schwatzt und gafft –
Wohl- oder Uebelgesinnte  -:
Ueber meine romantische Leidenschaft
Für die schöne Hyazinthe!



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Montag, 26. November 2012

Der Hallgartenkreis

Hallgarten im Rheingau
© Renate Hupfeld



Der Hallgartenkreis war ein Zusammenschluss von oppositionellen Politikern aus allen Teilen von Deutschland. Seit Beginn der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts fanden regelmäßige Versammlungen statt, zuletzt auf dem Weingut von Johann Adam Itzstein in Hallgarten, einem Ort im Rheingau zwischen Mainz und Bingen. Hier oben in den Weinbergen mit Blick auf den Rhein und das gegenüberliegende Rheinhessen tagten die Mitglieder mehr oder weniger konspirativ, planten eine Nach-Metternich-Ära und bereiteten somit das Entstehen des Frankfurter Parlamentes vor. Bekannte Mitglieder waren außer Itzstein Friedrich Daniel Bassermann, Robert Blum und der spätere Präsident der Nationalversammlung Heinrich von Gagern. 



Hallgarten – Blick auf Rhein und Rheinhessen
© Renate Hupfeld


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Samstag, 24. November 2012

1837 "Sieben gegen den König"


Skulpturengruppe auf dem Platz der Göttinger Sieben in Hannover 
Foto: © Renate Hupfeld

aus: Sieben gegen den König, Texte und Materialien zum Hannoverschen Verfassungskonflikt 1837, Historisches Museum Hannover

Seite 7:

Sie sind keine Märchenfiguren

... auch nicht die Turmspitzen einer Stadt oder Hügel im Leinebergland: Die Göttinger Sieben waren Professoren der Universität Göttingen, die sich 1847 gegen König Ernst August von Hannover stellten. Der neue Regent hatte per Dekret das liberale hannoversche Staatsgrundgesetz außer Kraft gesetzt. Die Sieben fühlten sich weiterhin der Verfassung verpflichtet und verweigerten aus Gewissensgründen dem König die Huldigung. Die folgende Auseinandersetzung im November 1837 war im Kern ein 'Kampf der - politischen - Kulturen': Absolutismus gegen Konstitutionalismus.
Der Monarch von Gottes Gnaden kämpfte um seinen Vorrang gegenüber einer Verfassung, die seinen Handlungsspielraum einschränkte. Für den Moment musste sich das Neue der alten Macht noch beugen. Die Göttinger Sieben wurden entlassen, drei von ihnen außer Landes gezwungen. Aber sie waren nicht allein, eine breite Öffentlichkeit im In- und Ausland verfolgte das Geschehen und unterstützte die Verfolgten. Vier der Göttinger Sieben waren 1848 Mitglieder der Paulskirchenversammlung und gelten damit als Wegbereiter der parlamentarischen Demokratie in Deutschland.

Seite 26:

Ein König, sieben Professoren, zwei Welten

Mit seiner Verfügung vom 1. November 1837 erklärte König Ernst August das Staatsgrundgesetz von 1833 für 'erloschen'. Die Professoren der Göttinger Universität berieten daraufhin über mögliche Reaktionen, und Friedrich Christoph Dahlmann formulierte einen Protestbrief. Eher durch Zufall fanden sich sechs seiner Kollegen, die diese 'Protestaktion' ebenfalls unterschrieben.

So wurden

der Historiker und Staatsrechtler
Friedrich Christoph Dahlmannn,

die Germanisten
Wilhelm und Jacob Grimm,

der Staatsrechtler
Wilhelm Edurard Albrecht,

der Orientalist
Heinrich August Ewald,

der Literaturhistoriker
Georg Gottfried Gervinus,

und der Physiker
Wilhelm Weber

zu den Göttinger Sieben.

Die Motive der Unterzeichner waren unterschiedlich. Für Dahlmann, der ja zu den 'Vätern' der aufgehobenen Verfassung gehörte, war die Auseinandersetzung eine hochpolitische Angelegenheit. Den Brüdern Grimm, Albrecht und Ewald ging es um sittlicher Werte: Sie fühlten sich an ihren Diensteid auf die Verfassung gebunden und hielten es für unmoralisch, sich durch einen königlichen Verfassungsbruch entpflichten zu lassen. Bei Gerwinus mag eine allgemeine Lust an Provokationen mitgespielt haben, und Weber wird wohl die volle Tragweite des Protestes nicht übersehen haben. Alle sieben waren jedoch angesehene Wissenschaftler und geachtete Bürger Göttingens. In ihrem Protest zeigten sie sich nun als mündige Staatsbürger.

König Ernst August jedoch verlangte Untertanen. Aus seinem Verständnis als Monarch von Gottes Gnaden hatte er schon als Thronanwärter das Staatsgrundgesetz abgelehnt. Dies diente ihm nun als Rechtfertigung für die Aufhebung der Verfassung.




Hintergrundinformationen zu: 

Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland

erzählende Biografie von Renate Hupfeld

Taschenbuch bei  http://www.text-und-byte.de/



Mittwoch, 21. November 2012

1848 Letzte Wochen in Bremen



In diesen dunkelgrauen Zeiten hatte der junge Redakteur manchmal das Gefühl, er müsse zusammenbrechen. Woher nahm er nur die Kraft, damit das nicht geschah? Er lernte zu schätzen, was es bedeutete, eine Familie und Freunde zu haben, die bedingungslos zu ihm hielten. Wie in ruhigeren Lebensphasen, nahm er sich wieder die Zeit, ihnen zu schreiben.
Friedrich bekam einen Brief nach Leipzig, wo er sein Studium fortsetzte, mit den gewohnten Ratschlägen. Vor allem riet er dem Bruder, er sollte das Beste wählen, das Leipzig zu bieten hätte, sei es Musik oder Theater. Dabei sagte er ihm seine finanzielle Unterstützung zu.
Auch dem Großvater schickte er einen ausführlichen Bericht nach Potsdam, in dem er sich für dessen Brief bedankte, ihm von den Belastungen durch seine Arbeit erzählte und einen Gruß von Tischlermeister Cord Wischmann ausrichtete, der sich gerne an den Prediger Dräseke in St. Ansgarii erinnerte und jetzt Vorsitzender des Bürgervereins war. In dem Zusammenhang berichtete er auch über die Unterstützung, die er von Wischmann und dessen Bürgerverein gegen die gemeinen Anfeindungen bekommen hatte.
Der Mutter schrieb er am 1. Dezember, dass nun bald die Übersiedlung nach Hannover anstehe, wo er mit einem jungen engagierten Verleger zusammenarbeiten würde. Es werde viel Arbeit auf ihn zukommen, sodass er schon jetzt sagen könne, dass er Weihnachten nicht nach Detmold komme. Es sei jedoch ein Trost, dann in Hannover doch ein Stückchen näher an Detmold zu sein als jetzt in Bremen. „Liebe Mutter!“, schrieb er. „Die Wege, auf denen ich sonst in meinen Briefen wohl lustwandelte, sind jetzt, in diesen Monaten, äußerst verwachsen, und es scheint zuweilen, als ob keine Seele je da gewesen wäre. Laß Dich’s nicht irren, wie ich’s auch nicht thue. Stellt man sich in die Ferne, so sieht man ja doch einen grünen Schimmer, nur ist es mehr Urwald als Gartenland, wie vorher. Es wird aber auch schon wieder eine Zeit kommen, wo freundliche Hände die Zweige auseinanderbiegen und doch noch Blumen und Sprossen im Schatten entdecken.“

Leseprobe aus: 

Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland

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Donnerstag, 15. November 2012

1848 Schwere Tage in Bremen

Leseprobe aus: Renate Hupfeld, Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland


Umtriebe gegen die "Bremer Zeitung"

[...]


Als Agitation und Boykott über die Zeitung hinaus sogar gegen die traditionelle Heyse’sche Verlagsbuchhandlung ausgedehnt wurden, entschied der Verleger, einen Schlussstrich zu ziehen und sich von der Zeitung zu trennen. Die Bremer Zeitung wurde an die Gebrüder Jänecke in Hannover verkauft, im Einvernehmen mit Theodor Althaus, der sie dort unter dem Namen „Zeitung für Norddeutschland“ weiter redigieren würde.
 „Schwere Tage“, notierte er. „Durch die unsittliche Finesse und die ganze Perfidie mich indirect als Rothen zu schildern, fühlte ich die letzten Fäden reißen.“
Dem bevorstehenden Ortswechsel konnte er durchaus positive Aspekte abgewinnen. Hannover war besser an das Eisenbahnnetz angebunden als Bremen und somit erreichten die neuesten Nachrichten die Redaktion schneller als bisher. Doch so richtig wollte der Blick nach vorne und das Entwickeln von Perspektiven noch nicht gelingen. Zu tief saß der verletzende Stachel. Die bittere Enttäuschung brachte sein inneres Gleichgewicht ins Wanken. Er bekam Husten und wurde krank.  „Konnte nicht schreiben, fühlte mich mit kurzen Unterbrechungen wie todt, wie vernichtet, sah mit Grauen dem Winter und mit Ekel dem Leben entgegen.“
Trost fand er in der Korrespondenz mit seiner Cousine Minna Schmitson in Frankfurt, die er auch seinerseits trösten musste, weil ihr Vater als Angestellter bei der Bundesmilitärkommission während des Straßenkampfes am 18. September eine Verwundung davongetragen hatte: „Aber es gilt auszuharren und treu zu bleiben. Ein Frühling kommt, in Menschenwelt und in Natur wird er uns wiederkehren!“
Einige Tage später war von der Hoffnung auf Frühlingserwachen nichts mehr zu spüren. Am liebsten hätte er losgeheult, als seine Schwester Elisabeth in seinem Zimmer vor ihm stand und ihn an sich drückte. Die treue Seele war zu seinem Geburtstag nach Bremen gekommen. Sechsundzwanzig Jahre alt wurde er und kam sich vor, als hätte er das ganze Leben schon hinter sich. Selbst die Freude über das Wiedersehen mit Elisabeth konnte seine Stimmung nicht verbessern. Ihr gegenüber gab er sich optimistisch, wusste er doch, sie würde alles der Mutter erzählen und die sollte sich keine Sorgen machen. Wie er sich wirklich fühlte, vertraute er nur seinem Tagebuch an: „Ich habe verloren, ich weiß nicht mehr zu sprechen wie sonst, seit ich so viel lese und schreibe. Ich kenne die Herzen nicht mehr so, seit ich mir selbst so wenig, so fast niemals angehöre.“
Der Umzug nach Hannover verzögerte sich, das politische Geschehen nahm unentwegt seinen Lauf. In der Frankfurter Paulskirche hatten die Abgeordneten der Nationalversammlung trotz zunehmender Fraktionsbildung noch immer ein gemeinsames Ziel, eine Reichsverfassung. Die Arbeit an den Grundrechten und einzelnen Passagen des Verfassungswerks ging voran. In Ausschüssen wurde diskutiert, bearbeitet und beschlossen. Darüber und über den Ablauf der Sitzungen in der Paulskirche informierte die Bremer Zeitung ihre Leser regelmäßig und ausführlich, ebenso über Entwicklungen und Geschehnisse in den einzelnen Ländern. 

Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland

erzählende Biografie von Renate Hupfeld

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