Dienstag, 26. Februar 2013

Zeitbilder 1840 - 1850


Die Zeit des „friedlichen Wühlen’s“ war vorbei, als Theodor Althaus durch das Kreuzgitter seiner Zelle im „Staatsgefängniß vor dem Cleverthor“ in Hannover zuschaute, wie der Rauch seiner Zigarre „in hübschen blauen Wölkchen hinaus in die Freiheit“ wirbelte. Er befinde sich nun, wie es einem guten Patrioten anstehe, genau in demselben Zustande wie sein Vaterland, in einer „provisorischen Gefangenschaft“, schrieb er am 17. Mai 1849 den besorgten Eltern und Geschwistern nach Detmold.

In seinem demokratischen Verständnis stellte sich die Frage: Wer war in diesem Lande legitimiert, ihn wegen Staatsverrats anzuklagen? Doch nicht diejenigen, die seine Verhaftung verfügt hatten, hatte er doch nichts anderes getan als die in mühsamem Ringen um Meinungen und Mehrheiten verabschiedete Verfassung einzufordern. Dass die „provisorischen“ Ankläger über die nötigen Machtmittel verfügten, ihn gefangen zu halten, betrachtete er als sein Schicksal. „Ich fühle mich hier dem Zufall und der Gewalt gegenüber.“, notierte er im seinem Tagebuch.
Alles hatte er gegeben, um an der Zukunft eines demokratischen deutschen Staates auf der Grundlage von Volkssouveränität und Pressefreiheit mitzuarbeiten. Wenn ihm dennoch in seinem geliebten Land kein Standort in Freiheit beschieden war, blieb ihm nichts anderes übrig als die Gefangenschaft anzunehmen. Er nutzte die Zeit, sich selbst wieder zu finden und seine Gedanken aufzuschreiben. Mit der im Jahre 1850 in Bremen erschienenen Schrift „Aus dem Gefängniß. Deutsche Erinnerungen und Ideale“ übergibt er der Nachwelt einen eindrucksvollen Bericht über seinen eigenen und den Zustand des „armen, armen Vaterlandes“.
Trotz unermüdlichen Schaffens als Prediger, Rezensent, Journalist und Autor zahlreicher Schriften, Erzählungen und Gedichten gelang es Theodor Althaus offensichtlich nicht, über die Kreise von Gleichgesinnten hinaus bekannt zu werden, wie Georg Herwegh mit seinem  Zyklus „Gedichte eines Lebendigen“ oder Julius Fröbel mit der Schrift „System der socialen Politik“. Jedoch ist es bemerkenswert, dass die Zensurbehörden bereits durch eine seiner ersten Publikationen auf ihn aufmerksam wurden, als er im Hungerjahr 1846 angesichts der Diskrepanz zwischen einer faszinierenden Landschaft, auf deren fruchtbarem Boden es eigentlich Brot für alle geben müsste, und der Kluft zwischen wenigen Besitzenden und bitterer Armut eines Großteils der Bevölkerung zu dem Schluss kam, Geld sollte man besser im Rhein versenken. Seine „Rheinfahrt im August“ wurde gleich nach dem Erscheinen verboten. Bereits ein Jahr zuvor hatte er sich mit seinem Artikel im Sonntagsblatt der Weserzeitung „Detmold am Jubeltag des Fürsten“ in das gesellschaftliche Abseits der lippeschen Residenz manöwriert.
Selbst wenn ihm scharfer Wind ins Gesicht blies, ließ er von Überzeugungen nicht ab. Schon als Student distanzierte er sich von den Bonner Kommilitonen, die um des eigenen Vorteils willen gegenüber den Professoren Zustimmung heuchelten, während er über Prinzipien wie Volkssouveränität und Pressefreiheit längst nicht mehr diskutierte, sondern „gleich derb“ zu werden pflegte. Beispielhaft für seine Haltung mag die Auseinandersetzung im theologischen Seminar sein, bei der er trotz heftiger Konflikte mit Professor Nitzsch, dem der Inhalt seiner Examenspredigt („Der Werth eines öffentlichen Wirkens für das Gute“) zu wenig christlich erschien, nicht einen Schritt zurückwich. Dass er trotzdem ein glänzendes Examen ablegte, zeigt nur, dass wir es mit einem hochintelligenten, hellwachen jungen Mann zu tun haben.
Selbstbewusst hielt er im darauf folgenden Monat die umstrittene Predigt in der Detmolder Stadtkirche. Mit seiner Vorstellung auf der Kanzel im April 1843 ließ er eine junge Frau aufhorchen, die sich ebenfalls nicht gedankenlos anpassen wollte und andere Perspektiven für ein Frauenleben suchte als in der aristokratischen Gesellschaft ihrer Zeit für sie vorgesehen waren. Malwida von Meysenbug wurde von der Kühnheit des Auftretens und der ungewöhnlichen Frische seiner Gedanken nachhaltig beeinflusst. Sie erinnert sich in ihren Memoiren:
"...Eines Tages sagte man mir, dass der älteste Sohn meines Religionslehrers, der sich gerade während der Universitätsferien zu Haus befände, am folgenden Sonntag in der Kirche predigen würde, da er Theolog sei wie sein Vater. Ich ging zur Kirche, um zu sehen, was aus dem blassen stillen Knaben, den ich einst im Zimmer seiner Mutter hatte arbeiten sehen, geworden sei. Nach dem Gesang der Gemeinde, welcher der Predigt vorausgeht, stieg ein junger Mann, in schwarzem Talare, auf die Kanzel, beugte das Haupt und verblieb einige Minuten in stillem Gebet. Ich hatte Zeit ihn anzusehen. Er war gross wie sein Vater, aber sein Kopf hatte einen Typus, der in jenen Gegenden, wo er geboren war nicht häufig ist. Sein Gesicht war bleich mit scharf geschnittenen, edlen Zügen, wie man sie bei den südlichen Rassen findet. Lange und dichte schwarze Haare fielen ihm bis auf die Schultern; seine Stirn war die der Denker, der Märtyrer. Als er zu sprechen begann, wurde ich sympathisch berührt durch den Klang seiner tiefen, sonoren und doch angenehmen Stimme. Bald aber vergass ich alles andere über den Inhalt seiner Predigt. Das war nicht mehr die sentimentale Moral, noch die steife kalte Unbestimmtheit der protestantischen Orthodoxie, wie beim Vater. das war ein jugendlicher Bergstrom, der daherbrauste voller Poesie und neuer belebender Gedanken. Das war die reine Flamme einer ganz idealen Seele, gepaart mit der Stärke einer mächtigen Intelligenz, die der schärfsten Kritik fähig war. Das war ein junger Herder, welcher, indem er das Evangelium predigte, die höchsten philosophischen Ideen zur Geschichte der Menschheit entwickelte. Ich war auf das tiefste und glücklichste bewegt..."
Auch der Großvater, Bischof Dräseke, zeigt sich vom Inhalt der Predigt tief beeindruckt, wenn er von „Genialität der Textauffassung“, „Schriftmäßigkeit des Inhalts“ und „Durchsichtigkeit des Gedankens“ schreibt. Sein Brief an den Enkel ist zudem ein Indiz dafür, dass Theodor Althaus bei allem, was er tat, in seiner Familie bedingungslos Rückhalt fand.
Als engagierter Theologe setzte sich der junge Prediger intensiv mit den Praktiken der beiden großen Religionsgemeinschaften auseinander und erkannte schon bald, dass er in keiner ein religiöses Wirken nach seinen Vorstellungen verwirklichen konnte. Was nützten den Menschen kirchliche Rituale und die vermeintliche Aussicht auf Erlösung nach dem Tod, wenn sie auf der Erde in Elend und Not lebten? Diese Gedanken sah er nicht vordergründig politisch, vielmehr rückblickend auf das Urchristentum, als Streben nach einem gerechten Miteinander in Freiheit und Liebe. Das war für ihn nur möglich, wenn alle ein menschenwürdiges Leben hatten, ein Ansatz, der ihm häufig von ignoranten Kritikern den Vorwurf bescherte, ein „Rother“ zu sein.
Im vormärzlichen Leipzig war der junge Intellektuelle aus Detmold dann unter Gleichgesinnten. Er knüpfte Kontakte zu Mayer, Ruge, Wigand und Robert Blum, traf Julius Fröbel, Hebbel und die österreichischen Literaten Mautner, Hartmann, Meißner und Kuranda. Der rege Literaturbetrieb der Stadt ermöglichte ihm, dass er „ganz anständig sein Brod verdienen“ konnte durch eine Vielzahl von Aufträgen. Er schrieb Rezensionen, Übersetzungen, Beiträge zu Publikationen sowie Presseartikel, die auch in den liberalen Organen in Köln, Augsburg und Bremen gedruckt wurden.
Wie für alle, die auf einen baldigen Umschwung in Deutschland hofften, begann auch für Theodor Althaus das Jahr 1848 mit einer Kette von Ereignissen, die in einen nie gekannten Freudentaumel mündeten, die Lichter von Palermo am 12. Januar und die Sturmglocken von Notre Dame am 24. Februar. Doch spätestens das Drama des 18. März 1848 in Berlin brachte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Der Anblick der Märzgefallenen, die seidenen Trauerfahnen in schwarzrotgold und „die anarchische Schwüle über Berlin“ mussten in dem sensiblen jungen Mann tiefe Spuren hinterlassen, wurde ihm doch drastisch vor Augen geführt, wie rücksichtslos die Machthabenden gegen Andersdenkende vorgingen. Elisabeth Althaus erinnert sich, wie sie ihren Bruder am Abend nach dem Gang durch die Stadt erlebte: "…Er war, von äußerster Erschöpfung getrieben, schon zu Bette gegangen. Ich setzte mich zu ihm und sah nun erst, wie verändert, wie von Erregung und Schmerz durchwühlt, seine Züge waren. Noch sehe ich seinen Kopf mit den schwarzen Locken auf dem weißen Kissen liegen und in der allmälig kommenden Ruhe eine Verklärung, aber wie eine Verklärung des Todes, sich über seine Züge breiten. Er erzählte von den Gefallenen, die in den Kirchen ausgestellt waren, damit die Angehörigen sie finden und erkennen könnten. 'O', rief er aus, 'diese feste, stille Siegesgewißheit auf den jungen Gesichtern - und dann die Wunden, die tödtlichen Wunden!'"
Die Faszination der Aufbruchstimmung auf Straßen, Plätzen und Bahnhöfen im ganzen Land konnte ihn nicht darüber hinwegtäuschen, wie lang und steinig der Weg in die Freiheit noch werden würde. Nur in besonnenem Handeln sah er eine Chance das Ziel zu erreichen und beobachtete mit Sorge ungeduldige Poltergeister, die alles von heute auf morgen herumreißen wollten und durch übereilte Aktionen leichtfertig politisches Kapital verschenkten.
Dennoch konnte er nicht verhindern, dass er vom Strudel der auf- und abwogenden Entwicklungen mitgerissen wurde und im Laufe des Jahres 1848 in ein unvorstellbares Dilemma schlitterte. Die Misere begann mit dem misslungenen Bemühen um ein Mandat im Frankfurter Parlament, setzte sich fort im Scheitern einer Zusammenarbeit mit der „Weserzeitung“ und endete im Desaster um seine Leitartikel zu Eckernförde und dem Mord an Auerswald und Lichnowski, was zum Zusammenbruch der von ihm redigierten „Bremer Zeitung“ führte. Mit der Gründung der „Zeitung für Norddeutschland“ in Hannover bekam er noch eine Chance, bemerkte aber nicht, wie er immer weiter in die Mühlen seiner Gegenspieler hineingeriet, die dann auch bei nächster Gelegenheit zuschlugen, etwas mehr als ein Jahr nach den strahlenden Märztagen im Frankfurter Frühling und fast zeitgleich mit dem Scheitern der Nationalversammlung.
Wie konnte es so weit kommen? Wollte er ein Märtyrer sein? War ihm entgangen, wie stark die Reaktion inzwischen wieder geworden war? Warum hatte er nicht bemerkt, wie sich das Unwetter über ihm zusammenbraute? In seinem Resümee, formuliert er selbst in dem Zusammenhang das Stichwort „Anarchie der Seelenkräfte“. Zweifelhaft, ob er sich mit dieser Erklärung zufrieden geben konnte. Vielleicht dachte er auch darüber nach, ob es nicht besser gewesen wäre, nach dem Prinzip der Besonnenheit hin und wieder einen Schritt langsamer zu gehen. Vorstellbar, doch wir wissen es nicht.
Die Entlassung aus dem Staatsgefängnis Hildesheim am 15. Mai 1850 überlebte er um knapp zwei Jahre. Er konnte seine vor- und nachmärzliche Schaffensphase nicht fortsetzen, schon allein, weil die seit Jahren schleichende Krankheit erbarmungslos Macht über seinen Körper gewann. Das hoffnungsvolle Talent wurde nicht einmal dreißig Jahre alt.
Auf den Spuren von Theodor Althaus in seiner Heimatstadt finden wir das Geburtshaus in der Bruchstraße 2, das Pfarrhaus unter der Wehme sowie die Marktkirche mit der Kanzel, auf der er im Jahre 1843 seine bemerkenswerte Predigt gehalten hatte. Im Vergleich zu Ferdinand Freiligrath und dem im gleichen Jahr geborenen Georg Weerth ist er in Detmold weitgehend unbekannt.
Mehr als drei Jahrzehnte nach seinem Tod zeichnet sein jüngerer Bruder Friedrich Althaus ein detailliertes Portrait in "Theodor Althaus. Ein Lebensbild". Auf der Basis eigener Erinnerungen sowie Theodors Schriften, Tagebuchaufzeichnungen und Briefen, wie auch des Tagebuchs und Jugenderinnerungen der Schwester Elisabeth Althaus (später Lewald) dokumentiert er in liebevoller Zuneigung diese „verheißungsvolle, tragisch schöne Laufbahn…“ und setzt dem geliebten Bruder ein biographisches Denkmal.
"Ob es der Mühe wert war, die Gestalt des früh geschiedenen Th. Althaus...aus dem Schatten hervorzuholen...Sein weit vorausgreifender Geist berührt uns  jedenfalls seltsam nah.", schreibt Dora Wegele im Vorwort zu ihrem im Jahre 1927 erschienenen Werk "Theodor Althaus und Malwida von Meysenbug. Zwei Gestalten des Vormärz".
Es kostet zwar anfangs (aber nur anfangs!) Mühe, die zum Teil weit ausschweifenden Phantasien und Gedanken in den Texten von Theodor Althaus nachzuvollziehen und zu verstehen, aber der Leser wird hineingezogen in einen facettenreichen Bilderreigen aus dem turbulenten Jahrzehnt von 1840 bis 1850. Da sitzt der rehabilitierte Bonner Professor Arndt am grünen Tisch und begrüßt die neuen Studenten, in Berlin droht ein Fackelzug für die Brüder Grimm im Netz der preußischen Polizei und später im Schnee zu versinken, Hoffmann von Fallersleben gibt in einer Kneipe politische Lieder nach dem Motto „Deutschland ohne Lumpenhunde“ zum Besten und wird aus der Stadt ausgewiesen. Der Autor führt uns auf die sonntägliche Promenade einer kleinen deutschen Residenz und „Ein Idyll“ auf der Grotenburg weckt unwillkürlich Gedanken an die Bergpredigt aus dem neuen Testament. Die schöne Tänzerin Lola Montez liegt vor den faszinierten Blicken des alternden bayrischen Königs auf dem Diwan und „klätschelt“ mit ihrer kleinen Reitpeitsche ihr rechtes Bein. Mal grob-, mal feingemalt sehen wir Heines Tendenzbären „Atta Troll“ auf dem Marktplatz von Cauterets und in seiner Höhle in den pyrenäischen Bergen. Dabei versäumt der Autor es nicht, mit spitzer Feder die Blicke unter glatte Oberflächen zu lenken. So begleiten wir einsame Wanderer mit ihren Erinnerungen, Träumen und Alpträumen in ihre „Profeteneinsamkeit“, erleben mit, wie sie sich von den Erscheinungen der sie umgebenden Natur überwältigt fühlen wie von einem unfassbaren Weltgeist und sind am Ende mit der hoffnungslosen Misere in den Hütten konfrontiert. Schließlich erleben wir einen angeschlagenen Rebellen hinter vergitterten Fenstern, der über die Gründe des Scheiterns nachdenkt. Die seit Jahrzehnten angesammelte revolutionäre Kraft war in seinen Augen nicht nur deshalb verpufft, weil die Reaktion so rasch wieder erstarkt war, sondern auch, weil niemand der herausragenden Männer es geschafft hatte, in Frankfurt die progressiven Bestrebungen zu bündeln. Blum war in Wien zum Märtyrer geworden, Kinkels Energien waren durch berufliche Querelen im Zusammenhang mit seiner Heirat zu sehr gebunden, Gagern hatte die Badener Aufständischen im Stich gelassen und somit die gemeinsame Sache verraten. Für Theodor Althaus wäre sein Freund Julius Fröbel der richtige Mann gewesen, doch das hatten wohl die meisten zu spät erkannt.
Seinen Traum von einem Leben in Freiheit und Liebe konnte der junge Stürmer aus Detmold nicht mehr verwirklichen. Mit seinen Schriften, Briefen, Erzählungen und Gedichten hinterlässt er die Ergebnisse seines umfangreichen Schaffens, die weit größere Beachtung verdient haben als ihnen bisher zuteil wurde. Die Berichte und Gedanken von Theodor Althaus wirken noch immer erstaunlich frisch, seine Botschaften und Visionen haben bis heute nichts an Aktualität eingebüßt.
Renate Hupfeld

Vorwort aus: Theodor Althaus, Zeitbilder 1840 -1850 und erhältlich im Aisthesis Verlag Bielefeld



Montag, 25. Februar 2013

1846 - 1850 Rheinfahrt im August



Der August des Jahres 1846 bescherte wunderbare Sommertage. Der fast vierundzwanzigjährige Theodor Althaus hatte sein Studium in Bonn, Jena und Berlin beendet, hatte jedoch auf Grund seiner politischen und religiösen Überzeugungen keine Chance auf eine Anstellung. Ihm blieb die Sprache in Predigten, Vorträgen und dem geschriebenen Wort. Für seine längere Schrift „Die Zukunft des Christenthums“, in der er seine progressiven religiösen Vorstellungen ausführlich darstellte, hatte er einen Verleger gefunden. Und nach Wanderungen im Harz und an der Weser zog es ihn an den Rhein, seinerzeit wichtiges Symbol der deutschen Freiheitsbewegung.  Gerne erinnerte sich Althaus an seine Studienzeit an der Bonner Friedrich Wilhelms Universität, an Weinfelder, das Siebengebirge, Burg Rheinstein hoch über der Flusswindung, den schroffen Loreleyfelsen, die glitzernden Wellen am Ufer und an den Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten, die dasselbe Ziel verfolgten wie er: ein einheitliches demokratisches Deutschland, in dem es allen Menschen gut ging, nicht nur den Königen und Fürsten.
In Köln traf er Levin Schücking und Karl-Heinrich Brüggemann von der „Kölnischen Zeitung“, Levin Schücking und ein paar Kilometer rheinaufwärts seinen Bonner Dozenten Gottfried Kinkel,  mit dem ihn inzwischen eine enge Freundschaft verband.
Mit dem Dampfboot fuhr er weiter flussaufwärts bis nach Bingen, unternahm eine mehrtägige Wanderung entlang der Nahe bis  nach Kreuznach, wo er bei seinen Beobachtungen den Eindruck hatte, er stoße mit jedem Schritt an eine „faule Frucht der Geschichte“. Die krassen Gegensätze zwischen bestens ausgestatteten Kurgästen auf der Kreuznacher Promenade und den schwitzenden Arbeitern mit zerschundenen Händen in den Weinfeldern waren ihm unerträglich.
Hinter Bad Münster am Stein ging es bergauf zur Ebernburg, wo er sich beim Gang zwischen den Ruinen um einige Jahrhunderte zurück versetzt fühlte in die Reformationszeit, als der Burgbesitzer Franz von Sickingen, Freund des Volkes und Martin Luthers, hier gewohnt und entgegen allen Anfeindungen seiner Fürstenkollegen, verfolgten Reformatoren Asyl gewährt hatte. Auch Sickingens gleichgesinnter Freund, der Dichter Ulrich Hutten, war für lange Zeit dort oben untergekommen. Diese besondere Bedeutung verschaffte der Burg den Beinamen „Herberge der Gerechtigkeit“.
Eine weitere Unternehmung führte den Wanderer in das wildromantische, zerklüftete Wispertal. Stundenlang ging er allein, umgeben nur von der großartigen Natur, die doch klüger war als die Menschen, die es nicht fertig brachten, diese Großartigkeit auch denen zugänglich zu machen, die in Hütten hausten. Welch ein Widerspruch!
In dieser „Profeteneinsamkeit“ fochten die Gedanken in seinem Kopf einen fürchterlichen Kampf, der dann in leidenschaftlicher Empörung mit Feder und Tinte zum Ausbruch kam. In den sechsundneunzig Strophen von „Eine Rheinfahrt im August“ erinnerte der Autor an die hochfliegenden Hoffnungen auf Freiheit und Gerechtigkeit, zeigte das schwache Elend der vielen, die sich abquälten, damit wenige alle Reichtümer besäßen und stellte fest, das „fluchbeladene Metall“ richte nur Unheil und Blutvergießen an. Geld solle man besser im Rhein versenken wie den Nibelungenschatz. Gleichzeitig war dieses Gedicht eine Hymne an den mächtigen Fluss, der ruhig und unbeirrt seinen Weg nahm. An alle dem hatte der Rhein ja keine Schuld. Er war der ungekrönte König und auf ihm ruhten seine Hoffungen auf bessere Zeiten.
Die Zukunftsvision von Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit beherrschte Theodors gesamtes Denken, Fühlen und Handeln. Für die Verwirklichung dieses Ideals würde er alles geben. Als wollte er diesen Vorsatz besiegeln, taufte er sich eines Abends an einer Uferstelle selbst mit klarem Rheinwasser.
Außer in den gereimten Zeilen  „Eine Rheinfahrt im August“ bearbeitete Theodor Althaus seine Erlebnisse während dieser Wanderungen in zwei Erzählungen; „Herberge zur Gerechtigkeit“ und „Eine Nacht der Gegenwart“, die er in der Anthologie „Mährchen aus der Gegenwart“ publizierte. Der letzte Text in dieser kleinen Sammlung, überschrieben „Vom Rhein“, ist ein Auszug aus Theodor Althaus längerer Schrift „Aus dem Gefängniß“ die er während seiner Haftzeit im Staatsgefängnis in Hildesheim verfasste. 





Dienstag, 19. Februar 2013

1849 Ministerkrisis in Hannover




Mit dem erfreulichen Votum der zweiten Kammer waren jedoch keinesfalls Fakten im Zusammenhang mit der Publizierung der Reichsgesetze im Königreich Hannover geschaffen. Alle hofften, das Votum würde nach dem demokratischen Prinzip eine Auseinandersetzung nach sich ziehen.
Doch auch dieser Möglichkeit, aufeinander zuzugehen und einen Konsens zu schaffen, setzte das Ministerium einen Riegel vor. Am folgenden Tage reichten alle Minister bei König Ernst August ihre Entlassung ein.
Wie war dieser Rücktritt  zu verstehen? Waren es Gewissensgründe, war es Ratlosigkeit oder war es eine taktische Inszenierung?
Das fragte sich auch Althaus, der sich in Artikeln am 22. und 23. Februar das Geschehen vornahm. Inzwischen gab es nach einer kurzen Erklärung Stüve’s im Ständesaal ein weiteres Votum der zweiten Kammer, in der das Ministerschreiben vom 10. Februar mit 56 gegen 18 Stimmen ebenso klar abgelehnt und somit dem Ministerium von den gewählten Volksvertretern indirekt das Misstrauen ausgesprochen wurde.
„Die Ministerkrisis in Hannover“ sah Althaus, ausgehend von der tiefgreifenden Abkehr Österreichs und Preußens von der durch die Revolution in Gang gesetzten nationalen Entwicklungen, in Folge den Irritationen einiger kleinerer Staaten wie Württemberg, Kurhessen, Sachsen, Bayern und jetzt in Hannover als Schwankungen durch den Konflikt zwischen  „hemmenden Reaktionären“ und „treibenden Demokraten“.
Auf Stüve’s Kampf gegen die zweite Kammer bezogen sah Althaus den Gegensatz zwischen  „altconstitutioneller Doctrin“ und „auflebender Demokratie“ auf die Spitze getrieben, die Abkehr vom Prinzip der Volkssouveränität zugunsten der Souveränität des Königs.
Wie sollte es in Hannover weitergehen? König Ernst August reagierte zögerlich, indem er antwortete, er könne die Entlassung erst annehmen, wenn er in der Lage sei, ein entsprechendes neues Ministerium einzusetzen.  
Im weiteren Verlauf der Ministerkrisis kam es zu dem Geschehen, das Althaus im Artikel „Die Tragicomödie vom 8. März“ thematisierte. Der Advokat Grotefend hatte zu einer Kundgebung aufgerufen, in der demonstriert werden sollte, das hannoversche Volk stehe hinter dem derzeitig noch im Amt befindlichen Ministerium. Eine Abordnung sollte dem König eine Petition überbringen mit der Bitte, das Ministerium unter allen Umständen beizubehalten.
Es kam jedoch trotz intensiver Werbebemühungen in Stadt und Land nur ein kleines Häuflein Menschen, die sich mit diesem Anliegen identifizieren konnten. Andererseits gab es eine Gegendemonstration von Grundrechtsverfechtern, die mit hämischen Bemerkungen und Rufen Unruhe stifteten. Weil er fürchtete, man könnte diese Unruhe dem hannoverschen Volksverein anlasten, versuchte Adolf Mensching, der am 21. Januar 1849 zur Feier für die Anerkennung der Grundrechte aufgerufen hatte, auf die Menge beschwichtigend einzuwirken, indem er die Unruhestifter aufforderte, sich zurückzunehmen.
In seinem Blatt stellte Althaus die Veranstaltung als versuchte und missglückte Gegendemonstration zur Feier der Grundrechte im Januar dar und spottete, dass in der Leinstraße auf dem Weg zum Schloss das Häuflein so zusammengeschrumpft sei, dass  „das zu der imposanten Feier bestellte Musikcorps nur zur absichtlichen Persiflage“ diente. Er vergaß auch nicht zu erwähnen, dass die Angelegenheit für einen der Anwesenden rechtliche Folgen hatte. Damit meinte er wohl Dr. Adolf Mensching vom Volksverein. Der wurde verhaftet, verhört und von der königlichen Polizeidirektion Hannover wegen „Erregung eines Auflaufs oder Theilnahme an demselben“ zu drei Wochen Gefängnis verurteilt.
Mensching verbüßte die Strafe im Hannoverschen Stadtgefängnis. Die Vorgänge um seine Verhaftung schilderte er in einer Broschüre, um zu zeigen, wie weit das Königreich Hannover vom Zustand eines Rechtsstaates entfernt war.
Auch Theodor Althaus bekam Schwierigkeiten mit den hannoverschen Polizeibehörden. Er wurde wegen Beleidigung des Ministeriums zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt, gegen deren Verbüßung sein Advokat jedoch Aufschub erreichte. Seine kritische Haltung gegenüber Stüve und seinen Ministerkollegen sowie entsprechende Publikationen in seinem Blatt änderte er jedoch nicht.


Leseprobe aus:

Renate Hupfeld, Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland

Taschenbuch bei  http://www.text-und-byte.de/




Dienstag, 12. Februar 2013

1849 Ständeversammlung in Hannover





Am 1. Februar 1849 war es dann so weit. Die Eröffnung der Ständeversammlung war für Hannover ein ganz besonderer Tag. Schon früh am Morgen fuhren Kutschen durch die Straßen der Stadt, um die Deputierten zum Eingang der Neustädter Hof- und Stadtkirche zu bringen, in der um 10 Uhr morgens ein Gottesdienst mit einer Predigt von Konsistorialrat Niemann stattfand. Anschließend ließen sich die Mitglieder zum Landschaftlichen Gebäude in der Osterstraße fahren.
Theodor Althaus war natürlich auf der Galerie des Ständesaales anwesend, als mittags um 2 Uhr Graf Bennigsen im Auftrag des Königs Ernst August  vor dem Plenum erschien und nach der Verlesung einer Thronrede, in der die politischen Richtlinien der Regierung des Königreichs Hannover dargelegt wurden, die Ständeversammlung eröffnete.
Zu dieser Regierungserklärung könnten im Leitartikel „Die Hannoversche Thronrede“ am 2. Februar 1849 eigentlich überwiegend erfreuliche Aussichten zur deutschen Angelegenheit zu lesen sein. Demnach betrachtete es seine Majestät, König Ernst August, als „eine heilige Pflicht für die Sicherheit und Wohlfahrt Deutschlands keine Opfer zu scheuen“.
Das hörte sich gut an, wäre da nicht ein dunkler Punkt in den Ausführungen gewesen. Die Thronrede enthielt eine Solidaritätserklärung  der hannoverschen Regierung für Preußen. Das fiel schwerer ins Gewicht als diffuse Beteuerungen in salbungsvollen Worten. In vorangegangenen Artikeln hatte Althaus es bereits fertig gebracht, den Nebel um die preußische Note vom 23. Januar 1849 zu lichten und den politischen Inhalt auf den Punkt zu bringen. Wie Österreich, verwehrte Preußen der deutschen Zentralgewalt die Akzeptanz und stellte somit die Kompetenz der Nationalversammlung in Frage. Das bedeutete auch eine Ablehnung des mehrheitlich favorisierten Vorschlags von Gagerns, der nach dem Rücktritt von Schmerling das Amt des Reichsministerpräsidenten übernommen hatte.
Ministerpräsident von Gagern plädierte für die kleindeutsche Lösung, d.h. einen deutschen Bundesstaat zunächst ohne Österreich und dafür, einen Kaiser an die Spitze des Reiches zu wählen. Alles andere hielten er und die parlamentarische Mehrheit zu der Zeit für nicht realisierbar. Preußen lehnte das ab.
Und wie sollte ein deutscher Nationalstaat gegen die Widerstände von Preußen realisiert werden? Wenn man vor diesem Hintergrund die Solidaritätserklärung der hannoverschen Regierung für Preußen betrachtete, wurde klar, wie tiefdunkel der kritische Punkt in dieser Thronrede war. Hannover half nicht nur der deutschen Sache nicht aus dem Sand, sondern schob sie noch weiter hinein.
Althaus appellierte an die Ständeversammlung, trotzdem einen Konsens anzustreben und sich als gewählte Volksvertreter im Königreich Hannover primär und vehement für das wichtigste Ziel einzusetzen: Die Verwirklichung von „Reich und Reichgesetz“, das hieß konkret, die seit dem 21. Januar 1849 ausstehende offizielle Anerkennung und Publizierung der am 28. Dezember 1848 im Reichsgesetzblatt verkündeten Grundrechte des deutschen Volkes einzufordern..
Seinem Vater schrieb Theodor am 2. Februar 1849, das Zusammenkommen der hannoverschen Stände habe frische Bewegung in sein Leben gebracht, was einerseits vermehrte Arbeit bedeutete, jedoch andererseits das Knüpfen neuer Kontakte ermöglichte. Insbesondere erwähnte er den Göttinger Literaten Adolf Ellissen, der in der Ständeversammlung als progressiver Geist eine wichtige Rolle spielte und Otto von Reden, dessen Erfahrungen als früherer preußischer Ministerialrat ihm einen Blick hinter die Kulissen der Verwaltung gewährte.
Wegen der unverschnörkelten Botschaften in seinen Artikeln hatte der leitende Redakteur des fortschrittlich orientierten Blattes bereits in den wenigen Wochen seit Erscheinen viel Aufmerksamkeit im positiven Sinne auf sich gezogen. Seiner Schwester vermeldete er im Brief nach Detmold eine erfolgreiche Entwicklung seiner Zeitung, die noch gesteigert werden könnte, wenn die Hannoversche Post schneller wäre und die Abläufe im Druck- und Verlagshaus Jänecke verbessert würden.  „Wie oft habe ich es gesagt: könnte ich mich in des Himmels Namen nur verdoppeln  oder verdreifachen! Zweimal würde ich mich für die Redaction engagiren und einmal für die Druckerei.“
Die gewählten Ständevertreter aus dem  gesamten Königreich sowie einige vom König ernannte Regierungsvertreter tagten, eingeteilt im Zweikammersystem, fast täglich im Landschaftlichen Gebäude, das in Hannover auch Ständehaus genannt wurde.
Die erste Kammer mit 68 Mitgliedern bestand überwiegend aus Abgeordneten der größeren Grundeigentümer, einigen von Handel und Gewerbe und einige Vertreter der evangelischen Geistlichkeit. In der zweiten Kammer waren mit 82 Mitgliedern fast alle Gesellschaftsschichten vertreten, vom Schuhmacher über den Deichvorsteher, Gastwirt, Oberförster, Ackermann, Amtsassessor, Schulheiß bis zum Advokaten.  
War schon die Thronrede der Regierung im Zusammenhang mit den Grundrechten und der zu erwartenden Reichsverfassung mehr als unbefriedigend ausgefallen, so beobachtete man das Geschehen in den Sitzungen der Stände mit entsprechend hohen Erwartungen und großen Hoffnungen.
In Anbetracht einer Fülle von eingegangenen Gesetzesvorlagen hielten die meisten Deputierten es für äußerst wichtig, die deutsche Frage nicht auf die lange Bank zu schieben, sondern möglichst vor allen anderen anzugehen. Deshalb bildete man eine Kommission aus je sieben Mitgliedern pro Kammer mit dem Ziel, eine entsprechende Adressschrift an die Regierung auszuarbeiten,  eine Aktion, an der Adolf Ellissen maßgeblich beteiligt war. 

Leseprobe aus:

Renate Hupfeld, Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland

Taschenbuch bei  http://www.text-und-byte.de/





Freitag, 8. Februar 2013

1841 Rosenmontag in Köln

Im Jahr 1841 hatte sich im Rheinland bereits Anfang Februar der Frühling mit der Eisschmelze in den Flüssen angekündigt, sodass der Rhein wieder schiffbar war. Am Karnevalssonntag brachte das Schiff "Ludwig von Nassau" Theodor Althaus zusammen mit Rudolf Cruel, einem Freund namens Müller und vielen anderen karnevalslustigen Reisenden rheinabwärts, wo sie von dem Detmolder Georg Weerth und dessen Kölner Freunden eingeladen waren, sie am 22. Februar zum Rosenmontagszug zu begleiten. Weerth kostümiert als Don Quichote ritt auf Rosinante und dessen Knappe Sancho Pansa auf einem Esel, der einen großen Quersack über dem Hals trug, gefüllt mit sechs Flaschen Wein auf der einen, Brot, Äpfel und Zwiebeln auf der anderen Seite. So zogen die Freunde voraus und Theodor, Rudolf und Müller folgten ihnen auf den Neumarkt, wo schon die Karnevalsfahnen flatterten. Sie mischten sich unter das bunte Menschengewimmel und ließen die prächtige Wagenparade an sich vorbeiziehen. Von diesem Spektakel berichtete der junge Althaus in vielen Einzelheiten nach Hause. Vor allem hatte er Spaß an satirischen Darstellungen. Hanswurst auf dem Sonnenwagen als Schelm, der Konventionen missachtete und der Held, der vom Turm schwebend mit einer Knallrakete den gordischen Knoten löste. Hohn und Spott für die französischen Ambitionen auf die Rheingebiete auf einem anderen Wagen mit dem freien deutschen Vater Rhein mit seinem Sohn dem freien deutschen Rheinwein und "Sie sollen ihn nicht haben....", beide sollten sie nicht haben, daran hatte Theodor einen Heidenspaß.

























Bleistiftzeichnung von Malwida von Meysenbug: Theodor Althaus, 1843 
Erinnerung an die Tage vom 26t bis zum 30t November 1843
Landesarchiv Detmold, D 75 Nr. 7567

Hintergrundinformation zu:

Renate Hupfeld, Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland

Taschenbuch bei  http://www.text-und-byte.de/