Samstag, 13. Dezember 2014

Neubeginn in Hannover


Theodor war zuversichtlich, als er am Freitag, dem 22. Dezember 1848 das großzügig angelegte Bahnhofsgebäude von Hannover verließ und ein Zimmer im nahe gelegenen Hotel Royal bezog. So wenige Abschiedsbesuche wie in Bremen hatte er in keiner Stadt vorher gemacht. Er hoffte sehr, die Menschen in dieser Stadt weniger zugeknöpft vorzufinden. Weil er wusste, dass sich seine Mutter nach den Bremer Rückschlägen um ihn sorgte, schrieb er ihr gleich einen Brief, in dem er sich einerseits optimistisch gab, ihr andererseits jedoch ankündigte, dass er weiterhin in seinen Leitartikeln schreiben müsse, was er denke, schon allein angesichts der reaktionären Entwicklungen in Österreich und Preußen, die er sarkastisch sanfte preußisch-österreichische Sonnenwärme nannte und die eine Rückkehr monarchischer Strukturen befürchten ließen.
Nach einem winterlichen Rundgang vorbei an Bauernhäusern in den Randbereichen, Militärgebäuden am Waterloo Platz, Fabrikanlagen und durch Bereiche mit aristokratischen Prachtbauten fand er den Weg zum Druck- und Verlagshaus der Gebrüder Jänecke in der Osterstraße. Dort sollte seine Zeitung verlegt und gedruckt werden. In dem einundzwanzigjährigen Georg, dem Sohn von Christian Jänecke, hatte er einen Ansprechpartner, der die Revolution in Wien erlebt hatte und politisch in die gleiche Richtung dachte wie er. Im Übrigen waren die Jäneckes überaus innovationsfreudige und grundsolide Unternehmer, die mit gutem Geschäftssinn für Verbesserungen und Erweiterungen in die Zukunft planten. Um das Verlegen einer Tageszeitung hatten sie sich bei den hannoverschen Ämtern seit Jahren vergeblich bemüht. Nach Erlangen der Pressefreiheit im März 1848 konnten sie das Projekt nun endlich angehen. So kamen ihnen die geschäftlichen Probleme des Heyse’schen Verlages sogar gelegen. In ihrem Hause sollte die „Bremer Zeitung“ weitergeführt werden und ab 1. Januar 1849 als „Zeitung für Norddeutschland“ erscheinen. Theodor Althaus wurde als leitender Redakteur mit seinen Mitarbeitern übernommen.
Nach der ersten Orientierung im neuen Wirkungskreis begann er schon bald, in den entsprechenden Stellen erste Kontakte zu knüpfen und sich als neuer Redakteur in Hannover vorzustellen. Einer seiner ersten Besuche galt Innenminister Stüve aus Osnabrück, der nach den Märzereignissen das Ministerium übernommen hatte. Der Empfang war alles andere als freundlich. Stüve schien das Erscheinen einer neuen Tageszeitung in der Hauptstadt des Königreichs Hannover nicht sonderlich zu interessieren. Jedenfalls gab er sich anderweitig beschäftigt und war äußerst abweisend. Der tiefere Grund dafür waren seine Vorbehalte gegenüber dem engagierten Zeitungsmann. Stüves Bemerkung, die Redakteure der Bremer Zeitung hätten den norddeutschen Charakter auf die Probe gestellt, wies darauf hin, dass er über die Vorgänge in Bremen informiert war.  Er selbst hatte nach der Übernahme des Amtes im Märzministerium einen Rechtsruck gemacht und vermittelte den Eindruck, als sei es ihm am liebsten, wenn das bestehende System beibehalten würde. In seiner gewohnten Art, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, scheute Althaus nicht davor zurück, das brisante Thema Reichsverfassung direkt anzusprechen. Stüve wehrte das Gespräch ab. Der fünfzigjährige Minister des Königreichs Hannover und der ungestüme Redakteur der Zeitung für Norddeutschland brachten es nicht fertig, sich sachlich auseinanderzusetzen. Es klang zugleich trotzig und zynisch, wenn Theodor seiner Schwester versicherte: Ich bin für mein Theil sehr zufrieden, denn ich habe Alles, was ich erwarten konnte: ihn nämlich kennen gelernt und einigen Stoff für meine Combinationen.  
Nachdem er in die unmittelbare Nachbarschaft des Druckhauses in die Osterstraße Nr. 89 umgezogen war, ging die Zeitungsarbeit erst richtig los. Bis zum Erscheinen der ersten Ausgabe war noch jede Menge vorzubereiten und nicht alle technischen und organisatorischen Gegebenheiten in Druckerei und Büro waren fertig gestellt. Letzteres war vorerst nur provisorisch eingerichtet und außerdem ungemütlich kalt, was der vorweihnachtlichen Stimmung nicht gerade zuträglich war.
Nach dem Weihnachtsfest mit morgendlichem Besuch der Wohlbrücks und der Setzer sowie einem nachmittäglichen seinerseits bei den Jäneckes war dann am letzten Tag des Jahres 1848 das zukunftsweisende neue Projekt startfertig. Die erste Ausgabe der Zeitung für Norddeutschland ging in den Druck. Doch genau an dem Tage erreichte Theodor Althaus die Nachricht von der plötzlich aufgetretenen schweren Erkrankung seiner Mutter. So erschütternd diese Botschaft auch war, so konnte er doch nicht alles liegen lassen und Knall auf Fall nach Detmold fahren.
Es kam noch schlimmer. Zwei Tage später erfuhr er, dass seine liebste kleine Mama gestorben war. Das war ein Schlag, der ihm fast das Herz brach. Mit äußerster Beherrschung und Mühe machte er noch einen Leitartikel druckfertig und fuhr die ganze Nacht hindurch, um morgens bei der Beerdigung dabei zu sein.

Leseprobe aus: 



Donnerstag, 13. November 2014

Robert Blum

Leitartikel von Theodor Althaus in der von ihm redigierten "Bremer Zeitung" vom 14. November 1848 zum Tode von Robert Blum: 




R o b e r t  B l u m.


* Die Männer, die das Volk zu Wortführern und Kämpfern … seine Freiheit und des Vaterlandes Ehre gewählt, sind das …. Ziel der feindlichen Macht. In Frankfurt sind sie im Verhör, …  in Berlin ist ihre Versammlung des Hochverraths angeklagt, in Wien ist Robert Blum, der Führer und der Abgesandte der Partei, der das Vertrauen des Volkes hat, standrechtlich verurtheilt, erschossen. Nach dem Flügelschlag der Revolution vom Süden bis zum Norden, schließt der Belagerungszustand einen Heerd der ….heit nach dem andern ein, und dieser letzte erschütternde Schlag ist das Aeußerste der Rechtlosigkeit, der Niederlagen, von denen wir in unaufhaltsamer Folge gebeugt sind. Wer noch nicht glauben wollte, daß um Tod und Leben in diesen Tagen gerungen wird, den werden die Schüsse aus der Brigittenau durchbeben, daß er ….: Es wird Ernst, der fürchterliche Ernst der Contrerevolution! Und wenn die Freiheit jetzt  u n t e r l i e g t, so wird sie auch in den Staub  z e r t r e t e n  werden!
Sie unterliegt nicht! wir sind nur in einer sinkenden Welle in dem wogenden Meerstrom des Jahrhunderts, und die nächste wird gewaltiger steigen als die ersten. Die Brust senkt sich einen Moment, aber der Athem der Revolution ist nicht erstickt  u n d  sie rudert die neuen Lasten um so wilder ab, je unerträglicher sie aufgebürdet wurden.
Sie schafft sich ihre Männer selbst, und in diesem unerschütterlichen Glauben wird Robert Blum mit festem Blick seine Brust den …..geln geboten haben; vielleicht mit dem letzten Gedanken an die Worte seines Gefährten Julius Fröbel, unseres edlen Freundes, um dessen Schicksal wir noch in Sorge schweben, - an die Worte:
                   Die Freiheit ist des Blutes werth,
                   Und fällt für sie ein starkes Haupt, so richten
                   Begeistert neue Häupter sich empor! –
Nur einen Moment haben wir, ihm nachzublicken; einen Moment, in dem noch Keiner weiß, ob er den Gefallenen beklagen oder glücklich preisen soll, die Tage der nächsten Zukunft nicht mehr gesehen zu haben.
Vor einem Jahr in diesen Novembertagen sahen wir ihn auf dem Fest des deutschen Freiheitsdichters, das Leipzig feiert, das er mitbegründet hat. Wie viele sind, die ihn von Ministern und Kammern, von Reaction und Revolution reden gehört! Und Andere verstanden das so gut wie er. Aber wer vergisst dieses Fest, wo er draußen im niedrigen Saal zu den Bauerkindern sprach, wo er … der Schule und den Büchern in einfachster Weise die jungen ….stellungen heraufleitete bis zur Ordnung in der Gemeinde, bis zum Gesetz im Staat, zur Freiheit und Liebe im Vaterland; wie samt der inneren Lust, die stets sein Reden und Wirken begleitete, die Keime des Hohen und Edlen, die unser Dichter und Prophet hier ausgestreut, hier jedes Jahr von neuem den Kindern des Volks in die Herzen legte! Die unermüdete Treue, mit der er im kleinsten Kreise wirkte, wie er ja auch gedient und gearbeitet hatte von unten auf, wird sein bleibender Ruhm sein; aber wer ihn nicht kannte – und sehr wenige haben ihn ganz gekannt – ahnte weder in diesen gemüthlichen Reden, noch in der Ruhe, die er im …. Leben stets bewahrte, die gewaltigen Leidenschaften, die seine Seele gebändigt hatte.
Von ihnen war sein Inneres stärker als je bewegt in jener Märznacht, nach den Tagen von Berlin, als in einem engen Kreise der politischen Freunde der Feldzugsplan zum Vorparlament berathen wurde. Die kleine Gesellschaft war bei ihm versammelt; manche von weiter her eben angekommen; die Erregtheit stieg, der revolutionäre Ungestüm brach aus den Tiefen hervor und in den …igen Forderungen und Entgegnungen verlor sich die Debatte mehr als einmal aus ihren Gränzen und stürmte über ihren Zweck hinaus. Es verstand sich von selbst, daß Blum präsidirte; er war es, der jedesmal im rechten Moment die Zügel ergriff, das Hauptziel ins Auge faßte und frisch blieb bis zuletzt, als seine Rede wie  …te eines Feldherrn klang, und seine junge Schwester, die neben seinem Stuhle stand, so stolz auf ihren Bruder sah!
Die Zeiten hatten sich erfüllt; Blum war der Führer der Linken in der Nationalversammlung geworden. Noch waren die Spaltungen nicht so unversöhnlich weit wie jetzt gerissen, die Hoffnungen noch stark, das Vertrauen größer, der Haß ungewisser, und mit neuem Muth sah die große Mehrzahl der neuen Macht, der Centralgewalt entgegen. Damals war Blum fast der Einzige, der unbeirrt von dem Lächeln und Schweigen der „ehrlichen Freiheitsfreunde“, den Charakter der neuen Macht erkannte und sich nicht scheute, seine Rede leidenschaftlich zu enden: „Wollen Sie das Himmelsauge der Freiheit brechen sehen und die alte Macht heraufführen:  s c h a f f e n  Sie Ihre  D i c t a t u r!“
Damals wurde er verlacht wegen der „Phrase.“ Vier Monat später, am Morgen des neunten November, hat er vielleicht an sie zurückgedacht, einst als er, so oft von Tausenden begleitet und begrüßt, nun allein, verlassen, preisgegeben, ohne Freunde, ohne Volk, in der Brigittenau draußen vor Wien den letzten Gang gethan zwischen den czechischen und polnischen Bajonetten! – Ein sehr naher Gedanke!
Oder ist nicht etwa die Centralgewalt in der That zur Dictatur geworden? Ist nicht von  F r a n k f u r t  der Belagerungszustand nach Wien gekommen, und haben nicht die Minister der Centralgewalt in diesen Tagen aus vollem Herzen das Lob des Standrechts und des Generals verkündigt, von denen über Blum das Todesurtheil gesprochen wurde? Und erleben wir es nicht, daß in Berlin der Hochverrath der Krone gegen das Volk „eine zweckmäßige Maßregel“ genannt wird von dem Reichscommissar, den die Centralgewalt dahin gesandt?
Ist zwischen Olmütz und Potsdam, ist zwischen Windischgrätz und Wrangel ein Unterschied?
Was kann Bassermann nach dieser Erklärung anders, als in die Fußstapfen der wiener Commissare treten, die einzig noch zu sorgen übrig hatten, „daß die Entscheidung nicht  a l l z u  b l u t i g  werde“?!
Nein, es ist  k e i n  U n t e r s c h i e d  zwischen Wien und Berlin, es sind die Kämpfe der Freiheit im  e i n i g e n  D e u t s c h l a n d, ihre Niederlagen und ihre Siege zucken elektrisch durch das ganze Land.
Das fühlt das Volk, und das wird ein Trost sein, denn aus diesem Bewußtsein werden Thaten und ein einiger Aufschwung der Revolution hervorgehen. Wir bedürfen dieses Trostes, denn der Schmerz über unsre Schmach ist zu groß. Einen Mann, von dem der Haß nicht läugnen kann, daß er für Volk und Freiheit alle Kräfte aufgeboten, - einen von den Vertretern der deutschen Nation haben sie gerichtet ohne Recht, haben ihn erschossen und begraben ohne Sang und Klang, und ein trotziger Soldat schleudert dem schützenden Gesetz der Nationalversammlung diesen Hohn entgegen, während im Vaterlande der Mann, der für die Freiheit treu hinter seiner Barrikade ausgehalten hat, von der hohen und niedern Pöbelpresse mit Schimpf und Schande zu Grab geleitet ist. Erst höhnten ihn die Weisen als einen Mann der vulgären Phrasen; dann fiel ihn das Gezücht seiner heimlichen und offenen Feinde mit hämischen Verläumdungen an, verkündete mit Triumph: er sei feige entflohn; und endlich, da sie ihm die Ehre des Muths und der Todesverachtung nicht rauben konnten, suchten sie ihn wenigstens als Bluthund zu brandmarken; voran, wie immer, das Organ der Centralgewalt, und der Chor hintendrein. – J e t z t  werden sie heulen, denn sie  f ü r c h t e n. Wie Simson kann er in seinem fall die letzte gelobte „Säule des Staats“ mit umreißen.
Denn wenn seine Freunde in Frankfurt noch ihre Ehre waren und die Gesetze der Nationalversammlung nicht verhöhnen lassen wollen, so müssen sie den zur Strafen ziehenm der sie verhöhnt hat. „Wir werden es, er trage eine Blouse oder eine Krone“! jubelte einst das ganze Parlament. Wohlan, auch jetzt denn, da er einen  F e l d h e r r n s t a b  trägt!
Die Volkspartei muß verlangen:  d a ß  W i n d i s c h g r ä t z,  d e r  a u f  d e u t s c h e m  B o d e n  e i n e n  d e u t s c h e n  V o l k s v e r t r e t e r  p o l i t i s c h  g e m o r d e t  u n d  a n  e i n e m  d e u t s c h e n  R e i c h s g e s e t z  d o p p e l t  u n d  d r e i f a c h  g e f r e v e l t  h a t,   s o f o r t  v o n  s e i n e m  C o m m a n d o  e n t h o b e n  u n d  z u r  V e r a n t w o r t u n g  u n d  S t r a f e  g e z o g e n  w i r d. 
Windischgrätz aber ist die Säule des Reichsministeriums, und die Nationalversammlung will das Reichsministerium nicht fallen lassen?
Dann kann ein letzter Schritt geschehen, und wenn die Angst und Muthlosigkeit jammernd fragt: was wollt Ihr machen? – so wird die Antwort kommen, die jener Bursch hinter der Barrikade in Frankfurt gab:
„Was wir machen wollen?  E i n  P a r l a m e n t,  d a s  E h r e  i m  L e i b  h a t!“


A u f f o r d e r u n g.

Robert Blum hinterläßt eine Frau und mehrere unerwachsene Kinder. Mögen Alle, die in den Jahren des Druckes und in den Tagen der Erhebung die freien und beredten Worte des Mannes gerühmt haben, ihm jetzt die letzte Ehre erweisen, und durch die Sorge für seine Familie ihm den Dank abstatten, den das Volk ihm schuldig ist.
Wir erklären uns zur Annahme und Weiterbeförderung von Beiträgen bereit.

                                               D i e  R e d a k t i o n  d e r  B r e m e r  Z e i t u n g.


Montag, 10. November 2014

Die Deutsche Einheit und die Parteien der Gegenwart

Leitartikel von Theodor Althaus in der Bremer Zeitung am 10. November 1848



* In der Geschichte der deutschen Einheit sind wir seit einiger Zeit auf einem Wendepunkte angelangt, wo eine Orientirung zur Nothwendigkeit wird. Rasch ändern mit den fortschreitenden revolutionären Begebenheiten die Worte ihre Bedeutung, und so verwirren sich die alten und neuen Leidenschaften in deren Anwendung. Je beweglicher die öffentliche Meinung und die Herzen des Volks dem Einfluß der großen einfachen Gedanken, der weitschallenden Losungsworte hingegeben sind, desto schärfer muß man stets von neuem untersuchen, ob der Inhalt des Gedankens, die Bedeutung des Wortes noch dieselbe geblieben ist, ob der alte Kampfruf noch gegen denselben Feind, die alte begeisternde Losung noch zu demselben Ziele führt.
Ein Blick in die Gegenwart zeigt uns, daß die  „d e u t s c h e  E i n h e i t“, wie sie jetzt im Kampf als Waffe gilt, nicht mehr dieselbe Bedeutung hat wie im Anfang der Revolution. Das Ziel, für welches die absolutistische Rechte in Berlin schwärmt, für welches die preußische Camarilla und das Ministerium der bewaffneten Reaction dieselben preußischen Truppen zur Disposition stellen, mit denen sie die Conterrevolution zerschmetternd einführen wollen, kann unmöglich dasselbe sein, nach welchem die Demokraten streben. Jene Losung passt für uns nicht mehr von dem Augenblicke an, wo unsere Feinde sie in den Mund genommen und uns damit den offenbarsten Beweis gegeben haben, daß sie nur ein  M i t t e l  für andere  Z w e c k e  ist.
In der ersten Periode unserer Revolution war die  w i r k l i c h e  Einheit das Ziel der Patrioten und zugleich das  M i t t e l  der  D e m o k r a t e n; in der gegenwärtigen zweiten Periode ist die  f o r m e l l e  Einheit das  M i t t e l  der  R e a c t i o n, während die Sache noch immer das Ziel der Demokraten geblieben ist. Sie haben sich nur augenblicklich gegen die Form gewendet, eben weil diese Form grade von der Reaction mit Erfolg als Mittel benutzt wird. Die  V e r w i r r u n g, wo man Freund und Feind nicht mehr erkennt, entsteht dadurch, daß man die  S a c h e  nicht von der  F o r m  unterscheidet. Es ist im Interesse der Reaction, diese Verwirrung zu erhalten, um die Demokraten in der öffentlichen Meinung und in den patriotischen Herzen der Menge zu ruiniren; eben darum ist es in  u n s t e m  höchsten Interesse, diese Verwirrung aufzuklären, um die Reaction zu entlarven und die Demokraten zu vertheidigen.
Die  w i r k l i c h e  Einheit Deutschlands besteht darin, daß in der definitiven Verfassung des Bundesstaats die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten, die Handelspolitik und Zollgesetzgebung, Krieg und Frieden, Verwendung des Heers und der Flotte von einer souveränen Reichsgewalt abhängen, ohne irgendwelche Vereinbarung mit den Einzelstaaten. Das sind die wesentlichen Lebensbedingungen für Deutschland, das ist die Sache, um die es sich bei der deutschen Einheit handelt; und der  w i r k l i c h e, unter allen Umständen zu vernichtende  P a r t i k u l a r i s m u s  ist nur das Bestreben, den Einzelstaaten eine Selbstständigkeit zu erhalten, welche diese Einheit irgendwie beeinträchtigen kann.
Gegen diesen Partikularismus richtete sich der Kampf zweier in Bezug auf Freiheitsfragen sehr getrennter Parteien in der ersten Periode unserer Revolution; ein Kampf gegen die Regierungen und die Conservativen. Der einen der beiden damals verbundenen Parteien war es um die  E i n h e i t – und Freiheit, der anderen um  D e m o k r a t i e  -  und Einheit zu thun.
Diesen Kampf dürfen wir in dem nichtösterreichischen Deutschland wohl getrost als einen siegreich  b e e n d i g t e n  bezeichnen; die Verfassungsdebatten in Frankfurt geben Zeugniß davon, daß nur eine geringe Minorität im sinne des Particularismus noch hier und da ein kleines Recht zu retten sucht; die Sache der wirklichen Einheit wird von einer weit überwiegenden Majorität geführt,“ in deren Reihen die Republikaner überall voran sind.
Ihnen also wirklichen Particularismus vorzuwerfen, ist eine bloße Parteioperation. Auch gebraucht man gegen sie nur das  W o r t, weil es aus seiner Zeit noch einen gehässigen Klang hat; aber selbst die feindseligsten Blätter haben ihnen niemals den Vorwurf machen können, daß sie auf eine definitive Bundesverfassung hinarbeiteten, in welcher die doch nothwendige Souveränetät der Reichsgewalt des einen Deutschland durch die Selbstständigkeit der Einzelstaaten beeinträchtigt werden könnte, und nur  d a s  wäre  w i r k l i c h e r  Particularismus.
Vielmehr beziehn sich diese Vorwürfe alle nicht auf die  d e f i n i t i v e  Verfassung, sondern auf den   p r o v i s o r i s c h e n  Zustand; nicht auf die  w i r k l i c h e, sondern auf die  f o r m e l l e  Einheit, und endlich weit weniger auf  G e s e t z e  der  N a t i o n a l v e r s a m m l u n g, als vielmehr auf  M a ß r e g e l n  des  R e i c h s m i n i s t e r i u m s.
Die  f o r m e l l e  Einheit besteht gegenwärtig erstens darin, daß die Einzelstaaten die in Frankfurt beschlossene Reichsverfassung ohne weiteres annehmen, und zweitens, sich allen Maßregeln und Beschlüssen des Reichsministeriums unbedingt fügen sollen.
W a r u m  nun die demokratische Partei, vor allem in der berliner Versammlung, gegen diese Form aufgetreten ist, warum in Sachsen die Linke sich mit den „gewissenhaften“ Ministern in diesem Sinne vereinigt hat: das liegt doch sonnenklar vor jedem Blick, der nur die Wahrheit sehen  w i l l. die Demokraten haben es gethan, weil sie am Centralsitz dieser Einheit sehr oft schlecht für die  F r e i h e i t  gesorgt sahen; sie wollten ein eventuelles Veto gegen die Reichsverfassung sich vorbehalten, weil sie Grund zu dr Furcht hatten, daß diese Verfassung nicht demokratisch sondern altconstitutionell ausfallen würde; sie protestirten gegen die Maßregeln der Centralgewalt, weil sie Maßregeln der Reaction darin sahen, - mit einem Wort: sie nahmen  f ü r  d e n  A u g e n b l i c k  Position gegen die  p r o v i s o r i s c h e  f o r m e l l e  E i n h e i t, weil sie nicht wie es schon einmal geschah, mit diesem Losungsworte das Vaterland um die  w i r k l i c h e  u n d  d e f i n i tt i v e  F r e i h e i t  gebracht sehn wollten. Es war und ist nicht der zähe Geiz des herzlosen Particularismus, sondern die schmerzliche Nothwehr des Lebens und der Freiheit. Und ebenso war bei den Conservativen die plötzliche Parteinahme gegen den sogenannten souveränen Nationalwillen, sondern die hämische Berechnung, der Demokratie mit ihren eignen früheren Waffen den Todesstreich zu versetzen; ihre Gemeinschaft in der deutschen Einheit war nichts als ihr Complott zu Gunsten der Reaction, für die ihnen die Centralgewalt äußerst brauchbar schien.
S o  liegen die Sachen, und diese Sachlage muß man um so kräftiger darstellen und wiederholen, je mehr sie mit Treulosigkeit verdreht, je mehr die politische und gegenwärtige Bedeutung des Einheitsgedankens durch die juristische Form verhüllt werden soll.
Wem das noch nicht klar geworden ist, den weisen wir auf den Conflict zwischen  F r a n k f u r t  und  B e r l i n. Jeder weiß, daß wir den über die  p o s e n s c h e  Angelegenheit meinen.
Sollen wir in ihr die Fehler und die Schuld auf beiden Seiten finden oder müssen wir es ein  V e r h ä n g n i ß  nennen, daß auf diesem Gipfelpunkt die Einheit und die Freiheit sich zum verderben begegnen! Fast unvermeidlich scheint es.
In Frankfurt ward – um der deutschen Einheit willen – beschlossen, Posen zu theilen. In Berlin geben die Freiheitssympathien für die Posen den letzten (nicht den einzigen) Ausschlag zu dem Beschluß: Posen soll ungetheilt bleiben.
Daß die Nationalversammlung – wenn auch nur durch motivirte Tagesordnung – nun den berliner Beschluß für ungültig erklärt hat, war eine Nothwendigkeit; sie konnt ihre Souveränetät, zumal sie kein gutes Gewissen gegen Oesterreich hatte, nicht selbst morden. Daß sie dieß aber  j e t z t  beschloß, ist ein Verhängniß, daß sie vielleicht nur zu bald bitter bereuen wird als eine schwere Schuld.
J e t z t, wo jede Stunde das Wort zur Contrerevolution in Potsdam reifen kann; j e t z t, wo der Absolutismus von Gottes Gnaden, der nicht geradezu mit seiner Willkür der Volksvertretung entgegentreten mag, nur auf einen  p o p u l ä r e n  Anlaß, nur auf eine  G e l e g e n h e i t wartet, das kaum verhaltene Wort: ich sanctionire nicht! Zum erstenmal zu sprechen! – j e t z t  giebt die Nationalversammlung den Reiz und Anlaß, unter dem edlen revolutionär gesetzlichen Schild der deutschen Einheit – den Stoß zu führen, der die Demokratie ins Herz treffen soll!
Ihr Beschluß lockt, das erste protestirende Wort zu sprechen, dem nur der Geschützdonner des Bürgerkriegs den vollen Klang und nur der Belagerungszustand von Berlin die Unverletzlichkeit verschaffen kann! Und wenn  o h n e  diese Mittel, dann desto schlimmer, dann ist es eine  m o r a l i s c h e  Niederlage der demokratischen Partei.
So oder so! dem Absolutismus ist nun weit das Thor geöffnet, durch das er heuchlerisch als Diener des Gesetzes, als Beschützer der deutschen Einheit, den langersehnten Triumphzug an der Spitze seiner treuen Garden halten kann.
Was im Namen der  F r e i h e i t  geschah, pflegt man an Frankreich zu lernen; für Deutschland scheint das Blatt der Geschichte vorbehalten: was alles im Namen der  E i n h e i t  geschah.


Sonntag, 5. Oktober 2014

Oktober 1848: Trauerspiel in Wien



[...]


Ruhe gab es nicht. In jenen Oktobertagen des Jahres 1848 sorgte die österreichische Hauptstadt für Schlagzeilen. Da die blaugelbe Habsburgermonarchie so viele verschiedene Volksstämme unter sich vereinigte, waren die revolutionären Zentren entsprechend weit gestreut. Neben Wien waren das zum Beispiel auch Prag, Mailand und vor allem Ungarn. Unter dem Titel  Revolution in Wien am 6. und 7. October ließ Althaus am 10. Oktober zwei Korrespondentenberichte vom Schauplatz des Geschehens in Wien abdrucken. Demnach gab es eine Meuterei von Angehörigen zweier Bataillone, die auf Anordnung des Kriegsministers Latour gegen die aufständischen Ungarn ausrücken sollten. Den Verweigerern schlossen sich Arbeiter und Studenten an und unterstützten sie mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. In der Nähe des Nordbahnhofs wurden Eisenbahngleise zerstört und die Taborbrücke durch Entfernen eines Jochs und den Bau einer stabilen Barrikade unpassierbar gemacht. Mit weiteren Barrikaden versuchten sie den Nachschub der Armee zu stoppen. Eine aufgebrachte Menge stürmte zum Kriegsgebäude. Dort wurde Latour aufgespürt und ermordet. Nach Eroberung des Zeughauses waren die Aufständischen bewaffnet. Auf beiden Seiten gab es Tote und Verletzte. Kaiser Ferdinand I. verließ mit seinem gesamten Hof das Schloss Schönbrunn und der Wiener Reichstag übernahm sowohl die konstituierende als auch die exekutive Gewalt. Fazit des Wiener Korrespondenten: Beim Schlusse dieses Berichtes war ganz Wien bewaffnet und, eine übrig gebliebene Aufregung abgerechnet, ruhig. Grund zum Jubeln? Nein, meinte der leitende Redakteur der Bremer Zeitung und erinnerte tags darauf an die gemeinsame Zugehörigkeit der Slaven und Magyaren zur Habsburger Dynastie und die Bedeutung dieses Mehrvölkerlandes für Deutschlands demokratische Entwicklung. Die sei weder in der slavischen Affinität zur Monarchie ausgeschlossen noch sei sie im magyarischen Unabhängigkeitsstreben garantiert. Die Kämpfe in Wien wertete er nicht als revolutionären Erfolg, sondern als beginnenden Bürgerkrieg mit gräulichen Bildern wie die Blutlachen im Stephansdom und den ermordeten Minister Latour aufgehängt an einer Laterne vor dem Kriegsgebäude. Wir sehen mit tiefem Schmerze und noch ohne versöhnende Hoffnung für die wahre deutsche Einheit, den Beginn des Bürgerkriegs und den Wiederausbruch der kaum versöhnten Völkerfeindschaft in den Octobertagen von Wien.
Dabei hatte das Trauerspiel Oesterreich so vielversprechend begonnen mit einem Frühlingsschauer von Liebe, Dank, Jubel und stolzer Freude, der Metternich, den verhassten Drahtzieher des Deutschen Bundes, verjagt hatte. Althaus dachte an seine vor der Knute Metternichs geflüchteten österreichischen Dichterfreunde in Leipzig und deren Erzählungen von jungen Märtyrern der Freiheit und von Klagelauten jenseits der schwarzgelben Schranken, die am 13. März 1848 gefallen waren. In diesem Wiener Frühling war sowohl der Zusammenhalt der österreichischen Volksgruppen als auch die Zugehörigkeit zu Deutschland in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gegeben. Doch mit den Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Volksgruppen und der militärischen Einmischung der Deutschen war das gemeinsame Ziel völlig verwischt und für Althaus in weite Ferne gerückt.
Das Trauerspiel hatte den Höhepunkt noch nicht erreicht. Die Stadt Wien wurde von kaiserlichen Truppen unter Windischgrätz eingekesselt und am 31. Oktober 1848 zurückerobert. Zweitausend Todesopfer, viele Verletzte und schreckliche Verwüstungen hatte der Aufstand gekostet. Und die herrschenden Rächer wüteten gnadenlos mit Verhaftungen, Verhören und Todesurteilen.

Leseprobe aus:



Hier der Leitartikel von Theodor Althaus zur Wiener Tragödie in der Bremer Zeitung vom 16. Oktober 1848

Trauerspiel Österreich

* Oesterreich war von uns getrennt, so lange die Freiheitskräfte der deutschen Welt in unruhigem Schlummer dem Erwachen entgegenrangen. Wien war die bittere Erinnerung an die geraubten Früchte des Freiheitskrieges, Wien war das Centrum der eisernen Fäden die uns nach jedem halbgelungenem Aufschwung von neuem umspannten und zu Boden hielten. Wir hörten die Klagelaute von jenseits der schwarzgelben Schranken her, wir begrüßten die flüchtigen Dichter, die jugendlichen Mätirer der Freiheit – und eine bittere Verwünschung klang nach, über das Volk des feigen Wohllebens und des gemüthlichen Slaventhums.
Als aber dies Volk sich im März erhob und gegen seinen alten Tyrannen zusammenströmte, als es vor den angeschlagenen Gewehren rief: „stehen, stehen bleiben!“ und stand, bis die Freiheit gewahrt, der Mann des allgemeinen Hasses verjagt war; da brach ein Frühlingsschauer von Liebe, Dank, Jubel und stolzer Freude über unsere deutschen Brüder in Oesterreich los. Der Anschluß verstand sich von selbst, Oesterreich mußte eins sein mit uns – so weit die deutsche Zunge klingt, das soll es sein! Was that’s, daß nur zwei von seinen Söhnen mit ihm Vorparlamente tagten? Die Wahlen zur deutschen Nationalversammlung wurden ausgeschrieben, österreichische Abgeordnete erschienen in Frankfurt, die Souveränetät der Nation ward proclamirt, der erste Beschluß der Einheit gefaßt: die Verfassung, die in Frankfurt gegeben wird, soll das höchste Gesetz für alle Einzelstaaten sein!
Das alles war wie im Taumel geschehen, die  g e r m a n i s c h e  W e l t  erschien gegründet und zzsammengeschlossen in  e i n  Reich. Das politische Losungswort dieses Reichs in Europa war: Feindschaft mit Rußland! Und worin wurzelte Rußlands Macht, als in seiner  s l a v i s c h e n  Nationalität, mit deren Anziehungskraft es alles gleichartige zu vereinen und als eine  s l a v i s c h e  Welt der deutschen gegenüber zu treten drohte! Seit Jahren sahen wir wie ein dunkel schwankendes Gespenst den Gedanken des  P a n s l a v i s m u s  im Osten sich regen; und wenn das Slaventhum genannt wurde, dachten wir nur an Feindschaft auf Tod und Leben gegen Deutschland, gegen den Geist, die Bildung, die Völkerfreiheit. Unser  H a ß  nahm  d i e s e n  Namen zum Symbol, und je weiter nach Osten, desto inniger ward diese Verbindung; wer die Freiheit liebte in Wien, glühte von  H a ß  gegen das Slaventhum. Unsere Jahrtausendlange Bildung und unsere einen Frühling junge Freiheit gaben uns ein Recht zu diesem Hasse, der jetzt das  V e r h ä n g n i ß  Deutschlands geworden ist.
Denn als in Wien Freiheit und Constitution proclamirt war: da regte sich die slavische Welt, da tauchte es wie eine Entdeckung einer unerhörten Thatsache auf, daß von Oesterreichs Völkern die überwiegende Zahl nicht deutsch, sondern slavisch war. Die Slaven ….en das Haupt der neuen Erlösung entgegen, sie fühlten sich als Nation wie wir, sie berauschten sich an dem ersten Freiheitstrank nach dem langen Schmachten, wie wir. In Prag tagte ihr Slavencongreß, wie unser Vorparlament in Frankfurt, und dort wie hier kam alles Neue, Gährende, Ungewisse und Ueberschwängliche zu leidenschaftlichen Worten und Beschlüssen, denen die ungestümen Thaten folgten, wie in Baden der Republikanerzug, so die Insurrection in Prag.
Aber wie ein Wunder und ein Triumph der Freiheit trat bald aus diesen panslavistischen Herrschaftsgelüsten ein andrer Charakter hervor; mit aller Glut des ersten Enthusiasmus umfassten die slavischen Völker den Freiheitsgedanken; eine Provinz um die andere erhob ihre fordernde Stimme für das, was sie Deutschen in Wien errungen hatten; Gleichberechtigung der Nationalitäten war das letzte Wort, die Bürgschaft, die sie hinzusetzten. „E i n  e i n i g e s  O e s t e r r e i c h,  i n  F r e i h e i t,  G l e i c h h h e i t  u n d  B r ü d e r l i c h k e i t  aller seiner Völker!“
Ja,  d i e s e n  Gedanken durften die kroatisch-slavonischen Deputirten vor dem Erzherzog Johann in Wien damals mit Recht „einen erhabenen Gedanken“ nennen, „der uns begeistert, fügten sie hinzu, und der nach unsrer Ueberzeugung allein werth ist, sich an die Seite der weltgeschichtlichen Ereignisse in Frankfurt zu stellen.“
So gelang; der souveräne Reichstag Oesterreichs kam zusammen in Wien; die Slaven wählten als ein Zeichen ihrer Freundschaft zum ersten Präsidenten einen Deutschen; die deutsche Sprache, die natürliche Vermittlerin der Nationalitäten, fand keinen Widerspruch.
Vor uns schien eine glückliche Zukunft ihre Thore zu öffnen. Wenn es gelang, die Verheißuungen zu constituiren und mehr als achtzehn Millionen Slaven durch das letzte und stärkste Band der Freiheit und Gleichberechtigung an das deutsche Oesterreich zu knüpfen, dann waren sie durch die Macht des deutschen Geistes, durch unsere Bildung, durch ein enges völkerrechtliches Bündniß mit Deutschland unwiederbringlich von dem Zuge nach Russland losgerissen; nicht nur hatten wir kein verstärktes Russland, sondern nicht einmal ein von Deutschland ganz getrenntes selbstständiges Slavenreich zu fürchten; durch Oesterreich und die Freiheit wuchsen wir mit diesen slavischen Elementen zu einer unerschütterlichen Macht in Europa’s Mitte zusammen; und wenn Oesterrreich constituirt war, konnte jener kühne Gedanke seines  G e s a m m t a n s c h l u s s e s  an Deutschland stets näher der Wirklichieit kommen.
Das alles war so neu, so überraschend,; der Einritt in die Civilisation und die Freiheit und die Erlangung eines Mittelpunktes für ihre Nationalität schien den Slaven noch so wenig gesichert, daß sie festhalten mussten an dem, was die einige  B ü r g s c h a f t  dafür schien. Dies zerrissene zusammengewürfelte, bedrohte Oesterreich fand seine Einheit nur in der  D y n a s t i e, und nur in dem  e i n i g e n  O e s t e r r e i c h  fanden die Slaven ihre Freiheit und Nationalität.
Sie hatten ein Recht dazu; der Kaiser hatte ihnen die Freiheit und das einige Oesterreich; die Berechtigung ihrer Nationalität, die politische Vereinigung ihrer Stämme gegeben.  D a ß  d i e  D y n a s t i e  u n d  d i e  G e s a m m t m o n a r c h i e  den Slaven das  L o s u n g s w o r t  für die höchsten Güter ihres jungen Volkslebens sein mußten und müssen, ist das  V e r h ä n g n i ß,  welches den fürchterlichen Zusammenstoß vorbereitete.
Denn die Partei der  R e a c t i o n, die aus der Umgebung des alten blödsinnigen Monarchen nie verterieben war, bemächtigte sich dieser Losungsworte, um mit der Einheit Oesterreichs – gerade wie jetzt eine Partei in Frankfurt mit der  E i n h e i t  Deutschlands – Oesterreich um die  F r e i h e i t  zu betrügen, um unter dem Schilde der  M o n a r c h i e  den Todesstoß der  D e m o k r a t i e  zu versetzen. So verstärkte sie ihre an sich sehr schwache Paertei; in dies Lügennetz lockten die Stadion’s die slavischen Bauern und flüsterten ihnen zu: wenn ihr für die Souveränetät des Reichstags stimmt, jagt ihr den Kaiser fort! den Kaiser, der Euch die  F r e i h e i t  gegeben hat! Und mit ihm fällt Oesterreich, und mit Oesterreich Eure Nationaleinheit!-
Es gelang nur allzu gut. Die deutschen Demokraten sahen mit jedem Tage mehr in den Slaven die Feinde der Freiheit, weil sie das Losungswort gerade wie die Reaction und Camarilla führten: Dynastie und Gesammtmonarchie! Die unbedingte Einheit mit Deutschland war für die Aula nur der Feldruf der Freiheit.
So wurden durch die alte Mischgestaltung Oesterreichs und durch die neue unerhörte That, daß ein Monarch die Freiheit gab, die Losungsworte der Freiheit und Nationalität durcheinander gewirrt, gemischt, getrennt, bis jetzt die Lösung durch einen Bürgerkrieg und Völkerkrieg blutig droht. Das nannten wir das V e r h ä n g n i ß, und das  T r a u e r s p i e l  i n  O e s t e r e i c h,
Denn was uns auf der Bühne erschüttert und bewegt, ein Kampf wo jeder für sein Recht in glühender Begeisterung aufsteht, und doch jedem durch ein Verhängniß der klare Blick verwirrt ist, das sehen wir jetzt herzzerreißend in Wien und vor seinen Thoren wie in Ungarns Ebenen geschehen. Wofür sind denn Kroaten und Serben aufgstanden, als für ihr ewiges Recht gegen ihre magyarischen Tyrannen? Aber weil sie es nur in einem  e i n i g e n  Oesterreich und durch die Dynastie erlangen zu können glauben, ist ihr Feldgeschrei das der Reaction geworden. Und warum begannen die Deutschen in Wien den Bürgerkrieg zu Gunsten jener Tyrannen? Weil diese magyarische Nation sich von der Gesammtmonarchie losgerissen, weil sie der Reaktion ein Dorn im Auge, weil der Reichstag in Pesth von der Camarilla als  D e m o c r a t e n c o n g r e ß  gehasst war! Die Feindschaft gegen die Magyaren war das Werk der Reaction, die Magyaren  v e r t r a t e n  gegen diese die Demokratie: d a r u m  ergriffen die deutschen Demokraten die Waffen für sie.
Aber können wir, kann Deutschland in müssigen Klagen verzweifelt diesem Trauerspiel zusehn? Nein, das ist unmöglich, den höheren Herzschlag niederzuhalten bei dem Anblick dieser Stadt in Waffen, dieses ganzen Volks, in dem jeder Arbeiter bewehrt, alle Stände gemischt, alle öffentlichen Gewalten demokratisch, in dem von unten auf all’ und jede Kraft emporgehoben ist, um nie wieder gebeugt zu werden, wenn dieß einemal der Sieg errungen wird. Zu ihm ist alles aufgeboten, in der höchsten Noth ist auch den Urhebern jenes fürchterlichen Mords Amnestie und Waffenrecht gegeben; es ist ein Zeichen der Revolution, die Alles einsetzen muß um alles zu gewinnen. Das  P r o l e t a r i a t  ist zum erstenmal in Deutschland bewaffnet.
Bitter und rasch werden die enttäuscht werden, die nur eine Bewegung für die Einheit Deutschlands, nur einen Nationenkampf in dieser Volkserhebung sehn. Das war ein Theil des Anfangs, aber  j e t z t  ist die Demokratie mächtig an die Spitze voran getreten. Das Reichsministerium in Frankfurt hat Beschlüsse in dieser Angelegenheit gefaßt, die zu veröffentlichen es noch nicht für gut befunden hat. Wohin sie zielen, kann kaum ein Geheimniß sein, - man braucht sich nur zu erinnern, daß Frankfurt noch in Belagerungszustand ist.
Es ist ein und dieselbe Sache überall, und in Wien, in Oesterreich fällt nun der Hauptschlag. Wenn das einige Oesterreich dabei in Trümmern ginge und statt des angebahnten Friedens- und Freiheitsbündnisses zwischen der deutschen und slawischen Welt der Völkerkrieg entflammt würde, so wäre dieser Schlag für Deutschland herber und dieß Unglück größer, als es die formelle Reichseinheit mit den deutsch-österreichischen Theilen ihm je ersetzen könnte. Und doch, selbst dieser Schmerz, der uns zuerst überwältigte, muß bezwungen werden, weil es sich um Tod und Leben für die Demokratie handelt. Die siegende Freiheit wird als erste Parole die Gleichberechtigung der Nationalitäten geben und die Hand zum brüderlichen Frieden von neuem den Slaven bieten; aber wenn sie erläge, dann würde die leer Einheit ein elender Trost für den Verlust sein.




Sonntag, 24. August 2014

Rheinfahrt im August



Der August des Jahres 1846 bescherte wunderbare Sommertage. Der fast vierundzwanzigjährige Theodor Althaus hatte sein Studium in Bonn, Jena und Berlin beendet, hatte jedoch auf Grund seiner politischen und religiösen Überzeugungen keine Chance auf eine Anstellung. Ihm blieb die Sprache in Predigten, Vorträgen und dem geschriebenen Wort. Für seine längere Schrift „Die Zukunft des Christenthums“, in der er seine progressiven religiösen Vorstellungen ausführlich darstellte, hatte er einen Verleger gefunden. Und nach Wanderungen im Harz und an der Weser zog es ihn an den Rhein, seinerzeit wichtiges Symbol der deutschen Freiheitsbewegung.  Gerne erinnerte sich Althaus an seine Studienzeit an der Bonner Friedrich Wilhelms Universität, an Weinfelder, das Siebengebirge, Burg Rheinstein hoch über der Flusswindung, den schroffen Loreleyfelsen, die glitzernden Wellen am Ufer und an den Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten, die dasselbe Ziel verfolgten wie er: ein einheitliches demokratisches Deutschland, in dem es allen Menschen gut ging, nicht nur den Königen und Fürsten.
In Köln traf er Levin Schücking und Karl-Heinrich Brüggemann von der „Kölnischen Zeitung“, Levin Schücking und ein paar Kilometer rheinaufwärts seinen Bonner Dozenten Gottfried Kinkel,  mit dem ihn inzwischen eine enge Freundschaft verband.
Mit dem Dampfboot fuhr er weiter flussaufwärts bis nach Bingen, unternahm eine mehrtägige Wanderung entlang der Nahe bis  nach Kreuznach, wo er bei seinen Beobachtungen den Eindruck hatte, er stoße mit jedem Schritt an eine „faule Frucht der Geschichte“. Die krassen Gegensätze zwischen bestens ausgestatteten Kurgästen auf der Kreuznacher Promenade und den schwitzenden Arbeitern mit zerschundenen Händen in den Weinfeldern waren ihm unerträglich.
Hinter Bad Münster am Stein ging es bergauf zur Ebernburg, wo er sich beim Gang zwischen den Ruinen um einige Jahrhunderte zurück versetzt fühlte in die Reformationszeit, als der Burgbesitzer Franz von Sickingen, Freund des Volkes und Martin Luthers, hier gewohnt und entgegen allen Anfeindungen seiner Fürstenkollegen, verfolgten Reformatoren Asyl gewährt hatte. Auch Sickingens gleichgesinnter Freund, der Dichter Ulrich Hutten, war für lange Zeit dort oben untergekommen. Diese besondere Bedeutung verschaffte der Burg den Beinamen „Herberge der Gerechtigkeit“.
Eine weitere Unternehmung führte den Wanderer in das wildromantische, zerklüftete Wispertal. Stundenlang ging er allein, umgeben nur von der großartigen Natur, die doch klüger war als die Menschen, die es nicht fertig brachten, diese Großartigkeit auch denen zugänglich zu machen, die in Hütten hausten. Welch ein Widerspruch!
In dieser „Profeteneinsamkeit“ fochten die Gedanken in seinem Kopf einen fürchterlichen Kampf, der dann in leidenschaftlicher Empörung mit Feder und Tinte zum Ausbruch kam. In den sechsundneunzig Strophen von „Eine Rheinfahrt im August“ erinnerte der Autor an die hochfliegenden Hoffnungen auf Freiheit und Gerechtigkeit, zeigte das schwache Elend der vielen, die sich abquälten, damit wenige alle Reichtümer besäßen und stellte fest, das „fluchbeladene Metall“ richte nur Unheil und Blutvergießen an. Geld solle man besser im Rhein versenken wie den Nibelungenschatz. Gleichzeitig war dieses Gedicht eine Hymne an den mächtigen Fluss, der ruhig und unbeirrt seinen Weg nahm. An alle dem hatte der Rhein ja keine Schuld. Er war der ungekrönte König und auf ihm ruhten seine Hoffungen auf bessere Zeiten.
Die Zukunftsvision von Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit beherrschte Theodors gesamtes Denken, Fühlen und Handeln. Für die Verwirklichung dieses Ideals würde er alles geben. Als wollte er diesen Vorsatz besiegeln, taufte er sich eines Abends an einer Uferstelle selbst mit klarem Rheinwasser.
Außer in den gereimten Zeilen  „Eine Rheinfahrt im August“ bearbeitete Theodor Althaus seine Erlebnisse während dieser Wanderungen in zwei Erzählungen; „Herberge zur Gerechtigkeit“ und „Eine Nacht der Gegenwart“, die er in der Anthologie „Mährchen aus der Gegenwart“ publizierte. Der letzte Text in dieser kleinen Sammlung, überschrieben „Vom Rhein“, ist ein Auszug aus Theodor Althaus längerer Schrift „Aus dem Gefängniß“ die er während seiner Haftzeit im Staatsgefängnis in Hildesheim verfasste.

Diese Texte von Theodor Althaus gibt es im beam eBook Shop zum Gratis Download:


Foto: RH im Mai 2012 am Rhein bei Remagen


Donnerstag, 19. Juni 2014

Robert Blum und die Zentralgewalt


Ein weiterer Freund aus Leipziger Zeit hatte in Frankfurt eine Bühne gefunden. Robert Blum ließ ihn mit einer unglaublich leidenschaftlich vorgetragenen Rede in der Nationalversammlung schon fast erschrocken aufhorchen. In den Frankfurter Tagen war Theodor dem vielbeschäftigten Mann schon einige Male begegnet. Die bereits in Leipzig erlebte Kraft seiner Aktivitäten und Worte übertraf Blum am 20. Juni 1848 mit seiner Rede zur Zentralgewalt, wie man die von Gagern ins Spiel gebrachte und zur Diskussion stehende provisorische Regierung für Deutschland nannte. In Form eines Direktoriums oder Ministeriums sollte diese Zentralgewalt installiert werden. Die Schärfe des Tones der Rede übertraf alles, was Theodor bisher von Blum erlebt hatte. Der verglich die Nationalversammlung mit dem an den Felsen angeketteten Prometheus, stark wie er, doch an ihren Zweifeln angekettet.
Blum war gegen ein Direktorium. Weder sei so ein Gremium legitimiert, noch habe es die Mittel, Deutschland zu vertreten. Er und seine Partei sahen die Gefahr, dass eine Zentralgewalt, die ja notgedrungen schwach sein müsste, die Fürstenmacht in den Einzelstaaten wieder stärken und die gerade errungene parlamentarische Macht in Gefahr bringen würde. Er und seine Mitstreiter schlugen einen Vollziehungsausschuss vor. Der sollte sich darum kümmern, dass die gefassten Beschlüsse der Nationalversammlung ausgeführt würden. Andernfalls sah er die erkämpfte Freiheit wie ein Himmelsauge brechen. In unbeschreiblicher Intensität trug er seinen Appell an die Abgeordneten vor: Wollen Sie der Anarchie entgegentreten. Sie können es nur durch den innigen Anschluß an die Revolution und ihren bisherigen Gang. Das Direktorium, das Sie schaffen wollen, ist aber kein Anschluß daran; es ist Widerstand, es ist Reaktion, es ist Konterrevolution – und die Kraft erregt die Gegenkraft. Man wirft mitunter schielende Blicke auf einzelne Parteien und Personen und sagt, daß sie die Anarchie, die Wühlerei und was weiß ich wollen. Diese Partei läßt sich den Vorwurf der Wühlerei gern gefallen; sie hat gewühlt und ein Menschenalter lang, mit Hintansetzung von Gut und Blut mindestens von allen Gütern, die diese Erde gewährt; sie hat den Boden ausgehöhlt, auf dem die Tyrannei stand, bis sie fallen mußte, und Sie wären nicht hier, wenn nicht gewühlt worden wäre. Bei diesen Worten reagierten die Anwesenden in der Paulskirche mit stürmischem, anhaltendem Beifall und dann noch einmal nach dem leidenschaftlich vorgetragenen Schlusssatz: So schaffen Sie Ihre Diktatur.
Waren die Abgeordneten zu gutgläubig? Sah Blum zu schwarz? Jedenfalls blieben seine Warnungen erfolglos. Am 28. Juni 1848 beschloss die Frankfurter Nationalversammlung das Gesetz über die Einführung einer provisorischen deutschen Zentralgewalt, die bis zur Ausführung der Reichsverfassung tätig sein sollte. Und am Folgetag wählte sie, wiederum auf Vorschlag Heinrich von Gagerns, der ihn selbst als kühnen Griff  bezeichnete, Erzherzog Johann von Österreich zum Reichsverweser als Oberhaupt eines zu bildenden Ministeriums. Althaus konnte sich mit der Konstruktion Zentralgewalt mit Reichsverweser und Reichsministerium arrangieren. Er hatte eher Bedenken gegen Blums Strategie. Wie sollte ein Vollziehungsausschuss funktionieren?
Beim Zweiergespräch in der stillen Ecke eines Frankfurter Wirtshauses konnte Theodor seine Zweifel ansprechen. Im Gegensatz zu seinem Freund hatte er zu Gagern und dessen politischem Handeln ungetrübtes Vertrauen, der würde das Schiff schon in die richtige Bahn lenken. Blum hingegen sprach spöttisch vom Reichsverweser als Johann von Gagerns Gnaden. Der Jüngere musste zugestehen, dass er Blums Befürchtungen, diese Konstruktion Zentralgewalt könnte einen Rückschritt in Metternichzeiten nach sich ziehen, nicht einfach wegwischen konnte, zumal bereits erste Anzeichen aufkommender Reaktion zu erkennen waren. Die durch die Revolution geschwächten Landesregierungen eroberten ihre verlorene Macht allmählich zurück. Mit dem Antrag des Kölner Parlamentariers Franz Raveaux nach Klärung der Priorität bei gleichzeitiger Mitgliedschaft in der preußischen und der Frankfurter Nationalversammlung sowie einem tödlichen Konflikt in Mainz zwischen preußischem Militär und Bürgerwehr war deutlich geworden, dass im monarchischen System die Priorität der deutschen Nation gegenüber den einzelnen Ländern nicht gegeben war. Im Falle der Doppelmandate wurde keine eindeutige Regelung zugunsten der Nationalversammlung geschaffen. So konnte mittels Einberufung der preußischen Landstände durch die Regierung in Berlin die Parlamentsarbeit in Frankfurt in erheblichem Maße gestört werden. Auch im Falle des Mainzer Konflikts war die Gewichtung klar. Die Bürgerwehr zog sich zurück und das preußische Militär behielt die Oberhand. Die Frage, wie Blum sich denn nun seinen Mitstreitern gegenüber verhalten werde, wenn er in der provisorischen Zentralregierung ein Ministeramt angeboten bekäme, beantwortete der mit beeindruckender Konsequenz. Er würde in das erste Ministerium nur eintreten, um es nachher bei Gelegenheit sprengen zu können.

Ende des Monats Juni 1848 war für Theodor Althaus nach sechs Wochen die Zeit als politischer Beobachter im Frankfurter Sommer zu Ende. Ihn lockte ein Angebot, bei der Bremer Zeitung als Nachfolger von Karl Theodor Andree die Stelle als leitender Redakteur zu übernehmen. Andree wollte Bremen verlassen, in seiner Heimatstadt Braunschweig die Deutsche Reichszeitung redigieren und sich verstärkt seinen Studien und Publikationen im geographischen Bereich widmen. 

Leseprobe aus:

Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland (Taschenbuch)


Fotos: © Renate Hupfeld (Frankfurt Römerberg am 14. April 2011)

Montag, 5. Mai 2014

18. Mai 1848 Parlament in der Paulskirche


Unerwartet flatterte plötzlich wieder ein Angebot in die elterliche Wohnstube. Wieder kam es aus Bremen, doch diesmal war es die Bremer Zeitung, die nach ihm verlangte. Der leitende Redakteur Karl Theodor Andree machte Althaus den Vorschlag, für die Bremer Zeitung über die Frankfurter Nationalversammlung zu berichten. Da gab es nichts zu überlegen. Auf nach Frankfurt!
Welche Gefühle und Gedanken mussten ihn bewegt haben, als er in der Stadt ankam, in der seit Wochen die politische Musik spielte, gerade rechtzeitig, um am 18. Mai 1848 dabei zu sein, als 400 Abgeordnete der verfassunggebenden Nationalversammlung bei Kirchengeläute und Kanonendonner, umsäumt von schwarz-rot-goldenen Fahnen, Girlanden und Parolen, zwischen dem Jubelspalier von Tausenden vom Kaisersaal zur Paulskirche zogen? Und was mag in ihm vorgegangen sein, als er seine Mitstreiter aus Leipzig, Robert Blum, Georg Günther, Moritz Hartmann und Arnold Ruge in der Menge der Gewählten entdeckte? Er war einer der vielen Zuschauer auf der Tribüne des eigens für den Zweck umgestalteten runden Kirchenraumes, mit deutschen Farben geschmückt und dem Bild der Germania hoch oben thronend über Sitzreihen, Podium und Galerie. Trotz wilder Debatten einigte man sich in dieser ersten Versammlung auf den vorübergehenden Alterspräsidenten Lang aus Hannover und auf den Termin für die nächste Sitzung des Parlamentes.



Am 19. Mai 1848 wurde der neunundvierzigjährige Heinrich von Gagern mit überragender Mehrheit zum Präsidenten der Nationalversammlung gewählt. Als ehemaliger Burschenschaftler, Mitglied des Hallgartenkreises und seit der Märzrevolution Ministerpräsident von Hessen-Darmstadt genoss er Respekt und großes Vertrauen durch alle Gruppierungen. Man traute ihm zu, dieses schwierige Amt zu meistern. Weder fehlte es ihm an Fachkompetenz und Glaubwürdigkeit, noch an Selbstbewusstsein und persönlicher Ausstrahlung. Seine Antrittsrede mit dem Versprechen, eine Verfassung für Deutschland auf der Grundlage der Souveränität der Nation zu schaffen, wurde mit heftigem Beifall von Versammlung und Publikum aufgenommen. Am 31. Mai wurde Gagern mit einem Fackelzug vor dem Mumm’schen Haus geehrt. Darüber berichtete Korrespondent Althaus nach Bremen. Es gebe auch kritische Stimmen, doch sei es Gagerns Glaube und Hoffnung, dass man mit ihm schöne Zeiten erleben werde. Er sei ein Mann des Volks, las man am 5. Juni 1848 in der Bremer Zeitung.
Nach den Beobachtungen in den ersten zwei Wochen des Frankfurter Politgeschehens war dem Visionär aus der Detmolder Dichterstube mehr denn je klar geworden, wie verworren die politische Situation war und wie schwierig es werden würde, einen Konsens für ein deutsches Staatsgebilde zu finden. Gab es doch so viele verschiedene Bedürfnisse und Interessen, so viele unterschiedliche Auslegungen von Begriffen, so viele unterschiedliche Erwartungen und Vorstellungen. Ueberall Konfusion und Gegeneinanderzücken von Parteiungen und provinziellen Sonderinteressen, sah er in seinen Genrebildern aus Frankfurt, die am 7. Juni 1848 auf der Titelseite der Bremer Zeitung erschienen, Impressionen von sogenannten Klubversammlungen in der Sokrates-Loge, im Hof von Holland, Deutschen Haus und im Weidenbusch.

Wie sollte man das Werk auf die Füße stellen, so dass es stehen bleibe und auch gehen könne, fragte er sich und seine Leser. Nach seiner Meinung gab es unter den Abgeordneten zu viele, die Konfrontation anstatt Ausgleich suchten und denen Profilierung um jeden Preis wichtiger war als das gemeinsame Ziel. Und es gab zu wenige Männer, die aufgrund ihrer Begabung, sachlicher Herangehensweise und persönlicher Ausstrahlung Respekt und Sympathie gewannen. Zu Letzteren gehörte unbedingt Julius Fröbel. Im Juni gab es ein herzliches Wiedersehen mit dem verehrten Freund aus Dresden. Nicht als Mitglied der Nationalversammlung war Fröbel in Frankfurt, sondern als Deputierter des ersten Demokratenkongresses, der am 14. Juni 1848 im Deutschen Hof begann. Fröbel redete so glaubwürdig und überzeugend, dass er mit großer Mehrheit zum Präsidenten des demokratischen Vereins gewählt wurde. Die Arbeit am Programm machte er hervorragend, so dass man auch über die Vereinsmitglieder hinaus auf ihn aufmerksam wurde. Bald war er für kurze, doch sachgerechte Diskussionen mit schnellen und guten Ergebnissen bekannt. Voller Bewunderung für diesen integren Mann verfolgte Althaus die Veranstaltung.






Leseprobe aus:


Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland (Taschenbuch)


Fotos: ©Renate Hupfeld 



Montag, 24. März 2014

März 1848 Robert Blum in Leipzig


Althaus Freunde in Leipzig hatten unterdessen nicht geschlafen. Robert Blum hatte auf dem Marktplatz vor Hunderten Zuhörern vom Balkon des Rathauses eine bejubelte Rede gehalten, in der er den Rücktritt der sächsischen Regierung forderte und dafür plädierte, das derzeitige Soldatentum abzuschaffen und alle Bürger zu bewaffnen, damit man mit den jungen Brüdern Hand in Hand gehen könne. Arnold Ruge hatte Die Reform gegründet, ein Organ für eine breite Leserschaft mit dem Ziel, bei allem Enthusiasmus über die errungenen Erfolge Klarheit in das Chaos der verschiedenen Meinungen, Begriffe und Sprachregelungen zu bringen.

Auf der großen politischen Bühne hieß es jetzt zügig handeln, damit das durch die revolutionären Erhebungen gewonnene Potential nicht verpuffte. Einundfünfzig Männer hatten bereits Vorarbeit geleistet. Auf Einladung von Johann Adam Itzstein aus Hallgarten waren sie zusammen gekommen und hatten am 5. März 1848 die sogenannte Erklärung der Heidelberger Versammlung formuliert, in der sie auf Vorschlag von Theodor Welcker sieben Mitglieder benannten, die für alle Länder des Deutschen Bundes eine Nationalvertretung vorbereiten sollten. Dieser Siebenerausschuss tagte am 12. März 1848 und brachte eine Einladung an die Ständemitglieder und eine Auswahl von Vertrauensmännern aus allen Ländern zu einem Vorparlament auf den Weg. Das berufene Gremium sollte die Grundlagen zur Wahl der Mitglieder einer gesamtdeutschen Nationalversammlung schaffen und am 31. März 1848 in Frankfurt  zusammen kommen.

Im Wohnzimmer von Robert Blum tagte wieder ein kleiner Kreis, um vor seiner Abreise nach Frankfurt zur Teilnahme am Vorparlament die dort zu vertretende politische Richtung zu besprechen. Man diskutierte wild durcheinander und kam stundenlang nicht auf den Punkt, bis schließlich der Hausherr das Wort ergriff und kurz erklärte, wo es lang gehen sollte. Wer konnte das besser einschätzen als Blum? Er hatte als jahrlanges Mitglied des Hallgartenkreises sowie des Leipziger Stadtparlaments den Überblick, genoss das Vertrauen der Bevölkerung und war ein Meister der Rede, der Organisation und der Beschaffung von Mehrheiten nach demokratischen Prinzipien. Seine Überzeugungskraft suchte ihresgleichen. Wenn er sprach, hörte jeder zu. Das stellte auch Althaus an jenem Abend in Blums Wohnung bewundernd fest.

Das Vorparlament mit 574 Teilnehmern tagte vom 31. März bis zum 3. April 1848 in der Frankfurter Paulskirche. Es sah seine Aufgabe darin, die Art und Weise der Bildung einer parlamentarischen Nationalversammlung mit dem Ziel der Erarbeitung einer Verfassung für ganz Deutschland festzulegen und wählte aus seinen Reihen einen Fünfzigerausschuss, der in Absprache mit der Bundesversammlung den Wahlmodus für die Mitglieder der Nationalversammlung festlegen sollte. Robert Blum gehörte diesem Fünfzigerausschuss an. Die Leipziger Angelegenheiten regelte er während seiner Abwesenheit zusammen mit Vertrauten aus der Entfernung. Auch Theodor gehörte dazu. Blum wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte. Seinem Schwager und engem Mitarbeiter Georg Günther schrieb er am 13. April 1848: Wenn Althaus etwas schreibt, dann ist das gewiss gut, und ich bin im voraus damit einverstanden.

Leseprobe aus:


Foto: © Renate Hupfeld (Leipzig, Rathaus mit Balkon im März 2011)

Donnerstag, 20. März 2014

Berlin 21. März 1848 Umritt des Königs




Am 20. März 1848 erreichte er [Theodor Althaus, Korrespondent der Bremer Weser-Zeitung] gegen Mittag Berlin. Es war ein seltsames Szenario in der Stadt. Männer, Frauen und Kinder liefen zwischen Barrikaden und herausgerissenen Pflastersteinen. Die meisten feierten einen Sieg. Doch andere suchten verzweifelt nach vermissten Angehörigen.
Theodor ging von Kirche zu Kirche, schaute in die jungen Gesichter der dort aufgebahrten Toten, die schrecklichen Wunden, die stille Siegesgewissheit in den bleichen Zügen. Auf der Straße sprach er die Menschen an, hörte ihre Berichte über die Ereignisse der Nacht von Samstag auf Sonntag und setzte das Puzzle zusammen über die friedliche Versammlung vor dem Schloss, die Proklamation des Königs, laute Rufe aus der Menge, die Forderung nach Abzug der Soldaten, zunehmende Unruhe, plötzlich ein Schuss von irgendwoher, noch ein Schuss und dann der fürchterliche Sturm. Unaufhaltsam tobte der in Straßen und auf Plätzen. Alle machten mit beim Bau der Barrikaden, vom einfachen Tagelöhner und Handwerker bis zum Beamten, Studenten, Arzt und Advokaten. Frauen, Kinder und Greise waren dabei. Mit allen Mitteln kämpften sie, beschafften Material für den Barrikadenbau, besorgten Waffen, gossen Kugeln, steckten deutsche Fahnen auf, Frauen versorgten die Kämpfenden mit Speisen und Getränken, Unaufhörlich tönten die Sturmglocken in der Stadt. Die ganze Nacht. Bis zum nächsten Morgen. Bis kein Soldat einziger mehr zu sehen war.
In einer Kirche fand er ein stilles Plätzchen, wo er ungestört verweilen konnte. Nachdem er sich ein wenig gefangen hatte, zog er Papier und Feder aus der Tasche und schrieb einen Artikel für die  „Weser-Zeitung“. Das war er den Toten schuldig. Ihr mutiger Kampf durfte nicht umsonst gewesen sein.
Es war schon dunkel, als er am Abend vor dem Haus des Großvaters in Potsdam stand. Obwohl das Fenster des Balkonzimmers hell erleuchtet war, musste er lange auf Einlass warten. Später erfuhr er den Grund. Dräseke war vor Übergriffen von Aufständischen gewarnt worden und die im Hause Anwesenden, des Großvaters jüngere Tochter, Enkelin Elisabeth aus Detmold und ein Diener, fürchteten den dunklen Mann an der Tür und waren heilfroh, als es dann der älteste Enkel war. Der berichtete von den Spuren der Berliner Horrornacht, bevor er sich völlig erschöpft zurückzog. Elisabeth machte sich Sorgen und folgte dem Bruder in sein Zimmer. Der hatte sich schon ins Bett gelegt: Sie erinnerte sich: „Ich setzte mich zu ihm und sah nun erst, wie verändert, wie von Erregung und Schmerz durchwühlt, seine Züge waren.“
Am nächsten Tag war Theodor dabei, als König Friedrich Wilhelm IV. mit schwarz-rot-goldener Armbinde durch die Straßen von Berlin ritt und vor Studenten der Berliner Universität eine Rede hielt, wobei er sich zu der Formulierung hinreißen ließ: „Preußen geht fortan in Deutschland auf.“
Und er nahm am 22. März auf dem Gendarmenmarkt an der Trauerfeier für die 183 Toten teil, folgte dem unbeschreiblich langen Leichenzug mit den bekränzten Särgen, zunächst bis zum Schloss, wo sich der preußische König Friedrich Wilhelm IV. auf Verlangen des Volkes mit gezogenem Hut vor den toten Revolutionären verbeugen musste, dann vor die Tore der Stadt zur Beisetzung auf dem eigens eingerichteten „Friedhof der Märzgefallenen“ auf einem Hügel in Friedrichhain.
„Der Leichenzug. Die seidenen, schwarzrothgoldenen Trauerfahnen […] nach den Thränen stumpfte sich alles ab. Zu lang. Die anarchische Schwüle über Berlin“, notierte er im Tagebuch.
Er sei ein Mann geworden, meinte Großvater Dräseke und da hatte er recht. Die harte Konfrontation mit den menschlichen Tragödien, die rohe Gewalt gegen die eigenen Brüder, Söhne eines Volkes, hatte ihn in tiefster Seele getroffen.
Der Weg würde ein harter und steiniger werden. Die „faulen Früchte der Geschichte“ waren mächtiger, als er es sich in seinen idealistischen Vorstellungen ausgemalt hatte. So einfach fielen die nicht in sich zusammen. Wie sonst wäre es möglich, dass Soldaten als Spielzeug eines konzeptlosen Monarchen mit vorgeblicher Gottes-Gnaden-Legitimation ein so schreckliches Blutbad anrichteten?
Althaus Artikel  erschien unter der Überschrift  „D i e  B e r l i n e r  R e v o l u t i o n“  am 22. März 1848 auf der Titelseite der „Weser-Zeitung“. Er hatte den historischen Stellenwert des Geschehens als „Bluttaufe der deutschen Freiheit“ erkannt und eine überaus sensible Würdigung des leidenschaftlich entschlossenen Kampfes gegen die starre Willkürherrschaft des schwachen preußischen Königs verfasst: „Die giftige Saat, die Untergrabung alles Vertrauens, das schwankende Spielen zwischen der persönlichen Willkür und den gerechtesten Forderungen des Volkes, die Demoralisation der höchsten Staatsgewalten, welche sich durch den Schein und die Heuchelei eine erträumte Macht zu sichern wähnten, ist nun so blutig aufgegangen. Deutschland wird den achtzehnten März dieses Jahres nie vergessen.“

Leitartikel in der Bremer Weser-Zeitung vom 22. März 1848: Die Berliner Revolution

 Leseprobe aus:


Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland (Taschenbuch)

Fotos: © Renate Hupfeld ... auf dem Friedhof der Märzgefallenen, fotografiert am 19. September 2013 in der Ausstellung "Grundstein der Demokratie"