Montag, 16. Oktober 2017

19. Oktober 1847 Monarchenhügel in Leipzig

Einweihung des Denkmals auf dem Monarchenhügel am 18. {19.!} Oktober 1847
(aus: Illustrirte Zeitung 30. Oktober 1847)
Bildquelle: Wikipedia (gemeinfrei)

Eine weitere Verbindung {zu Arnold Ruge, Robert Blum, Julius Fröbel z.B.} knüpfte er {Theodor Althaus} zu dem drei Jahre älteren Historiker Heinrich Wuttke, der an der Leipziger Universität Vorlesungen hielt. Am 19. Oktober 1847 wanderte er früh am Morgen zusammen mit ihm in südöstlicher Richtung aus der Stadt hinaus über Feldwege, vorbei an Gebüsch, durch stille Dörfer, dann durch eine lange Pappelallee hinauf zur höchsten Erhebung dieser Gegend. Auf diesem Hügel hatten vierunddreißig Jahre zuvor die verbündeten Monarchen Kaiser Franz I. von Österreich, Kaiser Alexander I. von Russland und König Wilhelm III. von Preußen gestanden, die Kampfhandlungen der Völkerschlacht verfolgt und am Abend des 19. Oktober 1813 die Nachricht vom Rückzug der Truppen Napoleons entgegen genommen. Zur Erinnerung an diesen wichtigen Sieg hatte man auf dem Monarchenhügel ein pyramidenförmiges Denkmal aus Sandstein errichtet, das an jenem Tage eingeweiht wurde.

Über das Ereignis verfasste Theodor Althaus einen Artikel für die Bremer Weser-Zeitung, in dem er die Organisation und vor allem die Rede von Superintendent Großmann heftig kritisierte. Die Feier sei nicht dazu angetan gewesen, die tausend Anwesenden anzusprechen und auf das Wichtigste zu lenken, nämlich dass es ein Sieg der Kämpfer auf dem Schlachtfeld war und nicht das Verdienst von drei Monarchen im Glauben an Gott, wie der Redner weismachen wollte. Mit Wuttke war Althaus einig, dass eine Rede von Robert Blum die richtigen Akzente gesetzt hätte. Ja, es hätte sogar schon seine Anwesenheit gereicht. Eine Feier für das Volk sei diese Einweihungsfeier nicht gewesen. Sein Fazit: Aber wenn an einem solchen Siegestage des Volks, das Volk nur wie das Publikum zum allerhöchsten Fest, nur wie Staffage um den Thron, den es doch allein wieder aufgerichtet hat, erscheint: dann wird es doch selbst im Herbste zu dumpf und schwül in der deutschen Luft. Fort, fort von hier!

Als der Artikel Das Denkmal auf dem Monarchenhügel in Leipzig am 24. Oktober 1847 im Sonntagsblatt zur Weser-Zeitung erschien, war Theodor die Aufmerksamkeit in der Stadt Leipzig gewiss. Die Empörung bei den Verantwortlichen war so groß, dass er schon fürchten musste, ausgewiesen zu werden. Seine Freunde im Museum und Café dagegen beglückwünschten ihn zu diesem klaren politischen Statement. Ignaz Kuranda war so begeistert, dass er auf ihn zukam mit der Bitte, unbedingt für die Grenzboten zu schreiben.








Leseprobe aus:

Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland 

Dienstag, 5. September 2017

August Wilhelm Schlegel



Am 8. September 1767 wurde A.W. Schlegel geboren. Hier ein Anekdötchen des Studenten Theodor Althaus an der Bonner Universität: 


"Im Wintersemester 1842/43 war Theodor wieder in Bonn. Er belegte Veranstaltungen verschiedener Fakultäten, hörte Metaphysik und Philosophie bei Brandis, einem Schulfreund seines Vaters aus Holzminden, über den römischen Theaterdichter Plautus bei dem Philologen Ritschl, neuere Geschichte bei Löbell und griechische Kunst bei August Wilhelm Schlegel, dessen bizarre Auftritte gewollt oder ungewollt für große Erheiterung sorgten. Wer wollte es Theodor Althaus verdenken, wenn er das Bild des älteren Herrn im Abendanzug neben dem Katheder mit vom Diener im Livrée sorgfältig geputztem silbernen Leuchter vor einem nach Parfum duftenden Auditorium den Seinen zu Hause nicht vorenthielt?"

aus: Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

Bildquelle: Kalenderblatt im Arche Literaturkalender 2017

Donnerstag, 24. August 2017

Alexander von Humboldt



Während seiner Haft im Staatsgefängnis St. Godehard in Hildesheim hatte Theodor Althaus im Winter 1850 Zugang zur Hildesheimer Dombibliothek. Er las Hölderlins "Empedokles", Richard Wagners "Kunstwerk der Zukunft" und machte in den Werken von Flavius Josephus, einem Schriftsteller und Historiker aus dem ersten Jahrhundert nach Christus eine interessante Entdeckung. Er fand eine Textstelle, die Alexander von Humboldt in seinem geographisch historischen Werk "Kosmos" nicht erwähnt, also wohl übersehen hatte. Es handelte sich um die Überlieferung einer Reise des griechischen Handelsmanns Koläus von Samos, der im 7. Jahrhundert v. Ch. als erster Seefahrer die "Säulen des Herkules", so nannte man die Meerenge von Gibraltar, durchquert hatte, was bewies, dass der Erdkreis über das Mittelmeer hinaus reichte. Das ließ den Geschichtsschreiber Strabo vermuten, dass im Westen noch ein ferner Inselkontinent existierte. Am 22. Februar 1850 informierte Theodor Althaus den achtzigjährigen Humboldt in einem zweiseitigen Brief über diesen interessanten Zusammenhang, was der mit einem ehrlichen Dank und guten Wünschen für seine Zukunft beantwortete. 


Statue Alexander von Humboldt vor der Humboldt Universität 
Unter den Linden Berlin am 19. August 2017

Freitag, 11. August 2017

Schelling


Friedrich Wilhelm Joseph Schelling
(1775 - 1854)

Theodor Althaus hörte den 68-jährigen Schelling im Frühjahr 1843 
an der Berliner Universität.
Er war enttäuscht und schrieb seinen Eltern nach Detmold:

"Große Vollheit, Lärm, Hitze 
und am Ende kamen ganz gewöhnliche Sachen heraus."
(Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland, Seite 27)

Statue "Schelling der große Philosoph"
in München am 30. Juli 2017

Donnerstag, 10. August 2017

Gottfried Kinkel




Theodor Althaus war 18 Jahre alt, als er an einem Oktobertag des Jahres 1840 die Wohnstube des Pfarrhauses Unter der Wehme in Detmold verließ, zu Fuß nach Paderborn ging und von dort mit der Postkutsche an den Rhein fuhr. Der älteste Sohn des lippischen Generalsuperintendenten hatte ein glänzendes Abiturexamen abgelegt und wollte an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Theologie zu studieren. Und es war schon etwas Besonderes, von einer der ersten Amtshandlungen des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. zu profitieren und bei der Einschreibung vom gerade rehabilitierten Rektor Ernst Moritz Arndt persönlich begrüßt zu werden. Berechtigte Hoffnung auf ein einheitliches, freies und demokratisches Deutschland lag in der Luft. Doch in den beiden Vertretern der theologischen Fakultät, den Professoren Nitzsch und Bleek, sah der junge Stürmer aus dem Fürstentum Lippe diese Hoffnungen nicht erfüllt. Das sah er lediglich in den überzeugenden Vorträgen des fünfundzwanzigjährigen Dozenten Gottfried Kinkel.  Bei ihm hörte er Kirchengeschichte und das mit Begeisterung und großem Respekt. Später gehörte er zum studentischen Kreis der wöchentlichen Kränzchen, zu denen Kinkel eine kleine Anzahl seiner Schüler in das Poppelsdorfer Schloss einlud. Die Verehrung des Theologiestudenten aus Detmold ging so weit, dass er seinem Dozenten bei bestimmten Themen seines Unterrichtsfaches inhaltlich zuarbeitete. So entwickelte sich über die Kränzchenabende hinaus eine Freundschaft, die auch nach Beendigung des Studiums anhielt.
Im Sommer des Jahres 1846 trafen sie wieder zusammen. Drei Jahre nach Beendigung des Theologiestudiums hatte sich für den Kandidaten Theodor Althaus keine berufliche Perspektive ergeben. Als Schriftsteller und Journalist  lebte er im Detmolder Elternhaus und hatte gerade eine längere Schrift über die Zukunft des Christenthums verfasst. Während einer Wanderreise an den Rhein besuchte er seinen ehemaligen Dozenten Gottfried Kinkel in Bonn. Der war nach seiner Heirat mit der geschiedenen Johanna Mockel umhabilitiert worden und unterrichtete inzwischen das Fach Kunstgeschichte. Im vertrauten Gespräch stellten die beiden fest, wie wenig sich die Hoffnungen auf ein einheitliches demokratisches Deutschland erfüllt hatten. Deutschland war nach wie vor zersplittert in 36 Einzelstaaten, in denen der jeweilige König, Fürst  oder Großherzog auf dem Hintergrund der Karlsbader Beschlüsse mehr oder weniger despotisch gegen seine Untertanen regierte.  Wenige besaßen viel und weite Teile der Bevölkerung litten Not und hungerte.
In ihren jeweiligen Zusammenhängen kämpften Kinkel und Althaus gegen diese Ungerechtigkeiten. Unabhängig voneinander wurden sie im Strom des Revolutionsjahres 1848 mitgerissen und gehörten zu denjenigen, deren Laufbahn im Zusammenhang mit den Reichsverfassungskämpfen im Mai 1849 schicksalhaft endete. Kinkel landete nach der Teilnahme am Sturm auf das Siegburger Zeughaus sowie am badischen Aufstand im pommerschen Zuchthaus Naugard und Althaus als Redakteur der Zeitung für Norddeutschland wegen eines Artikels mit Aufruf zur Bildung eines Ausschusses zur Durchführung der in Frankfurt vollendeten Reichsverfassung im Staatsgefängnis St. Godehard in Hildesheim. Hier schrieb er im Jahre 1850 seine persönlichen Erinnerungen Aus dem Gefängniß, in denen er neben Robert Blum, Heinrich von Gagern und Julius Fröbel seinem Freund Gottfried Kinkel ein Kapitel widmete.

In seiner Publikation von 1850 "Aus dem Gefängniß. Deutsche Erinnerungen und Ideale" hat Theodor Althaus seinem Freund Gottfried Kinkel ein Kapitel gewidmet:




Kurzbiografie von Gottfried Kinkel:

1815 am 11. August wird Gottfried Kinkel in Oberkassel als Sohn eines evangelischen Theologen geboren

1831 Studium der Theologie an der Universität Bonn

1834 Studium der Theologie an der Universität Berlin

1837 Dozent für Kirchengeschichte an der Universität Bonn

1843 Heirat mit Johanna Mockel, katholisch und geschieden, somit kann Kinkel in der theologischen Fakultät nicht mehr lehren

1845 Professor für Kunst- und Literaturgeschichte in Bonn

1848 Redakteur der Bonner Zeitung

1848 gründet den demokratischen Verein Bonn

1849 nimmt im Mai am Siegburger Zeughaussturm und im Juni am badisch-pfälzischen Aufstand teil (Reichsverfassungskämpfe)

1849 am 4. August wird er zu lebenslanger Festungshaft verurteilt und inhaftiert, zunächst in Bruchsal, dann im pommerschen Naugard

1850 im Mai wird er in das Zuchthaus Spandau überwiesen

1850 am 6. November wird er in einer spektakulären Aktion von Carl Schurz befreit, flüchtet über Rostock und Warnemünde nach England und lässt sich in London nieder

1851 folgt Johanna Kinkel mit den vier Kindern nach

1852 Professor für Literaturgeschichte am Hyde-Park- und am Bedford-College

1858 Johanna Kinkel stirbt in London

1860 heiratet Minna Werner aus Königsberg

1861 Vorträge zur Kunstgeschichte im South-Kensington-Museum

1863 Examinator an der Universität London

1866 Professor für Kunstgeschichte am Polytechnikum Zürich

1882 am 13. November stirbt Gottfried Kinkel nach einem Schlaganfall, ohne vorherige Amnestie


Freitag, 17. März 2017

Berlin am 18. März 1848



Am 20. März 1848 erreichte er gegen Mittag Berlin. Es war ein seltsames Szenario in der Stadt. Männer, Frauen und Kinder liefen zwischen Barrikaden und herausgerissenen Pflastersteinen. Die meisten feierten einen Sieg. Doch andere suchten verzweifelt nach vermissten Angehörigen.
Theodor ging von Kirche zu Kirche, schaute in die jungen Gesichter der dort aufgebahrten Toten, die schrecklichen Wunden, die stille Siegesgewissheit in den bleichen Zügen. Auf der Straße sprach er die Menschen an, hörte ihre Berichte über die Ereignisse der Nacht von Samstag auf Sonntag und setzte das Puzzle zusammen über die friedliche Versammlung vor dem Schloss, die Proklamation des Königs, laute Rufe aus der Menge, die Forderung nach Abzug der Soldaten, zunehmende Unruhe, plötzlich ein Schuss von irgendwoher, noch ein Schuss und dann der fürchterliche Sturm. Unaufhaltsam tobte der in Straßen und auf Plätzen. Alle machten mit beim Bau der Barrikaden, vom einfachen Tagelöhner und Handwerker bis zum Beamten, Studenten, Arzt und Advokaten. Frauen, Kinder und Greise waren dabei. Mit allen Mitteln kämpften sie, beschafften Material für den Barrikadenbau, besorgten Waffen, gossen Kugeln, steckten deutsche Fahnen auf, Frauen versorgten die Kämpfenden mit Speisen und Getränken. Unaufhörlich tönten die Sturmglocken in der Stadt. Die ganze Nacht. Bis zum nächsten Morgen. Bis kein einziger Soldat mehr zu sehen war.
In einer Kirche fand er ein stilles Plätzchen, wo er ungestört verweilen konnte. Nachdem er sich ein wenig gefangen hatte, zog er Papier und Feder aus der Tasche und schrieb einen Artikel für die Weser-Zeitung. Das war er den Toten schuldig. Ihr mutiger Kampf durfte nicht umsonst gewesen sein.
Es war schon dunkel, als er am Abend vor dem Haus des Großvaters in Potsdam stand. Obwohl das Fenster des Balkonzimmers hell erleuchtet war, musste er lange auf Einlass warten. Später erfuhr er den Grund. Dräseke war vor Übergriffen von Aufständischen gewarnt worden und die im Hause Anwesenden, des Großvaters jüngere Tochter, Enkelin Elisabeth aus Detmold und ein Diener, fürchteten den dunklen Mann an der Tür und waren heilfroh, als es dann der älteste Enkel war. Der berichtete von den Spuren der Berliner Horrornacht, bevor er sich völlig erschöpft zurückzog. Elisabeth machte sich Sorgen und folgte dem Bruder in sein Zimmer. Der hatte sich schon ins Bett gelegt. Sie erinnerte sich: Ich setzte mich zu ihm und sah nun erst, wie verändert, wie von Erregung und Schmerz durchwühlt seine Züge waren.
Am nächsten Tag war Theodor dabei, als König Friedrich Wilhelm IV. mit schwarz-rot-goldener Armbinde durch die Straßen von Berlin ritt und vor Studenten der Berliner Universität eine Rede hielt, wobei er sich zu der verheißungsvollen Formulierung hinreißen ließ: Preußen geht fortan in Deutschland auf. Und er nahm am 22. März auf dem Gendarmenmarkt an der Trauerfeier für die 183 Toten teil, folgte dem unbeschreiblich langen Leichenzug mit den bekränzten Särgen, zunächst bis zum Schloss, wo sich der preußische König Friedrich Wilhelm IV. auf Verlangen des Volkes mit gezogenem Hut vor den toten Revolutionären verbeugen musste, dann vor die Tore der Stadt zur Beisetzung auf dem eigens eingerichteten Friedhof der Märzgefallenen auf einem Hügel in Friedrichhain. Der Leichenzug. Die seidenen, schwarzrothgoldenen Trauerfahnen […] nach den Thränen stumpfte sich alles ab. Zu lang. Die anarchische Schwüle über Berlin, notierte er im Tagebuch.
Er sei ein Mann geworden, meinte Großvater Dräseke und da hatte er recht. Die harte Konfrontation mit den menschlichen Tragödien, die rohe Gewalt gegen die eigenen Brüder, Söhne eines Volkes, hatten ihn in tiefster Seele getroffen. Der Weg würde ein harter und steiniger werden. Die faulen Früchte der Geschichte waren mächtiger, als er es sich in seinen idealen Vorstellungen ausgemalt hatte. So einfach fielen die nicht in sich zusammen. Wie sonst wäre es möglich, dass Soldaten als Spielzeug eines konzeptlosen Monarchen mit vorgeblicher Gottes-Gnaden-Legitimation ein so schreckliches Blutbad anrichteten?
Althaus' Artikel  erschien unter der Überschrift Die Berliner Revolution am 22. März 1848 auf der Titelseite der Weser-Zeitung. Er hatte den historischen Stellenwert des Geschehens als Bluttaufe der deutschen Freiheit erkannt und eine überaus sensible Würdigung des leidenschaftlich entschlossenen Kampfes gegen die starre Willkürherrschaft des schwachen preußischen Königs verfasst: Die giftige Saat, die Untergrabung alles Vertrauens, das schwankende Spielen zwischen der persönlichen Willkür und den gerechtesten Forderungen des Volkes, die Demoralisation der höchsten Staatsgewalten, welche sich durch den Schein und die Heuchelei eine erträumte Macht zu sichern wähnten, ist nun so blutig aufgegangen. Deutschland wird den achtzehnten März dieses Jahres nie vergessen.
Auf der Rückfahrt nach Leipzig war von anarchischer Schwüle nichts mehr zu spüren. Deutsche Fahnen wehten auf den Bahnhöfen und viele Menschen trugen Bänder in Schwarz-Rot-Gold. Nach den Aufständen in Palermo, Paris, Wien, Baden und Berlin gingen die Menschen auf die Straße, wo sich die Empörung über die Knechtschaft der vergangenen Jahrzehnte entlud. Der Anbruch einer neuen Zeit wurde gefeiert, ein deutscher Frühling. Aus Furcht vor weiteren Unruhen erteilten die Könige und Fürsten in den Ländern eiligst Lockerungsregelungen von den Karlsbader Beschlüssen, wie Friedrich Wilhelm IV. in Preußen, Friedrich August in Sachsen und Ernst August in Hannover mit beschwichtigenden Proklamationen, Aufhebung von Pressezensur und Versammlungsverbot, Ministerien wurden eiligst ausgewechselt und Versprechungen gemacht hinsichtlich Bürgerwehren anstelle von gehorsamem Militär.
Althaus' Freunde in Leipzig hatten unterdessen nicht geschlafen. Robert Blum hatte auf dem Marktplatz vor Hunderten Zuhörern vom Balkon des Rathauses eine bejubelte Rede gehalten, in der er den Rücktritt der sächsischen Regierung forderte und dafür plädierte, das derzeitige Soldatentum abzuschaffen und alle Bürger zu bewaffnen, damit man mit den jungen Brüdern Hand in Hand gehen könne. Arnold Ruge hatte Die Reform gegründet, ein Organ für eine breite Leserschaft mit dem Ziel, bei allem Enthusiasmus über die errungenen Erfolge Klarheit in das Chaos der verschiedenen Meinungen, Begriffe und Sprachregelungen zu bringen.
Auf der großen politischen Bühne hieß es jetzt zügig handeln, damit das durch die revolutionären Erhebungen gewonnene Potential nicht verpuffte. Einundfünfzig Männer hatten bereits Vorarbeit geleistet. Auf Einladung von Johann Adam Itzstein aus Hallgarten waren sie zusammen gekommen und hatten am 5. März 1848 die sogenannte Erklärung der Heidelberger Versammlung formuliert, in der sie auf Vorschlag von Theodor Welcker sieben Mitglieder benannten, die für alle Länder des Deutschen Bundes eine Nationalvertretung vorbereiten sollten. Dieser Siebenerausschuss tagte am 12. März 1848 und brachte eine Einladung an die Ständemitglieder und eine Auswahl von Vertrauensmännern aus allen Ländern zu einem Vorparlament auf den Weg. Das berufene Gremium sollte die Grundlagen zur Wahl der Mitglieder einer gesamtdeutschen Nationalversammlung schaffen und am 31. März 1848 in Frankfurt  zusammen kommen.
Im Wohnzimmer von Robert Blum tagte wieder ein kleiner Kreis, um vor seiner Abreise nach Frankfurt zur Teilnahme am Vorparlament die dort zu vertretende politische Richtung zu besprechen. Man diskutierte wild durcheinander und kam stundenlang nicht auf den Punkt, bis schließlich der Hausherr das Wort ergriff und kurz erklärte, wo es lang gehen sollte. Wer konnte das besser einschätzen als Blum? Er hatte als jahrlanges Mitglied des Hallgartenkreises sowie des Leipziger Stadtparlaments den Überblick, genoss das Vertrauen der Bevölkerung und war ein Meister der Rede, der Organisation und der Beschaffung von Mehrheiten nach demokratischen Prinzipien. Seine Überzeugungskraft suchte ihresgleichen. Wenn er sprach, hörte jeder zu. Das stellte auch Althaus an jenem Abend in Blums Wohnung bewundernd fest.
Das Vorparlament mit 574 Teilnehmern tagte vom 31. März bis zum 3. April 1848 in der Frankfurter Paulskirche. Es sah seine Aufgabe darin, die Art und Weise der Bildung einer parlamentarischen Nationalversammlung mit dem Ziel der Erarbeitung einer Verfassung für ganz Deutschland festzulegen und wählte aus seinen Reihen einen Fünfzigerausschuss, der in Absprache mit der Bundesversammlung den Wahlmodus für die Mitglieder der Nationalversammlung festlegen sollte. Robert Blum gehörte diesem Fünfzigerausschuss an. Die Leipziger Angelegenheiten regelte er während seiner Abwesenheit zusammen mit Vertrauten aus der Entfernung. Auch Theodor gehörte dazu. Blum wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte. Seinem Schwager und engem Mitarbeiter Georg Günther schrieb er am 13. April 1848: Wenn Althaus etwas schreibt, dann ist das gewiss gut, und ich bin im voraus damit einverstanden.
Der Detmolder Pfarrerssohn befand sich plötzlich auf einem für ihn völlig fremden Terrain. Da ihm geographisch gesehen die politische Heimat fehlte, engagierte er sich nun in Leipzig. Neben der Mitwirkung an Ruges Reform arbeitete er beim neu gegründeten Vaterlandsverein mit, formulierte das politische Programm und stellte es in den umliegenden Ortschaften, zum Beispiel in Volkmarsdorf und Lindenau, in Referaten den Menschen vor. Das gefiel ihm sehr, allerdings meinte er, es könnte noch besser werden. Zwar fühlte er sich angenehm erinnert an seine Zeit als Prediger und Referent in der lippischen Heimat, doch in diese Welt der Politik mit Meinungsbildung, Formulierung von Programmen und dem Bemühen um Wählerstimmen musste er sich noch einarbeiten: Ich freute mich, o seit wie lange wieder einmal an meiner eigenen Stimme, noch nicht an der Rede.
Außerdem versuchte er in politischen Gremien Einfluss zu nehmen. Zusammen mit Musikprofessor Brendel erarbeitete er im Namen des Tonkünstlervereins eine Bittschrift an die Stadt Leipzig für mehr Förderung von Kunst im öffentlichen Leben. Und er verfasste Aufrufe zur Mitgliedschaft im Verein, die er auch an weiter entfernt wohnende Freunde und Bekannte schickte, wie Tischlermeister Cord Wischmann in Bremen und Advokat Karl Vette in Detmold. Vette fing den Ball gleich auf und hatte die Idee, Althaus als Kandidat des Fürstentums Lippe für die Nationalversammlung in Frankfurt vorzuschlagen. Fast zu gleicher Zeit setzte auch der Vaterlandsverein ihn auf die Kandidatenliste für Sachsen. Theodor machte sich nichts vor. Seine Chancen waren gering. Wie sollte es ihm gelingen, in zwei Wochen die Menschen davon zu überzeugen, dass er ihre Interessen für ein freies Deutschland in Frankfurt gut vertreten würde? In Sachsen war er ein unbekannter junger Schriftsteller aus dem Ausland. Die Menschen im Erzgebirge würden eher jemanden aus ihrer Gegend wählen. Arnold Ruge, Robert Blum und Georg Günther hingegen hatten gute Chancen, in die Nationalversammlung gewählt zu werden. Sie würden die Stadt verlassen und die nächsten Monate in Frankfurt verbringen. Was sollte er dann überhaupt noch in Leipzig? Er entschied, die Kandidatur in Lippe anzunehmen. Auch wenn er sich dort gegen den Detmolder Gymnasialdirektor Schierenberg kaum Chancen ausrechnete, sagte er sich, im Gegensatz zur Aristokratie gehöre es zum Wesen der Demokratie, sich um Mehrheiten zu bemühen und auch unterliegen zu können und das Mehrheitsvotum zu akzeptieren. 

Kapitel aus: Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

Renates Blog: Renates 18. März in Berlin

Bildquelle: Straßenkämpfe am Alexanderplatz in Berlin im Jahr 1848 während der Deutschen Revolution, gemeinfrei bei Wikipedia

Freitag, 3. Februar 2017

Berlin Februar 1844: Fackelzug für die Brüder Grimm



Ein Fackelzug für die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm in der Lennéstraße sollte veranstaltet werden. Die Brüder gehörten, wie Dahlmann, zu den sieben Göttinger Professoren, die 1837 gegen die willkürliche Aufhebung der Verfassung protestiert hatten und vom Hannoverschen König entlassen wurden. Im Zuge des vielversprechenden Amtsantritts von König Friedrich Wilhelm IV. waren sie im Jahre 1840 rehabilitiert worden und hielten Vorlesungen an der Berliner Universität. Als Cheforganisator der Veranstaltung hatte Althaus alle Hände voll zu tun, die vielen Meinungen unter einen Hut zu bringen und die Vorbereitungen zu koordinieren. Um jenaischen Verbindungsglanz nach Berlin zu holen, lieh man Kostüme bei Ausstatter Noack. Die polizeiliche Erlaubnis wurde unter der Bedingung erteilt, dass einige wegen oppositionellen Verhaltens aufgefallene Studenten nicht an der Demonstration teilnahmen, was natürlich im Vorfeld großen Unmut und erneute Diskussionen verursachte.
Als dann nach einer Menge Arbeit und vielen Schwierigkeiten am 10. Februar 1844 der Tag des Fackelzuges gekommen war, gab es einen fürchterlichen Schneesturm, sodass die Teilnehmer in Burschenschaftsoutfit abends auf dem Hof der Universität bis zu den Knien im Schnee standen. Als wäre das nicht genug, musste der Organisator noch beim Umlegen der Schärpen, Umschnallen der Schläger und beim Anzünden der Fackeln helfen, …ein heilloser Gesammteindruck […] denn überall war fürchterliches Pöbelgedränge und dabei ein entsetzlicher Mangel nicht nur an studentischem Tact, sondern an allgemeiner Anstelligkeit. Sie begriffen nichts als wozu man sie stieß und schob, notierte er später im Tagebuch. Immerhin erreichte der Zug ohne Schneegestöber das Haus der Grimms in der Lennéstraße. Theodor und einige Kommilitonen gingen hinauf in die Wohnung und huldigten den Brüdern Grimm mit einem dreifachen Hoch für ihr echt deutsches Wesen und Wirken. Wilhelm redete vom Balkon aus zu den Studenten, sinngemäß dahingehend, man solle die Wissenschaft nicht als etwas Totes, sondern als Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart sehen. Es folgten Hochrufe auf die Brüder Jacob und Wilhelm, die Göttinger Sieben und Hoffmann von Fallersleben, der sich in der Grimm’schen Wohnung aufhielt und eigentlich nicht entdeckt werden wollte, weil er sich in Berlin gar nicht aufhalten durfte. Als dann von den Studenten auch noch Georg Herwegh in Abwesenheit gefeiert wurde, war es den Polizisten zu bunt. Sie ritten in die Versammlung und trieben die Teilnehmer auseinander. Theodor ging noch einmal hoch zu den Grimms, wo er sich mit Hoffmann unterhalten konnte und ihn dabei an seinen Auftritt vor jenaischen Studenten zwei Jahre zuvor erinnerte.

Ein paar Tage später war er in einer Kneipe dabei, als Hoffmann von Fallersleben einen öffentlichen Auftritt als fahrender Sänger hatte. Nach dem Trinkspruch Deutschland ohne Lumpenhunde gab der heimatlose Professor Gedichte, Lieder und Erzählungen über seine Wanderungen zum Besten. Mit großem Erfolg bei den Zuhörern, jedoch nicht bei den preußischen Behörden. Denn die teilten ihm am nächsten Tage mit, dass er wegen Störung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit schnellstens die Stadt zu verlassen habe. Althaus begleitete den Poeten Hoffmann, bis der mit einer Kiste voller Bücher, Papieren und Zigarren in der Postkutsche saß, sich mit einem Zündhölzchen eine anzündete und mit gewohntem Spott die viel gerühmte Aufklärung in Berlin vorführte.

Aus: Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

Bildquelle: Berlin, Unter den Linden, Victoria Hotel zwischen 1890 und 1900
gemeinfrei bei Wikipedia


Sonntag, 29. Januar 2017

1843: Bettina von Arnim



Ein Besuch bei Bettina von Arnim, deren Wohnung auch regelmäßig für Treffen und Gespräche offenstand, verlief so ganz nach Theodors Geschmack. Studenten gingen bei Bettina ein und aus. Die Schwester von Achim von Arnim, Witwe von Clemens Brentano und Mutter von sechs Kindern, hatte wegen ihres offenen Wesens und ihrer Gastfreundschaft sehr viele Sympathien in der Stadt. Ihr engagierter Einsatz für benachteiligte und verarmte Bevölkerungsgruppen war außergewöhnlich. Sie selbst war wirtschaftlich unabhängig und gehörte zur privilegierten Gruppe der Gesellschaft, war aber bereit zu geben, was sie nur konnte. Und sie nahm kein Blatt vor den Mund. Selbst dem preußischen König konnte sie die Wahrheit sagen und war mutig genug, ihre Kritik unter dem provokanten Titel Dies Buch gehört dem König zu veröffentlichen. In ihrer natürlichfrischen Art erfreute die Sechsundfünfzigjährige das junge Stürmerherz. Theodor Althaus war mächtig angetan von der quirligen Frau mit dem hessischen Dialekt. Wißt was? Geht bis neun Uhr spazieren, dann kommt wieder, da woll mer schwätze, so viel Ihr Lust habt. Nehmt’s nit übel, zitierte er sie im Brief an seine Mutter und schilderte, wie er zusammen mit seinem Freund eineinhalb Stunden später dann an ihrem Teetisch saß, ab und an die jüngste Tochter Gisela durch den Raum flog und die Hausherrin, ihr Versprechen einhaltend, nach Herzenslust bis weit nach Mitternacht mit den zwei Studenten schwätzte. Daß die Berliner Gesellschaft diese Frau verrückt nennt, ist kein Wunder, denn sie gehört zu den unbequemen Leuten, die die Wahrheit sagen, war sein Fazit im Brief an die Mutter.


aus: Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland


Bildquelle: Wegefächer im Tiergarten-Plan von Peter Joseph Lenné mit den Zelten als Fluchtpunkt der Achsen, 1837 ... gemeinfrei bei Wikipedia

Montag, 9. Januar 2017

Hannover im Januar 1849: Grundrechte für Deutschland

Leineschloss in Hannover


Trotz Bedenken und Verzögerungstaktik des hannoverschen Ministeriums waren die Grundrechte des Deutschen Volkes mit Einführungsgesetz, datiert am 27. Dezember 1848 und unterschrieben vom Reichsverweser Erzherzog Johann sowie von den Reichsministern H. v. Gagern, v. Peucker, v. Beckerath, Duckwitz und R. Mohl, in Frankfurt verkündet worden. Die Bestimmungen in den acht Artikeln bildeten die Grundlage für das Zusammenleben im demokratischen Staatengebilde, vor allem die Freiheit der Person, Aufhebung der Standesunterschiede, Freiheit der Meinungsäußerung, der Presse, des Glaubens, der Wissenschaft und Lehre, Versammlungsfreiheit und nicht zuletzt die Unabhängigkeit der Gerichte.
In den Druckereien der verschiedenen deutschen Länder, u.a.  bei J. G. Heyse in Bremen und bei Lehnhardt in Mainz, war der Gesetzestext in aufwändiger Gestaltung verlegt und in den Ländern verteilt worden. Die Abonnenten der Zeitung für Norddeutschland erhielten als Gratisbeilage ein schön gestaltetes Plakat mit Wappenvogel und Zierrahmen, gedruckt bei den Gebrüdern Jänecke. Dieses Schmuckstück wurde zu Hunderten in den Buchhandlungen verkauft und hing nun in Hannover an allen öffentlichen Orten aus. Auch in dem Café, in dem Althaus seit den Ermahnungen der Schwester jeden Abend nach Fertigstellung der Ausgabe für den nächsten Tag ein Ruhestündchen verbrachte, war es an der Wand angebracht. Mit Genugtuung stellte er fest, dass es ständig abgehängt und studiert wurde und von Hand zu Hand ging. Es war nun Sache der einzelnen Regierungen, das gesamtdeutsche Gesetzeswerk in den jeweiligen Ländern zu publizieren und umzusetzen.
Der 21. Januar 1849 war ein Sonntag. Nicht nur deshalb und wegen des strahlenden Winterwetters war er ein ganz besonderer Tag. Nach einem Aufruf Adolf Menschings vom Hannoveraner Volksverein, der nach dem März 1848 aus den wöchentlichen Versammlungen im Ballhof hervorgegangen war, sollte in der Stadt die Anerkennung der Grundrechte des deutschen Volkes gefeiert werden. Theodor berichtete seiner Schwester von dem herrlichen politischen Sonnenschein, den Hannover an dem Tage erlebte. Am liebsten hätte er ihr die helle Morgensonne mit dem Brief hinüber nach Detmold geschickt. Und noch viel lieber hätte er Elisabeth dabeigehabt, als er nachmittags losging auf den Marktplatz, wo sich Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen versammelten, um für die offizielle Verkündung des Reichsgesetzes im Königreich Hannover zu demonstrieren. Er war auch dabei, als an die dreitausend Menschen vom Rathaus durch die Kramerstraße über den Holzmarkt zum Neustädter Markt zogen, wo die Grundrechte für das deutsche Volk öffentlich verlesen wurden.
Dieses eindrucksvolle Votum der hannoverschen Bevölkerung führte jedoch keineswegs dazu, dass die gesamtdeutschen Grundrechte von der Regierung des Königreichs Hannover anerkannt und publiziert wurden. Auch die Presse kämpfte für das Reichsgesetz, mit Ausnahme der Hannoverschen Zeitung, die als Sprachrohr der Regierung galt. Innenminister Stüve selbst verfasste regelmäßig Artikel für dieses Organ. Er hielt nach wie vor an seinen Bedenken fest und wartete, wie in den Aktenstücken vom Dezember 1848 angekündigt, auf die Entscheidung der Ständemitglieder, deren Wahl in diesen kalten und schneereichen Januartagen in vollem Gange war.



Bildquelle: gemeinfrei in "Königreich Hannover":  https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6nigreich_Hannover
Das Leineschloss in Hannover war die Residenz der Könige von Hannover von 1837 bis 1866. 

Mittwoch, 4. Januar 2017

1849: "Zeitung für Norddeutschland"



Am 1. Januar 1849 erschien die erste Ausgabe der Zeitung für Norddeutschland. Ihren Lesern stellte sie sich als überregionales demokratisches Blatt vor. Der erste Leitartikel bekam die Überschrift Am Jahreswechsel. In gewohnt glänzenden Formulierungen gab der leitende Redakteur einen Rückblick  auf die revolutionären Entwicklungen des Jahres 1848. Alle Geister der alten Ordnung seien in Bewegung gebracht worden, jedoch in eine rastlose Bewegung. Ungeahnt heftige Ereignisse und überstürzte Aktionen hätten den Blick auf das große Ganze des Vaterlandes mitunter aus den Augen verlieren lassen. Er erinnerte daran, dass trotz bitterer Niederlagen in Frankfurt die Grundrechte als Reichsgesetz verkündet worden waren. Das große politische Ziel des neuen Jahres müsse nun die Vollendung der gesetzlichen Voraussetzungen für ein einheitliches Deutschland als Nation sein, und zwar in Form eines Bundesstaates, in dem es nur ein Kriegsministerium, nur ein Ministerium des Auswärtigen und nur eine Gewalt an der Spitze gebe. Nur dann sei Deutschland Garant für europäische Freiheit und Gerechtigkeit. Und nur die souveräne Nationalversammlung habe die Vollmacht, dieses Deutschland zu schaffen.
Welche Schwierigkeiten der Verwirklichung eines deutschen Bundesstaates entgegenstanden, bestimmten in den folgenden ersten Januartagen die Leitthemen. Am 4. Januar 1849 in Preußen und Deutschland beschäftigte Althaus die Frage, welche Einzelstaaten überhaupt ohne Wenn und Aber dazugehörten. Was war mit Schleswig und was vor allem mit dem Vielvölkerstaat Österreich, dem es schon nicht gelang, intern die Zugehörigkeiten der einzelnen Stämme zu klären? In der Nationalversammlung und in der Bevölkerung bildeten sich zwei Lager, das der großdeutschen Lösung mit Österreich, wie immer das aussehen könnte, und das der kleindeutschen Lösung unter der Führung von Preußen mit der Option eines späteren Beitritts von Österreich. Und wie würde selbst nach endgültiger Klärung der Zugehörigkeitsfrage die Umsetzung der Reichsverfassung und demokratischer Strukturen in den Einzelstaaten aussehen, angesichts der Tatsache, dass die monarchischen Regierungen Stück für Stück verlorenes Terrain zurückeroberten und dass der Zentralgewalt die Mittel fehlten? Notwendig sei ein allgegenwärtiger Aufschwung des demokratischen Geistes und der patriotischen Gefühle der Männer der ersten Stunde von Hallgarten und Heidelberg. Im Zusammenhang mit den monarchisch partikulären Eskapaden Preußens meinte Althaus: Trotz alles Sträubens und Hinzögerns wird Preußen  s o  in Deutschland aufgehen  m ü s s e n, wie  D e u t s c h l a n d  es will, und  n i c h t,  wie die Dynastie es sich vielleicht einbildet.
Und wie sah es mit der Anerkennung und Umsetzung der Reichsgesetze im Königreich Hannover aus? Machte doch das Ministerium Stüve-Bennigsen keine Anstalten, sie zu publizieren, im Gegenteil. Bereits im Vorfeld der Verkündung des Reichsgesetzes über die Grundrechte des deutschen Volkes hatte das hannoversche Ministerium gegen eine Publizierung agiert. In zwei Schreiben nach Frankfurt wurden Bedenken formeller und juristischer Art dargelegt, und zwar am 4. November und am 17. Dezember 1848 an hannoversche Bevollmächtigte bei der provisorischen Zentralgewalt. Mit dieser Verzögerungstaktik beschäftigte sich Althaus in vier Leitartikeln, erschienen in der Zeit vom 6. bis zum 12. Januar 1849. Er machte keinen Hehl daraus, dass er das Ministerium als Hemmschuh für die nationale Sache betrachtete. Diese Betrachtung basierte im Wesentlichen auf den zwei Ministerschreiben, Aktenstücke genannt. In diesen wurden formelle und rechtliche Bedenken gegen eine Publizierung der Reichsverfassung geäußert. Das hannoversche Ministerium gab an, vor der Verkündung von Reichsgesetzen sei ein Votum der Stände einzuholen. Außerdem sei sie vom juristischen Standpunkt aus bedenklich, man benötige das Protokoll eines Bundesbeschlusses vom 10. Juli 1848, das man in Hannover jedoch nie erhalten habe. Als dritter Grund wurde das mögliche Ausscheren Österreichs aus dem zu gründenden Staatswesen angeführt und somit eine möglichen Verzerrung der Mehrheitsentscheidung im Nachhinein. Alle Argumentationsansätze hielt Althaus für verlogen und nur um der Verzögerung der gemeinsamen Sache willen angebracht, was er in heftigen Wortattacken in den vier Artikeln zu Hannover und Deutschland darlegte. Schon mit der Formulierung der Titelzeile nannte er in der Ausgabe am 12. Januar 1849 die Dinge beim Namen: Die ministerielle Ehrlichkeit und das große Hinderniß der deutschen Einheit.





Donnerstag, 17. November 2016

1848: Fiese Kampagne gegen die Bremer Zeitung



Indes waren in Bremen die Kämpfe gegen die Bremer Zeitung vollends ausgebrochen. Der leitende Redakteur wurde offen angefeindet, darauf angesprochen, wie ein Enkel von Dräseke so heillose Sachen schreiben könne und provokativ gefragt, wie er sich denn die Einheit und Republik eigentlich denke. Und es kam noch schlimmer. Mit Flugschriften und offenen Briefen agitierte man gegen die Zeitung und speziell gegen die Artikel von Theodor Althaus. Im Tagebuch notierte er: Das Complott brach endlich an der entscheidenden Erklärung los. Haufenweis kamen die Absagebriefe im echten Bourgeoisstil. Die Principale bleich, niedergeschlagen, sahen voraus, dass die ‚Bremer Zeitung’ für Bremen verloren sei […]. Da half es auch nicht, dass zwei mitgliederstarke Bremer Vereine sich vehement für die freisinnige Tendenz der Leitartikel von Althaus einsetzten und in offenen Briefen diese Art von Pressezensur anprangerten. Der Bürgerverein äußerte sich empört über die Angriffe und Demonstrationen von Aristokraten und Reaktionären, die vor den unparteiischen Richterstuhl der öffentlichen Meinung gehörten. Noch schärfer formulierte der demokratische Verein. Die längst beseitigte Staatszensur werde von jenen Finsterlingen als Privatzensur wieder eingeführt und die Menschen somit um die glücklich errungene Pressefreiheit gebracht. Die Solidaritätserklärungen der beiden Bremer Vereine wurden von der Redaktion wunschgemäß publiziert und am 4. Oktober 1848 in der zweiten Ausgabe der Bremer Zeitung gedruckt.
Als Agitation und Boykott über die Zeitung hinaus sogar gegen die traditionelle Heyse’sche Verlagsbuchhandlung ausgedehnt wurden, entschied der Verleger, einen Schlussstrich zu ziehen und sich von der Zeitung zu trennen. Die Bremer Zeitung wurde an die Gebrüder Jänecke in Hannover verkauft, im Einvernehmen mit Theodor Althaus, der sie dort unter dem Namen Zeitung für Norddeutschland weiter redigieren würde. Schwere Tage, notierte er, durch die unsittliche Finesse und die ganze Perfidie mich indirect als Rothen zu schildern, fühlte ich die letzten Fäden reißen. Dem bevorstehenden Ortswechsel konnte er durchaus positive Aspekte abgewinnen. Hannover war besser an das Eisenbahnnetz angebunden als Bremen und somit erreichten die neuesten Nachrichten die Redaktion schneller als bisher.
Doch so richtig wollte der Blick nach vorne und das Entwickeln von Perspektiven noch nicht gelingen. Zu tief saß der verletzende Stachel. Die bittere Enttäuschung brachte sein inneres Gleichgewicht ins Wanken. Theodor bekam Husten und wurde krank. Konnte nicht schreiben, fühlte mich mit kurzen Unterbrechungen wie todt, wie vernichtet, sah mit Grauen dem Winter und mit Ekel dem Leben entgegen. Trost fand er in der Korrespondenz mit seiner Cousine Minna Schmitson in Frankfurt, die er auch seinerseits trösten musste, weil ihr Vater als Angestellter bei der Bundesmilitärkommission während des Straßenkampfes am 18. September eine Verwundung davongetragen hatte: Aber es gilt auszuharren und treu zu bleiben. Ein Frühling kommt, in Menschenwelt und in Natur wird er uns wiederkehren!
De Traurigkeit war stärker als die Hoffnung auf Frühlingserwachen. Als an seinem Geburtstag Schwester Elisabeth ihn an sich drückte, wusste er nicht, ob er sich freuen oder heulen sollte. Die treue Seele war extra nach Bremen gekommen. Sechsundzwanzig Jahre alt wurde er und kam sich vor, als hätte er das ganze Leben schon hinter sich. Ihr gegenüber gab er zwar sich optimistisch, wusste er doch, sie würde alles der Mutter erzählen und die sollte sich nicht beunruhigen, doch wie er sich wirklich fühlte, vertraute er seinem Tagebuch an: Ich habe verloren, ich weiß nicht mehr zu sprechen wie sonst, seit ich so viel lese und schreibe. Ich kenne die Herzen nicht mehr so, seit ich mir selbst so wenig, so fast niemals angehöre.



Bildquelle: Das Stadthaus am Domshof in Bremen. Stahlstich von Julius Gottheil, entstanden zwischen 1850 und 1864.

Samstag, 12. November 2016

Erinnerungen an Gottfried Kinkel



Als Volkswehrmann, in der Bluse, mit verwildertem Bart, ein Tuch um das verwundete Haupt geknüpft: so nahmen sie ihn nach dem Gefechte bei Muggensturm gefangen und führten ihn nach Karlsruhe. Wie manche Nacht zog die Gestalt erschütternd an meinem Blick vorüber! Dann das heimliche Gericht, dann das Ende: er ist frühmorgens heut im Walde erschossen! Dann nach dumpfen Schmerzenstagen der Widerruf, und wochenlang die streitenden Gerüchte von Begnadigung und Todesurteil. Die Seele wurde damals zuletzt wie starr und gefühllos in den Zeiten der Qual, wo man mit so manchen Freunden mehr als einmal sterben, dann die Mauer der ungewissen Entscheidung erdulden, und endlich, wenn sie gefallen war, so oft in trostlose Öde ohne Hoffnung der Auferstehung hinblicken mußte. Wie eine Gnade war es, wenn der letzte Befreier, der Tod, die Brust erleichterte.
An Kinkel ging er vorüber. Ihm erschien das höhnische Antlitz jener Begnadigung, gegen die das österreichische Begnadigen zu Pulver und Blei sich wie sanfte Menschlichkeit darstellte; die Gnade, welche ihm widerfuhr, zu ewiger Zuchthausstrafe, mußte auch im gehärteten Herzen noch einen Aufschrei der ohnmächtigen Wut erwecken. Da saß er nun in Naugard in der halbdüstern, unterirdischen Zelle, im Sträflingsanzug, Wolle spulend!
Diese Jahre haben harte Schicksale gesehn, aber vielleicht wenig so jähe Wandlungen als diese, denn wer, der den Dichter gekannt, konnte sich ihn in einer andren Welt denken, als in der klaren, heitren Sonnenwelt, aus der seine ganze Natur recht wie geboren und ernährt war! Ein helles Zimmer, kunstsinnig ausgeschmückt, froh belebte Gesellschaft, und draußen eine anmutige Landschaft mit warmen Farben um und im geliebten Rhein: das war die Umgebung, an der er sich so lange gefreut hatte, weil seine Natur sich da in ihrem Elemente fühlte. Und dann womöglich Neueres und Schöneres, wenn das liebe Alte ausgenossen war. „Ich muß fort von hier“, sagte er mir vor wenig Jahren in Bonn, „Ich habe diese Gegend nun ausgesehn, erst wenn ich ein paar Stunden weit laufe, sehe ich wieder Formen und Farbentöne.“ – Was wird dies geistvolle Auge noch sein, wenn es Jahre lang die Linien seiner Zelle und die öden Farben des spärlichen Tageslichtes ausgesehen hat?
Er ist kein Dichter des Brütens in der Einsamkeit: dort wird er selbst es fühlen, daß nur in flüchtig verrauschender Stimmung auch dunkle dämonische Saiten seiner Seele lyrisch erklangen. Früher mochte es scheinen, als würde sein düstrer Genius sich aus einem Gefängnisse mit seltsamer Befriedigung eine von außen lautlose, aber innerlich glühende brausende Heimat schaffen, wie im Krater eines Vulkans. Er selbst gefiel sich zuweilen in solcher Anschauung seines Charakters, wie er ihn auch einmal in einer Ode dem lichten friedlichen Genius eines Freundes gegenüberstellte. Doch wenn solche Äußerungen zuerst durch den Kontrast mit der ganzen Erscheinung des Menschen überraschten, so fand der tiefere und verweilende Seelenblick nur eine Bestätigung des ersten Urteils darin. Eben weil der Dichter so ganz dem heitren Tage und seiner Lebensfülle angehörte, weil alle Kräfte in ihm so instinktartig zur Harmonie strebten, neckte es ihn, wenn ich so sagen soll, daß der dunkle dämonische Ton nur flüchtig und leise in diese Harmonie einklang; und wenn er ihn lebhaft anschlug, so war es nur die freie Phantasie, welche dem Menschen so oft seinen eignen Charakter gleichsam zu ergänzen sucht, indem sie hier einen stärkeren Schatten, dort ein helleres Licht in sein Urbild malt. Es ist sehr schmerzlich, so genau zu wissen, daß Kinkels Natur ihm von dieser Seite sein Schicksal nicht erleichtern, sondern es nur bitterer empfinden lassen kann. Sein dichterisches Schaffen ist nicht jenes Versenken in die unergründlichen Schachte des Innern, aus denen die melancholischen Naturen oft so blaß und tiefsinnig wieder mit ihren äußerlich unscheinbaren Schätzen zur Oberwelt steigen; nein, er braucht dazu unablässig Aug’ und Ohr und den ganzen Reichtum neuer Anschauungen des bunten Lebens, und frische Anregungen, aus diesem immer wieder ergänzten Stoffe seine Bilder zu wählen. Bis in seinen Stil läßt sich dies Naturell verfolgen. Da liebt er die alten derben Kernwörter, meidet das akademisch zugeschnitten und philosophisch abstrakte, sucht neue Bildungen, und selbst als seine letzte Entwicklung ihn schon vielfach gereift und geklärt hatte, quoll dennoch immer wieder der alte Überreichtum des farbigen und tönenden Redeschmucks hervor, als wollte er, um die gesamte Lebensfülle zu fassen, auch für die Sprache das erobern, was nur der Musik vergönnt ist. Seine Natur gehört nicht zu den vulkanischen, sie ist eine neptunische, wie die Goethe’s, der sich darum „ein Kind des Friedens“ nannte. – Und doch derselbe Mensch ein Sohn der Revolution, „der grimmen, lichterlohen“?
Man würde es leicht mit diesem Naturell in Einklang bringen, wenn er durch den letzten Hülferuf des Vaterlandes aufgeweckt, als treuherziger Kämpfer für die Reichsverfassung sich mit in den Strudel hätte reißen lassen. So war es aber nicht. Hatte Kinkel doch schon, wie er von der Tribüne in Berlin stolz und kurz erklärte, unter dem Donner der Junischlacht die rohe demokratischsoziale Republik proklamiert! Und von ihm, schon ehe die Pfalz sich rührte, waren jene drohenden Worte vom Kampf auf Leben und Tod gesprochen, welche nachher den „Bluthunden der Reaktion“ zur Losung dienten, seinen Tod zu fordern,  jene Schlußworte: „siegen wir, dann wehe Euch! Keine Gnade!“ – Das alles würde man ferner sehr begreiflich finden, wenn er ein fahrender PoetLiterat gewesen wäre, ohne Familie, ohne Amt, ohne Heimat, der im Revolutionsrausch nur Abenteuer und poetischen Stoff hätte gewinnen, und durch Tendenz und Tat nichts hätte verlieren können. Aber wie viel hat er im Gegenteil geopfert!
Wer aus Kinkels geistiger Bildung die Erklärung holen will, wird noch mehr erstaunen. All ihre Wurzeln scheinen erst recht fest in den konservativen Boden getrieben zu sein, und man würde von einer solchen Bildung vielmehr umgekehrt behaupten mögen, daß sie dem nicht revolutionären Charakter ihres Trägers erst den rechten Halt gebe. Eine vorherrschende Neigung zum Mittelalter, zu altdeutscher Dichtung und Geschichte; verhältnismäßig geringe Bekanntschaft mit der modernen französischen Entwicklung; entschiedne Abneigung gegen philosophischen Radikalismus; diese Richtungen dauerten weit über die Jugendperiode, in seine letzte Zeit hinein. Wenige Dichter haben solchen Einfluß auf ihn geübt, wie der konservative preußische Immermann, und seine ganze Betrachtung der Geschichte blieb wesentlich auf dem künstlerischen Standpunkt; weit entfernt von jener Geschichtsphilosophie, aus der so viele sich Waffen und Leidenschaften für eine revolutionäre Zukunft holten. Alle Gelehrten von einer Bildung, wie wir die eben skizzierten, sind reaktionär geblieben oder haben sich doch bei Zeiten salviert; allen Poeten von ähnlicher Richtung waren die Bassermann’schen Gestalten eben nur eine neue brauchbare „Gestalt“, und die Revolution überhaupt wesentlich nur neues Material zum Denken und Dichten. Wo faßte die Revolution denn gerade diesen Mann, und riß ihn so gewaltig gerade unter ihre blutrote Sturmfahne?
Mitten in das warme Herz des gesunden Menschen, des ganzen Mannes, griff sie hinein! Aber dem einseitig verkümmerten Geschlecht von heute scheint es wie eine Fabel, daß Sophokles und Äschylus, vor deren olympisch reiner Harmonie es noch immer bewundernd steht, auch Soldaten und Feldherrn waren! Und nur mit der Phantasie kann dieses blasse Poetengeschlecht es sich vorstellen, daß der männliche Dichter, eben weil er zur höchsten Harmonie in seinen Schöpfungen strebt, auch den Nerv der Tat in sich zucken fühlt und jener Allgewalt der Begeisterung, von der er so oft gesunden, endlich auch selbst ins Leben folgt.
Das einfache Gefühl der Guten findet eine ähnliche Erklärung schon aus der bloßen Tatsache, und wendet dem Dichter herzliche Teilnahme zu. Die Phantasie der meisten von ihnen wird sich natürlich nur den allgemeinen Charakter dieses Schicksals ausmalen; und was Kinkels frühere Freunde schrieben, blieb auch meist auf der Oberfläche und bei den erklärenden Worten: Leidenschaft, Begeisterung und Ehrgeiz, als Quelle seines Entschlusses. Ich freue mich des besseren Trostes, die Entwicklung des Freundes einigermaßen zu überschauen. Es ist immer ein leidiger Trost; aber wenn Zorn und Schmerz endlich matt geworden sind und doch das Herz noch immer nicht von dem traurigen Bilde lassen kann, fühlt es sich wohl beruhigt, wenn der Kopf einmal sich mit dem geistigen Bilde der Persönlichkeit beschäftigt. Die alte Panacee: von dem was wir leiden zu reden und das was wir lieben, uns zu vergegenwärtigen.
Vor dreizehn Jahren, als Kinkel, kaum dem Jünglingsalter entwachsen, das theologische Katheder in Bonn bestieg, und in den nächstfolgenden Jahren war er ein so politischunschuldiger Mensch, wie nur je einer in der orthodoxen Schule erzogen ist. All seine künstlerischen Neigungen und Anfänge schienen den Theologen der rheinischen Universität nur als schöne Zugaben für ein talentvolles Rüstzeug der Kirche des Herrn; er war der erklärte Liebling der aristokratischgelehrten Gesellschaft. Ihm selbst konnte der Nationalismus für seinen poetischen Sinn nicht die Fülle großer geschichtlicher Bilder und mystisch glühender Farben gewähren, wie er sie in der Orthodoxie fand, und da er der Philosophie überhaupt ferner stand, so konnte es geschehn, dass er zu derselben Zeit, wo Bruno Bauer explodierte, harmlos noch seine orthodoxen Hefte vortrug. Sein Geist und sein Herz waren damals aber schon nicht mehr dabei; denn während die Neigung zur Geschichte und Kunst immer mächtiger aus der bald ausgepreßten Theologie hervorwuchsen, hatte ein Schicksal, das er selbst sich wie ein Mann schuf, ihn auch dem persönlichen Einflusse seiner alten Lehrer und Kollegen gänzlich enthoben. Die edle geniale Frau, der seine glühende und glückliche Liebe sich zuwandte, war von einem katholischen Gatten getrennt, aber als Katholikin natürlich geschieden und frei. Gegen diese Liebe eiferte die pharisäische Seelsorge der Bonner Theologen mit aller Macht ihrer bornierten Orhodoxie, und an diesem Konflikte reifte Kinkel zum Manne, der die ganze Entscheidung nicht scheute. Er wurde ein Geächteter in den Kreisen, wo er früher der Liebling gewesen war, und nicht bloß das System, dem er bisher anhing, offenbarte sich ihm in seiner Blöße, sondern mit voller Herzensleidenschaft brach die Empörung gegen die gesamte Lebensanschauung, deren Hülle er bisher sorglos mitgetragen hatte, hervor. „Ihr, die die heilige Glut stets nur als Flamme des Herdes gekannt, wißt nicht, wie sich die Liebe belohnt!“ Die Trennung der Kirche vom Staat ist vielleicht sein erstes politischradikales Dogma gewesen; im Übrigen machte er den gemächlichen konstitutionellen Fortschritt der ganzen öffentlichen Meinung mit.
Die Gesellschaft, zu der er eine Zeitlang regelmäßig die kleine Zahl seiner Zuhörer nebst einigen nichttheologischen Freunden vereinigte, manchen Herzen als ein Ideal akademischen Verkehrs unvergeßlich, gab in ihrer Unterhaltung deutlich zu erkennen, wie weit der, welcher mit aller frohen Anmut seines Naturells ihre Seele war, noch ein Theolog genannt werden konnte. Auf dem Poppelsdorfer Schlosse, im Angesicht der reizenden Landschaft bis zum Siebengebirge hin, hallte das hohe Zimmer sehr selten von theologischen Disputationen wieder; weit öfter von der herrlichen Stimme des Virtuosen im Vorlesen von Gedichten und in freier Schilderung poetischer und plastischer Kunstwerke. Kunst und Poesie, die großen Gedanken der Humanität, zuweilen auch Politik, hielten die Freunde bis Mitternacht im lebhaftesten Gespräch zusammen; und die wenigsten ahnten, welch einen bitter ernsten Hintergrund die heitren Scherzworte hatten, die der Wirth wohl einmal über das frugale Leben der Privatdozenten hinwarf. In jener Zeit kämpfte Kinkel, sich eine gesicherte Existenz zu erringen, und er erwarb sich damals das Recht, nachher in einer seiner stürmenden Reden zu sagen: „Wir haben das Darben gründlich gelernt, wir werden auch noch die kurze Frist aushalten!“
Nach Jahren gelang es ihm, eine außerordentliche Professur der Kunstgeschichte zu erhalten und rasch reifte ihm nun die Ernte heran, die er ausgesät. Seine poetischen und wissenschaftlichen Arbeiten fanden Anerkennung, seine Kollegien waren gedrängt voll, die Vorträge vor einem gemsichten Publikum in Köln und Bonn gaben ihm Gewinn und neue Freunde; die Gesellschaft endlich, als sie die Liebe und Arbeit mit Erfolg gekrönt sah, huldigte wie immer diesem ihren Gotte, und die beiden Geächteten waren nun gefeiert und gesucht. Im reinsten Genusse des häuslichen Glückes, in voller Tätigkeit, allein den ursprünglichen Neigungen seines Geistes folgend, blickte Kinkel sich nun nach der alten Welt um   und sah, daß ihre Systeme und Anschauungen wie welkes Laub vor den frischen Trieben seines Lebensbaums abgefallen waren. Was andere in langem schweren philosophischen Kampfe sich erringen: die eine und ganze Freiheit, war ihm in stillem Werden gereift. In dem Maaß, wie er das Lebendige inniger an sein Herz schloß, wich das innerlich Tote, dessen Reste in den Winkeln seines Geistes fortvegetiert hatten, nun ganz fern zurück. Er war noch weder Sozialist noch Republikaner; aber auf dem von aller toten Konvention und allem theologischpolitischen alten Wust gereinigten Boden des freien Lebens, Forschens und Dichtens, konnte nun keine andre Theorie mehr naturgemäß wachsen, als die des freien Staates und der freien Gesellschaft. Die Prinzipien der Kunst und Ethik, schon in ihm festgewurzelt, brauchten bloß zur Tätigkeit auf den übrigen Lebensgebieten angeregt zu werden, um wie mit einem Schlag auch diese zu erhellen.
Als ich ihn einige Zeit vor der Revolution sah, schien er oberflächlich noch mit jener Genossenschaft verbunden, welche die volle Freiheit nur als ein Eigentum des künstlerischen und genießenden Privatmenschen anerkennt und vor den politischsozialen Konsequenzen ihrer eignen Prinzipien zurückschaudert; ich meine jene Gebildeten, welche ihm seinen Radikalismus verzeihen, weil er ein Dichter ist und ein Dichter alles darf. Von dieser letzten Romantik stammen auch die Entschuldigungen seiner Tat, welche sie lediglich als poetische Verirrung bezeichnen, in der Hoffnung, ihn einst wieder in das Reich des Indifferentismus zurückkehren zu sehen. Weil Kinkel aber, trotz leiser romantischer Anklänge in seiner Poesie, ein anderer Mensch war: darum wurde die Märzrevolution der Frühlingshauch, der alle Keime seines Innern in Licht und Leben rief.
Wie gern vermittelte seine Humanität gleichberechtigte Ansprüche und Absichten im Leben! Aber das gesunde Gefühl und die Gerechtigkeit, aus denen jene liebenswürdige Humanität ihm quoll, mußte sich eben so empören gegen das blasse feige Vermitteln zwischen ewigem Recht und Unrecht. Als die Zeit zu Taten rief, sprang er als Mann in die Reihe, und wofür sollte er, als Künstler, als Dichter denn anders kämpfen, als für das Reich der neuen Welt, dessen Gesetze in jenen Geisterreichen schon lange galten und dessen wirkliche Gründung eben darum erst die wahre irdische Heimat für Wissenschaft und Kunst erschaffen kann! Hatte nicht vor einem halben Jahrhundert schon Hölderlin aus den Griechen und ihren deutschen Nachfolgern das Geheimniß gelesen: „Die neue Theokratie des Schönen kann nur Raum finden in einem Freistaat?“ Was hat der moderne Dichter vor unsren Klassikern denn als sein eigenstes voraus, wenn nicht eben die, daß er sich als Bürger fühlt und jene irdische Heimat seiner Kunst mit erobern hilft! Mit solchen Gedanken ist Kinkel in die Revolution gegangen, an dies höchste und letzte Gut hat er sein Alles gesetzt,  nicht aber als fahrender Poet und Avantürier nicht wie ein Belletrist ein Abenteuer versucht, um nachher einen Roman darüber schreiben zu können.
Mit allen Schätzen seines Talents und seines Charakters, an denen bisher die gebildete Gesellschaft von Bonn sich erfreut hatte, trat er nun mitten unter das Volk wie in eine neue und doch heimatliche Welt. Seine Lust am Schauen und Beobachten aller Individualität und seine ursprüngliche Liebe zum rheinischen Volkscharakter hatten ihm lang, eh er an eine solche Wirksamkeit dachte, alle Mittel zu ihr gesammelt; mit leichter Sicherheit traf er den Ton und die Wünsche des Handwerkers, wie der Bauern und Proletarier. Diese Klassen waren es, welche bald in ihm ihren Führer verehrten, und deren Stimmen ihn später zum Deputierten wählten. Was waren die studentisch herkömmlichen Fackelzüge gegen das heitre improvisierte Geleit, wenn diese neuen Freunde ihn mit frisch abgebrochenen grünen Zweigen auf der Heimkehr von einem Spaziergang oder aus einem ländlichen demokratischen Verein, in ihrer Mitte triumphierend nach Hause begleiteten! – Nicht seine ganze Wirksamkeit jener Zeiten ist nur in persönlicher Erinnerung, oder in den kleinen Blättern der neuen Bonner Zeitung und später in den Berliner stenographischen Berichten aufbewahrt. Er schrieb damals ein kleinen Buch: „Handwerk, errette dich!“ Aus dem mag auch, wer ihn nicht persönlich kennt, sich eine Anschauung von Kinkels republikanischem Sozialismus zwischen den Zeilen herauslesen.
Kinkel gehört zu den bis jetzt noch selten öffentlich hervorgetretenen Charakteren, welche revolutionär werden, weil sie im tiefsten und allein edlen Sinne konservativ sind. Der vulgäre, abstrakte Konservatismus ist eine bloße Verneinung und stößt nach rechts und links hin alles von sich, was das Individuum in seinem geistigen, gemütlichen und materiellen Behagen zu stören droht. Der wahre Konservatismus ist eine tiefgewurzelte Treue gegen Vernunft und Freiheit in den philosophischen Charakteren, eine reiche unwandelbare Liebe zur freien gesunden Natur in den poetischen Charakteren. In der letzteren Reihe steht Kinkel. Gegen die bürokratische Willkür und das mechanische Zuschneiden des alten Systems, gegen die engen Einschränkungen und das schlechtfranzösische Zustutzen des ganzen politischsozialen Lebens, mit einem Wort: gegen diese feinselige destruktive Macht empörte sich in ihm die ursprüngliche Liebe zur heiligfreien Natur, zur unverkümmerten Entfaltung aller Individualität der einzelnen, der Gemeinden, der Arbeitsgenossenschaften, des Volkes und der gesamten Gesellschaft.
Wie die friedlichen conservativen Deutschen von 1813 gegen das ihnen revolutionär aufgedrungene fremde Wesen zu den Waffen der Notwehr griffen, um ihr eigenes konservativ zu behaupten, wie seine freie eigene Lebenswelt vom alten System zerstört werde, endlich der Sporn, dies „Kind des Friedens“ in den Kampf zu treiben. Schon in den ersten Tagen seines Aufenthalts in der Pfalz, als alles um und in ihm noch Hoffnung war, schrieb er in die Heimat jenen ergreifenden Brief, worin er als sein persönliches Ideal die Seligkeit eines einfach bürgerlichen Lebens in froher Tätigkeit des Denkens und Dichtens, so wahr bezeichnet und seinen Entschluß zum Kampfe nur aus der festen Überzeugung ableitet, daß allein die volle Befreiung des Volkes der Weg zu solcher vollen Lebensfreude für den einzelnen wie für alle sei. So ist auch sein Sozialismus im edlen Sinne konservativ. Seine ganze Natur protestierte gegen die öden Systeme des uniformiertenbürokratischen Kommunismus und der destruktiven Gleichmacherei, unter der das ewige Naturrecht der Individualität verschwindet. Den einzelnen und die durch freie Neigung zu gleicher Arbeit verbundenen Genossenschaften ruft er zu eigener Tätigkeit auf: „Handwerk, errette dich selbst!“ Sein sozialistisches Ideal in dieser Sphäre ist ein freier Organismus, dessen Gesetze die Selbstständigkeit des Individuums, die höchste Ausbildung aller Arbeitskräfte und jedes Handwerks in seiner Eigentümlichkeit zum Zweck haben. Der Handwerker soll auf eigenen Füßen stehn, statt von den fabrikmäßigen Spekulationen des Kapitals, wie jetzt, ausgebeutet und erdrückt zu werden. Die soziale Gesetzgebung soll es ihm möglich machen, ein Haus und eine Familie zu gründen, ein Meister und Lehrer seines Handwerks, statt ein entreprenierender Kapitalist zu werden. Erst von ihr hofft der Dichter dann eine Wiedergeburt der einigen edlen Erscheinung der mittelalterlichen Zustände, daß das Handwerk, so weit es seiner Natur gegönnt ist, hinüberreiche in die höhere künstlerische Tätigkeit und so der Gipfel dieser Lebensgestalt in die Lichtregion des Geistes und der Schönheit erhoben werde. Aber eben weil nicht alle Arbeit dieses Adels in ihrer Eigentümlichkeit fähig ist, muß allen der Stolz der republikanischen Freiheit, der geistigen Bildung und die Fähigkeit zum Erkennen und Genuß des Schönen erreichbar gemacht werden, damit auch der Geringste dann seines menschlichen Adels so froh werde, wie jetzt sein Pariathum ihm die Seele zum Staube drückt. Die Romantiker schaudern vor der Republik, weil ihre beschränkte Phantasie eine Nivellierung der Kontraste und Individualitäten und damit das Ausgehn des poetischen Stoffes fürchtet; die gesunde Phantasie des modernen Dichters schaut den Reichtum der neuen Welt und er fordert die soziale Revolution, damit endlich die vollbefriedigte Lust am Dasein die Seele der Poesie neu belebe. Er weiß, daß nur eine großartige neue Weltgestalt eine ihr ebenbürtige Poesie aus sich zeugen kann, die dann wahrhaft konservativ sein wird.
Über das rasche Werden dieser neuen Welt haben wir alle uns seit dem März wohl mehr als einmal getäuscht; wer wollte es dem Dichter verargen, wenn seine Phantasie seine Hoffnungen bestimmte! Auf den Höhen seiner Anschauung, wo er nur große historische Gestalten sah, zog auch die Gestalt eines mächtigen Führers ihm vorüber, als er sang:
„Wenn erst um uns die Pulverwolken nachten:
Dann kommt der eine, der befehlen kann!“
Die deutsche Geschichte war ärmer; mit bitteren Gefühlen mochte Kinkel sich dieser Worte erinnern, als die ganze Revolution zuletzt scheiterte, weil der eine fehlte, der befehlen kann.
Den Siegern aber wird ihr Plan nicht gelingen, den Gefangenen zu erniedrigen, um dann das Beispiel und die Talente des begnadigten Apostaten für ihre Zwecke nutzen zu können Sie begreifen das ganze Gewicht, welches Kinkel in die Wagschale der Revolution warf. Durch politische Kenntnisse und parlamentarische Beredsamkeit sind ihnen andere gefährlicher gewesen als er; daß aber ein Dichter, daß eine Persönlichkeit, die so edle aristokratische Eigenschaften glänzend in sich vereinigte, unter die rote Fahne trat, das verschmerzen sie schwer. Denn auch der regelmäßige Trost der Verdächtigung ist ihnen abgeschnitten; niemand glaubt an unlautere oder kleinliche Motive, wo er ein solches Opfer der Überzeugung gebracht sieht, wo ein Staatsamt, eine sichere Existenz, ein ganzes beneidenswertes Glück ohne Hoffnung auf persönlichen Gewinn an eine schwankende gefährdete Sache gesetzt wird. Die Rache ist umso unerbittlicher, je mehr der Märtyrer eine allgemeine Anerkennung und Teilnahme in der gebildeten Nation und nicht bloß innerhalb einer politischen Partei findet. Er wird dann nicht nur für das gestraft, was er tat, sondern auch für das, was er ist. Diese Art der Rache hat Methode, denn freilich wirkte er auch nicht bloß mit seinem Thun, sondern mit seiner ganzen Persönlichkeit.
So brachten sie Kinkel nach Naugard und entehrten sich selbst, während sie ihn zu erniedrigen glaubten. Als er sich zum erstenmal in der gemeinen Sträflingsjacke, in Sklaventracht mit kurz geschorenem Haar erblickte, ist ihm vielleicht seine eigene Gestalt von jenem Abend vorübergeschwebt, wo der vor Goethe’s Iphigenie versammelte auserwählte Kreis ihn als Orest im edlen griechischen Gewande sah? Als er im Kerker zum erstenmal erwachte, schien ihm die Wirklichkeit nicht wie ein wüster Traum? Den er hätte wegschmeicheln mögen mit jenen süßen Worten des halb schlummernden Orest:
Noch einen reiche mir aus Lethe’s Fluten
Den letzten kühlen Becher der Erquickung!
Bald ist der Traum des Lebens aus dem Busen
Hinweggespült   .
Nein, armer Orest! Du lebst und vor dir gähnt die unabsehbare Wüste, auf Lebenslänge! Wir sind noch gefesselt im öden Tauris. Wir zielten nach Ägith’s fluchbeladenem Haupte und trafen nur das arme Mutterland. Aber der Schlaf unserer langen Nächte ist sanft, denn die Eumeniden dieser Zeit umschweben andere Häupter als die der Besiegten und Gefangenen. 

Theodor Althaus erinnert sich: Aus dem Gefängniß. Deutsche Erinnerungen und Ideale (1850)

Bildquelle: Bernhard Höfling: Porträt Gottfried Kinkel, Druck, Köln, Kölnisches Stadtmuseum