Samstag, 28. Dezember 2013

Neubeginn in Hannover



Nach der ersten Orientierung im neuen Wirkungskreis begann er schon bald, in den entsprechenden Stellen erste Kontakte zu knüpfen und sich als neuer Redakteur in Hannover vorzustellen. Einer seiner ersten Besuche galt Innenminister Stüve aus Osnabrück, der nach den Märzereignissen das Ministerium übernommen hatte. Der Empfang war alles andere als freundlich. Stüve schien das Erscheinen einer neuen Tageszeitung in der Hauptstadt des Königreichs Hannover nicht sonderlich zu interessieren. Jedenfalls gab er sich anderweitig beschäftigt und war äußerst abweisend. Der tiefere Grund dafür waren seine Vorbehalte gegenüber dem engagierten Zeitungsmann. Stüves Bemerkung, die Redakteure der Bremer Zeitung hätten den norddeutschen Charakter auf die Probe gestellt, wies darauf hin, dass er über die Vorgänge in Bremen informiert war.  Er selbst hatte nach der Übernahme des Amtes im Märzministerium einen Rechtsruck gemacht und vermittelte den Eindruck, als sei es ihm am liebsten, wenn das bestehende System beibehalten würde. In seiner gewohnten Art, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, scheute Althaus nicht davor zurück, das brisante Thema Reichsverfassung direkt anzusprechen. Stüve reagierte wehrte das Gespräch ab. Der fünfzigjährige Minister des Königreichs Hannover und der ungestüme Redakteur der Zeitung für Norddeutschland brachten es nicht fertig, sich sachlich auseinanderzusetzen. Es klang zugleich trotzig und zynisch, wenn Theodor seiner Schwester versicherte: Ich bin für mein Theil sehr zufrieden, denn ich habe Alles, was ich erwarten konnte: ihn nämlich kennen gelernt und einigen Stoff für meine Combinationen.  
Nachdem er in die unmittelbare Nachbarschaft des Druckhauses in die Osterstraße Nr. 89 umgezogen war, ging die Zeitungsarbeit erst richtig los. Bis zum Erscheinen der ersten Ausgabe war noch jede Menge vorzubereiten und nicht alle technischen und organisatorischen Gegebenheiten in Druckerei und Büro waren fertig gestellt. Letzteres war vorerst nur provisorisch eingerichtet und außerdem ungemütlich kalt, was der vorweihnachtlichen Stimmung nicht gerade zuträglich war.
Nach dem Weihnachtsfest mit morgendlichem Besuch der Wohlbrücks und der Setzer sowie einem nachmittäglichen seinerseits bei den Jäneckes war dann am letzten Tag des Jahres 1848 das zukunftsweisende neue Projekt startfertig. Die erste Ausgabe der Zeitung für Norddeutschland ging in den Druck. Doch genau an dem Tage erreichte Theodor Althaus die Nachricht von der plötzlich aufgetretenen schweren Erkrankung seiner Mutter. So erschütternd diese Botschaft auch war, so konnte er doch nicht alles liegen lassen und Knall auf Fall nach Detmold fahren.
Es kam noch schlimmer. Zwei Tage später erfuhr er, dass seine liebste kleine Mama gestorben war. Das war ein Schlag, der ihm fast das Herz brach. Mit äußerster Beherrschung und Mühe machte er noch einen Leitartikel druckfertig und fuhr die ganze Nacht hindurch, um morgens bei der Beerdigung dabei zu sein. 

[Dezember 1848]

Leseprobe aus:


Foto: © Renate Hupfeld (Aegidienkirche in Hannover)

Dienstag, 17. Dezember 2013

Althaus in "Best of Indie"



"Gefangen für die Freiheit - das kurze Leben des Theodor Althaus" ist die Überschrift der Buchvorstellung der Biografie von Theodor Althaus in dem Magazin "Best of Indie", das von der Literaturwissenschaftlerin Gundel Limberg zusammen mit Katia Fleschütz und Jaqueline Spieweg aus der Taufe gehoben wurde und soeben als eBook erschienen ist. Engagiert und kompetent wird erläutert, warum die Lebensgeschichte dieses Protagonisten der 1848er Revolution, wortstarker und selbstloser Kämpfer für Freiheit und Demokratie, hier seinen Platz gefunden hat. Im Schlusssatz heißt es: "... eine Biographie, die in kurzen 30 Lebensjahren deutsche Geschichte erlebbar macht und anderen Autoren womöglich das Tor zu großen Erzählstoffen aufstoßen kann." 
Und um große Erzählstoffe geht es in weiteren Buchvorstellungen aus anderen Genres von Thriller bis Ratgeber. Außerdem gibt es im neuen Magazin interessante Essays zu Selfpublishing, NaNoWriMo und Buchmarkt sowie Interviews zum Lektorieren und QLU, eine neue Vertriebsform für eBooks, sowie eine Blogvorstellung. 


Hier ist der Link zum Kindle eBook: Best of Indie - Magazin

Zum Lesen auf allen Geräten gibt es die:  Gratis Kindle Lese-Apps

Samstag, 7. Dezember 2013

Nordischer Wintergarten



Wie ein Nordischer Wintergarten musste Theodor Althaus die kleine Welt in Detmold vorgekommen sein, als seine Freundin Malwida von Meysenbug Ende September 1844 für einige Monate in die Provence gereist war. Ohne berufliche Perspektive nach dem Abschluss seines Studiums waren die Gespräche mit ihr mehr als nur Lichtblicke. Er hatte sich verliebt in die Frau, die seit seiner ersten Predigt in ihm einen jungen Apostel sah, dessen Botschaften sie im tiefsten Herzen trafen. Seine poetischen Abschiedsgrüße gab er ihr mit auf den Weg und schrieb weitere Gedichte, die er ihr widmete. 

Ein Paradies im Sturm


Wild um das Haus den Schneesturm trieb der Wind
Und riß herauf in den Kamin die Flammen –
Ein Abend, wie sie nur im Norden sind;
Im hohen Saal saß ich mit ihr zusammen.

Sie reichte mir des deutschen Dichters Buch,
Der mir so oft das kalte Licht beseelte;
War ich ergriffen von des Sturmes Zug,
Daß ich ein stürmisch Lied zum Lesen wählte?

Es sang von dunkler Noth und Erdenlast,
Wie ich so oft sie quälend, lastend fühlte:
Sang von der Seele Kampf – da war mir fast,
Als ob der Sturm da draußen um mich wühlte!

Und seine Sprache wurde mir vertraut,
Er trug das Lied und mich auf seinen Schwingen, -
Das wilde Lied, in dem ein jeder Laut
Aus Nacht und Sturm sich schien emporzuringen.

Und wie ich las des Sieges Flammenwort
Das endlich aufloht aus den Finsternissen:
Da war’s, als würde mir die Seele fort
Im Flammenwehn und Lodern mitgerissen.

Zu ihr aufsah ich. Ihre Wangen bleich,
ihr Auge feucht, von Geist und Liebe glühend –
Mein Liebesstern, mein selig Himmelreich,
Mein Paradies, in Sturm und Norden blühend!

Sonett


Spät war’s. Ich schaute in die Wolkenzüge,
Die wunderbar sich bildenden Gestalten,
Wie sie dort oben licht und dunkel wallten –
Mir, als ob ein Geisteshauch sie trüge.

Hinaus in’s Freie, schlürfe Vollgenüge
Der Lebensluft, o Brust! Und frei entfalten
Ließ ich die Töne sich, die in mir hallten.
Und Phantasie hob schwärmend ihre Flüge.

Aus meiner Brust, in alle Fernen rankten
Sich Wolkenträume auf wie wilde Reben,
Die windbewegt an deinem Fenster schwankten.

Laß einmal sie durch deine Träume schweben,
Wenn es zu kühn nicht ist, was sie verlangten:
Ein Lebewohl des Nordens Dir zu geben.


Diese und weitere Gedichte von Theodor Althaus gibt es zum Gratis Download im beam eBook Shop:



Sonntag, 1. Dezember 2013

Zeitung für Norddeutschland



In diesen schweren Zeiten [Dezember 1848 in Bremen] hatte der junge Redakteur manchmal das Gefühl, er müsse zusammenbrechen. Wie lange hatte er seine liebste kleine Mama nicht mehr in den Arm genommen? Und wann zuletzt mit dem Vater geredet? Auch die Geschwister waren zu kurz gekommen. Dabei hielten sie treu zu ihm, dessen konnte er sich ganz sicher sein. Wie in ruhigeren Zeiten würde er wieder mehr Briefe schreiben. Den ersten bekam Friedrich. Der setzte sein Studium in Leipzig fort und brauchte dringend ein paar Ratschläge. Von allem sollte er sollte das Beste wählen, sei es Musik oder Theater, er würde ihn dabei finanziell unterstützen. Auch Großvater Dräseke bekam einen ausführlichen Bericht nach Potsdam. Er erzählte ihm von den Belastungen durch seine Arbeit richtete einen Gruß aus von Tischlermeister Cord Wischmann, der sich gerne an den Prediger Dräseke in St. Ansgarii erinnerte und jetzt Vorsitzender des Bürgervereins war. In dem Zusammenhang berichtete er auch über die Unterstützung, die er von Wischmann und dessen Verein gegen die gemeinen Anfeindungen bekommen hatte.

Der Mutter schrieb er am 1. Dezember, dass nun bald die Übersiedlung nach Hannover anstehe, wo er mit einem jungen engagierten Verleger zusammenarbeiten würde. Viel Arbeit werde auf ihn zukommen [Zeitung für Norddeutschland], sodass er schon jetzt sagen könne, dass er Weihnachten nicht nach Hause komme. Es sei jedoch ein Trost, dann in Hannover doch ein Stückchen näher an Detmold zu sein als jetzt in Bremen. Liebe Mutter! Die Wege, auf denen ich sonst in meinen Briefen wohl lustwandelte, sind jetzt, in diesen Monaten, äußerst verwachsen, und es scheint zuweilen, als ob keine Seele je da gewesen wäre. Laß Dich’s nicht irren, wie ich’s auch nicht thue. Stellt man sich in die Ferne, so sieht man ja doch einen grünen Schimmer, nur ist es mehr Urwald als Gartenland, wie vorher. Es wird aber auch schon wieder eine Zeit kommen, wo freundliche Hände die Zweige auseinanderbiegen und doch noch Blumen und Sprossen im Schatten entdecken.


Leseprobe aus:

Sonntag, 10. November 2013

Erinnerungen an Gottfried Kinkel



Theodor Althaus war 18 Jahre alt, als er an einem Oktobertag des Jahres 1840 die Wohnstube des Pfarrhauses Unter der Wehme in Detmold verließ, zu Fuß nach Paderborn ging und von dort mit der Postkutsche an den Rhein fuhr. Der älteste Sohn des lippischen Generalsuperintendenten hatte ein glänzendes Abiturexamen abgelegt und wollte an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn Theologie zu studieren. Und es war schon etwas Besonderes, von einer der ersten Amtshandlungen des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. zu profitieren und bei der Einschreibung vom gerade rehabilitierten Rektor Ernst Moritz Arndt persönlich begrüßt zu werden. Berechtigte Hoffnung auf ein einheitliches, freies und demokratisches Deutschland lag in der Luft. Doch in den beiden Vertretern der theologischen Fakultät, den Professoren Nitzsch und Bleek, sah der junge Stürmer aus dem Fürstentum Lippe diese Hoffnungen nicht erfüllt. Das sah er lediglich in den überzeugenden Vorträgen des fünfundzwanzigjährigen Dozenten Gottfried Kinkel.  Bei ihm hörte er Kirchengeschichte und das mit Begeisterung und großem Respekt. Später gehörte er zum studentischen Kreis der wöchentlichen Kränzchen, zu denen Kinkel eine kleine Anzahl seiner Schüler in das Poppelsdorfer Schloss einlud. Die Verehrung des Theologiestudenten aus Detmold ging so weit, dass er seinem Dozenten bei bestimmten Themen seines Unterrichtsfaches inhaltlich zuarbeitete. So entwickelte sich über die Kränzchenabende hinaus eine Freundschaft, die auch nach Beendigung des Studiums anhielt.
Es war im Sommer des Jahres 1846, als  sich wieder trafen. Drei Jahre nach Beendigung des Theologiestudiums hatte sich für den Kandidaten Theodor Althaus keine berufliche Perspektive ergeben. Als Schriftsteller und Journalist  lebte er in seinem Detmolder Elternhaus und hatte gerade eine längere Schrift über die Zukunft des Christenthums verfasst. Während einer Wanderreise an den Rhein besuchte er seinen ehemaligen Dozenten Gottfried Kinkel in Bonn. Der war nach seiner Heirat mit der geschiedenen Johanna Mockel umhabilitiert worden und unterrichtete inzwischen das Fach Kunstgeschichte. Im vertrauten Gespräch stellten die beiden fest, wie wenig sich die Hoffnungen auf ein einheitliches demokratisches Deutschland erfüllt hatten. Deutschland war nach wie vor zersplittert in 36 Einzelstaaten, in denen der jeweilige König, Fürst  oder Großherzog auf dem Hintergrund der Karlsbader Beschlüsse mehr oder weniger despotisch gegen seine Untertanen regierte.  Wenige besaßen viel und weite Teile der Bevölkerung litten Not und hungerten.

In ihren jeweiligen Zusammenhängen kämpften Kinkel und Althaus gegen diese Ungerechtigkeiten. Unabhängig voneinander wurden sie im reißenden Strom des Revolutionsjahres 1848 mitgerissen und gehörten zu denjenigen, deren Laufbahn im Zusammenhang mit den Reichsverfassungskämpfen im Mai 1849 schicksalhaft beendet wurde. Kinkel landete nach der Teilnahme am Sturm auf das Siegburger Zeughaus sowie am badischen Aufstand im pommerschen Zuchthaus Naugard und Althaus als Redakteur der „Zeitung für Norddeutschland“ wegen eines Artikels mit Aufruf zur Bildung eines Ausschusses zur Durchführung der in Frankfurt vollendeten Reichsverfassung im Staatsgefängnis St. Godehard in Hildesheim. Hier schrieb er im Jahre 1850 seine persönlichen Erinnerungen Aus dem Gefängniß, in denen er neben Robert Blum, Heinrich von Gagern und Julius Fröbel seinem Freund Gottfried Kinkel ein Kapitel widmete. 

(Renate Hupfeld im November 2013)

Bildquelle: Bernhard Höfling: Porträt Gottfried Kinkel, Druck, Köln, Kölnisches Stadtmuseum

Dienstag, 5. November 2013

9. November 1848 - Robert Blum wird in Wien erschossen



Die schockierendste Nachricht des Jahres war in der zweiten Ausgabe der Bremer Zeitung vom Montag, dem 13. November 1848, zu lesen. Es war die Wiedergabe einer amtlichen Bekanntmachung aus Wien, die jeden Freund der demokratischen Bewegung in tiefster Seele traf:

Mittelst  st a n d r e c h t l i c h e n  U r t h e i l s  vom 8. d. M., ist  R o b e r t  B l u m, Buchhändler aus Leipzig, überwiesen durch sein eigenes Geständniß, wegen aufrüherischen Reden und bewaffneten Widerstande gegen die kaiserlichen Truppen in Folge der von S. Durchlaucht dem k. k. Herrn F. M. Fürsten zu Windischgrätz unterm 20. und 23. Oct. erlassenen Proclamationen  z u m  T o d e  v e r u r t h e i l t,  und das Urtheil am 9. November 1848 Morgens um halb acht Uhr in der Brigittenau mit  P u l v e r  u n d  B l e i  v o l l z o g e n   w o r d e n.

Das war weit tragischer, als Theodor Althaus es sich in seinen schlimmsten Visionen hätte vorstellen können. Ein erschütternder Schlag mitten in das Herz. Gab es denn nur noch Niederlagen? So sah die Konterrevolution aus. Es ging um Leben und Tod. Robert Blum! Was für ein Mann! Gelebte Überzeugung. Stark wie keiner. Wie konnte das passieren? Es fiel Theodor Althaus schwer, an diesem Novembertag seine Gedanken zu ordnen, doch den Nachruf war er seinem Freund schuldig. Sein bitterer Tod durfte nicht umsonst gewesen sein. Erst ein Jahr war vergangen, seitdem Blum beim Schillerfest in Leipzig gewirkt hatte, als Mann des Vertrauens, der das Volk aufhorchen ließ und der überzeugte. Dann die Märznacht, als noch das revolutionäre Ungestüm Triumphe feierte und er im kleinen Kreis die politischen Ziele seiner Gruppierung für das Vorparlament festlegte, voller Hoffnung und Zuversicht. Drei Monate später, im Juni, als Führer der Linken seine Rede zur Zentralgewalt, belächelt und verlacht und doch so wahr, vor allem der Schluss: Wollen Sie das Himmelsauge der Freiheit brechen sehen und die alte Macht heraufführen: s c h a f f e n  Sie ihre  D i c t a t u r.
War das nun Wirklichkeit geworden? War in der Zentralgewalt tatsächlich die alte Macht wieder hervorgekommen? Sogar zur Diktatur geworden, wenn sie es in Kauf nahm, dass ein vom deutschen Volke gewählter Vertreter für ein deutsches Parlament auf deutschem Boden ohne rechtliche Grundlage brutal hingerichtet wurde? Windischgrätz müsse sofort seines Kommandos enthoben, zur Verantwortung gezogen und bestraft werden, verlangte Althaus in seinem Leitartikel am 14. November 1848.
Wer aber sollte die Ermordung des deutschen Abgeordneten Robert Blum ahnden in einer Zeit, in der ein Ministerpräsident Felix Fürst zu Schwarzenberg in Österreich das reaktionäre Ruder in die Hand genommen und ein Hohenzollernkönig in Preußen alles vergessen hatte, was er seinen lieben Berlinern im März versprochen hatte? Was war zu tun, wenn in den beiden größten und einflussreichsten Ländern des zu schaffenden Deutschen Reiches die Konterrevolution ausgebrochen war? In Wien hatte sie gerade ihren blutigen Sieg errungen und in Berlin hatte das Militär am 11. November 1848 die Bürgerwehr entwaffnet und am Tag darauf General der Kavallerie von Wrangel den Belagerungszustand über die Stadt verhängt. Und wer konnte verhindern, dass am 5. Dezember 1848 Friedrich Wilhelm VI., König von Gottes Gnaden, die Auflösung der preußischen Nationalversammlung verordnete und am selben Tage eine Verfassung für den preußischen Staat oktroyierte? 

Angesichts dieser Rechtsbrüche und ignoranten Haltung den gemeinsamen Bestrebungen gegenüber sah Althaus die Fortschritte und vor allem die Verwirklichung der Paulskirchenarbeit an der Verfassung für den deutschen Bundesstaat gefährdet. Wer sollte die Reichsverfassung ins Leben einführen, wenn die Großmächte sich weigerten, sich als gehorsame Glieder in die neue Ordnung des Bundes zu fügen, den sie bisher beherrschten? Im Leitartikel am 13. Dezember 1848 beklagte er, der alte despotische Geist wollte die Revolution beenden, indem er sie vernichtete, doch die werde nur beendigt durch die Befriedigung ihrer Forderungen.






Sonntag, 3. November 2013

Schwere Tage in Bremen


In diesen dunkelgrauen Zeiten [November 1848] hatte der junge Redakteur manchmal das Gefühl, er müsse zusammenbrechen. Woher nahm er nur die Kraft, damit das nicht geschah? Er lernte zu schätzen, was es bedeutete, eine Familie und Freunde zu haben, die bedingungslos zu ihm hielten. Wie in ruhigeren Lebensphasen, nahm er sich wieder die Zeit, ihnen zu schreiben.
Friedrich bekam einen Brief nach Leipzig, wo er sein Studium fortsetzte, mit den gewohnten Ratschlägen. Vor allem riet er dem Bruder, er sollte das Beste wählen, das Leipzig zu bieten hätte, sei es Musik oder Theater. Dabei sagte er ihm seine finanzielle Unterstützung zu.
Auch dem Großvater schickte er einen ausführlichen Bericht nach Potsdam, in dem er sich für dessen Brief bedankte, ihm von den Belastungen durch seine Arbeit erzählte und einen Gruß von Tischlermeister Cord Wischmann ausrichtete, der sich gerne an den Prediger Dräseke in St. Ansgarii erinnerte und jetzt Vorsitzender des Bürgervereins war. In dem Zusammenhang berichtete er auch über die Unterstützung, die er von Wischmann und dessen Bürgerverein gegen die gemeinen Anfeindungen bekommen hatte.
Der Mutter schrieb er am 1. Dezember, dass nun bald die Übersiedlung nach Hannover anstehe, wo er mit einem jungen engagierten Verleger zusammenarbeiten würde. Es werde viel Arbeit auf ihn zukommen, sodass er schon jetzt sagen könne, dass er Weihnachten nicht nach Detmold komme. Es sei jedoch ein Trost, dann in Hannover doch ein Stückchen näher an Detmold zu sein als jetzt in Bremen. „Liebe Mutter!“, schrieb er. „Die Wege, auf denen ich sonst in meinen Briefen wohl lustwandelte, sind jetzt, in diesen Monaten, äußerst verwachsen, und es scheint zuweilen, als ob keine Seele je da gewesen wäre. Laß Dich’s nicht irren, wie ich’s auch nicht thue. Stellt man sich in die Ferne, so sieht man ja doch einen grünen Schimmer, nur ist es mehr Urwald als Gartenland, wie vorher. Es wird aber auch schon wieder eine Zeit kommen, wo freundliche Hände die Zweige auseinanderbiegen und doch noch Blumen und Sprossen im Schatten entdecken.“



Montag, 28. Oktober 2013

Studium in Bonn


In der Frühe eines Oktobermorgens des Jahres 1840 stand der älteste Sohn der Familie Althaus im Wohnzimmer mit Ranzen und Wanderstock, umgeben von Vater, Mutter, Schwestern und Brüdern, bereit zum Abschied aus dem Elternhaus. Knapp achtzehnjährig hatte er am Detmolder Gymnasium einen ausgezeichneten Abiturabschluss erreicht und somit beste Voraussetzungen für ein Studium. Voller Neugier auf die Welt stiefelte er zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Freund Rudolf Cruel aus dem lippischen Schöttmar los in Richtung Paderborn, von wo aus ihn eine Postkutsche an den Rhein brachte. An der Bonner Universität wollte er Theologie studieren.
Warum wählte ein Abiturient aus dem Fürstentum Lippe ausgerechnet Bonn als Studienort? Nun, es hatte sich wohl bis in alle Regionen des Deutschen Bundes herumgesprochen, dass gerade dort in jenem Herbst ein besonders frischer politischer Wind wehte. Das hatte mit dem Beginn der Amtszeit von König Friedrich Wilhelm IV. in Preußen zu tun. Eine seiner ersten Regierungshandlungen war eine teilweise Aufhebung der Karlbader Beschlüsse, was als Initialzeichen zum nationalen Aufbruch gesehen wurde. Für die Universitätsstadt am Rhein bedeutete das die Rückkehr von Professor Ernst Moritz Arndt, der nun nach zwanzig Jahren Berufsverbot wegen demagogischer Umtriebe rehabilitiert und sogar Rektor der Bonner Friedrich-Wilhelms-Universität wurde.
Ein weiterer Impuls für die Hoffnung auf ein einheitliches Deutschland war der Rücktritt des kriegswilligen französischen Außenministers Adolphe Thiers, der ein Ende der Auseinandersetzungen mit Frankreich um den freien deutschen Rhein bedeutete. Nein, sie sollten ihn nicht haben. Zu dem Zeitpunkt war Theodor Althaus bereits in Bonn angekommen und es war etwas ganz Besonderes, eine so wichtige politische Neuigkeit eher zu erfahren als die Eltern und Geschwister zu Hause. Da konnte er doch gleich am 26. Oktober 1840, seinem achtzehnten Geburtstag, die brandaktuelle Nachricht nach Detmold senden. Und es war auch etwas Besonderes, bei der Einschreibung vom gerade rehabilitierten Rektor der Universität persönlich begrüßt zu werden.
Am 4. November 1840 berichtete er seinem Vater über die Immatrikulation und seine ersten Eindrücke von den Lehrveranstaltungen. Nicht alle entsprachen den hohen Erwartungen des Studienanfängers. So beschwerte er sich über die beiden Vertreter der theologischen Fakultät:
Die ganze Zeit, seit ich hier gewesen bin, habe ich nur von Mittwoch bis jetzt die Synopse und die Psalmen bei Bleek hören können (fünf Stunden jede), und leider hat er keinen günstigen Eindruck auf mich gemacht. Einestheils ist sein Vortrag unter aller Kritik eintönig und unverständlich, sodann hat er die Kunst erfunden, jedes Mal in der folgenden Stunde noch langweiliger als in der vorhergehenden zu sein.
[…]

Zu  N i t z s c h  bin ich vier- oder fünfmal in die Dogmatik und praktische Theologie hospitiren gegangen. Er ist eben so klein, aber nicht ganz so dick als Bleek; sein Gesicht ist auch nicht so dumm, wie jenes, sein Vortrag nicht so eintönig; dennoch hat er mir nicht gefallen. Man sieht ihm an und hört ihm an, daß er ein tiefer Denker ist; aber er hat in seinem Vortrage etwas Affectirtes (z.B. beginnt er in einem großen Auditorium so leise, daß ich, nur sechs Fuß von ihm, ihn bei völliger Stille nie verstehen kann) und in seinem ganzen Wesen etwas Anmaßendes und Absprechendes; und – so tief er denken mag, er kann es nicht klar machen. Er hüllt sich, um seine Meinung nicht gerade heraus sagen zu müssen, in einen Mantel von philosophischen und gelehrten Kunstausdrücken ein und scheint, wenn er von ‚dem Unsinn einer populären Dogmatik’ spricht, nicht an den Unterschied zwischen populärer und klarer Darstellung zu denken […]



Freitag, 25. Oktober 2013

Pfarrerssohn in Detmold



Im alten Pfarrhaus Bruchstraße 2 in der lippischen Residenzstadt Detmold kam Theodor Althaus am 26. Oktober des Jahres 1822 zur Welt. Sein Vater war der zweite Prediger der Stadt Georg Friedrich Althaus und seine Mutter Julie Althaus die älteste Tochter des Bischofs Bernhard Dräseke, bekannt geworden als mutiger Kämpfer gegen napoleonische Unterdrückung. Auch ein Vorfahre des Vaters hatte als kritischer Geist von sich reden gemacht, der berühmte Rechtsgelehrte Johannes Althusius, Verfasser einer immer noch aktuellen Publikation von 1603 über die Lehre vom Staatsvertrag und von der Volkssouveränität. Nach Johanna war Theodor zweites Kind und erster Sohn der Familie Althaus. Er entwickelte sich zu einem aufgeweckten Lockenkopf und war der Stolz der Eltern. Als Fünfjähriger erkrankte er jedoch schwer an Scharlachfieber und anschließender Wassersucht, von der er sich erst nach vielen Monaten erholte. 

Gymnasium Leopoldinum in Detmold
In der Schule fiel er auf durch eine außergewöhnliche Begabung in allen Bereichen, gepaart mit einem ausgeprägten Wissensdrang, gutem Gedächtnis, Fleiß und Ausdauer. Der Mathematiklehrer nannte ihn einen feinen Kopf und Gymnasialdirektor Christian Friedrich Falkmann prophezeite, er werde sicher ein großer Mann werden, entweder im Guten oder im Bösen. Offensichtlich war dem Didaktiker Theodors besondere Sprachgewandtheit aufgefallen. Spielend erlernte der Gymnasiast Latein, Englisch, Französisch, Griechisch und zudem in seiner Freizeit Sanskrit beim Detmolder Kanzleidirektor Ballhorn-Rosen, der ihn zusammen mit seinen Söhnen Friedrich und Georg Rosen, dem späteren Orientalisten, unterrichtete.

Pfarrhaus "Unter der Wehme" in Detmold
Nach dem Tod von Ferdinand Weerth im Jahre 1836 wurde Georg Friedrich Althaus zu dessen Nachfolger als Generalsuperintendent des Fürstentums Lippe ernannt. Die Familie zog um in das Pfarrhaus Unter der Wehme in unmittelbarer Nähe des Marktplatzes mit der Hauptkirche. Mit großzügiger Innenaufteilung und weitläufigem Obst-, Blumen- und Gemüsegarten bedeutete das für die Familie eine angenehme Verbesserung der Wohnbedingungen. Von den Fenstern im oberen Stockwerk hatte man einen schönen Blick auf die Hänge des Teutoburger Waldes mit der Grotenburg, auf der später das Hermannsdenkmal errichtet wurde. In dieser Umgebung lebte Theodor Althaus seit dem vierzehnten Lebensjahr mit seinen Eltern, der älteren Schwester Johanna und den jüngeren Geschwistern Elisabeth, Friedrich, Bernhard und Julius.

Dienstag, 15. Oktober 2013

Denkmal auf dem Monarchenhügel bei Leipzig

Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin

Eine weitere Verbindung knüpfte er zu dem drei Jahre älteren Historiker Heinrich Wuttke, der an der Leipziger Universität Vorlesungen hielt. Am 19. Oktober 1847 wanderte er früh am Morgen zusammen mit ihm in südöstlicher Richtung aus der Stadt hinaus über Feldwege, vorbei an Gebüsch, durch stille Dörfer, dann durch eine lange Pappelallee hinauf zur höchsten Erhebung dieser Gegend. Auf diesem Hügel hatten vierunddreißig Jahre zuvor die verbündeten Monarchen Kaiser Franz I. von Österreich, Kaiser Alexander I. von Russland und König Wilhelm III. von Preußen gestanden, die Kampfhandlungen der Völkerschlacht verfolgt und am Abend des 19. Oktober 1813 die Nachricht vom Rückzug der Truppen Napoleons entgegen genommen. Zur Erinnerung an diesen wichtigen Sieg hatte man auf dem Monarchenhügel ein pyramidenförmiges Denkmal aus Sandstein errichtet, das an jenem Tage eingeweiht wurde.

Über das Ereignis verfasste Theodor Althaus einen Artikel für die Bremer Weser-Zeitung, in dem er die Organisation und vor allem die Rede von Superintendent Großmann heftig kritisierte. Die Feier sei nicht dazu angetan gewesen, die tausend Anwesenden anzusprechen und auf das Wichtigste zu lenken, nämlich dass es ein Sieg der Kämpfer auf dem Schlachtfeld war und nicht das Verdienst von drei Monarchen im Glauben an Gott, wie der Redner weismachen wollte. Mit Wuttke war Althaus einig, dass eine Rede von Robert Blum die richtigen Akzente gesetzt hätte. Ja, es hätte sogar schon seine Anwesenheit gereicht. Eine Feier für das Volk sei diese Einweihungsfeier nicht gewesen. Sein Fazit: Aber wenn an einem solchen Siegestage des Volks, das Volk nur wie das Publikum zum allerhöchsten Fest, nur wie Staffage um den Thron, den es doch allein wieder aufgerichtet hat, erscheint: dann wird es doch selbst im Herbste zu dumpf und schwül in der deutschen Luft. Fort, fort von hier!

Als der Artikel Das Denkmal auf dem Monarchenhügel in Leipzig am 24. Oktober 1847 im Sonntagsblatt zur Weser-Zeitung erschien, war Theodor die Aufmerksamkeit in der Stadt Leipzig gewiss. Die Empörung bei den Verantwortlichen war so groß, dass er schon fürchten musste, ausgewiesen zu werden. Seine Freunde im Museum und Café dagegen beglückwünschten ihn zu diesem klaren politischen Statement. Ignaz Kuranda war so begeistert, dass er auf ihn zukam mit der Bitte, unbedingt für die Grenzboten zu schreiben.


Leseprobe aus:

Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland (Kindle)






Artikel von Theodor Althaus im Sonntagsblatt zur Weser-Zeitung 
Nr. 193 
Bremen, den 24. October. 1847:


Das Denkmal auf dem Monarchenhügel bei Leipzig. *)

* Aus Norddeutschland, 21. Oct. Kaum zurückgekehrt von einer längeren Reise, schreib’ ich Euch einen Bericht über die Eindrücke des letzten Tages, frisch, wie sie mich fast noch beherrschen, wie sie mir noch ganz nah sind und nicht erst mit Tagebüchern und Erinnerung lebendig gemacht zu werden brauchen. Wozu sollen wir auch Alles erst alt werden lassen, eh’ wir ihm den Schritt an das offene Licht gönnen? warum erst nach allen Richtungen hin die Sache durchspüren, alle Ecken und Spitzen abbrechen, alles Harte mildern, alles Hässliche verschönern, so daß zuletzt kein Mensch mehr weiß, was denn eigentlich die Hauptsache gewesen ist und wie es in den Momenten, die geschildert werden, durch die Nerven gezuckt hat ! Deutsches trauriges Vorurtheil, als ob das Fischblut am besten zum Beobachter befähigte! Ja, wenn dies Vorurtheil – und dies Fischblut – nicht wäre, wenn Alles was existirt und geschieht, in seiner vollen Bedeutung erfasst, durchgelebt, in die Tiefen der Seele gesenkt würde, unvergeßlich: dann müssten wir schon einen guten Schritt weiter sein, dann würden manche Worte, an die man sich längst ruhig gewöhnt hat, ein lastendes Gewicht in der Wagschale werden, und manches Ereigniß, das jetzt wie ein bloßer Nachklang vergangener Zeit unbeachtet bleibt, würde wie ein scharfer, erschütternder Ton uns in’s Herz schneiden. Setzt das Leben ein, riskirt es in Emotion zu kommen, eine Thräne im Auge zu erdrücken, mit dem Fuß zu stampfen vor Entrüstung, - denn setzt ihr nicht Euer Leben ein, nie wird Euch das Leben gewonnen sein!

Ich war dazu in der rechten Stimmung, bewegt von den verschiedensten Eindrücken und empfänglich für Alles, als ich am achtzehnten das alte Leipzig wieder begrüßte und mit Verwunderung sah, wie es sich fortwährend verjüngt und geputzt hatte in den letzten Jahren. In dem „grünen“ Böhmen, dessen Wälder aber schon in den herbstlichen Farben prangten, war ich an der Elbe und im Gebirg wochenlang gewandert, um den Staub der Arbeit ein wenig abzuschütteln, und von den hussitischen Schlachten hin durch die Jahre des dreißigjährigen Kriegs, von Prag bis Eger, bis zu Seume’s Hügel und dann bis zu den waldigen Höhen von Culm, waren deutsche Erinnerungen mir lebendig entgegengetreten. Dresden mit seinen Palästen, mit der Terrasse des allmächtigen Ministers, mit seinen schön-verwitterten Monumenten – dem Zwinger, dem Museum, den Kirchen in der fremdländischen Bauart -, war mir wie ein Bild aus dem Jahrhundert der Höfe und Fürsten erschienen, und wieder war ich in ein paar Stunden nach dem neuen glänzenden Leipzig, in das Jahrhundert des Bürgerthums und des Handels versetzt; die letzten Bretter und Budengerüste auf den weiten Plätzen sahen mich an wie Trümmer am Strand nach der großen Fluth der wogenden Messe, deren Wellen sich erst vor wenig Tagen gelegt hatten.

Mit einem lieben Freunde, der mich schon am Bahnhof empfangen hatte, wollte ich auch den anderen Morgen, der mir noch bleib, ungestört zubringen; aber seine Correspondentenpflicht erlaubte ihm nicht, das Fest des neunzehnten Octobers, die Einweihung des Denkmals auf dem Monarchenhügel zu versäumen. Mich reizte diese Feier doch auch; monatelang war ich früher in Leipzig gewesen, ohne daß mir im Drang von Arbeiten und Geschäften auch nur der Gedanke gekommen wäre, das Schlachtfeld zu besuchen, ich kannte nur zufällig Poniatowsky’s Grabmal im Garten an der Elster; - jene Zeit liegt uns ja so weit, so überwunden fern, und was sollte man auch suchen auf den weiten ebnen Feldern, wenn man sich in den schattigen Gängen des Rosenthals erholen kann? Die Feuer auf den Bergen, von deren ewiger Glut einst die jungen und verjüngten Herzen in Begeisterung redeten, sind längst erloschen, sind schon zwei Jahre nach der Völkerschlacht, am Rhein und an der Mosel polizeilich verboten, aus zarter Rücksicht für die französischen Gefühle, die vielleicht gereizt und gedemüthigt wären, wenn am Abende jener Schlachttage rings von den Bergen der Grenze die erneute Siegsfreude in das besiegte Land herübergeleuchtet hätte.

Den Patrioten verdüsterte sich schon damals der vertrauensvolle Blick in die Zukunft bei diesem Verbot, sie glaubten schon nicht recht, daß die Humanität gegen die Franzosen der wahre Grund davon sei. Dann kamen die mageren officiellen Festlichkeiten, die Vereine der Veteranen, die verklingenden Lieder der letzten Freiwilligen, das wehmüthige „Frisch auf zum fröhlichen Jagen!“ – die Melodie, nach der doch Jeder leise für sich sang: „Wenn Alle untreu werden“; und endlich, es sind jetzt wohl gerade vier Jahre her, da wurde auch im Lande der Landwehr und der Freiwilligen erklärt und befohlen: es sei jetzt genug gefeiert, ein Menschenalter sei vorüber und man könne den achtzehnten October zu Grabe tragen. Wie viele unausgesprochene Gedanken lagen in diesem Befehl. Wie wunderlich traf in ihm das halbeingestandne Bewußtsein der Treulosigkeit gegen jene Jugendträume und das halberwachende Kraftgefühl einer neuen Zeit, die nicht mehr auf Erinnerungen sich stützen und von der Vergangenheit Leben zu borgen braucht, zusammen! Das melancholische Gefühl bei jener Todesanzeige war die letzte Sympathie, die ich für jene Erinnerungen empfand – dann vergaß ich sie.

Aber sie waren aufgelebt in jenen einsamen Reisetagen; die alten Namen, die ich in den Jahren, wo uns nichts über die ausführliche Beschreibung einer Schlacht geht, so unendlich oft im „Heldenbuch“ gelesen hatte, weckten mit ihrer Begegnung das Gedächtniß und malten Wendungen und das Schwanken des Kampfes, wie es sich einst meiner Phantasie eingeprägt hatte, wieder vor die Augen. Wir waren ziemlich früh am Morgen ausgegangen, denn wir wollten einen Umweg machen, um dem Staub der Landstraße, dem Gerassel der Omnibus und Droschken zu entgehn. Uns wurde die Zeit nicht lang, und ein seltsames Gefühl bewegte mich, wie wir so im eifrigen Gespräch oder manchmal jeder seinen Gedanken allein nachhängend, durch die stillen Dörfer und auf den Feldwegen hingingen, an den Gebüschen vorbei, aus denen einst die Büchsen geknallt, an den Wellungen des Bodens – kaum kann man es Hügel nennen – wo die Kanonen gedonnert hatten, daß die Erde zitterte; auf den Wegen, wo so mancher den Häusern des verschanzten Dorfs entgegen, dem Sturmmarsch der Trommel gefolgt war, im Pulverdampf, im Gesang, im Schlachtenlärm die pochenden Todesgedanken übertäubend. Dort P r o b s t h a i d e, die Spitze des napoleonischen Dreiecks, genommen, verloren, wiedererobert und wieder verloren im wüthenden Kampf zwischen der alten Garde und der preußischen Jugend. Rechtshin die Thurmspitze der W a c h a u schaut über die Stoppelfelder, deren Erde einst in Wolken aufflog, als die gedrängte Schwadronenmasse, von Mürat hingerissen und beflügelt, mit verhängtem Zügel durch brach, die Quarrés niederritt, vorwärts, die eroberten Kanonen zurückgelassen, immer vorwärts in wüthender Carrière dem Centrum zu, es zu brechen, und die zersprengten flüchtigen Schaaren in die Sümpfe von Gossa zu werfen! Sie sind oben, dem Hügel nah, da ist ihre Kraft erschöpft, ihre Ordnung aufgelöst, die Pferde keuchen, und ein einziger Choc wirft die Spitze zurück, während schon der Adjutant Napoleons zum König von Sachsen mit der Siegesbotschaft geeilt ist, und in Leipzig alle Glocken läuten. Napoleons Sieg, es war der Sieg der sächsischen Waffen, Sachsens Heil, Leipzigs Rettung – und die Aufrichtigen wissen noch davon zu erzählen, daß nicht bloß die officiellen Glocken sich freuten. Denkt an jenen Einzug in Berlin – an jenen in Paris! überall, wo ein Sieger einzieht, fehlen die weißen Tücher und die Kränze nicht, so ängstlich beschämt die Herzen sich auch nachher bemühen, diese Erinnerung zu begraben, wenn der l e t z t e Sieger das Feld behauptet hat und jeder immer so gewesen sein möchte, wie er nun loyalerweise sein m u ß.

Die Gegend hob sich, die Pappeln in langer Allee tauchten auf, und nach wenig Minuten lag der Monarchenhügel vor uns. Die Landstraße, welche ziemlich nah an ihm vorüberführt, war belebt von Wagen und Fußgängern. Der Hügel ist eigentlich nur die eine Spitze einer Steigung des ganzen Terrains, man übersieht aber die ebne Landschaft weit genug, bis nach Leipzig hin. Seitwärts waren mehrere Buden, wo Cigarren, Obst, Naschereien, Kuchen und Liqueure verkauft wurden; etwa an tausend Menschen trieben sich hier herum; ich sah wenig Bauern, die meisten Anwesenden schienen aus Leipzig zu sein, eine ziemlich lange Reihe Droschken hielt auf der Landstraße, und weiter hinauf am Hügel auch einige sehr elegante Equipagen. Kein Militär, denn in den wenigen Uniformen die sich zeigten, steckten hochgestellte Jäger und Lakaien; wahrscheinlich war ein Minister von Dresden herübergekommen.

Kein Volksfest, kein militärisch nationales Fest, was war es denn? In Leipzig existirt ein Verein zur Feier des 19. Octobers, als des Tages, der für Leipzigs Schicksal günstig entscheidend gewesen ist. Dieser Verein sammelt, wie ich hörte, schon seit längerer Zeit alle Berichte von Augenzeugen jener Tage, und er hat auch das Denkmal auf dem Monarchenhügel errichtet. Programme mit den Festliedern wurden ausgetheilt, einzelne Töne von Musik schallten herauf und Alles drängte sich nach dem Denkmal zu. Um dasselbe war mit Pfählen und stricken ein ganz geräumiges Viereck abgesteckt, in welches Niemand hereingelassen wurde, es war reservirt für den Zug, welcher aus der Schuljugend einiger nahen Dörfer, aus den Vereinsmitgliedern und den etwa durch Karten eingeladenen Honoratioren Leipzigs bestand.

Wir standen mit am Rande der Einzäunung. Der Himmel war etwas bedeckt, doch hatte die Sonne freien Raum und schien so warm, wie sie es im October noch kann, herab. Man schwatzte, rauchte Cigarren und wartete; endlich wurde die Musik wieder vernehmlich, der Zug bewegte sich singend den Berg herauf. Sie sangen einen Choral im schleppendsten Kirchentone, die Begleitung war grausam schlecht, ein halbes Dutzend Blasinstrumente spielten die Melodie vor, es war mehr einem Leichenbegängniß ähnlich als einem Siegesfest. Geputzte Mädchen mit Kränzen, Schuljugend unter der Anführung ihres Lehrers zog vorauf, dann vier oder fünf Geistliche im Talar mit dem weißen Tellerkragen, ein Herr im Frack, mit einem großen rothen Buch, wahrscheinlich der Festordner des Vereins, und dann paarweise die Mitglieder des Vereins. Sie zogen um das Denkmal herum, schlossen einen Kreis und blieben stehn; der Choral, der eine unendliche Reihe von Versen enthielt, wurde wieder intonirt. Als die Musik aber nach dem letzten Verse sich bemühte zu schließen, begann eine Bewegung unter den Zuschauern. Einige Kinder krochen zuerst unter den Stricken her, andre folgten ihnen, und in einem Nu wurde überall die Einzäunung durchbrochen oder übertreten und der reservirte Platz ausgefüllt, so daß kaum die Geistlichkeit dicht am Denkmal ein paar Schritte Raum behielt. Alle Bemühungen waren vergebens, das Publikum trat nur so weit zurück, daß der nöthigste freie Kreis für den Redner hergestellt wurde. Ich sah meinen Freund an, wir verstanden uns und konnten ein Lächeln nicht zurückhalten. Soweit sind wir gekommen, daß wir Unordnung machen können, besonders wenn kein Militär da ist. Aber wie sollte es anders sein? Freiwillige Ordnung hält nur ein Volk, das an Oeffentlichkeit und Selbstanordnung gewöhnt ist.

Aber auf Redner zu hören, haben die Sachsen doch schon gelernt. Es wurde vollkommen ruhig und Still; der Comthur G r o ß m a n n stellte sich auf eine Stufe des Denkmals und begann mit einem kirchlichen Segensspruch. Man konnte jedes Wort vernehmen, und während der ganzen Rede herrschte auch in den weiteren Kreisen Aufmerksamkeit oder doch Stille.

Diese Rede! Wie soll ich die Bewegung in mir schildern, die sie gewaltsam hervorrief? Wie anders ist das Blatt bedrucktes Papier, das wir überfliegen und hinwerfen, als das W o r t, welches vor den Menschen, an dem Tage, auf der Stelle der Erinnerung ausgesprochen wird! Diese Rede hatte keinen Text und war keine Predigt über ein Bibelwort. Aber ihr Thema, das sie ausführte, auf das sie zurückkam, das sie wiederholte und als Spitze herandrängte, ihr I n h a l t war einzig: Niemandem habt ihr zu danken, an Niemand euch zu erinnern, an Niemand zu denken heute – als an Gott; was übrig bleibt, ist für die Monarchen!

Ich rede nicht bitter und gehässig, ich sage nur, was ich gehört und was ich empfunden habe. Ich gehöre nicht zu denen, die in Feindschaft mit dem alten Gottleben, ich kann das Gefühl verstehn und ehren, welches nach unerhörten Leiden, nach Noth, Angst, Furcht und Bangen endlich im Moment des Sieges ausruft: Mit unserer Macht ist nichts gethan, dem Herrn allein die Ehre! Aber nach diesem Moment kehrt jedes gesunde Bewußtsein auf die Erde zurück, jedes aufrichtige Auge erkennt, was menschlicher Geist um Ziel ersonnen, berechnet, gearbeitet und gekämpft hat, und jeder Fanatismus, der die menschliche Thätigkeit und Freiheit leugnet, mag er das Fatum oder den christlichen Gott anbeten, straft sich selbst lügen, indem er vorher und nachher dennoch so handelt, als wenn alles auf dem Menschen beruhe. Ich hatte geglaubt, wir hätten die Zeiten jenes Fanatismus hinter uns; Ich hatte zwar nicht erwartet, daß ein Priester seinem Gott nicht den ersten und schönsten Platz im Pantheon des Ruhmes geben würde: aber ich hatte doch gehofft, daß die Religion hier wenigstens im Geiste jener gefeierten Zeiten auftreten würde, wo sie in Liedern und Reden mit der Begeisterung für Helden und Freiheit in eine schöne Flamme aufloderte; wo man zu Gott betete, aber für die Freiheit, wo man von Gott Kraft und Hülfe erbat, aber in derselben Zeit Worte der Erweckung, des Zorns, der Sympathie an die menschlichen Herzen richtete, und Menschenhände und Arme in Bewegung setzte, und alle irdischen Kräfte aufbot, um durch irdische Mittel zu siegen, und die Freiheit nicht im Himmel, sondern auf dieser deutschen Erde zu erlangen. Als S c h l e i e r m a c h e r i n B e r l i n vor den Freiwilligen redete, da waren ihm die Wunderkräfte des Menschensohns nur ein Symbol für die heilige menschliche Kraft, zu der er alle Seelen und Arme stählen wollte; als D r ä s e k e i n B r e m e n von der Wiedergeburt Deutschlands predigte, da ließ er die Donner des göttlichen Zorns auch über den höchsten Häuptern rollen, und schwellte die Brust des Geringsten aus dem Volk mit dem männlichen Stolz, der einem Volke nach großen Thaten ziemte; wenn K ö r n e r im Schlachtgebet zum Allmächtigen rief, dann war es der Gott der Freiheit und Gerechtigkeit, der Gott, dessen Stimme in den Gerichten der V o l k s k r a f t sprach, vor der Napoleon erlag; da waren die religiösen Töne nur der Ausdruck des gewaltig erschütterten Herzens, das über dem schwankenden Schlachtgetöse, über dem Wanken, dem fürchterlich Ungewissen der Zukunft, ein Ewiges, Festes suchte, und der letzte endliche Dank gegen Gott war nicht der Hohn gegen die Menschenkraft, sondern die aufathmende Freude, daß das mächtige unzuberechnende Schicksal den Schritt um Sieg des Volks gewandt hatte.

Hier war es todte Doktrin; und wo es lebendig wurde, Parteifanatismus. Der Moment, wo „die Auserwählten Gottes, die hohen Monarchen“, auf ihre Knie fielen, und gnädig auch dem Heere Feierabend erlaubten, dieser Moment der Aunerkennung der menschlichen Ohnmacht sei die „Weihe“ des ganzen Kampfes gewesen, habe ihn erst „geheiligt“. Der Redner wies auf das Kreuz an dem Denkmal: dies Zeichen habe gesiegt, menschliche Kraft und Berechnung seien ganz ohnmächtig gewesen, erst als das Volk und die hohen Monarchen sich zu Gott gewandt hätten, habe der den sieg gegeben. – Wirklich? Und wir Thoren haben bisher geglaubt, daß von d e m Moment an der Sieg vorbereitet und gegründet gewesen sei, wo die Menschen auf der Erde sich rührten, mit ihren Händen die Waffen ergriffen, Mittel und Wege ur Freiheit überlegten und berechneten, und nicht mit dem unsichtbaren Glaubensschwert, sondert mit „d e u t s c h e n H i e b e n“ den Tyrannen aus den Lande jagten! Sagt doch, der alte Blücher, dessen Vorwärts es denn doch durchgesetzt hat – hat er gebetet vor den Schlachten an der Katzbach, bei Möckern und wie sie weiter heißen? Einen Fluch und allenfalls eine derbe Zote hat er für sich und seine „Jungens“, gehabt, und die haben geholfen, denn der Krieg ist ein rauhes Handwerk, bei dem höchstens der Poet Zeit zu einem Lied, zu einem dichterischen Gebet findet! Bei Lützen kniete Gustav Adolf an der Spitze seines protestantischen Heeres vor der Schlacht zum Gebet nieder und ließ einen Choral blasen; die Veteranen wissen es aber alle, daß vor den Schlachttagen von Leipzig das Heer nicht niedergekniet ist, sondern erst die Monarchen nachher, als die Arbeit gethan war.

Und dies Gebet hat die Freiheitskriege geheiligt! Das war der Refrain der ganzen Rede. Kein Wort von der Begeisterung der Knaben, von der Aufopferung der Frauen, von den Thränen der Mütter, von der jubelnden Todeslust der Edlen und Guten – nein, die Gebet der drei hohen Monarchen. Ihnen zu Ehren das Denkmal auf dem Leipziger Schlachtfelde, „zur Erinnerung an die glorreichen Monarchen“, zu einem Denkzeichen für die Nachwelt, zu einer Mahnung, daß nur mit dem Kreuz etwas auszurichten sei. Die Völker wurden nur erwähnt, um ihnen zu sagen, daß sie mit den Fürsten zusammenhalten müssten, und ohne die Fürsten Nichts seien; ein langer Segen wurde gesprochen über den Thron und seine künftigen Besitzer, aber kein Segen für das Volk, für das Recht, die Freiheit! Ich bin kein Königsfeind, ich ärgere mich nicht, wenn ich aus einem frommen, einfachen Herzen das Gebet höre: Segen dem König! Aber wenn an einem solchen Siegestage des Volks, das Volk nur wie das Publikum zum allerhöchsten Fest, nur wie Staffage um den Thron, den es doch allein wieder aufgerichtet hat, erscheint: dann wird es doch selbst im Herbste zu dumpf und schwül in der deutschen Luft.. Fort, fort von hier! Nach R o m laßt uns gehn, nach dem pfäffischen, päpstlichen, tyrannischen Rom, da wollen wir knien und uns den Segen geben lassen von Pius, da wollen wir dem abergläubischen Pater Ventura lauschen, der das Kreuz als Freiheitsfahne schwingt, als Symbol des Lichts und der Liebe, die die Welt, die das Volk befreien und erlösen soll! –

Von Leipzigs „patriotischen Thränen“ wurde gesprochen – ich verstand das erst nicht, bis mein Freund es mir erklärte: Sachsen wurde ja durch Napoleons Sturz so sehr verkleinert! deutscher, sächsischer Patriotismus. Aber nun sei Leipzig doch sehr groß geworden, habe viele Verbindungen und Betriebsamkeit. „Du hast die Heimsuchung des Herrn erkannt!“ rief der Redner dann der Stadt zu. Das verstand weder ich noch mein Freund. Daß die Moralität in Leipzig so sehr zugenommen habe in Folge dieser Erkenntniß, oder daß der Reichthum ein göttliches Geschenk für die Angst um die Stadt sei – beides schien uns unbegreiflich. Es war wohl nur so eine stereotype Phrase, bei der man sich schon gewöhnt hat nichts zu denken. –

Die lange Rede war aus, aber die Feier noch nicht. Eine Motette wurde noch aufgeführt, zwei Choräle gesungen und eine Schlussrede von einem andren Pfarrer gehalten. Dieser war ein unbefangener Nationalist der alten Schule, sprach von der erhabenen Bestimmung des Menschen, und daß jede Freude durch den Gedanken an Gott geheiligt werde. Von der Freude selbst wurde zwar nichts gesagt, aber in dieser Rede war doch nicht jener fanatische Parteigeist, und keine Ausfälle auf die liberale Partei in Leipzig, wie in der ersten.

Zum Schluß kamen die Kinder und bekränzten die Stufen des Denkmals der hohen Monarchen. - - Das ist unsere Jugenderziehung! Kein Kranz für die Gefallenen, kein Kranz für den Dichter, kein Kranz für die edlen Frauen jener Zeit! Die deutschen Kinder binden Kränze am Abend der Völkerschlacht, des Freiheitskampfs – und legen sie verehrend an das Denkmal des russischen, österreichischen und preußischen Monarchen!

Die Leute schienen das Alles ganz natürlich zu finden; Speculationen auf die Gedankenlosigkeit, die unbestimmte Rührung und allgemeine Religiosität schlagen selten bei den Deutschen fehl. Die Meisten sahen indifferent zu, einige lobten die Rede; nur wenige spöttische Mienen und verächtliche Blicke waren in ein paar jugendlichen Gesichtern nah bei uns zu sehn. Wir erkannten sie an ihren farbigen Mützen als Studenten, und mein Freund redete sie an. „Es ist entrüstend, empörend, dem Volke so etwas zu bieten: könnten wir nicht eine Gegendemonstration machen! „- Es geht nicht, antwortete einer, wir sind zu wenige hier und die Leute verlaufen sich schon.“ „Ist Blum denn nicht hier?“

Aber Blum war nicht da, zum großen Leidwesen meines Freundes, der nicht daran zweifelte, daß dieser der ganzen Sache eine andre Wendung hätte geben können. Daß Blum gut und populär redet, ist ziemlich bekannt; man muß aber auch wissen, daß das bloße Wort: Blum will sprechen! Alles wieder versammelt haben würde.

Wir gingen zurück in trüber und zorniger Stimmung. Wir hatten uns noch manches fragen, manches mitteilen wollen, aber wir konnten nicht so rasch das überwältigen, was wir eben miterlebt hatten. Was soll aus einem Volke werden, das so nichts von seiner Geschichte weiß, das zum Vergessen seiner Helden gebracht werden kann. O, wenn unsre großen nationalen Erinnerungen so entleert werden zum Vortheil der Orthodoxie und der blinden dynastischen Sympathien, entleert von aller Poesie, aller Aufopferung, allem Adel der Freiheit und menschlichen Begeisterung und Kraft, wenn aus dem Gott des „freien Morgenroths“ nur die alte dunkle Macht wird, die unbegreiflich despotisch Glück und Knechtschaft zutheilt, dann müssen wir uns am Ende glücklich preisen, daß das Reden von Gott und Nationalität dumm, unfruchtbar und schädlich ist!

Und alles Hässliche aus jener Zeit trat uns lebendig ins Gedächtniß zurück; die Thorheiten und Sentimentalitäten, die Brutalität, mit der die „Streiter für Gott“ in Deutschland und Frankreich plünderten und schändeten; der Rheinbund, die altdeutschen Narrheiten, die servile Schmeichelei, die politische Unfähigkeit…

Nein, Nein! Wenn alle untreu werden, wir bleiben ewig treu! Wir vergessen sie nicht, jene Zeit, wir lassen uns die Erinnerung des edlen freien Strebens und Sterbens nicht verkümmern und verderben! – Und leide zwischen den Zähnen summten wir das alte Lützower Lied, das herrliche blitzende Lied:

Was braust dort im Thale die laute Schlacht?

und weiter:

Es zuckt der Tod auf dem Angesicht.

Doch die wackeren Herzen erzittern nicht,

Denn das Vaterland ist ja gerettet!

Das ist ein Moment, der jede Kriege heiligt, d a s soll von Enkeln zu Enkeln sein nachgesagt, das Lied von „er wilden Jagd und der deutschen Jagd auf Henkersblut und Tyrannen“! Thoren, die für die Octobertage andre Lieder und Gebete haben wollen, als Körner’s Lieder, als Körner’s Gebete. Wir sangen sie für uns hin, so viel wir ihrer kannten aus der alten Studentenzeit; nur schwiegen wir, als wir an eins dachten, das zu stürmisch und vergeblich alle Leidenschaft erregt. Ich brauche es nicht zu nennen, Ihr errathet es an seinem gewaltigen Anfang.

Ich hatte die Absicht, den ganzen Tag zu erzählen, doch muß ich hier abbrechen, denn ich würde nicht so rasch das Ende finden. Ich fuhr mit meinem Freunde noch denselben Nachmittag nach Magdeburg, wo ich U h l i c h kennen lernte und schöne, nur zu kurze Augenblicke mit ihm verlebte. Davon hoffe ich Euch noch Einiges mitzutheilen; für jetzt lasset mich schließen mit dem Eindruck, den ich von neuem lebendig empfing, und der manchen Haß versöhnte. Nämlich der Eindruck, die Ueberzeugung: daß die als unpolitisch verschriene religiöse Bewegung ein Segen und eine Nothwendigkeit für Deutschland ist; denn wir brauchen noch sehr, sehr nothwendig die Männer, welche dem Volke den christlichen Gott als einen Gott der F r e i h e i t verkünden und das Evangelium im Sinne eines Ulrich von Hutten, aber nicht im Sinne der kirchlichen Diplomaten predigen.

(Die zeittypische Rechtschreibung im Artikel von Theodor Althaus wurde beibehalten.)



Foto: © Renate Hupfeld (Information zur Ausstellung im Innenhof des Deutschen Historischen Museums Berlin am 19. September 2013)




Dienstag, 1. Oktober 2013

Bluttaufe der deutschen Freiheit





Am 20. März 1848 erreichte er gegen Mittag Berlin. Es war ein seltsames Szenario in der Stadt. Männer, Frauen und Kinder liefen zwischen Barrikaden und herausgerissenen Pflastersteinen. Die meisten feierten einen Sieg. Doch andere suchten verzweifelt nach vermissten Angehörigen.
Theodor ging von Kirche zu Kirche, schaute in die jungen Gesichter der dort aufgebahrten Toten, die schrecklichen Wunden, die stille Siegesgewissheit in den bleichen Zügen. Auf der Straße sprach er die Menschen an, hörte ihre Berichte über die Ereignisse der Nacht von Samstag auf Sonntag und setzte das Puzzle zusammen über die friedliche Versammlung vor dem Schloss, die Proklamation des Königs, laute Rufe aus der Menge, die Forderung nach Abzug der Soldaten, zunehmende Unruhe, plötzlich ein Schuss von irgendwoher, noch ein Schuss und dann der fürchterliche Sturm. Unaufhaltsam tobte der in Straßen und auf Plätzen. Alle machten mit beim Bau der Barrikaden, vom einfachen Tagelöhner und Handwerker bis zum Beamten, Studenten, Arzt und Advokaten. Frauen, Kinder und Greise waren dabei. Mit allen Mitteln kämpften sie, beschafften Material für den Barrikadenbau, besorgten Waffen, gossen Kugeln, steckten deutsche Fahnen auf, Frauen versorgten die Kämpfenden mit Speisen und Getränken. Unaufhörlich tönten die Sturmglocken in der Stadt. Die ganze Nacht. Bis zum nächsten Morgen. Bis kein einziger Soldat mehr zu sehen war.
In einer Kirche fand er ein stilles Plätzchen, wo er ungestört verweilen konnte. Nachdem er sich ein wenig gefangen hatte, zog er Papier und Feder aus der Tasche und schrieb einen Artikel für die Weser-Zeitung. Das war er den Toten schuldig. Ihr mutiger Kampf durfte nicht umsonst gewesen sein.
Es war schon dunkel, als er am Abend vor dem Haus des Großvaters in Potsdam stand. Obwohl das Fenster des Balkonzimmers hell erleuchtet war, musste er lange auf Einlass warten. Später erfuhr er den Grund. Dräseke war vor Übergriffen von Aufständischen gewarnt worden und die im Hause Anwesenden, des Großvaters jüngere Tochter, Enkelin Elisabeth aus Detmold und ein Diener, fürchteten den dunklen Mann an der Tür und waren heilfroh, als es dann der älteste Enkel war. Der berichtete von den Spuren der Berliner Horrornacht, bevor er sich völlig erschöpft zurückzog. Elisabeth machte sich Sorgen und folgte dem Bruder in sein Zimmer. Der hatte sich schon ins Bett gelegt. Sie erinnerte sich: Ich setzte mich zu ihm und sah nun erst, wie verändert, wie von Erregung und Schmerz durchwühlt seine Züge waren.
Am nächsten Tag war Theodor dabei, als König Friedrich Wilhelm IV. mit schwarz-rot-goldener Armbinde durch die Straßen von Berlin ritt und vor Studenten der Berliner Universität eine Rede hielt, wobei er sich zu der verheißungsvollen Formulierung hinreißen ließ: Preußen geht fortan in Deutschland auf. Und er nahm am 22. März auf dem Gendarmenmarkt an der Trauerfeier für die 183 Toten teil, folgte dem unbeschreiblich langen Leichenzug mit den bekränzten Särgen, zunächst bis zum Schloss, wo sich der preußische König Friedrich Wilhelm IV. auf Verlangen des Volkes mit gezogenem Hut vor den toten Revolutionären verbeugen musste, dann vor die Tore der Stadt zur Beisetzung auf dem eigens eingerichteten Friedhof der Märzgefallenen auf einem Hügel in Friedrichhain. Der Leichenzug. Die seidenen, schwarzrothgoldenen Trauerfahnen […] nach den Thränen stumpfte sich alles ab. Zu lang. Die anarchische Schwüle über Berlin, notierte er im Tagebuch.
Er sei ein Mann geworden, meinte Großvater Dräseke und da hatte er recht. Die harte Konfrontation mit den menschlichen Tragödien, die rohe Gewalt gegen die eigenen Brüder, Söhne eines Volkes, hatten ihn in tiefster Seele getroffen. Der Weg würde ein harter und steiniger werden. Die faulen Früchte der Geschichte waren mächtiger, als er es sich in seinen idealen Vorstellungen ausgemalt hatte. So einfach fielen die nicht in sich zusammen. Wie sonst wäre es möglich, dass Soldaten als Spielzeug eines konzeptlosen Monarchen mit vorgeblicher Gottes-Gnaden-Legitimation ein so schreckliches Blutbad anrichteten?
Althaus' Artikel  erschien unter der Überschrift Die Berliner Revolution am 22. März 1848 auf der Titelseite der Weser-Zeitung. Er hatte den historischen Stellenwert des Geschehens als Bluttaufe der deutschen Freiheit erkannt und eine überaus sensible Würdigung des leidenschaftlich entschlossenen Kampfes gegen die starre Willkürherrschaft des schwachen preußischen Königs verfasst: Die giftige Saat, die Untergrabung alles Vertrauens, das schwankende Spielen zwischen der persönlichen Willkür und den gerechtesten Forderungen des Volkes, die Demoralisation der höchsten Staatsgewalten, welche sich durch den Schein und die Heuchelei eine erträumte Macht zu sichern wähnten, ist nun so blutig aufgegangen. Deutschland wird den achtzehnten März dieses Jahres nie vergessen.

Platz des 18. März
Grundstein der Demokratie
Ausstellung auf dem Friedhof der Märzgefallenen
Grabstätten auf dem Friedhof der Märzgefallenen
im Volkspark Berlin Friedrichshain


 Leseprobe aus:

Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland (Kindle)

Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland (Beam)


Fotos: © Renate Hupfeld (19. September 2013)