Sonntag, 6. November 2016

Erinnerungen an Julius Fröbel



Von den bedeutendsten Charakteren unsrer Revolution ist vielleicht keiner so rasch aus dem gelehrten Halbdunkel mitten in die helle Popularität getreten und so geräuschlos, fast ohne absichtliches Zuthun, zum idealen Repräsentanten einer Partei geworden wie Julius Fröbel. Von den zahllosen Lesern der Schriften, welche aus dem schweizerischen Hauptquartier der deutschen Opposition in das heißhungrige Deutschland herüber geschmuggelt wurden, kannte nicht der tausendste Theil den Namen dessen, der das „Literarische Comptoir“ leitete. Fröbel hatte Deutschland verlassen, als er selbst sich noch nicht einmal mit Politik beschäftigte; sein Antheil an ihr in Zürich war nicht so bedeutend, um außerhalb der Schweiz die Blicke auf ihn zu ziehn; und als endlich die Revolution ausbrach, lebte er seit kaum einem Jahre, als stiller wissenschaftlicher Einsiedler, auf deutschem Boden, wo auch die Veröffentlichung seines Systems eben kein Aufsehen erregt hatte. Als das zündende Wort: französische Republik! über den Rhein blitzte, mußte er die seit längerer Frist über andren Studien vernachlässigten Zeitungen erst nachlesen, um das Geschehene zu begreifen,  und wenig Monate darauf stand er, ohne auch nur den Blick nach einer solchen Stellung gerichtet, geschweige denn dafür agitirt zu haben, an der Spitze sämmtlicher demokratischen Vereine Deutschlands.
Er erlebte es hierbei nicht zum erstenmal, daß das Schicksal ihn plötzlich auf eine Bahn brachte, für die ihn kein absichtlich dahingerichtetes Streben und kein langgehegter Wunsch, sondern die ruhige Entwicklung seines geistigen Lebens und seines ganzen Charakters vorbereitet hatte. Auch zur Politik überhaupt war er auf eine ähnliche Weise gekommen. Erziehung und zufällige Lebensverhältnisse hatten ihn – gegen seine eigentliche Natur – ganz vom öffentlichen Leben abgelenkt. Als er im Jahr 1833 aus seiner deutschen Heimath in die Schweiz kam, fand er im stillen Betrieb der Erdkunde und der Naturwissenschaften seine volle Befriedigung, und die politischen Stürme der Schweiz, von denen er gleich Anfangs so gut wie Andere hätte bewegt werden können, gingen wie die Handlungen eines Drama’s auf der Bühne an ihm vorüber. Zufällige Umstände und seine eigne Geistesstimmung brachten ihn in Zürich vorherrschend mit Personen zusammen, die ein ähnliches außer den politischen Bewegungen stehendes Leben führten. Wenn nach Verlauf der ersten Jahre dann und wann ein augenblickliches Interesse für ein einzelnes Ereigniß in ihm erregt ward mußte dasselbe in einem allezeit sich selbst bescheidenden Charakter bald wieder von dem Gedanken beschwichtigt werden: daß er ein Fremder im Lande sei, dem es nicht zustehe, sich in dessen öffentliche Verhältnisse einzumischen. Indessen verstärkte sich doch allmählich mit der unwillkürlich gewonnenen Einsicht in die Verhältnisse, dieses Interesse. Das Jahr 1838 war der Anfang zu einer entschiedenen Veränderung seiner Lebensrichtung. Er erhielt in diesem Jahre das Bürgerrecht des Cantons Zürich und mußte sich bald sagen, daß er sich erst jetzt als ein Mann erschien. Wahre Freude gewährte es ihm nun, zunächst in seiner Gemeinde an Gesellschaften und Vereinen theilzunehmen, in die er vorher nicht zu gehören glaubte, und noch lieber unterzog er sich den Pflichten, die ihm eine Wahl in die Secundarschulpflege von Neumünster auferlegte. In diesen kleinen Verhältnissen, in den engsten Kreisen des politischen Lebens in einem Freistaate, erhielt er das erste thätige Interesse für eine Seite des Lebens, die ihm bis dahin fast ganz verschlossen gewesen war. Ein neuer Sinn ging ihm auf, und das Neue fing an, auf Kosten dessen, was früher der Inhalt seiner geistigen Thätigkeit gewesen, größeren Raum in Anspruch zu nehmen.
Es war eine verhängnisvolle Zeit, in der Fröbel diese Elementarschule der Politik durchmachte,  der Sommer 1839 mit den Verhältnissen, welche die reaktionaire Revolution des 6. Septembers hervorriefen. Er war bis dahin fast nur mit Personen umgegangen, welche entweder überhaupt politisch indifferent waren, oder nachher auf Seiten der Septemberpartei gesehen wurden; mit den Radikalen hatte er in gar keinen persönlichen Berührungen gestanden. Aber am 6. September des Abends war er nicht nur in seinen politischen Principien, sondern auch in seinen Sympathien ein Radikaler! Der Umsturz jenes Tages erschien ihm noch Jahre nachher als die stärkste geistige Einwirkung, die er in seinem Leben empfangen. Von da an hatte er am Betrieb der Naturwissenschaften keine Freude mehr. Freiwillig legte er seine Professur der Mineralogogie an der Universität nieder. Dann schien die Geographie und Ethnographie ihm doch wieder noch ein Band der Natur mit dem Menschenleben zu bilden, und in diesen Studien hoffte er Beruhigung zu finden, aber vergeblich. Er sehnte sich nach dem praktischen Leben, nach einer Lage, die ihm gestattete, auf die öffentlichen Zustände zu wirken, und diese glaubte er sich zu schaffen, als er die literarische Leitung des „Comptoirs“ übernahm. Die deutschen Regierungen empfanden bald bitter den neuen Geist. Welche Opfer Fröbel und seine Familie diesem Unternehmen brachten, darf die Freundschaft um so eher sagen, je seltner ein Wort davon über seine eignen Lippen gekommen ist. – Außer den langsam gereiften Studien der folgenden Jahre wirkte er auch als Publicist für seine Partei und scheute das Gefängniß nicht.
Im Sommer 1847, wo er nach Dresden übersiedelte, erschien zum erstenmal unter seinem Namen das „System der socialen Politik.“ Dem oberflächlichen Urtheile, welches nur auf eine gewisse Summe der Resultate für die Neugestaltung des Lebens sieht, ist die Bedeutung dieses Werkes freilich, ganz verschlossen; es erblickt darin nur eine Art der socialen Demokratie neben manchen andren gleichbedeutenden Gestalten. Aber der Unterschied zwischen diesem Werke und den früheren Systemen verzweigt sich bis in die allerletzten Wurzeln, und so ist auch, wenn wir von der ethischpolitischen Wirkung auf die Menschen reden wollen, Fröbels Theorie eine ernste nachhaltige Schule der praktischen Sittlichkeit, ein Agens zur Totalreform des ganzen Menschen, ihre Frucht für das Individuum eine innre Freiheit, die sich zwischen den Polen des energischen Enthusiasmus und der still arbeitenden Resignation bewegt. Die meisten französischen Systeme dagegen haben dem Publikum und ihren Schülern nur den Brandstoff einer ganz nach außen geworfnen, permanent gewaltsamen Revolution in die Adern geträufelt, einen lediglich auf das Allgemeine, auf politische Institutionen und materielle Zustände der Gesellschaft gerichteten Enthusiasmus in der Masse hervorgerufen. Denn der frühere Socialismus und Communismus, ganz dem französischen Charakter gemäß, und darin mit den alten Politikern noch verwandt, ging vom allgemeinen Begriffe des Staates aus und ordnete dies Allgemeine nach den abstrakten Dereten der Feieheit und Gleichheit. Eben so gehen die monarchischen Politiker von dem Begriffe des Staates aus und construiren dann nach einem willkürlichen Gemisch religiöser, historisch hergebrachter, und von der jedesmaligen Rechtsphilosophie begründeter Forderungen. Das Gesellschaftsbild des französischen Theoretikers ist gewöhnlich das Resultat vom erobernden Aufstreben der Untern zu den Höhen der Reichen, und dem Herabstürzen der letzteren von ihren Sitzen; der Individualität ist nur in Bezug auf die zu verwerthenden Talente und Arbeitsfähigkeiten Rechnung getragen. Fröbel, der deutsche Theoretiker, hat zuerst das gesammte politischsociale System auf eine neue Bearbeitung der Ethik gegründet, und während die Franzosen aus der abstrakt allgemein decretirten Freiheit und Gleichheit ableiten, hat er Alles aus den sittlichen Forderungen des Individuums mit Nothwendigkeit erwiesen. Ihm ist die „Gesellschaft“ nicht das Schema, in welchem die Einzelnen wohl oder übel untergebracht werden, sondern sie ist ihm das werdende Resultat, welches aus der freien und sittlich nothwendigen Verbindung der Individuen zum Gesammtwirken von den kleinsten Kreisen bis in den allumfassenden, erst entsteht. Damit ist der französische Erbfehler des Mechanismus, den unsre Büreaukraten copiren, principiell vernichtet; aber auch das vage romantische Gerede vom bloß „Organischen“ findet seine Kritik. Die Staatsgesellschaft erscheint als das höhere Ganze, welches am Mechanismus Theil hat, insofern dieser nur das System der technischen Mittel zur Freiheit ist, und welches einem Organismus darin gleicht, daß die Einzelnen und jeder Lebenskreis in engster Wechselwirkung zu einem Ganzen verbunden sind.
Die ernste ethische Begründung dieses Systems, und die Lebensfülle, welche dieses Ideal darstellt, mögen jene oben bezeichnete, zwischen Enthusiasmus und Resignation schwebende Freiheit erklären, zu der es heranbildet, und welche sich im persönlichen Charakter seines Schöpfers so ganz offenbart. Diese Freiheit ist auch das Geheimniß des Respekts, mit welchem das Buch aufgenommen wurde, eben wie der Achtung, die Fröbel so allgemein sich rasch erwarb, und des Zaubers den seine Persönlichkeit selbst auf seine Feinde ausübte. Der Enthusiasmus ist weder neu noch selten, seltner schon mit  der wissenschaftlichen Klarheit verbunden; erst durch die letztere werden Charaktere möglich, in denen außer diesen beiden Eigenschaften eine neue Resignation, ruhig und doch bewegt erscheint. Gegenüber dem sentimentalen und unwiderruflichen Resigniren, das in Deutschland so weit verbreitet in brütenden Klagen vegetirt, ist dieses neuen Charakters eigenthümlicher Reiz die geistvoll lebendige Theorie und ein Etwas, das wie Morgenschimmer am dunklen Wolkensaum schon einen allverwandelnden belebenden Tag ahnen läßt. In der vorrevolutionairen Zeit mußte, zumal in einem weit mehr der Wissenschaft als der Tagespolitik gewidmeten Leben, die Resignation ein leises Uebergewicht erlangen. „Die Erfolge unsrer theoretischen Entwicklung,“ schrieb Fröbel in der Vorrede zum System, „liegen noch in weiter Ferne, und der politische Schriftsteller hat nur die Wahl, entweder die principielle Perspektive auf die Zukunft, oder die politische Arena der Gegenwart aufzugeben. Ich habe das letztere vorgezogen.“ – Die Revolution kam und führte ihn in die Arena. Aber jene Freiheit war im Mittelpunkte seines Lebens schon so fest gewurzelt, und die Harmonie zwischen jenen beiden Gegensätzen war schon so ganz in seinem Charakter ausgeprägt, daß auch die erschütterndsten Schwankungen jener Zeit ihn nicht ohnmächtigleidenschaftlich in ein Extrem verzerren konnten. Weder geknickt und dann mühsam zum Fortleben aufgerichtet, noch jäh zerbrochen wurde seinLeben in jenen Stürmen; der edle Stamm blieb festgewurzelt und stand endlich wieder in elastischer Freiheit da.
Von der rein menschlichen Idealität, deren Eindruck das unbewußte Gemüth nicht weniger wie das psychologisch scharfe Auge aus seiner Persönlichkeit empfingen, hatte die Revolution, als solche und als deutsche Revolution, eine letzte Beschränktheit entfernt, die ihm als Nachwirkung seiner früheren Lebenssphäre geblieben war. Will man es nicht zu sehr pressen, so möchte ich sagen: der schweizerische Zug in seinem Charakter verschwand, sofern er etwas beschränkendes, ihm nicht nothwendig eigenthümliches war. In dieser vielbewegten Zeit seines oft wechselnden Aufenthalts traten ihm persönlich eine Fülle neuer Charaktere mit größerem Phantasiereichthum und anders belebter Leidenschaft entgegen, als sie dem strengeren, einfacheren und mehr verschlossnen schweizerischen Typus gewöhnlich sind; ein anregender Verkehr mit originellen künstlerischen und speculativen Naturen, und überhaupt die weitere und reichere deutsche Atmosphäre mußte den leisen befreienden Einfluß üben, der vielleicht noch zur Erfüllung der Harmonie nothwendig war. Noch kurz vor dem Ausbruche hatte Fröbel, wenn ich mich recht erinnre, den Gedanken: sich um das Amt eines eidgenössischen Staatsschreibers (Unterstaatssecretair im Auswärtigen) zu bewerben. Jetzt mußte  aber natürlich die Theilnahme für die friedlich langsame, fast allzu ruhige Reform der schweizerischen Vorortsaristocratie in ein einigeres, centralisirteres Bundesregiment, so gut wie ganz verdrängt werden von den gewaltigen Erschütterungen des Nationalitätenkampfs in Mitteleuropa, wo seinem politischen Blick die ersten ungeahnten Umrisse eines neuen großartigen Staatensystems sich enthüllten. Verstand, Gemüth, Phantasie, den ganzen Menschen, hob die Revolution über jene schweizerische Eigenthümlichkeit, die man, wenn auch selten, doch als eine Schranke empfinden konnte, empor.
Das letzte Denkmal seiner Thätigkeit, welches noch innerhalb derselben steht, ist das Trauerspiel: „Die Republikaner“, welches im Jahre 1847 geschrieben und Anfangs des folgenden in Leipzig aufgeführt wurde. Die edle Sprache, die republikanischen Principien und das neue Interesse: den entscheidenden Akt eines Drama’s ganz von einer regelmäßigen republikanischen Volksversammlung auf der Bühne ausgefüllt zu sehn, erwarben dem Stück einen ehrenden Beifall, den es außerdem recht eigentlich unmöglich zu machen schien. Frauen mit lauter Nebenrollen – keine geschlechtliche Liebe als die sehr einfache des Helden zu seiner Frau – keine Entwicklung der einzelnen Charaktere im Verlauf des Drama’s, sondern nur die Entwicklung der Bürger von Genf aus dem lockern Verhältniß zu Savoyen zur vollen Freiheit – Alles so einfach und der Held selbst so ganz klar und ruhig anspruchslos wie der Dichter: das war kein Drama für die große Bühne, sondern etwa für ein kleines Volksdilettantentheater in irgend einem schweizerischen Canton, dessen Bürger mit Wohlgefallen sich selbst und ihre tüchtige, aber bürgerlich beschränkte Welt idealisirt gesehn hätten. Die poetischen Principien dieses Drama’s, sein Inhalt und der ganze Charakter seines Helden, erscheint dem Auge nun wie ein noch immer ähnliches Bild seines Dichters; aber mit seinen abgeblaßten Farben und seinem engen Rahmen doch so fern von dem tieferen wärmeren Lebenscolorit und dem weiteren Rahmen des gegenwärtigen Bildes.
Von Dresden wurde Fröbel nach Mannheim an die Redaktion der deutschen Volkszeitung gerufen. Als dies Blatt, mit der Revolution entstanden, nach dem Hecker’schen Aufstande unterdrückt wurde, ging er nach Frankfurt. „Ein unthätiger Beobachter der Dinge, die da kommen werden – wie werde ich den Drang des Kopfes und Herzens befriedigen? Was soll ich, dem es nicht vergönnt ist, im Rathe des Volkes zu reden, was soll ich thun, wenn mich die Freude oder wenn mich vielleicht der Unwille übermannt? Wenn ein kritischer Gedanke mir keine Ruhe läßt, oder Betrübniß und Niedergeschlagenheit sich meiner Seele bemächtigen?“ – Er griff zur Feder und schrieb diesen Anfang des ersten „Reichstagsbriefs“, an Lamartine gerichtet, welchen er vor einigen Jahren, als er zwischen den Rebenhügeln von Macon (auf einer Reise nach Paris) eine Stunde mit ihm sich unterhielt, mit bestimmter Voraussicht seines geschichtlichen Instinkts als den Mann der nächsten großen Situation erkannt hatte. Der zweite Brief war an Gagern gerichtet, ein halb theoretisches, halb an die Person gewendetes Plaidoyer für eine Amnestie der badischen Republikaner. Er bemerkte schon in jenen ersten goldnen Tagen die erst später so schroff hervortretende despotischleidenschaftliche Seite in Gagerns Naturell, aber vergebens appellirte er an die andre Macht des Edelsinns und des gesunden Freiheitsgefühls. Eine ähnliche Petition, die er für einen frankurter demokratischen Verein entwarf, brachte ihn in nähere Bekanntschaft mit diesem Lebenskreise, und Fröbels anspruchslose, ganz nur von der Sache erfüllte Natur trat in helles Licht gerade neben den komischen Bestrebungen eines Agitators aus dem Schweife der Demokratie, welcher seinen eignen gemeinen Maßstab anlegend, unter der Hand den Mitgliedern zu verstehen gab, Fröbel sei als eine Autorität, eine ungeheure Respektsperson zu behandeln, der man aufs Wort folgen und glauben müsse. Nicht weniger komisch war die Art, wie einige Herren des badischen Constitutionalismus ihren früheren guten Bekannten öffentlich vermieden, um nicht als Mitschuldige der gefährlichen Wühlereien zu erscheinen, mit denen sie ihn jetzt beschäftigt glaubten. Der Eindruck von Fröbels Persönlichkeit auf die Geister, welche den seinen nicht begreifen, war diesmal wie in andren Fällen die einzige Ursache der Vermuthung; das Bedeutende, was sie fühlten, wurde von ihnen immer in eine andre als die geistige Sphäre übertragen, und so galt er oft als der gefährlichste Verschwörer im Stillen, während er vielleicht gerade dann einzig mit der Lösung irgend eines theoretischen Problems beschäftigt war. An ihn ist die Intrigue zuweilen in interessanter Weise gekommen, von ihm ist sie nie weder ausgegangen noch fortgeführt; sein Geist ist gewandt genug, um ihr auf gewissen Wegen beobachtend zu folgen, aber sein Charakter ist unfähig zu ihren Windungen und kleinlichen Mitteln. Seine Waffen gegen sie sind nur die erworbnen der Erfahrung und Menschenkenntniß; wie leicht aber seine harmlose Natur zu hintergehen war, hat der große literarische Gauner Fr. Rohmer seiner Zeit in Zürich wohl calculirt.
Der „erste Congreß der deutschen demokratischen Republikaner“ war zum 14. Juni nach Frankfurt ausgeschrieben, und der dortige vaterländische Verein, dem die Vorbereitungen oblagen, hatte Fröbel zu einem seiner Deputirten ernannt. Dem Volke wurde er erst auf einer in Hochheim abgehaltnen Versammlung bekannt, zu der er nur von einem Bekannten fast gepreßt war, weil Mangel an Rednern sei. Der erste Eindruck seines Auftretens in einer Vorversammlung des Congresses war so mächtig, daß fast alle Stimmen sich auf ihn bei der Wahl des ersten Präsidenten vereinigten. Wer ihn dann in den folgenden Tagen vor einer von stürmischen Kämpfen bewegten Versammlung dies Amt ausüben sah, mußte nicht nur aus der überlegnenen Gewandtheit im Allgemeinen, sondern noch mehr aus der, weit schwerer zu erwerbenden technischen Vollendung (zu der Gagern es nie gebracht hat) auf einen Meister vielfacher Praxis schließen, und doch war es erst das zweitemal, daß Fröbel überhaupt öffentlich redete. Theoretisch hatte er sich eine echt demokratische Präsidialtechnik ausgebildet, bei der es nie, wie im hergebrachten parlamentarischen Schlendrian, dazu kommen konnte, daß nach langen Debatten endlich nichts beschlossen wäre. Sie bewährte sich so glänzend, daß einige Centrumsmänner aus der Nationalversammlung, von malitiöser Neugier auf die Gallerie des „deutschen Hofes“ getrieben, nachher seufzend von der „wahrhaft spartanischen Kürze und Energie“ der Verhandlungen sprachen.
Sehr wenige Mitglieder der Linken betheiligten sich daran; die Fahne der demokratischen Republik war noch nicht im Parlamente aufgepflanzt, und unter dieser erschien der ganze Congreß. Die besten Kräfte der populären Revolution, besonders aus dem südlichen und mittleren Deutschland, waren in ihm vereinigt. Dem oberflächlichen Witze bot sich der leichte Spott dar: der Congreß hätte über die wichtige Frage debattirt, ob die demokratischsoziale Republik die einzig haltbare oder die einzig mögliche Verfassungsform für Deutschland sei. Jedenfalls ist das Parlament auch nicht weiter als bis zu einer Verfassungsform gekommen. Aber die beiden genannten Worte waren die Losung eines halb offenen halb versteckten Kampfes zwischen zwei Parteien, der mit allem Aufwande von Kraft, List und Beredsamkeit geführt, den Congreß fast zu zerreißen drohte. Einzig „haltbar“ wollte die besonnene, gemäßigte Partei die Republik nennen, weil die geschichtliche Entwicklung und alle Möglichkeiten von Uebergangsformen des Staatslebens klar vor ihrem bebilderteren Auge lagen; „einzig möglich“ wollten die Revolutionaire sagen, um die ganze Partei sofort in die Conspiration und Insurrektion um jeden Preis herüberzuziehn und sich, als den Siegern in der Debatte, auch die praktische Leitung durch die Wahl in das Centralcomité zu sichern. Nicht Bassermann’sche Gestalten, aber wohl ergreifendere Persönlichkeiten und Physiognomien des ausgeprägtesten Terrorismus, Robespierr’sche Töne und Conventsleidenschaften traten in diesem Kampfe von der letzteren Seite auf. Mitten in und über dem Gewirr dieser Gestalten und Stimmen war der Präsident in Mienen und Haltung die geistig und ethisch über Alle hervorragende Erscheinung, und wie im Parlamente Gagerns Stimme die mächtigste Wirkung von allen andren ausübte, so tönte Fröbels weit feinere und schlankere Stimme, mit keiner anderen zu vergleichen, doch überall vernehmlich und beherrschend; fast wie die beseelte menschliche Stimme über allen Instrumenten eines mächtigen Orchesters sich behauptet. Die Republik hatte, gegenüber jenem bewunderten Organe der constitutionellen Monarchie, hier ihren ebenbürtigen Repräsentanten gewonnen. Wenn Hecker mit seinen leidenschaftlich schroffen Formen durchaus den einseitigen und diktatorischen Republikanismus der ersten französischen Revolution, und Struve in jeder Beziehung den abstrakten Radikalismus derselben darstellte, so trat in Fröbels Persönlichkeit die ganze Milde des socialen humanen Elements und die vergeistigende Klarheit der großen theoretischen Arbeiten hervor, welche den Charakter des neuen Ideals im Gegensatz zu den einseitigen überwundnen Idealen bestimmen. – Sein eignes Wesen im Privatverkehr, so unendlich fern es von demagogischer Cordialität war, machte eine demüthige und schmeichelnde Bewunderung in’s Angesicht, wie sie für andre Kreise paßt, fast unmöglich; aber der Enthusiasmus, den er unter den Gleichgesinnten und Gleichgestimmten erweckte, wurzelte doch in einer innigen Verehrung, obwohl sie in den demokratischen Umgangsformen kaum laut und äußerlich erschien.
In das Centralcomité der Vereine gewählt, ging Fröbel zunächst nach Berlin. Die Reaktionspartei, welche damals noch im potsdamer Fieber von einer Conterrevolution mit dem Prinzen von Preußen an der Spitze träumte und projektirte, scheiterte in ihrem Versuch, unter der Vorspiegelung gewisser gemeinsamer Interessen den Chef der populären Demokratie für ihre Zwecke zu benutzen. Von Berlin ging Fröbel nach Wien, und der Aufenthalt in dieser Weltstadt, wo die mitteleuropäischen Nationalitäten sich berühren, reifte in ihm jene Anschauung eines neuen Staatensystems, welche später so wunderbar eine Katastrophe seines Lebens entschied. Von Wien zurückgekehrt, forderten ihn die Demokraten der reussischen Ländchen, denen er nur durch den Ruf bekannt war, zu einer Bewerbung bei der neuen Wahl eines Parlamentsmitgliedes auf, und so trat er, gegen sein Erwarten, in jene Nationalversammlung, neben der er einst den demokratischen Volkscongreß geleitet hatte. Die Mitglieder der Partei wählten ihn dann zu jener Deputation mit Robert Blum nach Wien, wo er zum erstenmal in den Strudel einer Revolution gerissen wurde und für die Freiheit in Waffen stand.
Das klare Bewußtsein des freien Menschen kann keine Freude daran haben, wenn große Entscheidungen ganz allein durch den Zufall herbeigeführt werden. Fröbel war glücklicher, indem wesentlich sein Charakter sich selbst das rettende Schicksal schuf. Wien als Centralpunkt gefordert zu haben, das würde schwerlich ein Milderungsgrund für das Urtheil gegen einen fanatischen Republikaner gewesen sein; aber ohne irgend einen andren Antrieb als den seiner Natur, hatte er in jener Broschüre mit dem ihm eignen weitschauenden und besonnenen Blick alle Uebergangsformen berücksichtigt, in denen das neue Staatensystem, retardirt durch die rohnatürlichen Elemente seiner Bevölkerung, sich allmählig bis zur republikanischen Föderation entwickeln könnte. Gegen die „monarchische Demokratie“ hatte er wenig zu erinnern gefunden, wenn nur die rechtliche Stellung des erblichen Fürsten vernünftig geordnet, nämlich rein auf die Executive beschränkt sei. Wenn seine Richter das auch schwerlich ganz verstanden, so hatten die einflußreichen Personen doch den richtigen Eindruck empfangen, daß sie es hier mit einem Charakter zu thun hätten, der nicht rein in die Agitation und das Revolutioniren aufgehe. So ward er freigesprochen und konnte mit Recht sich selbst als den Schöpfer seines Schicksals betrachten.
In Frankfurt trat er dann mit seinem Berichte über Wien zum erstenmal auf die Tribüne des Parlaments. Eine peinliche Spannung herrschte im größeren Theile der Versammlung; denn was ließ sich nach gewöhnlicher Ansicht anders erwarten, als daß der in seinem Recht wie in allen tiefsten Gefühlen Gekränkte und Erschütterte, mit dem Mordgerichte und der brennenden Stadt in frischer Erinnerung, volle Schalen des Zorns ausgießen und leidenschaftliche Anklagen gegen die „Verräther“ schleudern würde! Was war vollends bei einem Republikaner denkbar? – Nun erschien er in so vollendeter Ruhe und Einfachheit der Darstellung, daß nur die Sache selbst zu reden schien; und dennoch war es nicht die geschäftsmäßige Gleichgültigkeit eines Aktenreferates, sondern das geschichtliche Bild zeigte sich wie auf dem künstlerisch ferngehaltnen Hintergrunde eines von all den eignen Erlebnissen tief bewegten Charakters. Die Centren konnten sich dem Eindrucke des Aristokratischen in dieser Persönlichkeit nicht entziehn, aber es war ihnen neu in dieser demokratischen Färbung, wo statt der vornehmen Würde die anspruchslose, statt der herablassenden und noch etwas zurückhaltende Humanität, die einfach in sich selbst ruhende und frei natürlich sich bewegende, ihnen entgegentrat. Was damals weder Gagern noch irgend ein Andrer bei wichtigen Veranlassungen mehr erreichen konnte, wurde dem Mitgliede der äußersten Linken zu Theil: ein allgemeiner lebhafter Beifall am Schlusse des ganzen Vortrags.
Weiterhin hat Fröbel selten gesprochen. Gegen das Kaiserthum haben Manche beredter und glänzender opponirt; aber daß es ein Windmühlenkampf war, und ihre eifrigen Forderungen einer republikanischen Form damals, wo es sich um eine sofortige Einführung handelte, Luftschlösserpläne waren: dies nimmt ihren Reden das lebendige Interesse. Viel besonnener und schärfer faßte der Idealist die Gegenwart ins Auge, als er seine Abstimmung rein theoretisch motivirte und den einzigen Zweck, den sie haben konnte und sollte, genau bezeichnete: „Ich vermuthe, Sie, die Anhänger des Kaiserthums, werden bei der Abstimmung die Majorität haben. Ich kann mich damit zufrieden stellen, ich bin nicht betrübt über die Aussicht auf diesen Erfolg. Aber glauben Sie mir und denen, die mit mir gleichgesinnt sind, daß wir in diesem großen Wendepunkte der Geschichte unsres Vaterlandes uns als die Fahnenträger der Zukunft betrachten; erlauben Sie, daß wir uns die Verpflichtung auferlegen, die Ideen und Ideale, in welchen das Volk angefangen hat, seine Zukunft zu erblicken, und den Glauben an ihre ungeschmälerte Geltung bei ihren Bekennern in dieser Versammlung rein zu erhalten und in die Zukunft zu retten, in welcher wir Zustände zu schaffen hoffen, die nach unsrer Ueberzeugung das Wohl des Vaterlandes bedingen. Die conservative Partei hat es Jahrzehnde hindurch zu ihrem Wahlspruch gemacht: „nach uns erst kommt die Sündfluth;“ erlauben Sie mir, daß ich ihn nach meiner Art für mich umstelle, indem ich Ihnen sage: „und nach der Sündfluth kommen wir!“
Die Ebbe, auf welche diese Fluth wieder folgen wird, warf noch eine letzte Welle an den Strand zurück,  die badische Revolution. Fröbel hielt es für seine Pflicht, ihr seine Dienste anzubieten, und Brentano sandte ihn mit unbedingter Vollmacht als Gesandten des badischen Volkes in die Pfalz. Fröbel begriff, daß das traurige Chaos dieser Insurrektion nur durch eine gänzliche Vereinigung mit den vergleichsweise doch besser organisirten badischen Kräften vielleicht geordnet werden könne; er verschaffte in der Pfalz seiner Ansicht Geltung und kehrte mit der fertigen, von der dortigen provisorischen Regierung schon unterzeichneten Unionsakte nach Baden zurück. Brentano’s Advokatenverstand erschrak über einen so energischen Schritt, er sprach von Inventar, Vermögensauseinandersetzung und dergleichen Friedensangelegenheiten und desavouirte seinen Gesandten. Die verlassene Pfalz fiel, und wenig Wochen später war Fröbel mit den Trümmern der badischen Insurrektion in der Schweiz.
Die alte Heimath konnte ihn nicht mehr fesseln, eine Wirksamkeit in ihr ihm nicht mehr genügen. Paris unter der Herrschaft der Ordnungsmänner, das er flüchtig wiedersah, ekelte ihn an. Auf deutschem Boden war er nicht mehr sicher,  er ging nach Amerika.
Er ging nicht wie Einer, der in einem Schiffbruch die Gefährten ihrem Schicksale überläßt und nur noch an seine eigne Rettung denkt. Er ging nur, weil er die Zeit, die ihm in Deutschland fruchtlos für ihn selbst wie für die Sache verloren gegangen sein würde, für beide fruchtbar zu machen suchte. Auch kehrte er nicht mit Haß gegen unsre Civilisation der alten Welt den Rücken, um im friedlichen Kreise eines Bauern zu leben und Waldland zu klären. Er wußte es zu sehr, daß unsre großen und edlen Gedanken doch ein Erzeugniß eben dieser Bildung sind, so sehr sie gegenwärtig unsren Zwecken und Idealen feindlich gestaltet ist; und daß ein widerwilliges Abwenden von dieser Bildung soviel ist, als der eigentlichen Arbeit aus dem Wege gehn. Die Hoffnung des Scheidenden war, mit neuen Anschauungen, Gedanken und Kräften des Charakters bereichert, mit neuen Waffen des Geistes ausgerüstet, einst wenn die Zeit kommen würde, zum Kampfe auf dieser Seite des Meeres zurückzukehren.

Erinnerungen von Theodor Althaus: Aus dem Gefängniß. Deutsche Erinnerungen und Ideale.



Bildquelle: Julius Fröbel 1848. Kreidelithographie von Valentin Schertle

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen