Freitag, 5. Juli 2013

Rezension im Jahrbuch Forum Vormärz Forschung


Es ist eine sehr erfreuliche Nachricht zu vermelden: Die Autorin Renate Hupfeld hat ihrer Anthologie mit Auszügen aus den Schriften von Theodor Althaus einen biographischen Abriss über das Wirken ihres Helden zwischen 1822 und 1852 folgen lassen. Im Untertitel wird er als "Revolutionär in Deutschland" bezeichnet, was jeden aufhorchen lässt, der bislang glaubte, sich mit der Entwicklung einer obrigkeitsstaatlichen Tradition in Deutschland im Laufe des 19. Jahrhunderts abfinden zu müssen. Aber es gab da ja noch die erste Hälfte jenes Jahrhunderts, die trotz scheinbarer Biedermeier-Idylle sich doch nicht so unterwürfig-demütig und so gottergeben präsentierte, wie es ein Staatskanzler Metternich oder die Könige und Fürsten in dem immer noch arg zersplitterten Deutschland von ihren Untertanen eigentlich erhofft und erwartet hatten. Die Karlsbader Beschlüsse von 1819 hatten zu Lähmungserscheinungen beigetragen, was den Tatendrang rebellierender Gemüter betraf (das galt vor allem für die gerade entstandenen Organisationen der Burschenschaften an den Universitäten), aber hin und wieder zog doch der eine oder andere Zeitgenosse mit seinen widerborstigen Unmutsbekundungen über die allgemeine politische und gesellschaftliche Situation die Aufmerksamkeit besorgter "Staatsschutzorgane" auf sich. Zu solchen meist sehr klugen, sehr nachdenklichen, aber auch sehr hell- und weitsichtigen Zeitgenossen gehörte nun neben vielen andrern auch Theodor Althaus, der bislang in der Literaturgeschichte eher im schatten weitaus berühmterer Namen wie Ludwig Börne, Hoffmann von Fallersleben, Ferdinand Freiligrath, Heinrich Heine, Georg Herwegh, Robert Prutz, Georg Weerth und wie sie alle hießen, stand. Es kommt der Autorin das große Verdienst zu, diesen bisher unbekannten Schatz an Zeugnissen aus der Feder des Pfarrerssohnes aus Detmold entdeckt und ihn einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht zu haben. Diese Biographie erweitert und ergänzt das positive Bild, das man sich zuvor schon anhand der Anthologie machen konnte. In sehr detaillierter und sachkundiger Form gibt die Verfasserin hier einen erhellenden Einblick in das leider sehr kurze Leben des Theodor Althaus, der am 26. Oktober 1822 als Sohn des Generalsuperintendenten im Fürstentum Lippe, Georg Friedrich Althaus, im damals beschaulichen Detmold das Licht der Welt erblickte, um dieselbe für ihn inzwischen unwirtlich und feindlich geworden war, 1852 mit noch nicht einmal 30 Jahren nach schwerer Krankheit wieder zu verlassen. Dazwischen lag ein recht turbulentes , wechselvolles Leben mit vielen Höhen und Tiefen und zahlreichen Aufenthaltsorten, die mit dem Studium der Theologie und späterhin beruflichen Tätigkeiten als Zeitungsredakteur und Verfasser von Lexikonartikeln ebenso wie mit Erkundungsreisen durch reizvolle Landschaften des großen Vaterlandes sowohl als "Tourist" wie auch als Reiseschriftsteller und kritischer Beobachter des Zeitgeschehens verbunden waren. Renate Hupfeld legt eindrucksvoll dar, wie politisch ihr Held von Anfang an eingestellt war, dass er durch und durch politisch dachte, sodass auch seine auf den ersten Blick eher belletristisch und schöngeistig erscheinenden literarischen Schöpfungen bei genauerem Hinsehen zumeist einen politischen Akzent besaßen. Es würde zu weit führen, hier die zahlreichen lesens- und berichtenswerten Vorgänge aus dem Leben von Theodor Althaus im Einzelnen zu rekapitulieren, der Rezensent kann nur die Empfehlung aussprechen, durch eigene Lektüre einen hoffentlich nachhaltigen Eindruck von dem Ideenreichtum und der Debattierfreude wie auch v.a. der "Demokratiebegeisterung" von Althaus zu gewinnen. Er gehörte damals noch zu einer Minderheit, jedenfalls nach offizieller Lesart, die Königs- und Fürstenfreunde waren zu seiner Zeit noch eindeutig in der Mehrheit, auch später in der ersten deutschen verfassungsgebenden Nationalversammlung 1848, für die er vergeblich kandidiert hatte, doch er war recht früh republikanisch gesinnt und trat schon als Student aus vollem Herzen für eine Entwicklung in Deutschland hin zu freiheitlicheren Verhältnissen in Staat und Gesellschaft ein. Mit welchem Etikett man diese Vision versehen sollte, ist dabei unerheblich, die Verfasserin macht immer wieder deutlich, dass umfassende Mitsprache- und Mitbestimmungsrechte für das "Volk" auf der Basis der "Volkssouveränität" im Laufe der Zeit eine beinahe lebenswichtige Option für Althaus waren. So kann man getrost dem Tenor des Klappentextes zustimmen, wonach die "Gedanken und Botschaften" von Theodor Althaus bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hätten, und dass er weit größere Beachtung verdient hätte, als ihm bisher zuteil geworden sei. Die Autorin trägt durch diese informative Biographie ihren Teil zu einer hoffentlich größeren Verbreitung jener "Gedanken und Botschaften" bei. Eine noch fundiertere Beurteilung der politischen Haltung von Althaus wäre dann möglich, wenn man die Hintergründe und die verschiedenen konkurrierenden politischen Strömungen in der damaligen Zeit noch etwas genauer kennenlernen bzw. kennen würde, mit denen sich -Althaus und seine Mitstreiter und Gesinnungsgenossen auseinanderzusetzen hatten, aber das hätte den Rahmen dieser doch sehr dichten Darstellung gesprengt. Darüber kann man sich an anderer Stelle in einschlägigen Überblicksdarstellungen schnell und zuverlässig informieren. Es ist schon interessant genug, die einzelnen Stationen im Leben von Althaus unter der Anleitung seiner Biographin anzusteuern, die hierbei sehr bild- und aufschlussreiche Lotsendienste leistet.  Das Werk ist in fünf Teile chronologisch aufgegliedert und so lernen wir auf dem zwar kurzen, aber sehr intensiv  durchschrittenen Lebensweg von Althaus diesen als Theologiestudenten und Burschenschaftler in Jena, Bonn und Berlin kennen wie auch als Seelen- und Herzensfreund von Malwida von Meysenbug, deren ursprünglich aristokratisch geprägte Ansichten durch ihren Umgang mit Althaus so sehr ins Wanken gerieten, das sie im Laufe der Zeit immer stärker mit der Einführung einer Republik in Deutschland zu sympathisieren begann: "Beide fühlten sich sofort vom andern angezogen und empfanden eine starke Übereinstimmung ihrer Gedanken in vielen Punkten" (S.38) (Das änderte allerdings nichts daran, dass sich Althaus später von ihr trennte). Es kommt daneben zu Begegnungen und zum Gedankenaustausch mit zahlreichen, damals schon bekannteren Zeitgenossen wie Robert Blum, Ferdinand Freiligrath, Julius Fröbel, Arnold Ruge u.a. während seines mehrmonatigen Aufenthaltes in Leipzig, wo er die Anfänge des revolutionären Aufbruchs im Frühjahr 1848 miterlebte, bis er als Berichterstatter der "Bremer Zeitung" über die Verhandlungen der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche das dortige Geschehen durch die Brille eines kritischen Beobachters verfolgte  und kommentierte. Man kann es der Autorin nicht hoch genug anrechnen, wie sachkundig und informativ sie den Konflikt um die Bildung der provisorischen Zentralgewalt in der Paulskirchenversammlung darlegt und die Haltung der Demokraten, die vor allem durch durch Robert Blum repräsentiert wurde, ebenso transparent macht wie die anfangs bezüglich der Strategie u und Taktik der Demokraten noch zweifelnde, dann im Laufe dr Zeit sich immer mehr der Position Blums und seiner Mitstreiter zuneigende Haltung von Althaus (siehe S. 76ff.) Dies gilt ebenso für die Schilderung der Auseinandersetzung um die Frage eines Waffenstillstandes von Seiten Preußens im Konflikt mit Dänemark wegen Schleswig-Holstein. Schließlich übernahm Althaus bei der bis dahin auflagenstarken "Bremer Zeitung" "das Arbeitspensum eines leitenden Redakteurs ... bis an die Grenze seiner Belastbarkeit" (S. 82), was aber nicht nur zum Vorteil der Zeitung gereichte; denn seine kritischen Kommentare zu dem von Preußen eigenmächtig über den Kopf der Nationalversammlung hinweg geschlossenen Waffenstillstand mit Dänemark führten zu einer "Vielzahl von Kündigungen des Abonnements" (S. 83/84) vor allem bei Bremer Kaufleuten, die die Kapital und Gewerbe ganz anders als bei Althaus Vorrang vor "Einheit, Ehre und Freiheit des Vaterlandes" hatten (S.84). So trennte sich schließlich der Verleger von der Zeitung und verkaufte sie an die Gebrüder Jänecke in Hannover im Einvernehmen mit Theodor Althaus, der sie dort unter dem Namen "Zeitung für Norddeutschland" weiter redigierte und deren erste Ausgabe am 1. Tag des Jahres 1849 erschien. Die Verfasserin durchleuchtet im Folgenden das dramatische Intrigenspiel in Hannover, das zur Nichtanerkennung der am 28. März von der Nationalversammlung verabschiedeten Reichsverfassung führte und das der leitende Redakteur Althaus in zahlreichen Artikeln anprangerte, bis er sich schließlich in einem Aufruf von 13. Mai 1849 unter der Überschrift "Der zehnte Mai in Frankfurt" für die Einsetzung eines Landesausschusses für "Verteidigung und Durchführung der deutschen Reichsverfassung in Hannover" stark machte. Sein Intimfeind, der damalige Innenminister Stüve, ordnete bereits am folgenden Tag die Verhaftung von Althaus an, der daraufhin in das Gefängnis vor dem Cleverthor eingewiesen wurde (S. 122). Wegen Aufforderung zum Staatsverrat wurde er mit dreijährigen Staatsgefängnis bestraft, obwohl er doch nur für die Durchsetzung einer von der Nationalversammlung beschlossenen und von 29 einzelstaatliche Regierungen bereits anerkannten Verfassung plädiert hatte, der aber die Königreiche Bayern, Hannover, Preußen und Sachsen die Gültigkeit in ihrem Herrschaftsbereich verweigerten, wozu sie eigentlich nicht befugt waren. Nach der Verlegung ins Staatsgefängnis in Hildesheim und der vorzeitigen Entlassung am 15. Mai 1850 schwächten immer wiederkehrende neue Krankheitsschübe den Zustand von Althaus so wehr, dass er während eines erneuten Kuraufenthalts in Gotha dort am 2. April 1852 mit noch nicht einmal 30 Jahren verstarb. Es ist der Autorin noch einmal dafür zu danken, dass sie diesem sehr scharfsinnigen, sehr sensiblen, sehr kritischen, politisch sehr engagierten und dabei doch Gewalt verabscheuenden Schriftsteller, Publizisten und "Revolutionär" mit dieser Pionierarbeit ein literarisches und historiographisches Denkmal gesetzt hat, von dem alle Nachgeborenen, die an der Erforschung der damaligen, an Anregungen und Perspektiven so überaus reichen Geisteswelt interessiert sind, nur profitieren können. Das Buch ist auch als E-Book zugänglich.
Wolfgang Obermaier (Bad Pyrmont)

Diese Rezension bezieht sich auf die Printausgabe:

Renate Hupfeld, Theodor Althaus 1822 - 1852 - Revolutionär in Deutschland
ISBN 978-3-942594-17-2, text-und-byte.de Hamm im November 2011

Erschienen ist sie im:

Vormärz und Philhellenismus, Jahrbuch Forum Vormärz Forschung 2012, 18. Jahrgang, herausgegeben von Anne-Rose Meyer 2013
ISBN 978-3-89528-946-0, Aisthesis Verlag Bielefeld  (S. 368 - 372)


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