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Freitag, 5. Februar 2016
22. Februar 1841: Rosenmontag in Köln
"Nachmittags um vier Uhr am 21. Februar [Sonntag] führte nach langem Warten der Ludwig von Nassau, mit carnevallustigen Reisenden bis zum Sinken überladen, Cruel, Müller und mich nach Köln, wo er uns ganz durchfroren gegen sechs Uhr absetzte. Wir fragten uns glücklich bis zur Brückenstraße durch, um dort zu erfahren, daß die jungen Herren nicht zu Hause wären und wahrscheinlich im Theater sein würden. Dahin begaben wir uns denn auch, bewunderten in Robert dem Teufel die Höflichkeit des Kölner Publicums gegen die Spieler und kamen um zehn Uhr glücklich gegenüber der Columbakirche an, obwohl das vierstündige Stehen unsre Unterthanen nicht wenig angegriffen hatte. Zu unsrer größten Zufriedenheit machte Weerth senior die Thüre selbst auf, kurz darauf taumelte Sancho Pansa in Kemper's Gestalt die Treppe herunter und bald saßen wir, nachdem auch der jüngere Weerth angekommen war, friedlich auf der alterthümlichen Kneipe unter dem Phaetonsgemälde, bei einigen Flaschen Moseler, die uns bis Mitternacht, und, mit Durchsprechen der gegenseitigen Schicksale und Neuigkeiten und dessen, was da kommen sollte, noch hielten. Hierauf verfügten wir Beglückten uns in unsere respectiven Betten, Weerth senior und Kemper gingn nach des letztern Kneipe, um dort ein Obdach zu suchen. Nach einer halben Stunde jedoch überraschten sie uns mit der Trauerbotschaft, daß das Haus verschlossen sei. Sie fingen also an, ihre Charaktere zu spielen: der Don Quichote bettete sich auf den Fußboden in einen Winkel, mit einigen Mänteln, während Sancho Pansa zu Cruel in's Bett kroch und uns noch ein halbes Stündchen mit Witzen, wie sie einem Angerissenen ziemen, belustigte, ärgerte und endlich einschläferte. Gegen acht Uhr Morgens ging, noch während des Kaffeetrinkens, die Rumpelei los und die Costümirung begann. Eine Stunde wenigstens erforderte es, bis die rothe Jacke, der Panzer, der Helm Manbrino's und die übrigen Attribute des Herrn und Meisters angelegt waren, die zweite verfloß mit der Bepinselung desselben und seines Knappen, Warten auf die Reitpferde und einem mit lebhaftem Eifer fortgeführten Zank, ob sie um zehn, elf oder zwölf im kaiserlichen Hof sich versammeln müßten. Endlich, nach einigen verunglückten Versuchen, die Zügel der Rosinante richtig in die Hand zu bekommen, setzte sich Don Quichote, furchtbar anzusehen mit seiner Hellebarde von 1661, seinem hölzernen Schwert und seinen mächtigen roth und gelben Stulpenstiefeln, langsam in Bewegung; ihm folgte Sancho Pansa auf einem Esel, der leider so störrig war, daß die wiederholte Anwendung meines Teutoburgers nicht hinreichte, sondern der Herr des Thiers, der aus zärtlicher Sorgfalt mitgegangen war, es am Zaum nachführen mußte. Auf dem Halse des Thiers vor dem Reiter, dessen schwarzsammtenes Wamms mit aufgeschlitzten Aermeln, kurzer Hose und grauen Strümpfen zu den mächtigen Schnallen auf den Schuhen und dem Strohhut mit rothem Band wohl paßten, hing ein großer Quersack, dessen eine Seite sechs Flaschen Wein zierten, denen auf der andern Seite ein Brod, Aepfel, Zwiebeln und sonstiger Mundvorrath das Gleichgewicht hielten. So verzog sich das edle Paar allmählich und wir folgten ihm auf den Neumarkt, wo schon in dem durch Seile abgeschlossenen und von Soldaten bewachten Raume, unter den in den buntesten Farben flatternden Carnevalsfahnen, ein noch bunteres Gewimmel herrschte.
Allmächlich zogen, unter Musik und eigenen und fremden Beifallsrufen, die einzelnen Wagen und Reiter auf den Platz, neugierig von der umstehenden Menge angegafft, während ein Kreis von Schönen auf den Balconen der größten Häuser stolz auf die geringeren Sterblichen herabsah und einzelne Schaulustige sogar die platten Dächer occupirt hatten. Aber nun - wer zählt die Völker und mehr noch, wer nennt, ohne die ausgestreuten, aber von Unbekannten schwer zu erhaltenden Gedichte, alle die wirklichen und imaginirten Witze, Anspielungen, Satiren und Charactere? Da thronte auf einem Sonnenwagen der Hanswurst, der sich voriges Carneval verlobt hatte, dessen Verbindung aber in diesem kurzen Zeitraum schon mit drei hoffnungsvollen Sprößlingen gesegnet war, die von Blumen bekränzt, auf den weißen, die Sonne umgebenden Wolken hingegossen, oder, um die prosaische Wahrheit zu sagen, fest angebunden waren. Wie bei den alten Helden, wurde auch hier gerechter Tadel den Uebermüthigen erheilt, denn die Darstellung der Bäckersoirée war eine beißende Satire auf die ehrenwerthe Zunft, die sich zu einem eigenen Comité hatte vereinigen wollen, das sich tragisch in Schlägereien aufgelöst hatte. Höhere Verhältnisse travestirte der gordische Knoten, in Form einer phantastisch bemalten Kugel, zu dessen Lösung aber nicht Alexander, sondern der Hanswurst, und nicht auf den Flügeln des Sieges, sondern an einem langen Strick von einem Thürmchen herabschwebte und ihn nicht durch das antike Schwert, sondern durch die moderne Knallrakete löste. Trauriges Schicksal prophezeite die grüne Schanze von dürrem Heu, mit der pappenen Kanone, als Abbild der Befestigung von Paris; denn so oft das Hauptgebäude angewackelt kam, blitzte das Pulver der Kanone aus guten Gründen ab, und wenn nach langem Trommeln und Kriegsgeschrei drinnen der gallische Hahn auf der Zinne seine Flügel ausbreiten wollte, so hielt der verwünschte kleine Junge in englischer Uniform ihn zurück. Gleicher Hohn traf die französische Propaganda, welche auf einem anderen Wagen unumwunden für Marktschreierei erklärt wurde: denn auf diesem saß der treue deutsche Rhein, und in dieser Qualität hatte er allerdings genügenden Vorwand, von seinem Sohn, dem treuen deutschen Rheinwein, den sie auch nicht haben sollen, eine Flasche nach der anderen zu leeren. Geistreich deuteten auf der Rückseite des Wagens sechs große Teller das Ehrengeschenk an den Nationaldichter an. Drei Tyroler Scharfschützenn machten ihrem Gewerbe Ehre; wenigstens wenn man nah dem schloß, was aus ihren enormen Waidtaschen an kalter Küche zum Vorschein kam mußten sie gute Jagd gehabt haben. Große Kunstfertigkeit in der Musik bewiesen die Hunde-, Affen- und Löwen-Masken, welche die Stadtmusiker verdeckten; furchtbare Gefühle flößten die geharnischten Reiter und der grimmige Türkenritter ein, die sich aber in sanftere Empfindungen auflösten, wenn man die friedfertigen kölnischen Stadtsoldaten, mit dem Schmauchstengel im Mund, im Costüm des 19. Jahrhunderts aufmarschiren sah; Mitleid überwältigte endlich ein zartfühlendes Herz, wenn man zuschaute, wie die guten altdeutschen Herren und Damen sechs Stunden lang auf dem harten Pflaster ihre Menuett aufführten. Erinnerungen an vergangene Herrlichkeiten erweckte nicht minder ein Wagen, auf dem ein Schiff mit vielen am Mast aufgezogenen Flaggen thronte, das sogenannte 'Alaaf Köllen', ein Refrain, an dem sich der patriotische kölnische Spießbürger den ganzen Tag über recht was zu gute that. Und welches kölnische Herz eines Bonvivant schlug nicht höher, wenn er den Karren betrachtete, worauf das mit Stroh gedeckte Häuschen mit der Ueberschrift: 'Zur schönen Aussicht' als Parodie einer renommirten Restauration gleichen Namens stand. So fühlte sich auch Jeder, der sich bewußt war, für Freiheit und Humanität zu glühen, freudig bewegt, wenn er auf einem großen Gefährt die Stange mit der Inschrift; 'Emancipation der Pudel' stehen sah und darunter die Pudelmasken in den verschiedensten menschlichen Beschäftigungen - freilich kein Wunder, da unter dem Pudelfell lauter junge Menschlein steckten. Selbst ein Timon hätte gelacht, hätte er das Hanswursttheater passiren sehen, wo die Acteurs, die bis an den Gürtel im Bretterverschlag standen, sich um den Leib kleine fußlange Beinchen befestigt hatten und so, wenn sie diese heraushängen ließen, die possirliche Figur bildeten. Welcher Hagestolz hätte nicht geschmunzelt, wenn er die drei alten Jungfern sah, die um Beiträge zur Erweiterung des Gereonsstiftes baten, da dieses seit geraumer Zeit die vielen alten Jungfern, die es jetzt habe, nicht mehr fasse. Jeder, der in der deutschen Literatur bewandert war, mußte sich an Faust erinnern, wenn er die mit Meerkatzen, Katern, Kochlöffeln, Kesseln und Kräuterbündeln ausstaffirte Hexenküche gewahrte und zog seine Lorgnette hervor, um zu sehen, ob an dem sechseckigen, bloß mit Inschriften versehenen Kasten etwas Interessantes oder Witziges zu finden sei - ich vermuthe aber, daß er sie bald wieder in die Tasche gesteckt hat."
Theodor Althaus im Brief an die Eltern in Detmold im Februar 1841.
Friedrich Althaus. Theodor Althaus. Ein Lebensbild.
Bonn Verlag von Emil Strauß 1888, S. 33-37
"Der gordische Knoten und seine Lösung" war das Motto des Kölner Rosenmontagszuges 1841
Bild: Von William Tombleson - scan by User:Manfred Heyde, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2447200 [Köln 1840]
Freitag, 31. Juli 2015
Rheinfahrt im August
Der August des Jahres 1846 bescherte wunderbare Sommertage.
Der fast vierundzwanzigjährige Theodor Althaus hatte sein Studium in Bonn, Jena
und Berlin beendet, hatte jedoch auf Grund seiner politischen und religiösen
Überzeugungen keine Chance auf eine Anstellung. Ihm blieb die Sprache in
Predigten, Vorträgen und dem geschriebenen Wort. Für seine längere Schrift „Die
Zukunft des Christenthums“, in der er seine progressiven religiösen
Vorstellungen ausführlich darstellte, hatte er einen Verleger gefunden. Und
nach Wanderungen im Harz und an der Weser zog es ihn an den Rhein, seinerzeit
wichtiges Symbol der deutschen Freiheitsbewegung. Gerne erinnerte sich
Althaus an seine Studienzeit an der Bonner Friedrich Wilhelms Universität, an
Weinfelder, das Siebengebirge, Burg Rheinstein hoch über der Flusswindung, den
schroffen Loreleyfelsen, die glitzernden Wellen am Ufer und an den
Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten, die dasselbe Ziel verfolgten wie er: ein
einheitliches demokratisches Deutschland, in dem es allen Menschen gut ging,
nicht nur den Königen und Fürsten.
In Köln traf er Levin Schücking und Karl-Heinrich Brüggemann
von der „Kölnischen Zeitung“ und ein paar Kilometer
rheinaufwärts seinen Bonner Dozenten Gottfried Kinkel, mit dem ihn
inzwischen eine enge Freundschaft verband.
Mit dem Dampfboot fuhr er weiter flussaufwärts bis nach
Bingen, unternahm eine mehrtägige Wanderung entlang der Nahe bis nach
Kreuznach, wo er bei seinen Beobachtungen den Eindruck hatte, er stoße mit
jedem Schritt an eine „faule Frucht der Geschichte“. Die krassen Gegensätze
zwischen bestens ausgestatteten Kurgästen auf der Kreuznacher Promenade und den
schwitzenden Arbeitern mit zerschundenen Händen in den Weinfeldern waren ihm
unerträglich.
Hinter Bad Münster am Stein ging es bergauf zur Ebernburg,
wo er sich beim Gang zwischen den Ruinen um einige Jahrhunderte zurück versetzt
fühlte in die Reformationszeit, als der Burgbesitzer Franz von Sickingen,
Freund des Volkes und Martin Luthers, hier gewohnt und entgegen allen
Anfeindungen seiner Fürstenkollegen, verfolgten Reformatoren Asyl gewährt
hatte. Auch Sickingens gleichgesinnter Freund, der Dichter Ulrich Hutten, war
für lange Zeit dort oben untergekommen. Diese besondere Bedeutung verschaffte
der Burg den Beinamen „Herberge der Gerechtigkeit“.
Eine weitere Unternehmung führte den Wanderer in das
wildromantische, zerklüftete Wispertal. Stundenlang ging er allein, umgeben nur
von der großartigen Natur, die doch klüger war als die Menschen, die es nicht
fertig brachten, diese Großartigkeit auch denen zugänglich zu machen, die in
Hütten hausten. Welch ein Widerspruch!
In dieser „Profeteneinsamkeit“ fochten die Gedanken in
seinem Kopf einen fürchterlichen Kampf, der dann in leidenschaftlicher Empörung
mit Feder und Tinte zum Ausbruch kam. In den sechsundneunzig Strophen von „Eine
Rheinfahrt im August“ erinnerte der Autor an die hochfliegenden Hoffnungen auf
Freiheit und Gerechtigkeit, zeigte das schwache Elend der vielen, die sich
abquälten, damit wenige alle Reichtümer besäßen und stellte fest, das
„fluchbeladene Metall“ richte nur Unheil und Blutvergießen an. Geld solle man
besser im Rhein versenken wie den Nibelungenschatz. Gleichzeitig war dieses
Gedicht eine Hymne an den mächtigen Fluss, der ruhig und unbeirrt seinen Weg
nahm. An alle dem hatte der Rhein ja keine Schuld. Er war der ungekrönte König
und auf ihm ruhten seine Hoffungen auf bessere Zeiten.
Die Zukunftsvision von Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit
beherrschte Theodors gesamtes Denken, Fühlen und Handeln. Für die
Verwirklichung dieses Ideals würde er alles geben. Als wollte er diesen Vorsatz
besiegeln, taufte er sich eines Abends an einer Uferstelle selbst mit klarem
Rheinwasser.
Außer in den gereimten Zeilen „Eine Rheinfahrt im
August“ bearbeitete Theodor Althaus seine Erlebnisse während dieser Wanderungen
in den zwei Erzählungen „Herberge zur Gerechtigkeit“ und „Eine Nacht der
Gegenwart“, die er in der Anthologie „Mährchen aus der Gegenwart“ publizierte.
Der letzte Text in dieser kleinen Sammlung, überschrieben „Vom Rhein“, ist ein
Auszug aus Theodor Althaus längerer Schrift „Aus dem Gefängniß“ die er während
seiner Haftzeit im Staatsgefängnis in Hildesheim verfasste.
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