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Mittwoch, 9. November 2016

9. November 1848: Brief von Robert Blum an seine Frau Jenny



Mein teures, gutes, liebes Weib, lebe wohl, wohl für die Zeit, die man ewig nennt, die es aber nicht ist. Erziehe unsere - jetzt Deine Kinder zu edlen Menschen, dann werden sie ihrem Vater nimmer Schande machen. Unser kleines Vermögen verkaufe mit Hilfe unserer Freunde. Gott und gute Menschen werden Euch ja helfen. Alles, was ich empfinde, rinnt in Tränen dahin, daher nochmals leb wohl, teures Weib! Betrachte unsre Kinder als teures Vermächtnis, mit dem Du wuchern mußt, und ehre so Deinen treuen Gatten. Leb wohl, leb wohl! Tausend, tausend, die letzten Küsse von 
                                                                 Deinem Robert

aus: Robert Blum. Briefe und Dokumente. 1981. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig S. 125/126


Freitag, 4. November 2016

Erinnerungen an Robert Blum




Die RobertBlumLegion im badischen Feldzuge! Wie ein Racheschrei aus dumpfer Ferne klang mir das Wort nur einmal herüber; eine Erinnerung, kaum aufgetaucht und schon wieder von den Ereignissen überflutet. Die Legion ist verschollen; wer hat von ihren Taten gehört? Sie wurde in das unselige Chaos jener Bewegung mit hineingerissen und zersprengt, ohne eine bleibende Gestalt im Andenken des Volks, wie ein zehntes Regiment oder wie die Hanauer Turner gewinnen zu können. Dann, bald darauf unter der preußischen Herrschaft, wart Robert Blum wieder genannt, als die giftigen Stiche des Hasses den Toten noch über das Grab hinaus verfolgten: Gefängnis für den Arbeiter, der das Bild des Volksmannes auf dem Pfeifenkopfe trug, Gefängnis selbst für die Trauerschleife am Hut, deren stumme Sprache vergebens an den Frieden der Toten und ihre Ungefährlichkeit mahnte! Es konnte nicht anders sein; ergrimmt über die, welche ihn als rächenden Geist auferwecken wollten, taten seine Feinde wie die alten Ketzerrichter, wenn sie die verehrte Asche in den Wind streuen ließen. Und doch fanden sich noch immer Einzelne, die der Drohung Trotz boten und die Strafe ertrugen. War er denn wie Hecker, die Feuerzunge des jungen Ideals, Republikaner gewesen? Jeder glaubt, daß er es war; aber vor welcher Versammlung hat er jemals die Republik gepredigt oder die Fürstenvertreibung? Nie und nirgends! – So war euer Held denn einer von den Schwankenden, die ihr verachtet? – Der Mann mit dem BlumHute erwidert nur zwei Worte, um alle Verleumdungen zu widerlegen und alle Verehrung zu rechtfertigen: „Er war ein Mann des Volks!“
Dem Bürger, der ihn abends unter seinen Freunden beim Seidel Bier in vollster Behaglichkeit und gemächlich langsamer Konversation sah, mußte unbedingt das ganze Herz aufgehen bei diesem Ideale deutscher Wirtshausgemütlichkeit. Der Proletarier, wenn er den mühseligen Weg des Kölner Küpersohnes von unten auf bis ins deutsche Parlament beschrieben las, sah in ihm mit Befriedigung seines Gleichen, und wenn der Mann aus dem Volke nun selbst auf der Tribüne vor ihm stand, im bequemnachlässigen Anzuge, mit dem Hemdkragen ohne Halstuch, mit dem dichten Bart und Haupthaar um das gerötete Gesicht: dann fühlte er unwidersprechlich: der gehört ganz zu uns! Die Rede endlich erhob ihn und ließ den Redner in seinen Augen steigen,  aber wie dankbar war das große Publikum auch da für die unübertroffne wohltuende Deutlichkeit und Klarheit des Vortrags! Die Gedanken gingen nie über das Allgemeinverständliche in sentimentaler Ausschmückung und entsprechendem Tone hinaus, und hell bis in alle Winkel und Enden drang diese Glockenstimme. Es war insofern für Jeden eine Lust, ihn zu hören, und nach dem ermüdend ängstlichen Horchen auf so manche andre Nichtredner, ging ein allgemeines Aufatmen durch die Paulskirche, wenn Blum die Tribüne bestieg. Verwöhnte Ohren konnte auch er, wie Glockengeläut, ermüden, obwohl er nie zu lang sprach; das Volk aber konnte nicht satt werden, ihn zu hören. Was seine Lebensgeschichte, sein Ruhm und seine Reden vorbereitet hatten, vollendete jedes Mal seine persönliche Gegenwart unter dem Volke, während die Gebildeten oft von ihr enttäuscht wurden. Die Letzteren konnten sich über den würdelosen Eindruck seiner Erscheinung hinwegsetzen; die Massen empfingen dagegen mit Befriedigung diesen ganz aufgeprägten Repräsentanten ihres eignen Charakters, und dem idealen Bedürfnisse derselben genügte vollkommen seine Beredsamkeit, die von uns gewöhnlich nur als gewaltiges Mittel zum Zweck der Massenwirkung bewundert wurde.
Man hätte demnach meinen können, zur Idealisierung und gar zum religiösen Kultus sei keine Persönlichkeit in eminenterem Grade ungeeignet gewesen als eben Robert Blum. Wie mächtig im Volke der dunkle Drang nach neuen Idealen und ihrer Verehrung ist, zeigte sich überraschend, als im November 1848 die gedrängten Trauerzüge durch die deutschen Städte zur Feier seines einsamen Märtyrertodes zogen. Die Choräle und Gebete, bei denen wir doch manches frivole Haupt sehr ernst entblößt sahen, hätten freilich nur dem Tode gelten können; aber die Redner sprachen ganz im Sinne des Volks, wenn sie ihn verglichen mit allen Heroen und Märtyrern, bis hinauf zu dem Galiläer, der für die Freiheit der ganzen Welt sein Blut gab. Und wieder muß man gestehen, daß Blum, wenn er in einem ähnlichen Falle eine Leichenrede zu halten gehabt hätte, in ähnlicher Weise geredet haben würde, und die Tränen würden ihm aus vollem Herzen gekommen sein. Wer ihn auch nicht persönlich kannte, wird doch aus seinen letzten Zeilen die charakteristische Weichheit seines Herzens empfunden haben, und Niemand würde sich wundern, seine Worte: „Alles, was ich empfinde, rinnt in Thronen dahin!“ in einem Psalm zu lesen, statt in Blums Abschiedsbrief. Daß in fast allen seinen Reden die moralische Anschauung ihren Platz neben der bloß politisch calculirenden fand, mag man als ein Resultat seiner Bildung bezeichnen, aber diese Bildung war sein geworden und eben so wenig berechnet als die große persönliche Gutmütigkeit und Herzlichkeit seines Wesens. Viele haben ihn gehaßt; er selbst hat schwerlich einen persönlichen Feind gehabt. Was er redete oder tat: der Mittelpunkt war stets das Allgemeine, nur die Sache, der er so lange Jahre, länger und mehr als die Meisten wissen, gedient hatte.
Aber ebenso war es eine, obgleich äußerst gewöhnliche, doch durchaus oberflächliche Auffassung, wenn man die unerschütterliche Ruhe seines Wesens und die selbst in gehobnen Augenblicken nicht verschwindende Gemütlichkeit im Gespräch, und im Predigertone der Rede, schlechthin als seinen Charakter bezeichnen hörte. Wer ihn außerdem listig und intrigant nannte, blieb noch auf demselben Standpunkte. Nein, im tiefsten Grunde seiner Seele, vom Phlegma überwachsen, von der zur andren Natur gewordnen Selbstbeherrschung gezähmt, lagen die vulkanischen Stoffe eines glühenden gewaltigen Hasses, der mit ihm begraben wurde, ehe eine Schicksalsstunde der vollen Volksrevolution ihn wach gerufen hatte. Dieser Haß war noch etwas andres als der reguläre abstrakte Despotenhaß; er drohte nicht bestimmten Personen und floß nicht aus rein persönlichen Quellen, aber dennoch war etwas Persönliches darin. Blum fühlte sich als den Repräsentanten des niederen, gedrückten, verachteten und endlich aufstrebenden Volks. In Leipzig, in den friedlichen Kreisen der bürgerlichen Gesellschaft, in die er sich den Eintritt errungen hatte, schlummerte dies Bewußtsein. Die Revolution rührte es wieder auf, und sobald sie durch eine große Wendung ihm nur die Wahl zwischen Bürgertum und Proletariat gelassen hätte, würden wir ihn an der Spitze der Massen furchtbar und unerbittlich, über die Rümpfe seiner Gegner hinschreiten gesehn haben. Nach Wien ist er gegangen, schon von dem Dämon dieses inneren Zwiespaltes getrieben. Die Wurzeln seiner alten Macht, die fast alle im Bürgertum lagen, begannen sich mit der schärferen Parteientrennung zu lockern; besonders nach dem achtzehnten September in Frankfurt fühlte er den Boden unter sich schwanken, und in Leipzig hatte seine bewundernswürdige Gewandtheit und äußere Unerschütterlichkeit ihm doch nur einen öffentlichen, aber keinen ihm selbst genügenden Triumph über die ihm dort erwachsenen Gegner verschaffen können. Über die wichtigsten Momente seines Auftretens in Wien haben wir durchaus mangelhafte Berichte; aber selbst aus den entstellenden Referaten der Schwarzgelben hörte ich doch die fürchterliche Aufregung seines Innern durchklingen, da er auch dort nur denselben Kampf wie in der Heimat wiederfand, zu desto größrer Pein für seine Seele, als er seit Jahren an behaglichen ungestörten Machtbesitz gewohnt, nun in so neues widerwärtiges und doch unvermeidliches Ringen um seine politische Ehre und Existenz geschleudert war. Reichstag oder Proletariat und Republik? Nationalgarde oder Aula?! – als er endlich an der Sophiebrücke im Kugelregen stand, wird er seine Ruhe wiedergefunden haben. Die Rohheit gegen einen Sterbenden, welche die Verleumdung ihm zuschrieb („Schießt den kroatischen Hund tot!“) diese Worte sind nicht über seine Lippen gekommen. Wer ihn kannte, weiß es auch ohne die nachgefolgte Berichtigung, wie mitleidig er gesagt hat: Erbarme sich doch einer von Euch über den unglücklichen Menschen und gebe ihm den Tod!
Nachher das Sterben ist ihm schwer geworden. Wie schwer, begreifen ganz wohl nur die Wenigen, die von seinem jahrelangen unscheinbaren – und allzeit uneigennützigen – Dienste der Freiheit mehr wissen als in den Lebensbeschreibungen zu finden ist. Schon ehe die Augusttage in Leipzig seinen Namen durch ganz Deutschland trugen, war er der Mittelpunkt und Vermittler der liberalen Bestrebungen in Deutschland; seine Verbindungen und Hilfsquellen reichten sehr weit. Als einer der Vertrautesten ihm das Manuskript der Wiener Konferenzbeschlüsse, so viel er wußte das einzige in liberalen Händen, überschickte und wegen der Möglichkeit der Veröffentlichung anfragte, besaß Blum sie schon in einer andren Kopie und hatte sie schon in Straßburg und NewYork drucken lassen – zur Zeit, wo er noch im Leipziger Stadttheater an der Kasse saß.
Menschenkenntniß besaß er nicht viel, aber im höchsten Grade Kenntnis der Massen, und mehr als das: überhaupt den Instinkt, die allgemeine Tendenz einer Versammlung herauszufühlen und ihre Stimmung zu treffen. In Frankfurt war in den ersten Tagen des Parlaments, als die Parteienbildung begann, eine ziemlich gemischte Versammlung im Holländischen Hof, wo man sich „erst kennen lernen“ wollte. Centrumsmänner und Republikaner hatten abwechselnd mit einem Beifall gesprochen und spezielle Pläne diskutiert, der es ganz ungewiß machte, wohin die Mehrheit sich neigen möchte. Blum erhob sich, verwarf keinen einzelnen Vorschlag, sondern alle zusammen, und exponierte die allgemeine Richtung der Partei, wie er sie wünsche, mit solcher Virtuosität, daß man hätte sagen sollen, er offenbare Allen erst die Hauptsache, in der sie eines Sinnes seien und von der sie doch noch nicht geredet hätten. – Dies Vermittelnde, Conciliatorische, dieser Instinkt, wie weit die entscheidenden Massen, sei es des Volks oder der Bourgeoisie, in einem gegebnen Falle gehen würden, hatte sich in seinem sächsischen Wirkungskreise in vollem Maß bewährt. Für unsre Revolution genügte es nicht mehr; im Gegenteil verdächtigte es ihn, daß er nach beiden Seiten so weit hin die Hand reichen konnte.
Seine Persönlichkeit, so ganz aus Einem Guß, machte es allerdings schwer, ihn in dieser Beziehung anzugreifen; sie machte manchen doch wieder irre in der verwerfenden Kritik. Das Resultat dieses Schwankens war aber, daß seine Gegner ihn endlich, an der tieferen Erklärung verzweifelnd, für einen geschickt berechnenden Intriganten und nichts weiter erklärten. Man wird in allen Zeitungscorrespondenzen jener ersten Monate die Verlegenheit der Beobachter sehen; alle vermuten, daß noch etwas hinter ihm stecke, keiner wagt zu entscheiden, was es denn eigentlich sei und wen man vor sich habe. – Einzelne wollten damals, wie schon früher, etwas Lauerndes in ihm bemerken; ich las etwas andres in seinem Auge und seinem ganzen Wesen. Etwas von Triumph und Hoffnung! Es war zuweilen, als spiele er nur mit den Dingen, als belustige seine Phantasie sich an diesen kleinlichen Kämpfen und Vorbereitungen auf größere Dinge. Die Schöpfung der Zentralgewalt gab dieser Sicherheit den ersten Stoß, ich hörte es an einem sehr seltnen Ton seiner Stimme, den ich nur zweimal vernommen habe, so oft ich ihn auch öffentlich und im Privatleben reden hörte. Ein Ton, der aus dem tief erregten Seelengrunde hervor, die glatte Oberfläche mächtig zerbrach.
Das erste Mal in Leipzig im Privatkreise. Ein günstiger Zufall hatte mich gerade den Abend zu Blum geführt, wo die sächsische Partei vor der Abreise zum Vorparlamente die in Frankfurt und weiterhin zu befolgende Politik beriet. Es war eine kleine Gesellschaft, die das Wohnzimmer des Hauses bequem faßte, aber die Meinungen zu vereinigen, schien sehr schwer. Detaillierte Feldzugspläne wurden entwickelt, Einzelheiten riefen sehr abschweifende Debatten hervor, hartnäckige Wiederholungen waren häufiger als ausgleichendes Verständigen, und so waren nach einem frugalen Abendbrot die nächtlichen Stunden eine um die andre verflogen und eine unerfreuliche Zersplitterung schien das einzige Resultat zu sein. – Blum, der am oberen Ende des Tisches sein Ehrenrecht des Präsidiums bisher kaum dann und wann ausgeübt und selbst eigentlich noch gar nicht gesprochen hatte, pochte plötzlich auf den Tisch und ergriff das Wort, rasch, kurz und heftig; es war wie die Szene im Fiesko, wo mit Einmal der Führer und Feldherr der Verschwornen sich unter ihnen aufrichtet. Die Tat und nichts als die Tat, der er voranging, war der Ton dieser Worte; es grollte etwas wie Zorn über die unnützen Hindernisse, die eben diesen Weg ihm versperren wollten, in seiner Stimme. Und doch ergreift mich wieder mit tiefer Rührung das Bild, wie seine Schwester, halb seitwärts hinter seinem Stuhle lehnend, so zärtlich stolz auf den geliebten Bruder herabsah!
Das zweite Mal war es im Parlament, in seiner Rede über die Zentralgewalt. Die Rede floß wie die gewöhnlichen, eintönig hin und hielt sich in den allgemeinen Gründen gegen die Unverantwortlichkeit; aber in der Brust des Redners quoll unter diesem ebnen Strome das Gefühl empor, daß die Verantwortlichkeit der Nerv der Freiheit sei, das Erbteil des Volks, die Ehre des Republikaners! Daß mit der Unverantwortlichkeit der erste Grundstein zu dem kaum gebrochenen Zwingdeutschland wieder gelegt, und seine Hoffnungen, auch seine persönlichen, wie eine Wolke fern verschwinden würden vor dem Einzuge der alten Macht. Das Wort vom „brechenden Himmelsauge der Freiheit,“ das vielverhöhnte, sprach er noch halb im alten Kanzelton, aber am Schluß brach jenes unausgesprochene bittre Gefühl überwältigend aus in die mit vollem Haß und Ingrimm hingeschleuderten halb verschluckten Worte: „so schaffen Sie Ihre Diktatur!“ Es war, als streckte er zum ersten Mal die Löwenklaue hervor.
Doch sein ursprünglich sanguinisches Temperament, in dieser Zeit besonders lebhaft unter dem angewohnten Phlegma durchscheinend, wiegte ihn bald wieder in Hoffnungen ein. War es denn möglich, daß Gagern, der eben damals den kühnen demokratischen Griff getan, ihn nur zum Vorteil der Fürsten getan haben sollte oder wollte? Und würden die Fürsten, die doch beleidigt waren, diesen Vorteil auch nur erkennen? Mußte also die neue Zentralgewalt, um sich den eifersüchtigen Fürsten gegenüber zu halten, nicht notwendig populär auftreten und Konzessionen an die Linke machen? Damals erschien dieser Gedankengang eben so vernünftig, wie er uns jetzt ein trauriges Lächeln ablockt. In ihm bewegte sich Blum und war guten Mutes.
Eines Abends, kurz vor der Ankunft des Reichsverwesers, begegnete ich ihm auf dem Rückweg in seine Wohnung. Wir gerieten in ein so eifriges Gespräch, daß wir obwohl es ziemlich spät war, noch in eine Gaststube traten und dort in einer ungestörten Ecke es fortsetzten. „Nun, sagte er, „es treten jetzt zwei Möglichkeiten ein, entweder ein Johann von Gagerns Gnaden, oder – wenn das nicht, gleich Gagern allein hinterdrein. Für uns ist das ziemlich gleichbedeutend,  wenn mir ein Ministerium angeboten würde, soll man das annehmen?“ Ich erwiderte ihm: „Unbedingt!“ – und wie ich schon damals um seine schwankende Stellung besorgt war, leitete ich gleich darauf über, wie sein Verhältnis zu der Linken sich dann gestalten müsse. „Ja“, sagte er ganz seelenruhig, „daß man in dies Ministerium nur eintritt, um es nachher bei Gelegenheit sprengen zu können, das versteht sich von selbst.“ – Wir gingen noch auf Kombinationen ein, und meine Bedenklichkeiten gegen sein bisheriges Auftreten hörte er mit jenem ernsten Interesse an, das ich an ihm, den mit Lob so verwöhnten von jeher sehr hoch geachtet hatte. – Dann begleitete ich ihn nach Haus, und da wir oben auf seinem Zimmer noch Stimmen hörten, folgte ich seiner Einladung und wir fanden einige Freunde in lebhaftem Für und Wider über Gagern und den Charakter seines kühnen Griffs. Nur allzu sehr bewährte Meinungen wurden schon damals ausgesprochen. Blum hatte sichs bequem gemacht und lag halb träumend im Sopha; als aber ein geringschätziges Wort über Gagerns Rednergabe fiel, widersprach er eifrig. „O“, sagte er, „Du hast ihn noch nicht ganz gesehn! Wenn der Gagern erst gereizt wird, dann wird er erhaben. Wie hat er im Vorparlament die Linke wahrhaft zermalmt!“ Und unbeirrt von allen Einwendungen überließ der Volksredner sich ganz der Lust, den Parlamentsredner mit einigen Freskozügen zu schildern. – „Sehn wir uns morgen?“ – „Nein“, erwiderte Blum, „ich fahre nach Homburg, und ich muß dorthin. Es ist hier ein kleines verwaistes Mädchen, eine ausgezeichnete Klavierspielerin, für die will ich da ein Concert zusammenbringen. – Sie heißt Märrder,  Marie, wenn Sie das auch wissen wollen.“
Am nächsten Tage begegnete ich ihm, wie er mit seiner kleinen Klientin und einer Verwandten nach Homburg fuhr. Dreiviertel Jahre nachher brachte mich der Zufall unter mehrere Parlamentsabgeordnete der Gagernschen Partei; es war an öffentlicher Gasthaustafel, und einer dieser Herren erzählte als einen Beitrag zur Charakteristik der Linken: Blum habe, obwohl Familienvater, doch in Frankfurt mit zwei Maitressen gelebt und sei sogar öffentlich mit ihnen spazierengefahren! – Blum war längst tot, seine Freunde glücklicherweise noch nicht, und ich dankte dem Zufall, der mich in den Stand setzte, die beschämende Erklärung dieser Verleumdung zu geben.
Im April hatte er mir gesagt: „Nun, in sechs Monaten haben wir doch die Republik.“ Im Sommer erinnerte ich ihn einmal scherzend daran. „O, erwiderte er, ich habe noch bis zum November Zeit!“

Donnerstag, 13. November 2014

Robert Blum

Leitartikel von Theodor Althaus in der von ihm redigierten "Bremer Zeitung" vom 14. November 1848 zum Tode von Robert Blum: 




R o b e r t  B l u m.


* Die Männer, die das Volk zu Wortführern und Kämpfern … seine Freiheit und des Vaterlandes Ehre gewählt, sind das …. Ziel der feindlichen Macht. In Frankfurt sind sie im Verhör, …  in Berlin ist ihre Versammlung des Hochverraths angeklagt, in Wien ist Robert Blum, der Führer und der Abgesandte der Partei, der das Vertrauen des Volkes hat, standrechtlich verurtheilt, erschossen. Nach dem Flügelschlag der Revolution vom Süden bis zum Norden, schließt der Belagerungszustand einen Heerd der ….heit nach dem andern ein, und dieser letzte erschütternde Schlag ist das Aeußerste der Rechtlosigkeit, der Niederlagen, von denen wir in unaufhaltsamer Folge gebeugt sind. Wer noch nicht glauben wollte, daß um Tod und Leben in diesen Tagen gerungen wird, den werden die Schüsse aus der Brigittenau durchbeben, daß er ….: Es wird Ernst, der fürchterliche Ernst der Contrerevolution! Und wenn die Freiheit jetzt  u n t e r l i e g t, so wird sie auch in den Staub  z e r t r e t e n  werden!
Sie unterliegt nicht! wir sind nur in einer sinkenden Welle in dem wogenden Meerstrom des Jahrhunderts, und die nächste wird gewaltiger steigen als die ersten. Die Brust senkt sich einen Moment, aber der Athem der Revolution ist nicht erstickt  u n d  sie rudert die neuen Lasten um so wilder ab, je unerträglicher sie aufgebürdet wurden.
Sie schafft sich ihre Männer selbst, und in diesem unerschütterlichen Glauben wird Robert Blum mit festem Blick seine Brust den …..geln geboten haben; vielleicht mit dem letzten Gedanken an die Worte seines Gefährten Julius Fröbel, unseres edlen Freundes, um dessen Schicksal wir noch in Sorge schweben, - an die Worte:
                   Die Freiheit ist des Blutes werth,
                   Und fällt für sie ein starkes Haupt, so richten
                   Begeistert neue Häupter sich empor! –
Nur einen Moment haben wir, ihm nachzublicken; einen Moment, in dem noch Keiner weiß, ob er den Gefallenen beklagen oder glücklich preisen soll, die Tage der nächsten Zukunft nicht mehr gesehen zu haben.
Vor einem Jahr in diesen Novembertagen sahen wir ihn auf dem Fest des deutschen Freiheitsdichters, das Leipzig feiert, das er mitbegründet hat. Wie viele sind, die ihn von Ministern und Kammern, von Reaction und Revolution reden gehört! Und Andere verstanden das so gut wie er. Aber wer vergisst dieses Fest, wo er draußen im niedrigen Saal zu den Bauerkindern sprach, wo er … der Schule und den Büchern in einfachster Weise die jungen ….stellungen heraufleitete bis zur Ordnung in der Gemeinde, bis zum Gesetz im Staat, zur Freiheit und Liebe im Vaterland; wie samt der inneren Lust, die stets sein Reden und Wirken begleitete, die Keime des Hohen und Edlen, die unser Dichter und Prophet hier ausgestreut, hier jedes Jahr von neuem den Kindern des Volks in die Herzen legte! Die unermüdete Treue, mit der er im kleinsten Kreise wirkte, wie er ja auch gedient und gearbeitet hatte von unten auf, wird sein bleibender Ruhm sein; aber wer ihn nicht kannte – und sehr wenige haben ihn ganz gekannt – ahnte weder in diesen gemüthlichen Reden, noch in der Ruhe, die er im …. Leben stets bewahrte, die gewaltigen Leidenschaften, die seine Seele gebändigt hatte.
Von ihnen war sein Inneres stärker als je bewegt in jener Märznacht, nach den Tagen von Berlin, als in einem engen Kreise der politischen Freunde der Feldzugsplan zum Vorparlament berathen wurde. Die kleine Gesellschaft war bei ihm versammelt; manche von weiter her eben angekommen; die Erregtheit stieg, der revolutionäre Ungestüm brach aus den Tiefen hervor und in den …igen Forderungen und Entgegnungen verlor sich die Debatte mehr als einmal aus ihren Gränzen und stürmte über ihren Zweck hinaus. Es verstand sich von selbst, daß Blum präsidirte; er war es, der jedesmal im rechten Moment die Zügel ergriff, das Hauptziel ins Auge faßte und frisch blieb bis zuletzt, als seine Rede wie  …te eines Feldherrn klang, und seine junge Schwester, die neben seinem Stuhle stand, so stolz auf ihren Bruder sah!
Die Zeiten hatten sich erfüllt; Blum war der Führer der Linken in der Nationalversammlung geworden. Noch waren die Spaltungen nicht so unversöhnlich weit wie jetzt gerissen, die Hoffnungen noch stark, das Vertrauen größer, der Haß ungewisser, und mit neuem Muth sah die große Mehrzahl der neuen Macht, der Centralgewalt entgegen. Damals war Blum fast der Einzige, der unbeirrt von dem Lächeln und Schweigen der „ehrlichen Freiheitsfreunde“, den Charakter der neuen Macht erkannte und sich nicht scheute, seine Rede leidenschaftlich zu enden: „Wollen Sie das Himmelsauge der Freiheit brechen sehen und die alte Macht heraufführen:  s c h a f f e n  Sie Ihre  D i c t a t u r!“
Damals wurde er verlacht wegen der „Phrase.“ Vier Monat später, am Morgen des neunten November, hat er vielleicht an sie zurückgedacht, einst als er, so oft von Tausenden begleitet und begrüßt, nun allein, verlassen, preisgegeben, ohne Freunde, ohne Volk, in der Brigittenau draußen vor Wien den letzten Gang gethan zwischen den czechischen und polnischen Bajonetten! – Ein sehr naher Gedanke!
Oder ist nicht etwa die Centralgewalt in der That zur Dictatur geworden? Ist nicht von  F r a n k f u r t  der Belagerungszustand nach Wien gekommen, und haben nicht die Minister der Centralgewalt in diesen Tagen aus vollem Herzen das Lob des Standrechts und des Generals verkündigt, von denen über Blum das Todesurtheil gesprochen wurde? Und erleben wir es nicht, daß in Berlin der Hochverrath der Krone gegen das Volk „eine zweckmäßige Maßregel“ genannt wird von dem Reichscommissar, den die Centralgewalt dahin gesandt?
Ist zwischen Olmütz und Potsdam, ist zwischen Windischgrätz und Wrangel ein Unterschied?
Was kann Bassermann nach dieser Erklärung anders, als in die Fußstapfen der wiener Commissare treten, die einzig noch zu sorgen übrig hatten, „daß die Entscheidung nicht  a l l z u  b l u t i g  werde“?!
Nein, es ist  k e i n  U n t e r s c h i e d  zwischen Wien und Berlin, es sind die Kämpfe der Freiheit im  e i n i g e n  D e u t s c h l a n d, ihre Niederlagen und ihre Siege zucken elektrisch durch das ganze Land.
Das fühlt das Volk, und das wird ein Trost sein, denn aus diesem Bewußtsein werden Thaten und ein einiger Aufschwung der Revolution hervorgehen. Wir bedürfen dieses Trostes, denn der Schmerz über unsre Schmach ist zu groß. Einen Mann, von dem der Haß nicht läugnen kann, daß er für Volk und Freiheit alle Kräfte aufgeboten, - einen von den Vertretern der deutschen Nation haben sie gerichtet ohne Recht, haben ihn erschossen und begraben ohne Sang und Klang, und ein trotziger Soldat schleudert dem schützenden Gesetz der Nationalversammlung diesen Hohn entgegen, während im Vaterlande der Mann, der für die Freiheit treu hinter seiner Barrikade ausgehalten hat, von der hohen und niedern Pöbelpresse mit Schimpf und Schande zu Grab geleitet ist. Erst höhnten ihn die Weisen als einen Mann der vulgären Phrasen; dann fiel ihn das Gezücht seiner heimlichen und offenen Feinde mit hämischen Verläumdungen an, verkündete mit Triumph: er sei feige entflohn; und endlich, da sie ihm die Ehre des Muths und der Todesverachtung nicht rauben konnten, suchten sie ihn wenigstens als Bluthund zu brandmarken; voran, wie immer, das Organ der Centralgewalt, und der Chor hintendrein. – J e t z t  werden sie heulen, denn sie  f ü r c h t e n. Wie Simson kann er in seinem fall die letzte gelobte „Säule des Staats“ mit umreißen.
Denn wenn seine Freunde in Frankfurt noch ihre Ehre waren und die Gesetze der Nationalversammlung nicht verhöhnen lassen wollen, so müssen sie den zur Strafen ziehenm der sie verhöhnt hat. „Wir werden es, er trage eine Blouse oder eine Krone“! jubelte einst das ganze Parlament. Wohlan, auch jetzt denn, da er einen  F e l d h e r r n s t a b  trägt!
Die Volkspartei muß verlangen:  d a ß  W i n d i s c h g r ä t z,  d e r  a u f  d e u t s c h e m  B o d e n  e i n e n  d e u t s c h e n  V o l k s v e r t r e t e r  p o l i t i s c h  g e m o r d e t  u n d  a n  e i n e m  d e u t s c h e n  R e i c h s g e s e t z  d o p p e l t  u n d  d r e i f a c h  g e f r e v e l t  h a t,   s o f o r t  v o n  s e i n e m  C o m m a n d o  e n t h o b e n  u n d  z u r  V e r a n t w o r t u n g  u n d  S t r a f e  g e z o g e n  w i r d. 
Windischgrätz aber ist die Säule des Reichsministeriums, und die Nationalversammlung will das Reichsministerium nicht fallen lassen?
Dann kann ein letzter Schritt geschehen, und wenn die Angst und Muthlosigkeit jammernd fragt: was wollt Ihr machen? – so wird die Antwort kommen, die jener Bursch hinter der Barrikade in Frankfurt gab:
„Was wir machen wollen?  E i n  P a r l a m e n t,  d a s  E h r e  i m  L e i b  h a t!“


A u f f o r d e r u n g.

Robert Blum hinterläßt eine Frau und mehrere unerwachsene Kinder. Mögen Alle, die in den Jahren des Druckes und in den Tagen der Erhebung die freien und beredten Worte des Mannes gerühmt haben, ihm jetzt die letzte Ehre erweisen, und durch die Sorge für seine Familie ihm den Dank abstatten, den das Volk ihm schuldig ist.
Wir erklären uns zur Annahme und Weiterbeförderung von Beiträgen bereit.

                                               D i e  R e d a k t i o n  d e r  B r e m e r  Z e i t u n g.